Wer einen Bundespräsidenten mitten in einer politischen Affäre berät, muss auf jegliche Freizeit verzichten. Kürzlich war Anwalt Gernot Lehr in Urlaub. Mit Blick auf schneebedeckte Berge kommunizierte der Medienprofi Lehr unentwegt in Sachen seines Mandanten Wulff, beantwortete Anfragen und organisierte Konferenzschaltungen. Wulff wurde mit Steuerhinterziehung in Verbindung gebracht? Kein Problem, Anwalt Lehr zieht seinen Steuerrechtler hinzu. Oder den Zinsexperten. Oder den Staatsrechtler. Wen auch immer. Für Wulffs Entlastung scheut der Anwalt keinen Aufwand.

Fast alles, was Wulff in den vergangenen Wochen mitzuteilen hatte, kam letztlich durch seinen Anwalt an die Öffentlichkeit. „Das ist in der Intensität schon etwas Besonderes“, sagt Gernot Lehr. Als Jurist beharrt er darauf, dass er nicht den Bundespräsidenten vertrete, „sondern Christian Wulff“. Während das Bundespräsidialamt verstummte und politische Freunde schwiegen, wurde Anwalt Lehr zu Wulffs schärfster Waffe. Nicht juristisch, denn Anklage hat gegen Wulff keiner erhoben. Aber politisch. Als Prellbock und Medienflüsterer in einem. Der stets beflissene Lehr ersetzt die gesamte Öffentlichkeitsarbeit des Präsidenten. Als „menschliches Schutzschild“ bezeichnen ihn daher manche.

Schon Johannes Rau hat Lehr rausgehauen


Tatsächlich hat der 54-Jährige mit der Verteidigung von Staatsoberhäuptern Erfahrung: Er manövrierte im Jahr 2000 schon Johannes Rau aus dessen „Flug-Affäre“. Die Taktik war ähnlich: Den Journalisten viele Unterlagen zeigen. Das ist anstrengend. Das kostet Zeit. Und irgendwann geht die Diskussion dann sehr ins Detail und die Journalisten ermüden. Juristen hingegen kennen sich in Details meistens besser aus. Lehr ist so einer. Der Sohn der ehemaligen Bundesfamilienministerin Ursula Lehr (CDU) studierte Jura und Volkswirtschaft in Bonn und München.

Johannes Rau hat dank Lehr seine Affäre gut überstanden. Nicht nur Bundespräsidenten, auch Bundestagspräsidenten ließen sich von Lehr vertreten. Der Anwalt ist seit 24 Jahren für die bekannte Bonner Kanzlei Redeker aktiv. Er vertrat so unterschiedliche Politiker wie Kurt Beck, Rita Süssmuth, Wolfgang Thierse, Ulla Schmid oder Stanislav Tillich. Die Kanzlei sprang auch Helmut Kohl in der Spendenaffäre zur Seite. Das Kinderhilfswerk Unicef versuchte mit Lehrs Hilfe die kritische Berichterstattung der FR über hohe Provisionen für Unicef-Spendeneintreiber juristisch zu verhindern – ohne durchschlagenden Erfolg.
Jetzt also Wulff. Viele Anfragen sind aus Lehrs Sicht Quatsch: Wer Wulffs Hochzeitsfeier bezahlte, wer mit ihm Urlaub machte. Lehr stimmt alles mit Wulff ab und antwortet juristisch korrekt. Ins Neue Jahr konnte er Wulff so retten. „Man braucht Ausdauer bei diesem Mandat“, so Lehr, da ich Marathonläufer bin, habe ich die.“ Lehr glaubt fest daran, dass sein Mandant Staatsoberhaupt bleibt.