Im Herbst 1982 gab Thomas Ebermann dem Spiegel ein Interview. Der Fraktionsvorsitzende der Grün-Alternativen Liste in der Hamburger Bürgerschaft sagte darin unter anderem: „Wenn ein Haus ungenutzt ist, wird objektiv kein Friede gebrochen.“ Seine Partei unterstütze Besetzungen, „wenn es sinnvoll ist“. Zuvor hatte sich Ebermann, von der Wochenzeitung Die Zeit später als „Fundamentalist“ tituliert, an der Besetzung einer früheren Polizeiwache höchstpersönlich beteiligt. Der heutige Grünen-Chef Robert Habeck war damals 13 Jahre alt. Und als seine Co-Vorsitzende Annalena Baerbock besagten Ebermann im Januar zufällig im Zug traf, da erkannten sie einander nicht.

Das Thema Hausbesetzungen ist für Grüne historisch vorgeprägt

Acht Jahre nach dem Interview platzte in Berlin die rot-grüne Koalition. Die Polizei hatte zuvor im Bezirk Friedrichshain 13 besetzte Häuser geräumt. Die martialische Aktion führte zum Rücktritt der grünen Senatorinnen Anne Klein, Michaele Schreyer und Sybille Volkholz. Der ehemalige Fraktionsvorsitzende Jürgen Trittin hat soeben daran erinnert.

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund erklärt sich die gewisse Sprengkraft, die sich aktuell aus zwei Sätzen Habecks in einem Interview mit der Tageszeitung Die Welt ergibt. „Da muss man nicht um den heißen Brei herum reden: Dass das Rechtsbruch ist, ist klar wie Kloßbrühe“, sagte er dem Blatt aus dem Hause Springer mit Blick auf eine Besetzung in Berlin-Neukölln. Der alt-linke Ex-Abgeordnete Hans-Christian Ströbele konterte, der Vorsitzende sei halt Schriftsteller und kein Jurist.

Zunächst ist das Thema Hausbesetzungen für Grüne also historisch vorgeprägt. Sie begannen schließlich als überwiegend linke Partei, unter die sich nicht wenige studentische Habenichtse mischten und für die außer Bündnisse mit der SPD nichts anderes in Betracht kam. Die Frage, wie diese Partei es mit dem Wohneigentum hält, war mithin immer schon heikel. Die Antwort darauf trennte Fundis von Realos. Und trotz der grünen bürgerlichen Wurzeln war die Zahl der Immobilienbesitzer unter ihren Wählern gewiss geringer als heute.

Jetzt kommt die Debatte um Hausbesetzungen plötzlich wieder auf. Bereits im Spätsommer vorigen Jahres hatte es Streit gegeben, als die Grünen in Friedrichshain-Kreuzberg auf ein Wahlplakat schrieben: „Die Häuser denen, die drin wohnen.“ Die Bundespartei distanzierte sich davon. Das alles zeigt zweierlei Veränderung.

Wohnungsfrage muss heute neu bewertet werden

Erstens sind nicht wenige aus der grünen Klientel mittlerweile materiell saturiert. Überdies koalieren sie längst nicht mehr bloß wie 1990 mit Sozialdemokraten, sondern auch mit Christdemokraten und Liberalen. Das zwingt zur Anpassung. Zweitens hat sich das soziale Umfeld gewandelt. Die Wohnungsfrage ist heute mehr denn je eine soziale Frage. Der Kauf einer Immobilie ist für zahllose Menschen in Ballungsgebieten unmöglich geworden. Die Mieten explodieren und drängen selbst Mittelschicht-Familien an die Ränder. So stellt sich auch die Herausforderung der moralischen wie der politischen Bewertung von Hausbesetzungen neu – zumal wenn derlei Besetzungen zum Ziel haben, auf Wohnungsleerstand aus spekulativen Gründen hinzuweisen.

Entsprechend meldete sich am Wochenende Trittin zu Wort und sagte dieser Zeitung mit Blick auf die Besetzung des Hauses in Berlin-Neukölln: „Natürlich war das ein Rechtsbruch“ – um sogleich hinzuzufügen: „Aber jeder zivile Ungehorsam geht mit Rechtsbruch einher. Und die Grünen waren in ihrer Geschichte immer eine Partei des gewaltfreien zivilen Ungehorsams. Von daher fand ich die Debatte ein bisschen geschichtsvergessen.“

Habecks Spruch wurde isoliert dargestellt

Der Bundestags-Finanzexperte Gerhard Schick, der ebenfalls zum linken Flügel zählt, erklärte: „Ich habe Verständnis dafür, dass Menschen zum Ausdruck bringen wollen, dass hier etwas schiefläuft, weil es einfach zu wenig bezahlbaren Wohnraum gibt und dieser teilweise aus spekulativen Gründen leer steht.“

Wenn man Habecks Interview mit der Welt komplett liest, dann relativiert sich der Eindruck, er habe einseitig die Hausbesetzer kritisiert, sehr stark. Vielmehr weist der 48-Jährige, dessen Worte seit seiner Wahl an die Parteispitze auf der Goldwaage liegen, an verschiedenen Stellen daraufhin, wie explosiv die soziale Not ist, die sich aus der Wohnungsknappheit ergibt. Auch seien unterschiedliche Straftaten unterschiedlich zu bewerten, betonte er. Die Welt aber titelte mit dem für grüne Verhältnisse apodiktischen Habeck-Satz: „Dass das Rechtsbruch ist, ist klar wie Kloßbrühe.“ Und es war nur dieser Satz, der von der Deutschen Presse-Agentur und anderen Medien zitiert wurde.

Er war von den Ebermann-Sätzen von 1982 ziemlich weit entfernt.