Hamburg - Es ist ein normales kleines Glas, in das man eine Teelichtkerze setzen kann. Zwei, drei Euro mag es kosten. Höchstens. Das Glas steht auf einem Schachtisch unter einer Deckenlampe. Als ich es anhebe, um die auf dem Boden angebrachte Inventarnummer zu lesen, stoße ich mit dem Teelicht an den metallenen Schirm der Lampe. Der dumpfe Klang hallt nach im Raum. Die beiden Männer neben mir halten die Luft an. „Oh Gott“, stöhnt Ulfert Kaphengst. Dann löst ein nervöses Lachen die Spannung im Raum. Nichts kaputtgegangen. Glück gehabt.

Das Glas ist nicht irgendeines. In ihm mag häufig eine Kerze gebrannt haben, wenn Helmut Schmidt, der von 1974 bis 1982 Bundeskanzler war, an diesem Tisch saß und mit seiner Frau Loki Schach spielte.

Umgang mit dem Erbe

Jeden Abend, wenn sie daheim waren, hätten sie das getan, erzählt Ulfert Kaphengst. Er muss es wissen, denn Altkanzler Schmidt ist – wenn man so will – seine Passion. Kaphengst, 57 Jahre alt, schlank, groß, freundlich, ist der Kommunikationschef der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung. Und das Teelicht, das Kaphengst einen Schreckmoment lang schon für verloren glaubte, ist Teil des Heiligtums der Stiftung: dem Wohnhaus des Altkanzlers in Hamburg-Langenhorn.

Wie sieht er aus, der ideale Umgang mit dem Erbe und der Hinterlassenschaft eines bedeutenden Politikers? Wie würdigt man sein Wirken? Konserviert man den Nachlass in einem Museum, liegt der Verdacht des Personenkults nahe. Packt man es in die Parteistiftung, wirkt es vielleicht so, als solle etwas versteckt werden.

Kampf um die Deutungshoheit

Und dann sind da noch die Hinterbliebenen, die ihre eigenen Vorstellungen von der Würdigung des oder der Verstorbenen haben. Welcher Teil des Nachlasses steht wem zu? Zuletzt machte der Streit der Kinder Helmut Kohls und der Konrad-Adenauer-Stiftung mit der Witwe des Altkanzlers Schlagzeilen. Die SPD wiederum hat schlechte Erfahrungen gemacht mit der Witwe von Willy Brandt, auch da ging es um die Deutungshoheit über das politische Vermächtnis.

Die vom Bundestag 2017 eingerichtete überparteiliche Schmidt-Stiftung versucht den Königsweg: Zum einen soll das Wohnhaus in Langenhorn als Geschichtsort das Alltagsleben Schmidts dokumentieren, zum anderen wird das auf dem gleichen Grundstück angesiedelte Archiv Wissenschaftlern die kritische Auseinandersetzung mit dem politischen und publizistischen Lebenswerk des Kanzlers ermöglichen.

Das Archiv des Altkanzlers

Dieser künftige Geschichtsort, an dem Schmidt bis zu seinem Tod 2015 lebte, liegt am Neubergerweg, einer ganz normalen Straße wie es viele davon gibt in Hamburg. Reihenhäuser mit Backsteinfassade wechseln sich ab mit dreistöckigen Mietshäusern und einzeln stehenden Villen. Gute Gegend, aber nicht die beste und reichste in der Hansestadt. In der Nachbarschaft der Schmidts wohnen ein Postbote und eine Krankenschwester.

Das Haus Nummer 82, Schmidts Wohnadresse, ist allerdings kein Reihenhaus, auch wenn es häufig so beschrieben wird. Es ist ein Doppelhaus, das gut zwanzig Meter hinter dem Grundstückszaun und verdeckt durch hohe Büsche quer zur Straße steht. In der hinteren Hälfte wohnte Schmidts Vater Gustav bis zu seinem Tod 1981, danach nutzte Loki Schmidt diesen Teil des Hauses für sich.

Dem Wohnhaus gegenüber, auf der anderen Seite einer von hohen Bäumen umstandenen Wiese, steht ein moderner Bau mit großen Fenstern. Hier sind das Archiv des Altkanzlers untergebracht und die Büros seines Mitarbeiterstabes, der heute mit der Erschließung der Hinterlassenschaft befasst ist.

