Eine Frau hängt Blumen an einen Zaun am Wasser. Aus der Touristeninsel White Island ist nach dem Ausbruch von Neuseelands gefährlichstem Vulkan eine Todeszone geworden.
Foto: dpa/Mark Baker

ChristchurchObwohl die Polizei noch nicht alle Namen der Opfer veröffentlicht hat, die bei der Eruption der neuseeländischen Vulkaninsel White Island am Montag gestorben oder verletzt worden sind, so gibt es doch Hinweise auf das Schicksal von zwei der vier Deutschen, die auf der Liste der 47 Personen stehen, die sich zum Zeitpunkt des Ausbruchs auf dem Eiland in der Bay of Plenty befunden haben. Bei ihnen könnte es sich um ein Ehepaar, beide 63 Jahre alt, aus dem Raum Karlsruhe handeln. Aber dies ist bis zur offiziellen Bestätigung reine Spekulation. Die Eheleute standen am Dienstag auf einer langen, vom Roten Kreuz erstellten, Liste der Vermissten, von der viele Leute, die in Sicherheit waren, mit „I am alive“ (Ich bin am Leben) markiert wurden. Auf Anfrage teilte eine Polizeisprecherin mit, sie könnten die Identität der Opfer „zum jetzigen Zeitpunkt“ nicht bekanntgeben. Gestern Abend (Ortszeit) wurden die Namen von neun Personen offiziell bestätigt, darunter keine Deutschen. Der totgelaubte Sohn einer vierköpfigen australischen Familie wurde überraschenderweise lebend im Krankenhaus gefunden, die Eltern und seine Schwester sind verschollen.

Erneuter Ausburch

Tim Barrow, Besitzer von „Volcanic Air“ in Rotorua, ein Mann, der schon zigtausende Touristen per Hubschrauber und Wasserflugzeug nach White Island transportiert hat, erzählte, dass sein Pilot Brian de Pauw vier Deutsche auf die Insel geflogen habe. Als der Vulkan ausbrach, habe er den Deutschen gesagt, sie sollten sofort ins Wasser springen, um sich zu retten. „Zwei haben es getan, die beiden anderen nicht“, sagte er, „die einen waren unverletzt, die beiden anderen schwer verbrannt.“ Der Hubschrauber, mit dem sie unterwegs waren, ist jener, der schwer beschädigt und mit Asche bedeckt auf Videos und Fotos zu erkennen ist.

Premierministerin Jacinda Ardern umarmt einen Ersthelfer, der  
Foto: Radio NZ - Pool/Getty Images/Dom Thomas

Barrow und einige andere Helikopter-Piloten hatten sich nach Bekanntwerden der Naturkatastrophe trotz des sofort verhängten Flugverbots auf den Weg nach White Island gemacht und versucht, so viele Menschen wie möglich zu retten. Einer dieser Piloten war Mark Law, der der Polizei und den Wissenschaftlern des nationalen Instituts für Geologie und Nuklearwissenschaften, GNS, den Vorwurf machte, sie am Dienstag nicht auf die Insel geschickt zu haben, als ideale Bedingungen herrschten, um die Toten zu bergen. „Das wäre eine Sache von 20 Minuten gewesen“, sagte er. „Wir wissen, wo sie liegen. Wir hätten sie in Leichensäcke gepackt und an Land gebracht.“ GNS-Vulkanologe Graham Leonard erwiderte: „Im Nachhinein betrachtet hat er recht, aber man weiß es vorher nicht.“ Gestern stufte GNS die Wahrscheinlichkeit einer zweiten Eruption des ununterbrochen dicke Dampfwolken ausspuckenden Vulkans auf 60 Prozent ein, so dass die Bergung der Toten bis auf weiteres vertagt wurde. Am Montag flogen die Piloten nach Angaben von Tim Barrow zwölf Verletzte nach Whakatane, aber, so der 50-Jährige, „zwei sind auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben.“

Zahl der Todesopfer weiter gestiegen

Nachdem eine Person am Dienstag im Krankenhaus gestorben ist, steht die vermutete Zahl der Toten bei 14 oder gar 15: die sechs Touristen, die bereits zur formellen Identifizierung von Whakatane nach Auckland gebracht worden sind, plus die acht oder nun plötzlich neun Vermissten, die sich noch auf der Insel befinden. Eines der 24 australischen Opfer wurde zur Behandlung nach Sydney geflogen, weitere werden von der australischen Luftwaffe in die Heimat und näher zu ihren Familien gebracht. Derzeit liegen 29 Verletzte mit schwersten Verbrennungen in neuseeländischen Krankenhäusern. Wie furchtbar die Verletzungen sind, belegen folgende Zahlen: 22 der 29 Menschen werden künstlich beatmet, zwei von ihnen haben Verbrennungen von 90 Prozent ihrer Haut erlitten, in den USA wurden 120 Quadratmeter Haut für Transplantationen bestellt. Die Opfer waren nicht nur der Druckwelle der Eruption und Temperaturen von bis zu 800 oder 900 Grad ausgesetzt, sondern auch der in die Luft geschleuderten Asche und Geröllbrocken sowie giftigen Chemikalien wie Schwefeldioxid, Kohlendioxid und Schwefelsäure.