Holocaust-Forscher Yehuda Bauer.
Foto: Jonas Opperskalski / lai

Berlin Yehuda Bauer ist der renommierteste Holocaust-Forscher der Welt. Er leitete viele Jahre lang das Zentrum für Holocaust-Forschung in Yad Vashem. Zu den Gedenkfeierlichkeiten anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz in Jerusalem hielt er am Mittwoch eine Rede vor den rund 50 Staatsgästen aus aller Welt. Das Interview hat er kurz vorher am Telefon gegeben.  

Herr Bauer, an diesem Donnerstag wird in Israel der Befreiung von Auschwitz gedacht, und ausgerechnet der polnische Präsident ist nicht dabei. Was sagen Sie dazu?
Ich finde das sehr schade. Auschwitz liegt ja weder in Russland noch in Deutschland oder Amerika, sondern in Polen. Es wäre gut gewesen, wenn man einen Weg gefunden hätte, ohne dass die beiden Mächte Russland und Polen in ihren Reden übereinander herfallen.

Nun redet nur Putin. Für Andrzej Duda war kein Redeplatz vorgesehen.
Ich bin überzeugt, dass man alles versucht hat. Aus Gründen, die ich nicht genau verstehe, ging es zum Schluss nicht. Und das ist schade. Bei der Gedenkfeier geht es ja nicht um Polen und Russland, sondern um den Holocaust und die Befreiung von Auschwitz. Das vergisst man manchmal.

Wie bewerten Sie Polens Rolle während der Nazi-Zeit?
Die Nazis wollten das polnische Volk verschwinden lassen, im Zweiten Weltkrieg starben fast sechs Millionen Polen, darunter drei Millionen polnische Juden. Das sind Tatsachen. Dass Polen gleichzeitig auch Juden verfolgten, gehört aber auch zu den Tatsachen. Zwischen 130.000 und 180.000 Juden wurden von Polen ermordet, das will man heute verneinen. Gleichzeitig will man hervorheben, dass Polen Juden gerettet haben. Und das war auch so, das waren unglaubliche Taten, Polen, die Juden retteten und ihre eigene Familie in Gefahr brachten. Aber das war die kleine Minderheit.
Zur Gedenkveranstaltung in Yad Vashem kommen so viele Staatschefs und Könige wie noch nie zu diesem Anlass. Wie kommt das, ausgerechnet jetzt? Ich glaube, das ist Zufall, das hat sich so ergeben, war eine Art Kettenreaktion. So nach dem Motto: Wenn der kommt, dann muss ich auch kommen. Man wollte eine große Feier haben, aber dass am Ende vier Könige und Dutzende Staatspräsidenten kommen, damit hat niemand gerechnet. Es ist gut so. Es ist nicht nur das erste Mal, dass in Israel so eine große Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus stattfindet. So etwas hat es bisher noch nirgendwo gegeben.

Erinnerung an die Opfer: Die Halle der Namen in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.
Foto:  imago images

Wie wurde denn in den letzten 75 Jahren des Holocausts gedacht?
Es gab keinen Konsens, oder vielleicht nur einen minimalen. Auch heute ist der Konsens nicht gerade beeindruckend. Auch da gibt es Streitigkeiten und Vergangenheitsfälschung. Das wird man in den verschiedenen Reden hören. Aber Konsens herrscht immerhin darin, dass es der schlimmste Genozid in der Menschheitsgeschichte war.
Organisator und Initiator ist Moshe Kantor, Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses, der gute Beziehungen zu Wladimir Putin haben soll. Die Zeitung Haaretz schreibt, Putin habe die Feierlichkeiten vereinnahmt. Verschwörungstheorien zu entwickeln, finde ich völlig unangebracht. Da gibt es keine Verschwörung. Der Zweite Weltkrieg wurde von Nazideutschland initiiert, und die Rote Armee hat den Krieg gewonnen. Ich bin wahrlich kein Freund des Kommunismus, im Gegenteil. Aber Tatsache ist Tatsache.

Und was halten Sie davon, dass Prinz Charles am Rande der Holocaust-Feierlichkeiten den Palästinenserpräsidenten Mahmoud Abbas trifft und Jared Kushner ausgerechnet jetzt seinen „Deal des Jahrhunderts“ diskutieren will?
Der israelisch-palästinensische Konflikt ist ein schweres, aktuelles Problem, aber etwas ganz anderes und hat mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust überhaupt nichts zu tun.

Wird das Holocaust-Gedenken politisch benutzt?
Schauen Sie, politisch benutzt werden solche Sachen immer. Das kann man nicht verhindern.

Die Deutschen spielten bei all diesen Diskussionen im Vorfeld überhaupt keine Rolle. Sie scheinen 75 Jahre danach alles richtig zu machen, oder?
In Deutschland hat in der Tat eine Entwicklung stattgefunden, die einzigartig ist. So etwas hat man in der modernen Geschichte noch nicht gesehen, dass eine Tätergesellschaft zu einer liberalen Gesellschaft wird, die sich mit der Vergangenheit befasst und weder vergessen noch beschönigen will. Deshalb ist Herr Steinmeier hier sehr willkommen.

Foto: Jonas Opperskalski / laif
Zur Person

Yehuda Bauer wurde 1926 als Martin Bauer in Prag geboren. Im März 1938 floh seine Familie nach Palästina. Bauer studierte Geschichte in Wales und lehrte an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Bis 2000 war er Direktor des Zentrums für Holocaust-Forschung Yad Vashem

Was erwarten Sie von den Reden in Yad Vashem?
Das weiß ich nicht. Das kann man nicht vorhersagen. Noch eine Bla-Bla-Sitzung, wo alle sagen, wir werden den Holocaust niemals vergessen, und wir sind natürlich alle gegen Antisemitismus – das kennen wir, das haben wir alles schon gehört. Ob mehr und Wichtigeres gesagt wird, das werden wir sehen.

Werden Sie in Yad Vashem dabei sein?
Ja, als passiver Mithörer. Schauen Sie, ich bin 94 und der lebende Beweis, dass nicht alle Dinosaurier vernichtet wurden. Es wird allerdings sehr kalt werden, auch wenn das Zelt, wo die Veranstaltung stattfindet, angeblich beheizt wird. Aber wer schon mal im Januar in Yad Vashem war, der glaubt nicht daran, dass man es beheizen kann. Ich werde jedenfalls so ausgerüstet wie zu einer Nordpolexpedition dahin kommen.