Berlin - Nach wenigen Minuten schon ist der Kopf hochrot, der linke Zeigefinger sticht drohend in die Luft. Der ganze Mann bebt vor Erregung. „Kriegstreiber, Kriegstreiber!“, haben rund 100 Demonstranten den Außenminister beschimpft. Sie blasen in ihre Trillerpfeifen. „Stoppt die Nazis in der Ukraine!“ und „Kein Geld für die Faschisten in Kiew!“ steht auf ihren Plakaten.

„Ihr sollt euch überlegen, wer hier die Kriegstreiber sind“, brüllt Frank-Walter Steinmeier von der kleinen Bühne herunter. Die Buhrufe und Pfiffe werden lauter. „Der Sozialdemokratie muss niemand sagen, warum sie für den Frieden kämpft“, donnert Steinmeier nun. Seine rechte Hand hat sich zur Faust geballt. So aufgewühlt, so erregt, so empört hat man den sonst eher spröden Niedersachsen noch nie erlebt.

Eigentlich soll er an diesem Montagabend auf dem Berliner Alexanderplatz einen ganz normalen Wahlkampfauftritt absolvieren. Eine kleine Rede zum Aufwärmen für den sozialdemokratischen Europa-Spitzenkandidaten Martin Schulz. Doch die direkte Konfrontation des Außenministers, der im Ukraine-Konflikt seit Wochen um eine diplomatische Lösung ringt, mit den Schmährufen der lautstarken Demonstranten vermittelt einen Eindruck vom Ernst der weltpolitischen Lage.

Europa befinde sich in der tiefsten Krise seit Jahrzehnten, hat Steinmeier wenige Stunden vor seinem Auftritt gemahnt. Man müsse nun jede Möglichkeit nutzen, „selbst kleinste Brücken zu bauen“. Nun steht „Fuck EU!“ auf den Plakaten. „Die Welt besteht nicht nur aus Friedensengeln auf der einen und Bösewichten auf der anderen Seite“, hält Steinmeier den Demonstranten entgegen: „Die Welt ist leider kompliziert.“ Vehement plädiert der SPD-Politiker für die Niederungen der Realpolitik, Europa als Friedens- und Freiheitsprojekt will er sich nicht kaputt machen lassen. „Die totgesagten Geister des Kalten Krieges kehren zurück. Und das dürfen wir nicht zulassen!“

Das Publikum in den vorderen Reihen klatscht tosend Applaus. Frank-Walter Steinmeier setzt sich zufrieden auf eine Bank. Seine Brille ist von innen beschlagen. Aber seine Wut ist draußen. Endlich.