Berlin - Ein schlichtes Büro an der Friedrichstraße, ein Bücherregal. Im Rahmen des Porträts von Theodor Mommsen, Altmeister der deutschen Historiker, stecken Erich-Honecker-Bilder. Auf einem betrachtet der SED-Generalsekretär ein Buch, das ihm Werktätige präsentieren. Dazu heißt es: „Bücher machen kluk.“ Die von dem Zeithistoriker Martin Sabrow verfasste Honecker-Biografie macht klug. Im Gespräch mit ihm geht es um die Frage, wie gegenwärtig die DDR noch ist.

Herr Professor Sabrow, Vergangenheit, die noch qualmt, ist keine Geschichte. Stimmt das?

Geschichte ist die Aneignung der Vergangenheit aus dem Blickwinkel der Gegenwart. Das ist ein subjektiver Prozess, der keine letztgültigen Wahrheiten kennt, aber viele Perspektiven. Diese Aneignung geschieht täglich – im kollektiven Gedächtnis durch die Medien, durch Denkmäler, Ausstellungen, Gedenkstätten. Und sie kann sehr individuell erfolgen, etwa durch aufsehenerregende Neudeutung der Vergangenheit durch einen Fachhistoriker, die fachliche oder öffentliche Kontroversen auslöst.

Wenn wir auf die DDR, die Mauer und deren Fall blicken – ist das Geschichte oder qualmende Gegenwart?

Historisierung hat viele Etappen. Sie beginnt schon mit dem Moment, in dem das, was geschieht, geschehen ist, also ein Ereignis unwiderruflich wird. Eine zweite Phase ist erreicht, wenn dieses Ereignis keinen besonderen Einfluss auf die Gegenwart mehr ausübt. Eine dritte Etappe setzt ein, wenn das vergangene Geschehen einer Epoche zugehört, die nicht mehr unsere ist.

1989 ist dafür ein klassisches Beispiel: Von dem Moment an, in dem die Mauer und mit ihr die SED-Diktatur fiel, war alles vorher zur deutschen Zweistaatlichkeit Geschriebene mit einer Patina behaftet, die keine fachhistorische Analysekraft mehr kompensiert. In dem Maße, in dem die DDR-Forschung vor 1989 von der dauerhaften Existenz einer gefestigten DDR mit der Aussicht auf weitere deutsch-deutsche Annäherung ausging, ausgehen musste, wurde ihre Leistung nach 1989 Makulatur. Neben der epochalen Zäsur sorgt auch der schleichende Generationswechsel für die fortschreitende Historisierung: Debattenlager und Deutungskonflikte, die uns einmal wichtig erschienen, verlieren unmerklich ihre Geltungskraft.

Sie spielen keine Rolle mehr?

Wir haben die zweite Phase der Historisierung der DDR durchlaufen. Sie besitzt kaum noch unmittelbare Bedeutung und wahrt ihre nachlassende Gegenwartsbedeutung in immer kleiner werdenden Restmilieus, die nur selten noch – etwa bei der jährlichen Luxemburg-Liebknecht-Demonstration – öffentliche Sichtbarkeit erlangen. Die großen vergangenheitspolitischen Themen sind weitgehend abgearbeitet.

Die Frage, ob man im Zuge der deutsch-deutschen Vereinigung für das Leben in der DDR entschädigt oder bestraft wurde, hat ihre mobilisierende Kraft verloren. Gleiches gilt für die geschichtspolitischen Auseinandersetzungen. Der vor 1989 im Interesse der deutsch-deutschen Annäherung vielfach verhüllte Diktaturcharakter der DDR ist heute allgemein anerkannt. Ebenso steht außer Frage, dass er sich bei allem analytischen Gewinn von totalitarismustheoretischen Vergleichen nicht auf eine Stufe mit der NS-Herrschaft stellen lässt.

War die DDR ein Unrechtsstaat?

Auch diese Frage bringt heute niemanden mehr um seinen Kredit – weder den Fragesteller noch den Antwortgeber. Ich selbst verwende den Begriff allenfalls zur politischen Abgrenzung und Positionsmarkierung, aber nicht als analytische Kategorie. Denn er sucht in moralisierender Weise den vielschichtigen Komplex DDR von der systematischen Verneinung des Rechts her zu begreifen.

