Langsam werde ich wütend. Es herrscht Pandemie. Wir haben Corona. Mehr als 50.000 Menschen in Deutschland sind daran gestorben, der größte Teil davon in Altenheimen. Die am meisten durch das Virus gefährdeten Hochrisikogruppen sind und bleiben die Alten und Kranken. Sie haben nicht nur schwerere Krankheitsverläufe, sie sterben auch viel häufiger an Covid-19 als alle anderen. Doch was passiert mit dieser Erkenntnis, die uns seit der ersten Welle vorliegt? Herzlich wenig. 

Weder wurden in diesem Sommer der Vergesslichkeit 2020, der uns in Deutschland ein wenig durchatmen ließ, noch zu einem späteren Zeitpunkt von politischer oder Betreiberseite auch nur irgendwelche sinnvollen Konzepte für die zweite Welle in Heimen ausgearbeitet, welche doch stets vorausgesagt wurde und uns mit noch mehr Wucht erwischt hat als die erste Welle. Erst jetzt, da alle Bürger bundesweit nicht nur mehr mit Stofffetzen vor Mund und Nase unter Menschen gehen sollen, sondern mit medizinischen Masken, ist dies auch für Pflegekräfte in Heimen vorgesehen. Das zeigt deutlich: Wir haben immer noch keine Priorisierung zum Schutz der Hochrisikogruppe, obwohl sie doch so dringend nötig wäre, um das Massensterben in den Heimen zu verhindern.

Dass jetzt gar Soldaten aushelfen müssen, Besucher zu testen, zeigt die Hilflosigkeit einer Hauruck-Aktion, die viel flächendeckender und deutlich früher hätte organisiert werden müssen. Ja, es fehlen Pflegekräfte an allen Ecken und Enden. Aber doch nicht erst seit heute! In vielen Einrichtungen fehlte es schon vor der Pandemie derart an (bedarfsorientiertem Einsatz von) Geld, Zeit und vor allem Personal, dass zu viele Beschäftigte dort nicht mal Gelegenheit fanden, sich zwischen den Verrichtungen die Hände zu waschen. Corona macht nun überdeutlich, welche Auswirkungen dieses Problem auf die gesamte Gesellschaft hat - vor allem aber auf die Alten und Kranken, deren Leben davon abhängt. 

Auch die Fokussierung der Impfpflicht ist nur eine vermeintliche, denn wer wurde - neben den Hausärzten - in den drei priorisierten Impfgruppen gleich ganz vergessen? Nein, es sind nicht die Angestellten in Justizverwaltungsbehörden oder Pharmaunternehmen, solcherlei Berufsgruppen dürfen sich vorrangig impfen lassen. Es sind die Pflegebedürftigen, die zu Hause betreut werden. Sie tauchen in keiner der priorisierten Impfgruppen auf. 

Zwar heißt es auf Nachfrage, diese würden eh geimpft, weil sie in die drei Altersgruppen der über 60- bis über 80-Jährigen fallen würden. Und die Heime, in denen diese Menschen lebten, seien als Erstes dran. Aber das geht völlig an der Realität vorbei. Um es ein für alle Mal in die Köpfe verantwortlicher Politiker zu impfen: Die allermeisten Pflegebedürftigen leben nicht in Heimen! Vier Fünftel der über vier Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause gepflegt! Zum größten Teil von ihren Angehörigen alleine! Und nicht alle Pflegebedürftigen sind alt! Es gibt Menschen jeden Alters mit sehr einschränkenden Krankheiten, die nicht alle in die Liste der Vorerkrankungen fallen, die den Impflisten zugrunde liegt. Von der Politik werden einmal mehr die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen zu Hause alleine gelassen. Und dieses eine Mal ist genau einmal zu viel.

Am 27. Januar hat Corona Geburtstag

Es gab 2020 ständige Diskussionen darüber, wie die Wirtschaft unter Corona leidet, wie Corona-Leugner unter Corona leiden, wie Kinder oder Eltern unter Corona leiden, wie Bordelle oder Riesenradbetreiber unter Corona leiden. All dies kann und soll man diskutieren.

Aber es ist zutiefst beschämend, dass durch unsere Konzentration auf Interessengruppen aller Art die größte Gruppe der Hochrisikopatienten einsam, still und leise und ohne ihre Angehörigen auf Intensivstationen sowie in Altenheimen an diesem Virus verreckt, unter anderem weil ihnen unsere Aufmerksamkeit fehlt. Wir schaffen es nicht, sie zu schützen. Weil wir lieber an alle anderen denken, die nicht eh schon bald sterben würden. 

Am Mittwoch, 27. Januar, hat Corona in Deutschland Geburtstag, vor genau einem Jahr gab es den ersten Ausbruch in Starnberg bei München. Am Mittwoch ist auch der Tag der Befreiung von Auschwitz - und es ist zufällig mein Geburtstag. Bis zu meinem 40. Geburtstag habe ich mich zehn Jahre lang - neben dem Job - zu Hause um meine nach einem Schlaganfall schwerst pflegebedürftige Mutter gekümmert. So gerne ich das getan habe: Ich bin froh für uns beide, dass sie starb, bevor Corona auftauchte – und mit dem Virus die Angst. Ich wünsche mir, für alle anderen Pflegebedürftigen und Angehörigen, nichts anderes zu diesem Geburtstag, als dass die Politik, viele Medien und große Teile der Öffentlichkeit endlich begreifen, wie schlecht es um die Pflege wirklich bestellt ist. Und wie gefährlich das für uns alle ist. Und dass sie darauf dann auch endlich angemessen reagieren.