Für kleine Besuchergruppen

Von der Straße aus ist all das nicht zu sehen. Die Gartenpforte, an der gleich drei Grundstücksnummern – 80, 82 und 86 – angebracht sind, lässt sich noch leicht öffnen. Den weiteren Gang durch eine schmale, von einer Hecke eingefasste Gasse blockiert ein Tor mit metallenen Gitterstäben. Früher wachte ein Polizeiposten, für den extra ein kleiner Anbau errichtet wurde, über dieses Tor. Heute hat die Schmidt-Stiftung die Schlüssel zum Wohnhaus des Altkanzlers und bestimmt darüber, wer hinein darf und wer nicht.

Einer, der seit einem Jahr regelmäßig Grundstück und Haus betritt, ist Hendrik Heetlage, 28. Der Geschichtsstudent, ein bedächtiger junger Mann, ist der zweite Zeuge des Beinahe-Unfalls mit dem Teelicht. „Meine schlimmsten Albträume waren anfangs, dass ich hier irgendetwas herunterwerfe oder kaputt mache“, erzählt er. Einmal sei er an eine Bodenvase gestoßen. „Ich habe sie nur leicht berührt, die Vase hat sich nicht einmal bewegt. Aber mir blieb fast das Herz stehen.“

Seit April vergangenen Jahres inventarisiert der Student zusammen mit einer Kunsthistorikerin die Gegenstände im Wohnhaus der Schmidts. Denn das Innere des Hauses soll so erhalten bleiben, wie es zu Lebzeiten des Ehepaars war. Das haben die beiden im Testament so bestimmt. „Aber das Haus soll kein Museum werden, in dem ein paar Hundert Besucher täglich durchlaufen“, sagt Kaphengst, der Stiftungsmann. Das würden schon die wertvollen Teppiche und Brücken am Boden nicht aushalten.

Und: „Wir könnten gar nicht sicherstellen, dass alles hier an seinem angestammten Platz bleibt. Deshalb also kein Museum. Das Haus soll vielmehr ein Erinnerungsort werden, den kleine Besuchergruppen von Zeit zu Zeit besichtigen können.“

Ein Studentenjob der anderen Art

Schon jetzt kann man auf der Internetseite der Stiftung das Haus in einem virtuellen Rundgang erleben. Später soll eine Datenbank hinzukommen, die es dem Betrachter erlaubt, einzelne Objekte anzuklicken und Details darüber zu erfahren.

Mit dem Befüllen eben dieser Datenbank ist Hendrik Heetlage befasst. Zum Job kam er durch Zufall: Er hatte sich auf eine Ausschreibung der Stiftung beworben, die eine studentische Hilfskraft suchte. Als man ihm sagte, worum es ging, war er ziemlich überrascht, wie er sagt.

20 Stunden pro Woche ist er in Langenhorn, mehr Nebenjob ist ihm als Student nicht erlaubt. Er und die Kunsthistorikerin fassen jedes Buch, jede Schallplatte, jedes Möbelstück, jede der vielen, im ganzen Haus verteilten Zigarettendosen und Aschenbecher, ja, auch jedes Teelicht an, fotografieren den jeweiligen Gegenstand, verpassen ihm eine Inventarnummer. Heetlage trägt dann eine kurze Beschreibung des Objekts in die Datenbank ein. Das kann mal mehr, mal weniger Text sein.

Kult-ähnliche Ehrfurcht

In den vergangenen 14 Monaten hat sich der Student auch um die Erfassung aller Bücher im Haus gekümmert, deren Zahl in die Tausende geht. Politische Sachbücher und Biografien natürlich, naturwissenschaftliche Werke, Lexika, Romane und Erzählungen , viele Kunstbände. Heetlage hat Titel, Verlag und Erscheinungsjahr sowie mögliche Widmungen der Autoren in die Datenbank eingetragen. „Und dann blätterte ich noch jedes Buch durch, damit ich die Seiten angeben konnte, auf denen Herr Schmidt Randnotizen hinterlassen hat.“

Die Ehrfurcht, mit der viele Sozialdemokraten ihren einstigen Kanzler über dessen Tod hinaus betrachten, hat etwas Kultisches. Und Ehrfurcht stellt sich durchaus auch in diesem eher schlichten Haus in Langenhorn ein, das den Besucher mit seiner Einrichtung aus den Siebzigerjahren in eine vergangene Epoche zurückversetzt. In eine Zeit, als die SPD noch eine echte Volkspartei war.

