Halle - Als der Vorschlaghammer in meiner Hand den Bildschirm des Röhrenfernsehers trifft, hallt ein dumpfer Donner durch den Raum. Ich schaue mir mein Zerstörungswerk an. Die Scheibe des Fernsehers ist demoliert, die Bildröhre implodiert. Wie einfach, denke ich zuerst. Ich bin ein kleines bisschen stolz, aber irgendwie auch erschrocken. Vielleicht hätte den Fernseher noch jemand gebraucht.

„Na los, weiter“, ruft Marcel Braun in meine Überlegungen hinein. Er steht im Türrahmen des Wutraums, in dem ich mich gerade befinde. Ich befolge seine Anweisungen, wuchte den Vorschlaghammer wieder in die Luft und traktiere den Fernseher weiter. „Gut so“, bestätigt mich Braun von der Seite. Langsam verspüre ich eine leichte Freude am Demolieren.

Alltagsstress abbauen

Zusammen mit seinem Geschäftspartner Ronny Rühmland hat Braun „Schlag Dich fit“ im August vergangenen Jahres gegründet. Unter diesem Namen betreiben sie den Wutraum in Halle (Saale). „Hier kann man seine angestaute Aggression und den Alltagsstress abbauen“, erklärt Rühmland das Konzept. Die beiden richten dazu zwei Zimmer in einem Hinterhaus mit ausgedienten Möbeln ein. Hinzu kommen alte Fernseher und anderer Elektroschrott. Bis zu drei Personen dürfen einen Raum ramponieren. Eine Belehrung, Schutzkleidung an – schon geht es los.

Die Idee zum Wutraum stammt aus den Vereinigten Staaten. Dort heißen die Zertrümmer-Zimmer „Anger Room“. Der erste wurde Ende 2011 in Dallas eröffnet. „Ich bin beim Surfen im Internet darauf gestoßen“, erzählt Braun. Er sei gleich begeistert gewesen, sagt der 32-Jährige, der als Kundenbetreuer bei einer Speditionsfirma arbeitet. „Ich wollte den Wutraum nach Deutschland holen.“

Um den Nachschub fürs Zertrümmern kümmert sich Rühmland. Der 35-Jährige ist selbstständiger Handwerker und kennt ein paar Firmen, die Wohnungen entrümpeln. Er bietet auch selber Haushaltsauflösungen an. Die passenden Räumlichkeiten fanden die beiden Jungunternehmer in Halles Osten, unweit des Hauptbahnhofs: In der Wohnung, die die beiden angemietet haben, sind die Wände unverputzt und das Licht kommt aus Baustrahlern.

Eine halbe Stunde lang darf ich das Inventar auf Feuerholzgröße bringen. Diese 30 Minuten kosten 89 Euro. „Aber der Preis wird bald erhöht“, verrät Rühmland. Der Aufwand für die Miete und darüber hinaus die Beschaffung und Entsorgung der Möbel sei doch höher, als anfangs kalkuliert.

An der Wand vor dem Eingang hängen neben Vorschlaghämmern auch Baseballschläger, eine Eisenstange und sogar eine Axt. Ich wähle einen Baseballschläger. Dessen erstes Opfer wird eine Glasvase, die ich mit einem Wisch vom Tisch fege. Es folgen Teller und Tassen – nur Kleinkram. Dann wende ich mich der Schrankwand zu. Eigentlich sieht sie stabil aus. Doch schon mit dem ersten Hieb erkenne ich die Macht meines Werkzeugs. Ich reiße Löcher in das Pressholz. Wände und Decken brechen, Türscharniere bersten. Ich bin in einem Rausch. Da sind nur noch die Schrankwand und ich. Und ich werde gewinnen.

Und das geht nicht nur mir so. In manchen Wochen toben jeden Abend erwachsene Menschen in den beiden Zimmern. Ärzte und Manager sind darunter, aber auch Studenten und Kindererzieher. Sie kommen von weit her, aus Hamburg oder Mönchengladbach. Sogar aus Österreich. Fast noch größer ist die mediale Aufmerksamkeit. Bei Braun und Rühmland haben schon zig TV-Sender gedreht. Event-Anbieter und Gutscheinverkäufer wollen sie in ihr Programm aufnehmen.

Bis aller Furor verflogen ist

„Im Wutraum kann man halt ausleben, was man sonst nicht machen darf“, versucht Braun den Zulauf zu erklären. Den Reiz des Destruktiven merke auch ich, als ich nach einer Viertelstunde die Schrankwand auf Brikettgröße geschlagen habe. Ich würde weitermachen – Tisch, Sessel und Kommode warten noch. Aber die Kraft ist weg. „Ganze 30 Minuten halten die wenigsten durch“, sagt Rühmland tröstend.

Was ist das für eine Gesellschaft, die nur um der Zerstörung willen zerstört? Sind wir alle primitive Wut(raum)bürger? Braun und Rühmland wollen viel lieber von einem Freizeitangebot sprechen. „Ein Event wie Bowling spielen oder GoKart fahren“, sagt Braun. Und damit wollen sie sogar expandieren und Großstädte erobern. Ein Franchise-Konzept wird gerade erarbeitet. Erste Interessenten gibt es schon. Vielleicht breitet sich bald schon in Wuträumen in Berlin, Frankfurt oder München der dumpfe Donner eines implodierenden Röhrenfernsehers aus.

Mehr Informationen unter: schlag-dich-fit.de