Berlin - Wer Alex Glesel verstehen will, muss seinen Keller gesehen haben. Zwei große Tiefkühltruhen gibt es da, in denen die Reste gelagert werden, die bei den Mahlzeiten übrig geblieben sind. „Essen wird bei uns nicht weggeworfen“, sagt Alex Glesel. Er sagt es mit dieser melancholisch singenden Stimme, in der sein ganzes schweres Leben mitzuschwingen scheint. Neben den Kühltruhen liegen die Winterkartoffeln. Drei Zentner müssen es mindestens sein. Mit drei Zentnern kann seiner Frau und ihm nichts passieren. Auch etwa vierzig Kilo Zucker sind immer im Haus. „Ich denke ständig, morgen kann was passieren. Und was man hat, das hat man.“

Im Keller lagert auch Sauerkohl in schweren Tongefäßen. Glesel legt ihn mit Meerrettich, Roter Bete, Blättern vom Kirschbaum, Knoblauch und Pfeffer ein. So wie damals im Kinderheim in Sibirien. Jedes Mal, wenn er die Kellertreppe runtersteigt, führt ihn der Geruch des sauren Kohls nach Jurtiska zurück, in dieses verdammte Nest, 700 Kilometer östlich des Urals. Und jedes Mal ist es wie ein Wunder für ihn, dass er nun schon so lange nicht mehr hungern muss. Dass er diesen Keller hat, dieses Paradies, in dem es von allem so viel gibt, dass selbst er keine Angst mehr haben muss.

Es ist ein feuchter Novembertag in Berlin-Buchholz. Draußen steht der Nebel auf der Wiese, und drinnen, im gut geheizten Wohnzimmer seines mit hellbraunen Klinkersteinen gebauten Hauses, legt Alex Glesel die Fotos und Papiere auf den Tisch, die ihm geblieben sind aus dieser Zeit, die heute so seltsam fern zu sein scheint.
Ein Foto zeigt ihn im Februar 1951 in Karaganda, dieser sogenannten Stadt, in der die Menschen noch Jahre nach dem Krieg in Erdhöhlen lebten. Mitten in der kasachischen Steppe lag dieser düstere Ort, den Alexander Solschenizyn einmal als Hauptstadt des „Archipel Gulag“ bezeichnete. Glesel, sechzehn Jahre alt, steht im Schnee, eine Fellmütze auf dem Kopf, an den Füßen Bastschuhe, die mit Tüchern umwickelt sind. Er ist Zwangsarbeiter im Bergbau. Ein Arbeitssklave. Von Karaganda aus wird er im November 1956 endlich nach Berlin reisen dürfen. In die Stadt, die seine Eltern in den Dreißigerjahren verlassen hatten. In eine Heimat, die ihm lange fremd sein wird.

Glaube an die gute Sache

Wenn Alex Glesel erzählt, blicken seine Augen staunend umher, als höre er selbst seine Geschichte zum ersten Mal. Aber vielleicht staunt er nur darüber, dass er das alles nun auf einmal so ganz öffentlich sagen darf. Dass er keine Rücksicht mehr zu nehmen braucht. So viele Jahre lang hat er sein Leben verstecken müssen. Weil das unvorstellbare Grauen, das er im Sowjetreich erlebt hat, so überhaupt nicht zu dem Bild passte, das man sich in der DDR vom großen Bruderstaat zu machen wünschte. Es gab nicht viele Schicksalsgenossen damals. Ein paar Hundert vielleicht. Solche, die wie er als Kind von deutschen Kommunisten in der Sowjetunion aufgewachsen sind. Die wie er den Eltern entrissen wurden. Die in Arbeitslagern überleben mussten und viele Jahre später als jugendliche Wracks nach Deutschland zurückkamen.