„Wir haben die Einrichtung genau so gelassen, wie sie war“, erzählt Ulfert Kaphengst begeistert. „Uns geht es darum, dem Besucher den universalen Geist von Helmut Schmidt zu vermitteln, sein unbändiges Interesse an Politik, Kunst, Musik, gesellschaftlichen Fragen und Konflikten.“

Krimskrams und Kitsch neben wertvoller Kunst

Hendrik Heetlage steht mit undurchdringlichem Gesicht daneben. Wie geht es ihm, wenn er hier arbeitet zwischen all den Möbeln und Bildern und Büchern – spürt er den Geist des Politikers? Heetlage lässt sich Zeit mit der Antwort. „Ich habe Herrn Schmidt ja nie als Politiker erlebt, ich kannte ihn nur als Zeit-Herausgeber, der in seinen Artikeln und Büchern sehr eifrig an seiner eigenen Legendenbildung mitwirkte“, sagt er dann. „Die unkritische Position vieler Deutscher zu ihm, diese Heldenverehrung war mir immer suspekt, das hatte mich eher abgestoßen.“

Aber die Arbeit in dem Haus habe seinen Blick auf Schmidt verändert. „Es war mir zum Beispiel überhaupt nicht bewusst, was für eine musische Person er war, welche enge Beziehung er zur Kunst und zu Künstlern hatte.“ Überrascht habe ihn auch die Menge an Krimskrams und Kitsch im Haus, Mitbringsel von Reisen meist oder Geschenke von Bekannten.

„Als Außenstehender stehst du davor und denkst: Mein Gott, im Haus hängen Bilder berühmter Maler, im Esszimmer stehen Barlach-Plastiken – und hier liegt so ein Zeug rum“, sagt er. „Aber für das Ehepaar Schmidt hatten eben auch diese Dinge eine Bedeutung. Diese Verbindung von Privatem und Politischem in diesem Haus, das ist schon faszinierend. Und das bringt mir den Menschen Schmidt näher, ohne dass ich jetzt seinen Geist hier spüre oder etwa meine Sicht auf sein Wirken als Politiker deshalb verändere.“

Einblick in privaten Wohnbereich

Derzeit baumeln noch an vielen Dingen im Haus kleine Pappschildchen mit Buchstaben und Zahlen. Am Klavier vor dem Gartenfenster etwa hängt ein Schild mit der Aufschrift „WZO150“. WZO steht für Wohnzimmerobjekt. Es gibt auch EZO – Esszimmerobjekt – und AZO – Arbeitszimmerobjekt. Nach und nach sollen die Pappschildchen verschwinden und durch unauffälligere Markierungen ersetzt werden. Auf der Unterseite des Teelichtglases etwa ist bereits als dauerhafte Markierung WZO82 angebracht – das sieht man aber nur, wenn man das Glas anhebt und versucht, dabei nicht mit der Deckenlampe zu kollidieren.

Wenn man das Wohnhaus der Schmidts durch den kleinen Flur betritt, von dem rechter Hand die Küche abgeht, kommt man in den Eingangsbereich des Hauses. Linker Hand führt eine Treppe hinauf zum auf halber Höhe gelegenen Arbeitszimmer und weiter ins Obergeschoss, wo unter anderem Schmidts Schlafzimmer und das Zimmer der 1947 geborenen Tochter Susanne liegen, die heute in London lebt.

In ihrem Zimmer soll in den Siebzigern einmal der amerikanische Präsident Gerald Ford übernachtet haben, als er Schmidt besuchte. Dieser private Wohnbereich aber ist für Besucher heute tabu, erklärt Ulfert Kaphengst.

Nolde, Heckel, Chagall und Picasso

Am Geländer angebracht ist ein Treppenlift, der Altkanzler war in seinen letzten Lebensjahren schlecht zu Fuß. Umziehen in ein anderes Haus, das altersgerechter angelegt ist, kam für ihn jedoch nicht in Frage. 1961 waren er und seine Frau Hannelore, bekannt unter ihrem selbst gewählten Spitznamen Loki, hier eingezogen.

Loki Schmidt, eine passionierte Botanikerin und Pflanzenzüchterin, hat viel Leidenschaft in den Garten des Hauses gesteckt. Auf einer Fensterbank an der Terrassentür liegen noch immer zwei Gartenscheren. Auch diese Scheren tragen eine WZO-Inventarnummer.

Der Eingangsbereich des Hauses überwältigt zunächst mit den vielen Gemälden und Grafiken an den Wänden. Kein Platz ist ausgespart, Bild an Bild hängt hier – von Künstlern wie Emil Nolde, Oskar Kokoschka, Erich Heckel oder Alfred Kubin, aber auch Dalí, Miró und Picasso und sogar mehrere Blätter von Chagall. Auch zeitgenössische Werke sind dabei, darunter viele Geschenke von Künstlern, da die Schmidts häufig den persönlichen Kontakt zu Malern und Grafikern suchten.

