Er ist und bleibt produktiv: Mit schöner Regelmäßigkeit dreht Regisseur Woody Allen auch mit beinahe 80 Jahren einen neuen Film pro Jahr. In seinem aktuellen Werk „Irrational Man“ (ab heute in den Kinos) variiert er Themen und Konflikte, die ihn seit jeher umtreiben.

Mr. Allen, „Irrational Man“ ist keine Ihrer leichten Komödien, sondern eine recht bittere Geschichte. Wird Ihr Blick auf die Welt immer düsterer?

Oh nein, ich war immer schon pessimistisch und bleibe es. Da hat sich nichts geändert.

Wird der Pessimismus womöglich noch größer?

Nein, auch das nicht. Der war von Anfang an so groß, dass da eigentlich keine Steigerung mehr möglich war. Noch pessimistischer als in meiner Jugend kann man eigentlich nicht sein. Ich hatte immer schon ein sehr düsteres Bild vom Leben und von den Menschen. Das ist bis heute so.

Der Protagonist Ihres Films blüht erst auf, als er einen Mordplan schmiedet. Klingt ganz so, als würden Sie solche Träume auch manchmal hegen...

Das mag schon sein. Ich würde sie nur nie in die Tat umsetzen. Würde ich alle Menschen umbringen, die ich am liebsten tot sehen würde, wäre ich am Ende wohl der letzte Mensch auf Erden.

Auch die junge Studentin in „Irrational Man“ sucht in ihrem Leben nach Aufregung und ein wenig Gefahr. Geht es Ihnen ähnlich?

Ich bitte Sie. Ich bin ein Mittelklasse-Feigling durch und durch. Risiko ist das Letzte, wonach ich strebe. Und eigentlich ist Jill, die von Emma Stone im Film gespielt wird, eher wie ich. Sie würde sich normalerweise nicht mit einem so viel älteren, irrationalen Pseudo-Romantiker einlassen, sondern wäre besser dran mit ihrem netten College-Freund. Aber sie studiert nun einmal Philosophie.

Und das bedeutet?

Leute, die sich viel mit Philosophie beschäftigen, erliegen ja oft dem Charme der Existenzialisten. Die sind nun einmal so wunderbar flamboyant, so dramatisch und wahrhaftig. Da kann man schon verstehen, dass sie gerade auf junge Menschen einen besonderen Reiz ausüben, wie sie so in ihren schwarzen Rollkragenpullovern rauchend in Cafés sitzen und Theaterstücke über Selbstmord schreiben. Davon kann man sich schon mal mitreißen lassen.

Aber Sie sind niemand, der sich von irgendetwas mitreißen lässt?

Nein, nie. Höchstens gedanklich, in meinem Zimmer. Ich bin wirklich niemand, der irgendetwas Ungewöhnliches tun würde. Ich habe in meinem Leben noch nicht mal an einem Joint gezogen.

Sie haben nie Marihuana probiert?

Ich bin einfach kein neugieriger Mensch. Die Leute denken das immer, weil ich Filmemacher bin. Aber ich bin wirklich kein bisschen neugierig oder experimentierfreudig. Auch nicht aufs Reisen. Ließe meine Frau mich, würde sich mein Leben im Umkreis von 20 Blocks um unsere Wohnung abspielen.

Trinken Sie mal ein Glas Wein?

Dafür konnte ich mich früher schon erwärmen. Also trank ich jeden Tag Wein. Bis ich eines Tages aufwachte und nicht mehr schlucken konnte. Mein Doktor sagte mir, dass durch Wein meine Speiseröhre verkrampft. Damit hatte sich mein Interesse an Wein natürlich auch wieder erübrigt.

In Ihrem Leben spielte die Psychoanalyse stets eine wichtige Rolle. Hatten Sie nie Angst, dass zu viel Zeit auf der Couch Ihre Kreativität beeinflussen könnte?

Ich weiß, dass es viele Künstler gibt, die davor zurückschrecken, weil sie Angst haben, dass sie danach nicht mehr schöpferisch tätig sein können. Das Gegenteil ist der Fall. Man kreiert mehr denn je. Die Psychoanalyse befreit dich. Wenn man das eine Weile mit Erfolg hinter sich bringt, hat man einiges an Ballast abgeworfen und kann sich ganz auf die Arbeit konzentrieren. Mir hat sie jedenfalls sehr geholfen. Wenn auch nicht so sehr, dass ich heute ein positiver, glücklicher Mann wäre.

Ein weiteres großes Thema für Sie war immer New York. Ist die Stadt nach all den Veränderungen der letzten 15 Jahre noch Ihre Stadt?

Manche Veränderungen waren sicher nicht schlecht. Nur ganz aktuell gefällt mir die Entwicklung nicht. In den letzten beiden Jahren hat sich die Stadt nicht zum Besseren entwickelt. Im Gegenteil.

Was genau meinen Sie?

Wenn man durch New York läuft, sieht man viel mehr Obdachlose als noch vor fünf Jahren und viel mehr Leerstand. Man kann den Verfall der Stadt beobachten. Ich habe das Gefühl, dass die Stadt gerade nicht gut geführt wird. Unser Bürgermeister de Blasio ist zu selten vor Ort, er reist viel durchs Land. Und wenn er da ist, dann kümmert er sich nicht um die wichtigsten Probleme. Aber in New York geht es immer auf und ab, also warten wir mal ab.

Eine letzte Frage noch zu der Serie, die Sie für den Streaming-Dienst von Amazon entwickeln sollen. Was können Sie uns dazu verraten?

Der Fluch meines Lebens! Ich habe im Leben noch nie eine Fernsehserie gesehen und auch nicht vor, es zu tun. Nachrichten, Basketball, Baseball – für mehr schalte ich nicht ein. Daher habe ich Amazon immer wieder abgesagt. Aber sie erhöhten das Angebot immer weiter, und irgendwann war es so lukrativ und beinhaltete so viel kreative Freiheit, dass mein gesamtes Umfeld fand, ich könne es nicht länger ablehnen.

Klingt nach traumhaften Bedingungen…

Auf jeden Fall fällt mir die Sache unglaublich schwer, und ich genieße die Arbeit keinen Moment lang. Ich habe mir da auf jeden Fall zu viel vorgenommen.

Interview: Patrick Heidmann