Provokation am Rande der Zumutbarkeit, Verwirrspiele zwischen Fiktion und Wirklichkeit - das sind die Markenzeichen des Berliner Künstlerkollektivs vom „Zentrum für Politische Schönheit“. Erst im Juni inszenierten sie in Berlin medienwirksam eine Beerdigung zweier Flüchtlinge auf einem Friedhof in Gatow und ließen die Zuschauer fragend zurück. Bekannt wurde das Kollektiv auch durch die Kreuze für die Toten an der Berliner Mauer, die sie im November 2014 als Geiseln nahmen und an die EU-Außengrenze verschleppte.

Nun sorgt das Künstlerkollektiv wieder einmal für Aufsehen. Dieses Mal geht es um nichts weniger als eine 230 Kilometer lange Steinbrücke, die, so behauptet jedenfalls das "Zentrum", gemeinsam mit dem Baukonzern Strabag und den Raiffeisen-Banken zwischen Nordafrika und Europa im Mittelmeer gebaut werden soll, „um das sinnlose Sterben im Mittelmeer ein für alle Mal zu beenden“, wie es einem Imagevideo auf der Homepage der Aktivisten heißt. Baustart soll laut Film im Frühjahr 2017 sein, im Jahr 2030 soll das 230 Milliarden Euro teure „Jahrhundertwerk der Humanität“ fertig sein.

Die Idee der Brücke als „wirksamstes Mittel gegen Schleuser und Schlepper“ stammt aus Österreich – glaubt man jedenfalls dem Film. Sogar der österreichische Flüchtlingskoordinator Christian Konrad kommt aus dem Off pathetisch zu Wort: „Es geht nicht um Großzügigkeit, sondern darum, etwas für uns zu tun, in dem wir etwas für andere tun. Wir können vielleicht nicht die Welt, aber viele Menschenleben retten. Machen wir aus der Festung Europas ein offenes Haus“, heißt es im O-Ton des Kampagnenclips.

Die Jean-Monnet-Brücke – benannt nach Monnet, der als einer der Gründerväter der Europäischen Gemeinschaft gilt - ist natürlich Utopie. Eine Utopie, die wachrütteln soll und natürlich einen traurigen Hintergrund hat: Tausende Flüchtlinge ertrinken jedes Jahr auf der Flucht im Mittelmeer.

1000 Rettungsplattformen

Da den Aktivisten der Bau der Brücke jedoch zu lange dauert, haben sie zeitgleich ein weiteres Projekt ins Leben gerufen: Seit vergangener Woche sammeln die Aktivisten über eine Crowdfunding-Kampagne auf der Seite Indiegogo.com Geld für 1000 Rettungsplattformen, die im Mittelmeer installiert werden sollen. Über 21.000 Euro sind in den vergangenen Tagen von 612 Unterstützern zusammengekommen (Stand: 5.10.2015).

Laut Facebook-Seite der Aktivisten ist der erste Pilot am Sonntag im Mittelmeer verankert worden. „Unser Außenteam meldet ‚Mission geglückt‘“, heißt es am Montagmorgen in einem Posting auf der Facebook-Seite vom „Zentrum der Politischen Schönheit“.

Die Rettungsinsel „Aylan1“ soll mit Positionslichtern, Lebensmittelreserven, Notrufgerät, Photovoltaikmodulen, Fahnenmast, Rettungsringen, Kamera und zwei Ankern ausgestattet sein. Sie soll laut Aktivisten auf der Route der künftigen Brückenführung vor der italienischen Küste verankert worden sein.

Wieder einmal bleibt offen, wie viel Utopie und Wirklichkeit in diesem Projekt steckt. Fakt ist, dass auch dieses Projekt sich erneut klar gegen die Asylpolitik der EU wendet.