Zeitreise in die Vergangenheit

Gegenüber der Treppe ins Obergeschoss fallen drei Gemälde von Bernhard Heisig ins Auge. Der DDR-Maler war ein enger Freund von Helmut Schmidt. 1985 hatten die beiden sich kennengelernt, als sich der Politiker einen Künstler aussuchte, der sein Porträt für das Kanzleramt malen soll.

Jetzt machen Sie mal ein geistreiches Gesicht, soll Heisig ihm zugerufen haben beim ersten Besuch im Leipziger Atelier, erzählte Schmidt später gern. Im Haus nun hängt ein Heisig-Porträt Schmidts, auf dem er – anders als im Kanzleramt, wo er den Betrachter offen anschaut – mit Brille in ein Buch schaut und Notizen darin macht. Die anderen beiden Heisig-Bilder darüber zeigen den Leipziger Dirigenten Kurt Masur und den kriegsversehrten Hitler-Attentäter Oberst Stauffenberg in Wehrmachtsuniform.

Gleich neben Stauffenberg findet sich noch ein Porträt von Karl Wilhelm Berkhan, dem engsten Freund Helmut Schmidts seit Studienzeiten. Zwischen 1975 und 1985 war Berkhan Wehrbeauftragter des Bundestages, zuvor amtierte er als Parlamentarischer Staatssekretär im zeitweise von Schmidt geführten Verteidigungsministerium. Nach Berkhans Tod 1995 gelangte sein schriftlicher Nachlass in das Haus in Langenhorn. 

In Schmidts Arbeitszimmer auf halber Höhe ins Obergeschoss steht ein Foto, das Berkhan am Rednerpult im Bonner Bundestag zeigt – zwischen Familienfotos mit Schmidts Eltern, Ehefrau Loki und Tochter Susanne.

Mit dem grünen Filzstift

Im Arbeitszimmer nimmt Hendrik Heetlage ein Buch aus dem Regal. „Ist Deutschland noch zu retten?“, heißt es, geschrieben hat es 2003 Hans-Werner Sinn, der Ökonom. „Hier sieht man ganz gut, wie Schmidt gearbeitet hat“, sagt Heetlage. Die Mitarbeiter hätten die neu erschienenen Bücher, die ihn interessierten, gelesen und die wichtigsten Thesen daraus in einem dem Buch beigelegten Papier zusammengefasst. „Lesenswerte Passagen markierten sie dann im Buch mit einem gelben Marker“, erklärt er. „Schmidt las sie nach und unterstrich dann mit dem traditionell von Kanzlern und Ministern verwendeten grünen Filzstift einzelne Sätze oder schrieb Randbemerkungen dazu.“

Prallvolle Bücherregale füllen die Wände des gar nicht mal so großen Arbeitszimmers. Bände zu politischen Themen, zu Ökonomie, Staatslehre, Religion und Philosophie. Bücher von politischen Freunden wie Valéry Giscard d’Estaing und Henry Kissinger, viele mit Widmung. Und Bücher über ihn selbst. „Er hat sie alle gelesen und mit vielen handschriftlichen Anmerkungen versehen.“

Die Arbeit in diesem Zimmer sei für ihn das bislang Interessanteste gewesen, sagt Heetlage. „Das ist schon beeindruckend, wenn man sich vorstellt, dass er hier bis in die Nacht hinein gesessen und gearbeitet hat. Hier hat er Reden geschrieben und an seinen Büchern gearbeitet, Korrespondenzen erledigt und Gesprächsrunden vorbereitet. Das war sein Epizentrum.“

Die wertvollsten Erinnerungsstücke

Am Boden neben dem Schreibtisch steht die abgenutzte Aktentasche des Altkanzlers, gegenüber lehnt ein zusammengeklappter Rollator am Regal. Natürlich stehen auch hier auf allen Tischen Zigarettendosen und Aschenbecher. Die Zigaretten sind noch drin, die Asche hat man entfernt. „Die haben wir nicht archiviert“, versucht Ulfert Kaphengst einen Scherz.

In die Wand hinter dem Schreibtischstuhl ist ein Glasregal eingelassen. Es ist verschlossen. Darin befinden sich die wertvollsten Erinnerungsstücke, erklärt der Stiftungssprecher. „Da durfte nicht einmal die Haushälterin ran zum Staubwischen.“ Seltene Gedenkmünzen liegen in der Vitrine, kostbare Tabakdosen, reich verzierte Schnupftabakfläschchen aus China, Schmidts Stimmkarte für Parteitage. Und ein kleines Schachspiel. „Das hat Helmut Schmidt in britischer Kriegsgefangenschaft geschnitzt“, erzählt Kaphengst. „Die dunklen Figuren färbte er mit Kaffeesatz ein. Schach war seine große Leidenschaft.“

Am Schachtisch, an dem er häufig mit seiner Frau saß, kommt man auch vorbei, wenn man in den Wohnbereich des Hauses geht. Zwei Hochzeitsstühle stehen dort, wie man sie in Norddeutschland kennt, kunstvoll gezimmert und mit den Namen beider Ehepartner versehen. Helmut Schmidt bekam die Stühle von seiner Partei zu seinem 65. Geburtstag 1983 geschenkt.

