Seit ich diese Kolumne schreibe, gibt es zu viele Miss-Stände zu kommentieren, als dass ich mich auf klassische philosophische Fragen hätte werfen können. Da immer noch niemand Rücksicht auf meine Kolumnenplanung nimmt, schreibe ich jetzt – es komme, was da wolle – zwei oder drei Monate lang über die eine Frage, die allen anderen Überlegungen Maß und Ziel setzt: Die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Diesen Monat sage ich, was ich für den Sinn des Lebens halte; nächstens dann, warum diese Auffassung schwer zu verstehen ist. Was der übernächste Text enthält, ist so ungewiss wie der Verstehensprozess; vielleicht aber, was sich im Alltag der praktischen Beachtung meiner Auffassung vom Lebenssinn in den Weg stellt.

Was ist der Sinn des Lebens?

Der Sinn des Lebens ist zu lernen, die Dinge zu sehen, wie sie tatsächlich sind – und dann das Nötige zu tun, um selbst Frieden zu finden. Damit bringen wir auch den anderen in unserem Leben Frieden in dem Maße, wie wir ihn in uns tragen. Wir gestalten uns selbst und unsere Situation, berühren damit unsere Mitmenschen und ändern so auch die Welt zum Besseren, soweit es einem Menschen möglich ist. Das ist alles.

Wir sehen die Dinge nicht einfach, wie sie sind

Wer anderes will, der will Falsches, zu viel oder zu wenig und wird deshalb auch das Erreichbare verfehlen. Vielleicht irritiert es, dass ich bei intellektueller Einsicht ansetzen will: dabei, die Dinge zu sehen, wie sie sind. Man meint, dass wir „die Welt“ vor Augen haben, sobald wir jene aufschlagen; jedoch hat Iris Murdoch recht: „Öffnen wir die Augen, so sehen wir nicht unbedingt das, was uns gegenübersteht. Wir sind affektgetriebene Tiere (anxiety-ridden animals).“ Wir sehen die Dinge nicht einfach, wie sie sind, sondern in unklarem, immer schwankendem Maße sehen wir sie so, wie wir sind.

Fantasieprobleme

Sehen wir die Dinge fantasieverzerrt müssen wir das tun, was unsere Fantasien uns abfordern, die alle irgendwann an der Realität zerschellen: Erst am Ungenügen, das unsere Jagd nach äußeren Zielen antreibt und nach jeder Etappenniederlage sofort wieder „Und jetzt?“ fragt, und dann an Alter, Krankheit und Tod.

Es gibt Sinnideen, die nicht am richtigen Verständnis der Dinge ansetzen: etwa die, man müsse dieses oder jenes besitzen, anderen diese oder jene Person darstellen oder gewissen Fehlern oder Leistungen seiner Vorfahren nachfolgen. Alle diese Ansichten führen in die Irre einer ständigen Unruhe.

Denn dieser Typ Lebensphilosophie setzt gedanklich dort an, wohin unser Einfluss gar nicht verlässlich reicht: im Äußeren. Diese Missverständnisse des Lebens enthalten keinen Gedanken dazu, was unser Leben sein soll, sondern eine Fantasie darüber, wie sich gewisse äußere Faktoren zu uns oder für uns verhalten sollten, damit wir erfüllt, zufrieden, glücklich sein werden.

Jeder, der nicht gerade ganz unmittelbar Opfer von Schicksalsschlägen ist, kann das Maß seiner aktuellen Lebensunruhe beobachten und von ihr auf den Grad seiner Befangenheit in diesem philosophischen Irrtum schließen.

Unser Geist, unser Körper, unsere Äußerungen und Handlungen müssen bei der Frage nach dem Sinn des Lebens im Mittelpunkt stehen. Die Stoiker, der Buddha, Jesus Christus und jeder „ganz normale“ Mensch, der einmal eine echte Lebenskrise hatte, weiß genau, dass wir uns nur auf das wirklich verlassen können, was allein in unserer Hand liegt. Und dass sind nur unsere Gedanken und das, was wir von ihnen her sagen und tun.