Stellen Sie sich vor, auf Sat.1 oder RTL wird die Abendsendung unterbrochen. Stattdessen überträgt der Sender eine Spendenkation mit Markus Lanz für die Ukraine live. Das gesammelte Geld ist jedoch nicht für Geflüchtete oder Hilfsorganisationen gedacht, sondern für eine türkische Kampfdrohne. Sie ist für das ukrainische Militär bestimmt.

Das in Deutschland undenkbare Szenario hat sich so kürzlich in Litauen abgespielt, wo auf Initiative eines Journalisten per Crowdfunding innerhalb weniger Tage fast sechs Millionen Euro zusammengekommen sind.

Bayraktar
Die tödliche Drohne türkischer Manufaktur

Bayraktar – die türkische Wunderwaffe?

Es geht um die türkische Bayraktar-Drohne. Deren Hersteller waren derart begeistert von der Solidaritätsaktion im Baltikum, dass sie die Drohne am Ende gratis ans litauische Verteidigungsministerium spendeten. Die gesammelten 5,9 Millionen Euro sollen stattdessen für Munition und ukrainische Hilfsorganisationen ausgegeben werden. In Kiew wird derweil die Drohne als potenzieller Gamechanger im Krieg gegen Putin gefeiert. Doch was macht das unbemannte Fluggerät so besonders? Kann es den Krieg entscheiden?

„Drohnen sind im Gefecht nicht mehr wegzudenken“, sagt der österreichische Oberst des Generalstabsdienstes, Markus Reisner, und fügt hinzu: „Besonders die Kriege in Afghanistan und im Irak verdeutlichen, wie essenziell sie für die moderne Kriegsführung sind.“ Während Deutschland also in den letzten Jahrzehnten hitzig über bewaffnete Drohnen debattierte, werden sie in anderen Teilen Europas als Heilsbringer gesehen. Insbesondere die Bayraktar TB2 (zu Deutsch: Fahnenträger) wird in manchen Teilen Europas wie ein Popstar gefeiert.

Die vergleichsweise günstige und effektive Aufklärungs- und Kampfdrohne war schon in einer Vielzahl von militärischen Konflikten im Einsatz. Im Bergkarabach-Krieg 2020 hatte die Bayraktar maßgeblichen Einfluss auf die aserbaidschanischen Geländegewinne. Bei den Konflikten in Syrien und Libyen hat sich die Drohne wirksam gegen russische Streitkräfte und deren Verbündete gezeigt.

Selenskyj-Berater: „Wir brauchen mehr! Von allem!“

Reisner hebt hervor, dass sich die Bayraktar „durch ihre Kompaktheit auszeichnet und nicht nur aufklärt und Lagebilder verschafft, sondern auch vier Luft-Boden-Raketen mit sich führt und einsetzt“. Darüber hinaus wiegt sie mit ca. 700 Kilogramm weitaus weniger als das fast vier Tonnen schwerere Pendant aus US-Herstellung.

Nun nutzt die Ukraine die Wunderwaffe aus der Türkei und hat sie nach Angaben des Verteidigungsministeriums erfolgreich im Gefecht gegen russische Artilleriesysteme und Panzer eingesetzt. Jedoch benötigt Kiew weitaus mehr Kampfdrohnen, um der militärischen Überlegenheit Russlands entgegenzuwirken, wie Selenskyj-Berater Mikhaylo Podolyak jüngst twitterte.

„Der Schutz der eigenen Soldaten genießt in der heutigen postheroischen Gesellschaft höchste Priorität. Um keine Toten auf eigener Seite zu riskieren, nimmt die Bedeutung von unbemannten Drohnen stetig zu“, so Reisner. Der Militärexperte fasst zusammen, dass vier Faktoren in der heutigen Kriegsführung entscheidend seien: Kraft, Raum, Zeit und Information. „Besonders der Faktor Zeit wird durch eine massive Nutzung von Drohnen, also einem ‚fliegenden Auge‘, beeinflusst.“ So werden präzise Lagebilder erstellt, die sogar kriegsentscheidend sein können.

Russische Drohnen täuschen ukrainische Soldaten

Aber auch Moskau verfügt über ein Arsenal an verschiedenen Drohnen. Insbesondere kleinere taktische Drohnen wie die Forpost und Orlan-10 kommen aufseiten der russischen Streitkräfte zum Einsatz. Die Orlan-10 ist beispielsweise für die elektronische Kampfführung gedacht, die in den ersten Kriegstagen verstärkt genutzt wurde.

So verschickte die russische Armee mithilfe der Orlan-Drohne zu Beginn des Krieges Falschnachrichten über die angebliche Festsetzung der ukrainischen Regierung gezielt an Mobiltelefone ukrainischer Soldaten, die sich in Frontnähe aufhielten. „Ziel der Aktion war, mittels der Drohnen Chaos unter den ukrainischen Streitkräften zu stiften“, sagt der österreichische Oberst.

Der Einsatz von Drohnen im Ukraine-Krieg. Video mit Dr. Markus Reisner

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Außerdem verfügt Russland mit der Orion-Drohne über einen unbemannten Flugkörper, der nicht nur aufklärt, sondern sich auch bewaffnen kann, wie Reisner in einem Online-Video referiert. „Sie dienen dazu, ein Hochwertziel, ein sogenanntes High Value Target anzugreifen. Es gibt Indizien der Nutzung einer solchen Drohne im Großraum Kiew, um den ukrainischen Präsidenten möglicherweise gezielt auszuschalten“, sagt der Militärexperte.

Auf russischer Seite sollen Drohnen auffallend stark in Kombination von Aufklärung und Artilleriefeuer genutzt werden. So generieren die Flugkörper Informationen, die an eine russische Stellung weitergeleitet werden. Von dort aus werden dann ukrainische Ziele angegriffen.

Bayraktar-Hype in Osteuropa

Während die Bayraktars in den Straßen von Vilnius, Baku und Kiew gefeiert werden, kann sich vor allem das politische Ankara über die hohen Verkaufszahlen freuen. „Die Türkei will das Maximum für sich rausholen“, analysiert Reisner. „Einerseits möchte das Nato-Mitglied Russland als internationalen Player nicht ausklammern und bietet sich immer wieder als Vermittlungsplattform an. Andererseits sollen auch die euro-atlantischen Partner nicht verprellt werden“, so der österreichische Oberst.

Reisner betont jedoch, dass die Lieferung der Bayraktar an die Ukraine nicht groß in der türkischen Öffentlichkeit kommuniziert und beworben wird, ganz im Gegensatz zur Drohnen-Unterstützung an Aserbaidschan oder Libyen. Während Erdogan über seine Drohnengeschäfte lieber schweigt, druckt Litauen neue Briefmarken vom Bayraktar-Crowdfunding und verkauft in Bars einen neuen Sommerhit: die Bayraktar-Shots.