Hinter den hohen Bergen leben die glücklichsten Menschen der Welt, so erzählt man es sich von Bhutan, dem kleinen Königreich im Himalaya, das von seinen Einwohnern Druk Yul, das Reich des Donnerdrachens, genannt wird. Was wie ein Märchen klingt, ist auch längst nicht Realität für alle, denn Bhutan gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Doch dafür ist das Glück dort Staatsziel: Seit dem Jahr 2008 steht in der Verfassung, dass das Wohlbefinden der Nation Vorrang hat – und nicht ein möglichst rasches Wirtschaftswachstum. „Bruttonationalglück ist wichtiger als Bruttoinlandsprodukt“, so lautet die Parole, die einst der König ausgegeben hat. Damit das keine Utopie bleibt, wurde das Gross National Happiness Centre begründet, eine Kommission, die Fünfjahrpläne in puncto steigender Lebensqualität entwickelt. Geleitet wird sie von Dr. Ha Vinh Tho, der lange Jahre für das Rote Kreuz die Krisenregionen der Welt bereiste und nun mit vorangeht auf einem buddhistische Sonderweg des Fortschritts.

Sie sind quasi der oberste Glücks-Theoretiker des Landes. Werden Sie nicht unweigerlich von allen nach dem Patentrezept zum Glücklichsein gefragt?

Es kommt natürlich drauf an, mit wem man spricht, aber im Allgemeinen verstehen die Menschen unter Glück etwas sehr Oberflächliches. Diese Feel-Good-Erwartung ist allerdings nicht das, was gemeint ist, wenn man von Bruttonationalglück spricht. Das ist etwas Fundamentaleres, keine oberflächliche Emotion à la: Es geht mir gut. Das ändert sich ohnehin dauernd. Schon im Laufe eines einzigen Tages gehen Sie durch gute und weniger gute Momente. Es sind ziemlich oberflächliche Situationen, die diese Veränderung bewirken, innere oder äußere.

Worum geht es dann also, ganz fundamental, beim Bruttonationalglück ?

Erst einmal muss man da genau unterscheiden. Es gibt die äußere Seite, also gesellschaftliches Glück – eine soziale Verantwortung, Bedingungen, die erfüllt werden müssen, damit die Menschen sich in einem Land wohlfühlen. Und es gibt die innere Seite des Glücks. Der Grundgedanke ist, dass Glück eigentlich eine Kompetenz ist. Es kann erlernt werden. Soziale Kompetenz oder emotionale Intelligenz zum Beispiel sind Fähigkeiten, die man sich aneignen kann, die geschult werden können. Beide spielen eine sehr große Rolle bei dem Glück, das wir meinen. Eine neue Studie des Leipziger Max-Planck-Instituts Kognitions- und Neurowissenschaftenüber die Auswirkungen von mentalem Training weist auf die gleichen Tatsachen hin: dass Mitgefühl und Empathie geschult werden können und dass das im Gehirn eine Wirkung hat.

Wenn man eine Glücks-Kompetenz erst entwickeln muss, dann dürfen sich die Deutschen an dieser Stelle vermutlich mal wieder mies fühlen. Das Land schneidet bei internationalen Vergleichen verlässlich schlecht ab: Es geht den Menschen gut, sie leben in Sicherheit, aber es macht sie nicht froh. Warum, glauben Sie, ist das so?

Man weiß es aus vielen Forschungsberichten: Wenn man arm ist, wirkt sich eine Steigerung des Einkommens sehr positiv auf das Wohlbefinden aus. Wenn die Grundbedürfnisse aber einmal erfüllt sind, dann macht eine weitere Steigerung des Einkommens keinen Unterschied mehr. Und man zahlt unter Umständen einen sehr hohen Preis dafür: Man hat keine Zeit mehr, nicht für sich und nicht für die Familie, man fühlt sich gestresst, weil man so viel arbeiten muss, um so viel verdienen zu können, um so viel konsumieren zu können … und so weiter. Der Mensch hat ja nicht nur materielle Bedürfnisse, sondern auch seelische und emotionale Bedürfnisse, er will Zeit verbringen mit denen, die er liebt. In das Bruttosozialprodukt werden solche Komponenten nicht mit einbezogen. Deswegen liegt dem Bruttonationalglück die Idee zugrunde, nicht nur wirtschaftliche Faktoren zu messen, sondern viele andere, die dazu beitragen, dass Menschen sich wohlfühlen.

