Zehntausende Opfer von Genitalverstümmelungen in Deutschland – Lebenslange Qualen

Knapp 50.000 Frauen sind in Deutschland von Genitalverstümmelung betroffen, schätzungsweise 1.500 bis 5.700 Mädchen sind davon bedroht.

Zu diesem Ergebnis kommt die erste deutschlandweite Studie zu Genitalverstümmelung, die am Montag von Ralf Kleindiek, Staatssekretär im Familienministerium und Christa Stolle, Bundesgeschäftsführerin der Frauenrechtsorganisation Terre des femmes, am Internationalen Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung vorgestellt wurde.

25 Prozent der Betroffenen sterben während der Beschneidung

Nach Berichten des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF) sind weltweit in etwa 30 Ländern rund 200 Millionen Frauen und Mädchen von diesem menschenverachtenden Ritual betroffen – 25 Prozent der Betroffenen sterben an dieser Praxis, bei der den Opfern oft mit Glasscherben oder Rasierklingen die äußeren Genitalien teilweise oder ganz entfernt werden.

Wenn sie überleben, leiden die Opfer oft lebenslang an den psychischen und chronischen Schmerzen. Auch Unfruchtbarkeit kann eine Folge sein. „Die weibliche Genitalverstümmelung ist eine schwere Menschenrechtsverletzung. Sie verursacht unfassbare körperliche Qualen und seelisches Leid“, sagte Kleindiek. Die Studie zeige, dass das Thema auch in Deutschland hochaktuell sei – auch vor dem Hintergrund von Flucht und Migration.

Mit Aufklärung, Prävention und Strafverfolgung gegen das Ritual

Danach ist die Zahl der von Genitalverstümmelungen betroffenen Frauen und Mädchen in Deutschland von Ende 2014 bis Mitte 2016 um knapp 30 Prozent gestiegen. Vor allem durch den Zuzug vieler Migrantinnen sei diese Zahl so angestiegen, erklärte Kleindiek.

Die Hauptherkunftsländer sind demnach: Eritrea, Irak, Somalia, Ägypten und Äthiopien. Meist werden die Mädchen im Alter von wenigen Monaten bis hin zu ihrem 18. Geburtstag beschnitten. „Deshalb müssen wir handeln: Mit Aufklärung, Prävention und Strafverfolgung“, machte der Staatssekretär klar.

Ein Bewusstseinswandel müsse passieren

„Wir fordern, dass alle Regierungen weltweit diesen Eingriff in die Unversehrtheit von Mädchen und Frauen gesetzlich verbieten und aktiv bekämpfen“, sagte Stolle. Doch Gesetze alleine reichten nicht aus. Es müsse ein Bewusstseinswandel passieren, damit diese Tradition beendet werde, betonte die Bundesgeschäftsführerin von Terre des femmes. 

Kleindiek sagte, dass die Verstümmelungen von Mädchen und Frauen eher selten in Deutschland durchgeführt werden. Ein Problem seien aber die sogenannten „Ferienbeschneidungen“. Da viele Familien wüssten, dass Genitalverstümmelungen in Deutschland unter Strafe stehen, reisten sie mit ihren Töchtern in ihre Herkunftsländer, um die Verstümmelung vorzunehmen. 

Änderung des Passgesetz geplant

Doch auch das soll jetzt Straftatbestand werden: Um Verstöße auch im Ausland zu erschweren, hat die Bundesregierung im Dezember 2016 eine Änderung des Passgesetzes vorgenommen: Wer so eine Verstümmelung im Ausland vornehmen lässt, dem soll der Entzug des Passes drohen. Der Kabinettsentwurf befindet sich im parlamentarischen Verfahren, das Gesetz soll im Frühjahr in Kraft treten. 

Im vergangenen Jahr hat Terre des femmes in Berlin Frauen ausgebildet, die in afrikanischen Gemeinschaften über die Gefahren weiblicher Genitalverstümmelung aufklären und für das Tabuthema sensibilisieren sollen. Tiranke Diallo ist so eine Multiplikatorin.

Ein Leben voll Schmerz gehört zum Alltag

Sie hat ihre Wurzeln in Guinea, wo 96 Prozent der Frauen sich der grausamen Prozedur unterziehen müssen. Seit 30 Jahren lebt Diallo in Deutschland. Sie sagt, dass viele Frauen nicht mal wüssten, dass es nicht normal sei, sein Leben lang Schmerzen zu haben. „Sie wissen nicht, dass die Genitalverstümmelung, daran schuld ist“, erklärt sie.