Ich bin nur selten seiner Meinung. Ich finde, Wolfgang Bosbach sieht oft viel zu sehr die Gefahren, ja, er übertreibt sie – seien es nun die Risiken von Eurorettungspaketen oder die Probleme durch die Einwanderung von Flüchtlingen nach Deutschland. Und dennoch meine ich: Es ist sehr bedauerlich, dass der CDU-Politiker sich im Jahr 2017 nicht erneut um ein Bundestagsmandat bewirbt.

Er lebt für das, woran er glaubt

Wer Bosbach kennt, weiß: Er ist ein politischer Kämpfer, der für das, woran er glaubt, auch lebt. Und für die Debatte darüber. Er ist für Journalisten noch spätabends erreichbar. Er kann schon mal herrlich unwirsch werden, wenn er meint, dass die gestellten Fragen von falschen inhaltlichen Voraussetzungen ausgehen.

Sicher, viele haben sich über die Bosbach’sche Dauerpräsenz in Talkshows lustig gemacht. Und, klar, bei ihm war auch Eitelkeit dabei. Aber braucht die Demokratie nicht jene Politiker, die sich wieder und wieder der Debatte stellen – im Wahlkreis auf dem Marktplatz, aber auch im Fernsehen? Die dem Parlament im wahrsten Sinn des Wortes ein Gesicht geben?

Ein Gesicht, vielleicht sogar Hand und Fuß hat Wolfgang Bosbach auch der Idee gegeben, die das Grundgesetz von der Arbeit unserer Bundestagsabgeordneten hat. Sie seien „an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen“, heißt es in Artikel 38, Absatz 1, des Grundgesetzes. Eine Idee, die in der Parlamentspraxis oft in Vergessenheit gerät.

Er hat dem Parlament ein Gesicht gegeben

Nicht bei Wolfgang Bosbach, der den Mut hatte, sich auch gegen die Kanzlerin zu stellen. Dazu mag der Umstand beigetragen haben, dass Bosbach nicht über die Liste in den Bundestag eingezogen ist, sondern als Wahlkreisabgeordneter. Vielleicht auch, dass zum Zeitpunkt des Streits über die Euro-Rettungspolitik für ihn ohnehin keine weiteren Karriereschritte zu erwarten waren.

Aber: Man muss es auch erst mal aushalten, sich immer wieder gegen die eigene Fraktion zu stellen, den Druck abzuwehren, nicht nachzugeben, sich nicht einschüchtern zu lassen. Und sich vom damaligen Kanzleramtsminister Ronald Pofalla (CDU) anbrüllen zu lassen: „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen.“ Vielleicht stählt es auch einfach – in der öffentlichen wie der parteiinternen Debatte – wenn Politiker, so wie Bosbach es getan hat, früher mal einen Supermarkt geleitet haben.

Als die Bundeskanzlerin gesagt hat, ihre Eurorettungspolitik sei alternativlos, hat Wolfgang Bosbach darauf beharrt, dass es eine Alternative gibt. Auch wenn man Merkels Politik in Sachen Euro unterstützt, kann man doch anerkennen, dass Bosbach damit eine wichtige Funktion in der öffentlichen Debatte eingenommen hat. Ja, wäre gerade in den großen Parteien offener und kontroverser über solche Fragen diskutiert worden, hätte es mehr Bosbachs gegeben, vielleicht wäre uns die selbst ernannte „Alternative für Deutschland“ erspart geblieben, die inzwischen weit rechts nach den Stimmen von Wutbürgern fischt.

Politische und persönliche Gründe für den Rücktritt

Wolfgang Bosbach sagt, es gebe für seinen Rückzug „sowohl politische als auch sehr persönliche“ Gründe. Bosbach ist stets sehr offen mit seiner Krebserkrankung umgegangen – der Eindruck vieler Beobachter dabei war oft, dass ihm die politische Arbeit eher bei der Bewältigung der Krankheit half. Für die politische Ebene gilt wohl, was der Politiker in den vergangenen Jahren mehrfach gesagt hat: „Ich will nicht immer die Kuh sein, die quer im Stall steht.“

Das ist schade. Brav und geordnet stehen dort schon genug andere.