Uncharmant gesagt: Würde man sich allein auf wirtschaftliche Faktoren beschränken, schnitte Bhutan auch ausgesprochen schlecht ab. Es gehört nach wie vor zu den ärmsten Ländern der Welt, das durchschnittliche Jahreseinkommen liegt bei umgerechnet 2 000 Dollar.

Das stimmt, aber gerade auf dem Land gibt es kaum eine monetäre Wirtschaft. Die Leute haben zum Beispiel alle gute Häuser, aber die kosten eben auch fast nichts. Steine gibt es genug, Holz und Lehm auch, also ist das Baumaterial umsonst. Die ganze Dorfgemeinschaft hilft mit, das Haus zu bauen. Das heißt, es macht finanziell keine große Summe aus, aber die Gebäude sind am Ende sehr schön. Auch das gehört zur Vision des Königs: Das Ziel des Fortschritts ist das Wohlbefinden der Menschen – und aller Lebewesen.

Wie verwirklicht man eine solche Utopie?

Das Bruttonationalglück ruht auf vier Säulen: gerechte wirtschaftliche Entwicklung, Förderung einer guten Regierungsführung, Bewahrung traditioneller und kultureller Werte, Schutz der Umwelt. Im Grundgesetz steht zum Beispiel, dass mindestens 70 Prozent Bhutans bewaldet bleiben müssen.

Aktuell sind es sogar fast 80 Prozent, oder?

Das stimmt, aber 70 Prozent sind ja auch schon sehr viel. Dann hat Bhutan sich offiziell verpflichtet, auf immer CO2 -neutral zu sein, also in der Welt als Kohlenstoffdioxidsenke zu fungieren, die mehr CO2 aufnimmt als abgibt. Und bis zum Jahr 2020 soll alles komplett biologisch sein – das sind starke Intentionen, die Natur zu bewahren. Die Überlegungen, die zum Bruttonationalglück führten, kamen schon in den Siebzigerjahren auf, als Jigme Singye Wangchuck der vierte Drachenkönig Bhutans wurde und wusste, dass er sein Land modernisieren musste. Wie Sie vielleicht wissen, hat er 2006, mit 51 Jahren, freiwillig den Thron für seinen Sohn geräumt und sehr viel von seiner Macht abgegeben. Es gibt mittlerweile die zweite demokratisch gewählte Regierung.

Und der frühere König, erzählte man uns neulich in Bhutan, lebt außerhalb Thimphus in einem Häuschen, nimmt das Fahrrad, wenn er in die Hauptstadt muss, und freut sich seines Lebens?

Das ist tatsächlich so! Sein Haus wird zwar Palast genannt, aber es ist wirklich nur ein kleines Holzhaus.

Wie stellt man nun aber sicher, dass die von ihm imaginierten vier Säulen nicht nur vage, abstrakte und ferne Zielvorgaben sind? Anders ausgedrückt: letztendlich doch idealistische Ideen bleiben?

Die vier Säulen bilden die Grundarchitektur Bhutans. Daran lässt sich nicht ohne Weiteres konkret etwas messen, deswegen gibt es außerdem neun Indikatoren, etwa Gesundheit, Gemeinschaftswesen, Lebensstandard oder Zeitverwendung. Sie werden regelmäßig abgefragt, an sieben- bis achttausend Menschen, also an einem Prozent der Bevölkerung, repräsentativ ausgesucht, nach Geschlecht, Alter, Stadt- oder Landbevölkerung … Die Ergebnisse verwendet die Regierung, um Prioritäten zu setzen.