Geradezu, vor einer mit Nachschlagewerken und Kunstbänden gefüllten Regalwand, stehen über Eck zwei rote Ledercouches. Dort hätten schon berühmte Politiker gesessen, sagt Kaphengst. „Leonid Breshnew, Gerald Ford, Kissinger, Giscard d’Estaing“, zählt er auf. „Helmut Schmidt hat häufig seine Gäste bei Privatbesuchen mit in sein Haus genommen.“ An den Rückenlehnen der beiden Couches stehen akkurat geordnet Kissen, darauf Pappschildchen mit den Inventarnummern.

Wo einst die Freitagsgesellschaft sich traf

Vom Wohnzimmer gelangt man in das Esszimmer, in dem ein langer Tisch aufgebaut ist. 14 Stühle stehen um ihn herum, schlichte Polsterstühle mit Holzlehnen. Ein auffallender Kontrast zu den vielen Bildern an den Wänden und zu der Glasvitrine mit Erinnerungsstücken an die Auslandsreisen der Schmidts. Auf Sideboards stehen Plastiken von Ernst Barlach, einem der Lieblingskünstler des Altkanzlers.

In diesem Raum empfing Schmidt in der Zeit nach seiner Kanzlerschaft jeden zweiten Freitag im Monat die sogenannte Freitagsgesellschaft – eine wechselnde Runde, darunter Politiker, Unternehmer, Künstler, Ärzte und Wissenschaftler. Nach dem einführenden Vortrag eines Gastes zu einem vorher festgelegten Thema wurde darüber diskutiert, anschließend gab es Königsberger Klopse.

Mit Getränken bewirtet wurden die Gäste häufig von Ernst Otto Heuer, Schmidts Personenschützer, der den Kanzler über drei Jahrzehnte hinweg begleitete. Zu diesem Zweck war in einen kleinen fensterlosen Raum zwischen Ess- und Wohnzimmer eine Bar eingebaut worden, das war modern in der Bundesrepublik in den Siebzigern. Auf einem Schild über dem Tresen steht in Anlehnung an Heuers Spitznamen „Ottis Bar“. In den Regalen Flaschen mit Whisky, Wodka, Rum, Gin und Likör. Inventarisiert ist die Bar noch nicht.

Morgenstern an der Wand

Und ein wenig graut es Hendrik Heetlage schon davor. „Das wird ein ordentliches Stück Arbeit“, sagt er und zeigt auf all die Erinnerungsstücke in dem vollgestopften Raum. Puppen, Bilder, Masken, ein Brett mit Knoten, präparierte Fische, Porzellanteller, Schiffsmodelle aus Holz. „Ziemlich schräg das alles“, sagt Heetlage. Und zeigt auf einen Morgenstern, eine mittelalterliche Schlagwaffe, die an der Wand hängt. „Möchte mal wissen, wie er zu dem Teil gekommen ist.“

Die Frage stellt sich natürlich auch zu dem präparierten Haifischgebiss, das von der Decke baumelt, und den beiden kunstvoll geschnitzten Elefantenstoßzähnen, die den Eingang zur Bar flankieren. „Die stammen natürlich noch aus einer Zeit, als man Elfenbein noch einführen durfte“, erklärt Ulfert Kaphengst eilig. „Aber von wem er die erhielt – keine Ahnung.“ Das werde wohl Gegenstand weiterer Forschungen sein, verrät er noch. Schließlich soll man in der Datenbank auch einmal erfahren, woher diese ganzen Objekte zu den Schmidts gelangt sind.

Ist Hendrik Heetlage auch im zweiten Teil des Helmut-Schmidt-Wohnhaus-Forschungsprojektes dabei? Der Geschichtsstudent zuckt mit den Achseln. Jetzt wolle er erst einmal sein Masterstudium beenden. Hauptthema: transnationale Zeitgeschichte. „Besonders interessieren mich dabei China und Taiwan“, sagt er. Auch Helmut Schmidt habe sich sehr für China interessiert, das habe er nicht gewusst und erst bei der Durchsicht der Bibliothek festgestellt.