Das aber geht in meinen Augen fehl: Die DDR stellt für mich eine kommunistische Parteiherrschaft dar, die ihre Erziehungs- und später auch Fürsorgediktatur ohne Rücksicht und voller Hohn auf normative Rechtsvorstellungen durchzusetzen versuchte, aber überwiegend doch im Interesse einer eigenen Leitidee von materieller Gerechtigkeit – so willkürlich, so menschenverachtend dies auch immer geschah. Deshalb spreche ich lieber vom Ohn-Rechtsstaat als vom Un-Rechtsstaat DDR. Aber das können Sie anders sehen – im Gespräch entfremdet uns das nicht mehr. Das wäre vor fünf oder zehn Jahren anders gewesen.

Waren Mauerbau und Mauerfall so einschneidende Ereignisse, dass sie als Epochenbrüche gelten können?

Der Mauerfall – ja, natürlich. Allerdings stellt er keinen absoluten Epochenbruch dar. Viele Entwicklungen, die uns heute beschäftigen, greifen über Mauerbau und Mauerfall weit hinaus. Das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam zum Beispiel untersucht das Fortbestehen autoritärer Einstellungen in Ostdeutschland, die von der Frühzeit des 20. Jahrhunderts bis in die Jetztzeit überdauert haben. Im Vergleich der einschneidenden Ereignisse bilden 1917/18, 1933 und erst recht 1945 ebenso große oder größere Einschnitte im 20. Jahrhundert und waren ebenfalls keine totalen Zäsuren. Dennoch bildet für die jüngere Zeitgeschichte der Zusammenbruch des kommunistischen Staatensystems in Europa eine essenzielle Wegmarke unseres heutigen Weltverständnisses.

Das Autoritäre, das Sie im Osten be-obachten, hat mit DDR und Mauer nichts zu tun? Womit dann?

Das ist eine noch zu klärende Forschungsfrage, die sich auch aus dem gegenwärtigen zeitgeschichtlichen Perspektivenwechsel ergibt. Wir schauen auf 1989/90 nicht mehr nur als glücklichen Ausgang aus einem im 20. Jahrhundert selbstverschuldeten Unheil, sondern auch als Einflussfaktor auf fortbestehende oder neu entstandene Problemlagen. Wie lässt sich die überraschende Rückkehr von Illiberalismus und Autoritarismus erklären, die sich in Äußerungen wie „Grenzen dicht“ oder „Ausländer raus“ zeigen, aber doch nicht erst in der Migrationskrise der letzten Jahre wurzelt. Sie steckt möglicherweise auch in nur zeitweise überdeckten Traditionsbeständen, die in den geschlosseneren Gesellschaften des sozialistischen Staatengürtels stärker überdauerten als in den offeneren Gesellschaften des Westens.

Warum kommt die Debatte jetzt auf?

Die Historisierung der DDR erlaubt uns, Fragen zu stellen, die nicht nur auf die DDR und die Bundesrepublik fixiert sind, sondern sie in einen größeren zeitlichen und räumlichen Zusammenhang einordnen. Wir wissen, dass die der Bundesrepublik zugeschriebene Fundamental-Liberalisierung, also das erfolgreiche Aufbegehren gegen autoritäre, patriarchale, fremdenfeindliche Einstellungen ohne den Siegeszug der Individualisierung in der DDR nicht stattfinden konnte.

Könnte darin nicht ein Erklärungsansatz unter anderen liegen, um die relativ größere Stärke des rechtspopulistischen Aufbegehrens in den ostdeutschen Ländern zu verstehen? Und hat andererseits die in vierzig Jahren sozialistischer Herrschaft eingeübte Distanz zum Staat nicht vielleicht auch eine fortdauernde Respektlosigkeit gegenüber staatlich repräsentierten Werten genährt, während diese Kluft in der alten Bundesrepublik durch die Integration der „Achtundsechziger“ seit den späten 1970er-Jahren zügig geschlossen wurde?

Ist das Problem ost-spezifisch?

Die Autoritätsfixierung, die anfangs des 20. Jahrhunderts der Handstreich des Hauptmanns von Köpenick vorführte, war ein militaristisches Phänomen der deutschen Gesamtgesellschaft. Es griff im Rheinland nicht anders als in Bayern, in Schleswig-Holstein wie in Mecklenburg. Nur: In der späteren Bundesrepublik – so wäre die These – wurde diese Autoritätsfixierung stärker in Frage gestellt, im weiteren abgelöst oder ins Subkutane abgedrängt. Wie weit solche Erklärungsansätze reichen, muss vorerst offenbleiben. Die AfD hat ihre starken Bastionen nicht nur im Osten, sondern auch in einem Stammland des Liberalismus, in Baden-Württemberg.

Betrachten wir eine aktuelle Debatte: Die Auseinandersetzung um das Holocaustmahnmal war sehr intensiv. Über die Wippe wird eher lustlos gestritten.