Heute nennt man sie die Gulag-Kinder. Sie gehören zu den letzten noch lebenden Augenzeugen der stalinistischen Verbrechen. Ihr Schweigen hat bis jetzt gehalten, obwohl auch die DDR schon lange wieder verschwunden ist. Nun fangen sie an zu sprechen. Es gibt einen Film, der zum ersten Mal ihre Geschichte erzählt und der am Donnerstag im Fernsehen läuft („Im Schatten des Gulag“, RBB, 22.45 Uhr). Dieser Film, sagt Alex Glesel, hat ihm Mut gemacht. Er kann jetzt wieder er selbst sein.
Alex Glesels Geschichte beginnt im Herbst 1931. Zu dieser Zeit beschließen seine Eltern, eine arbeitslose Lehrerin und ein jüdischer Journalist aus Berlin, in die Sowjetunion zu gehen, um dort den Kommunismus mit aufzubauen. Die Eltern sind KPD-Mitglieder und folgen einem Aufruf ihrer Partei, die in diesen Jahren Tausende Genossen in die Sowjetunion schickt, um dort die historische Mission der Arbeiterklasse zu erfüllen. Aus allen Ländern Europas strömen damals die Kommunisten herbei.

Glesels Eltern gelangen auf Umwegen nach Leningrad, wo ihnen ein kleines Zimmer zugewiesen wird, in einem Mietshaus, in dem ausschließlich kommunistische Immigranten wohnen. Die Mutter bekommt eine Dozenten-Stelle an der Leningrader Hochschule für Fremdsprachen. Der Vater arbeitet für einen Verlag, der Bücher in deutscher Sprache veröffentlicht. Das Leben ist nicht leicht zu dieser Zeit in Leningrad. Es gibt kaum Nahrungsmittel. Kleidung oder Möbel sind überhaupt nicht zu haben. Aber schließlich sind sie nicht zum Essen, sondern zum Helfen gekommen. Der Glaube an die gute Sache gibt ihnen Kraft.

Ihr Sohn Alex wird im Juli 1935 geboren. Zu einer Zeit, als sich die Stimmung in Leningrad gerade auf seltsame Weise verändert. Es gibt die ersten Verhaftungen, von Verrätern ist die Rede und von nötigen „Säuberungen“. In ihrem Mietshaus hören die Eltern nachts Stiefel gegen Türen treten. Am nächsten Morgen stehen Zimmer leer, sind ganze Familien verschwunden. Niemand wagt zu fragen, was da eigentlich geschieht. Die Menschen sind vor Angst gelähmt. Alex Glesel ist noch zu klein, um das alles bewusst mitzubekommen. Aber die Angst nistet sich auch in seinem Kinderleben ein. „Ich bin damit groß geworden. Mit dieser Spannung, mit diesem furchtbaren Druck“, sagt er.
In einer Nacht im September 1937 steht ein Kommando des Geheimdienstes vor ihrer Tür. Sie nehmen den Vater mit. Alex Glesel wird ihn nie wiedersehen. Ein paar Wochen später stehen erneut Milizionäre vor der Tür. Die Mutter greift nach ihrem Sohn. Sie will mit ihm aus dem Fenster in den Tod springen. Eine Nachbarin, die gerade zu Besuch ist, hält die Mutter im letzten Moment davon ab. Sie verspricht, sich um Alex zu kümmern. Die Tür springt auf, die Milizionäre stürzen sich auf die Mutter, schleppen sie aus dem Zimmer. Die Mutter wehrt sich, schreit. Dann ist auch sie verschwunden.
Alex Glesel hat keine Erinnerung an diese Nacht. Er war zwei Jahre alt. Erst viel später hat er das alles erzählt bekommen. Wie er auch erst viel später erfahren hat, dass der Vater kurz nach seiner Verhaftung in einem Waldstück in der Nähe von Leningrad erschossen wurde. Er hat oft versucht, sich vorzustellen, wie es wohl gewesen ist. Wie die Mutter blutend aus dem Zimmer geschleift wird. Wie der Vater im Wald den Genickschuss bekommt. Es kann sein, dass solche Bilder noch schlimmer werden, wenn man sie selbst erschaffen muss.

In dem Waldstück, in dem Glesels Vater starb, wurden innerhalb einer Woche 43 000 Menschen von Erschießungskommandos ermordet und verscharrt. Das geht aus den Exekutionslisten des sowjetischen Geheimdienstes NKWD hervor, die später gefunden wurden. Insgesamt wurden neuesten Forschungen zufolge allein in den Jahren 1937 und 1938 in der Sowjetunion etwa drei Millionen unschuldige Menschen auf staatlichen Befehl hin ermordet. Zu den Terroropfern gehören auch etwa dreitausend Deutsche, darunter viele Kommunisten.