Berlin/London - Der britische Premier Boris Johnson hat gerade ein Misstrauensvotum überstanden. Äußerst knapp. Mehr als 41 Prozent der eigenen konservativen Fraktion stimmten gegen ihn. Seine Tage sind offenbar gezählt. Aber er feiert das Ergebnis als „sehr gutes Resultat für Politik und Land“. Keine Spur irgendeiner Selbstkritik. Stattdessen polternde Selbstgerechtigkeit.

Der Mann mit dem blonden Wuschelkopf sieht sich gern als eine Art Wiedergeburt von Winston Churchill, über den er auch eine Biografie geschrieben hat. Churchill, der schräg-knorrige Typ, der Außenseiter, der mal ganz oben und mal ganz unten war – und in der Stunde der großen Not gerufen wurde. Er hat eine ganze Nation mit klarer Haltung und unsterblichen Reden zusammengeschweißt, hat die Koalition gegen Hitler vorangebracht. Das war seine große historische Leistung.

Aber Boris Johnson? Eher Falstaff als Churchill, rauflustig, sauflustig. So beschrieb ihn jemand. Der peinliche Skandal um die Partys während des Corona-Lockdowns scheint dieses Bild zu bestätigen. Die Regierenden feierten Partys, während normale Menschen nicht einmal ihre sterbenden Verwandten besuchen durften. Churchill dagegen hatte zumindest in der Krise Verantwortung gezeigt – und zwar mit aller Konsequenz.

Als Erfolge seiner Regierung nannte Boris Johnson etwa Errungenschaften durch den Brexit – welche sind das genau? – sowie den frühen Start der Covid-Impfkampagne. Er verschweigt, dass er am Anfang für eine Durchseuchung der Briten durch Corona eingetreten war, dann eine 180-Grad-Wende gemacht hatte. Wie man es öfter von ihm erlebt.

Viele reden davon, dass es in diesen Krisenzeiten darum gehe, Werte der Demokratie gegen Autokratie und Diktatur zu verteidigen. Doch man fragt sich, für welche Werte eigentlich Politiker wie Boris Johnson stehen.