Ich habe Respekt vor den andauernden Bemühungen einer nicht kleinen Gruppe von Abgeordneten und gesellschaftlichen Repräsentanten. Aber für mich bleibt das immer wieder engagiert geplante und lustlos aufgenommene Freiheits- und Einheitsdenkmal das falsche Denkmal am falschen Ort. Es schafft mit seinem Wir-Motto, mit seiner Huldigung des alles entscheidenden Mehrheitsprinzips und mit seinem kontaminierten Standort eine politisch-kulturelle Sichtachse, die ich für fatal halte. Zumal mit dem Brandenburger Tor längst ein Erinnerungsort bereitsteht, der wie kein anderer von der gnadenlosen Wucht der Ost-West-Teilung ebenso zeugt wie von ihrer fröhlich-friedlichen Überwindung und vor allem von dem Wechselspiel von Weltoffenheit und bornierter Selbstabschließung, die die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts kennzeichnen.

Wie erklären Sie das rasche Zurücksinken der DDR in die Geschichte gegenüber dem andauernden Interesse an der NS-Geschichte ?

Vor allem aus drei Ursachen: Erstens entwickelte sich die Vergangenheitsaufarbeitung nach 1989 sehr intensiv; die nach 1945 war genau das Gegenteil. Zweitens: Anders als der alle Grenzen sprengende Nationalsozialismus umfasste die DDR in räumlicher Hinsicht immer nur ein Drittel des deutschen Territoriums und auch ihres Gesellschaftsgedächtnisses. Drittens: Die DDR war eine Diktatur, aber sie verursachte kein Menschheitsverbrechen. Der NS-Staat tat es.

Wie wirkte – nach dem Schweigen von 1945 – das Reden nach 1989?

Nicht alle schwiegen nach 1945, auch vor Gericht nicht, und nicht alle äußerten sich nach 1989. Grundsätzlich aber gilt: Der Nationalsozialismus beruhte nicht zuletzt auf rauschhaftem Mitreißen. Der Sozialismus als System beruhte hingegen auf der Idee der Überzeugung. Diese Idee war in hohem Maße Illusion, und wir wissen, was sich hinter ihr verbirgt – Überredung und Zwang. Aber im Selbstverständnis – nicht nur der Herrschenden, sondern auch der Beherrschten – war die geglaubte oder vorgespiegelte, die bekundete und inszenierte Einsicht auf allen Ebenen des politischen Handelns eine essenzielle Kategorie der politischen Legitimation. Die Bereitschaft, aus Überzeugung für eine Sache einzutreten, die einem persönlich nicht zwingend Vorteile, sondern oft nur Nachteile brachte und Opfer abverlangte, ist der kommunistischen Bewegung von ihrem Beginn her eingeschrieben.

Entsprechend ist auch der Wille der 1989 Entmachteten zu lesen, im Nachhinein vom politischen ins autobiografische Fach zu wechseln. Während die NS-Herrschaft in eine Zeit des Schweigens überging, leitete das Ende des Sozialismus in Europa eine Phase ein, in der Rechenschaft abgelegt wurde, gerade auch von den ehemaligen Eliten. Ein bemerkenswert großer Teil von Mitgliedern des letzten Politbüros verfasste Memoiren. So beschönigend sie im einzelnen ausfallen mochten, stellten sie doch im Selbstverständnis ihrer Autoren eine als wahrhaftig und nicht selten unbequem verstandene Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte dar, die den Charakter der Überzeugungsdiktatur oder Konsensdiktatur in der DDR ausmachte.

Ein westdeutscher Spitzendiplomat antwortete mir kürzlich auf die Frage, warum die Ost-Abwicklung so gnadenlos abgelaufen sei: „Man hat uns immer vorgeworfen, mit den Nazis zu gnädig gewesen zu sein. Das wollten wir nicht noch einmal hören.“ Also Überkompensierung?

Die Ausgangsbedingungen waren andere. Der Nationalsozialismus ließ eine verstrickte Gesamtgesellschaft zurück, die DDR-Vergangenheit betraf nur eine Minderheit in der gesamtdeutschen Vereinigungsgesellschaft, und daraus allein ergab sich ein gänzlich anders gelagerter Umgang mit der historischen Belastung. Zudem hat sich der Stellenwert der Vergangenheit in der politischen Kultur fundamental verändert – nach 1945 und bis in die 1970er-Jahre nahm die Hoffnung auf eine bessere Zukunft den Platz ein, den heute die Suche nach einem angemessenen Umgang mit der Vergangenheit innehat.