Eine Säule, in die Asche von Auschwitzopfern eingegossen worden sein soll, steht vor dem Reichstag. Das Objekt ist Teil eines Kunstwerkes der Künstlergruppe Zentrum für Politische Schönheit.
Foto: dpa/Christophe Gateau

BerlinZwischen Bundestag und Bundeskanzleramt, dort wo einst die Krolloper stand, steht seit Montagmorgen eine 2,5 Meter hohe und vier Tonnen schwere Installation. In deren Mitte befindet sich eine Gedenksäule. Sie enthält einen Bohrkern aus einem der nationalsozialistischen Vernichtungslager. Es sind die Überreste menschlicher Asche. Errichtet wurde die Installation vom Zentrum für Politische Schönheit. Die Künstler sind mehr als zwei Jahre lang einer einzigen Frage nachgegangen: Was geschah mit der Asche aus den Verbrennungsöfen der Vernichtungslager? 

Die Überreste findet man an den Biegungen der Flüsse

Sie ist nicht verschwunden. Sie ist in jedem der ehemaligen Lager zu finden. Die Überreste, die in die Flüsse geworfen wurden, sind an deren Biegungen angeschwemmt worden und dort zu sehen. In der Asche sind kleine Knochenstücke. Diesen Relikten begegnet man überall. Das ist kein Geheimnis. Schüler und Erwachsene haben immer wieder kleine Knochenstücke aus dem Boden der Vernichtungslager als Andenken mitgenommen. Das Zentrum für Politische Schönheit hat sich jetzt erstmals systematisch um die Frage gekümmert: Was geschah nach der Verbrennung mit der Asche? 

Video zur Kunst-Aktion „Sucht nach uns". 

Video: Youtube/Zentrum für Politische Schönheit

Das Ergebnis ist nicht nur das Denkmal und die es begleitende Aktion, sondern auch eine knapp siebzigseitige Broschüre, die über den Umgang mit der Asche der vernichteten Juden und anderer Naziopfer informiert. Den Umgang der Nazis damit und den heutigen Umgang: „Auf den 37 Quadratkilometern des Interessengebiets Auschwitz befinden sich bis heute die Überreste von dort ermordeten Menschen. Dabei handelt es sich um hunderte Tonnen menschlicher Überreste, auf denen die Besucher der Gedenkstätte Auschwitz täglich umherschreiten, die heutigen Anwohner auf den ehemaligen Wirtschaftshöfen des Interessengebiets spazieren gehen und in denen sie in den Flüssen Sola und Weichsel sowie in den Schwimmteichen bei Harmense baden.“ 

Die Künstler des Zentrums haben sich als erste der Aschenreste angenommen, haben versucht aufzuklären, was nach den Verbrennungen von den Vernichteten übrig blieb, nachdem auch noch ihre Überreste zusammengestoßen worden waren. Den Nazis ging es nicht um die Ermordung der Juden. Sie wollten ihre völlige Vernichtung. Es sollte eine Welt ohne Juden geben, eine, in der nichts mehr an Juden erinnerte. Ein wahnsinniges Vorhaben, das scheitern musste. Das Zentrum erklärt: „An 23 Orten in Deutschland, Polen und der Ukraine wurden über 200 Proben genommen. Laboruntersuchungen ergaben in über 70 Prozent Hinweise auf menschliche Überreste. Mitunter lagen Knochen direkt unter der Grasnarbe und ragten metertief in einen Abgrund. Wir fanden Knochenkohle, sedimentierte Asche und menschliche Fragmente in den Flussläufen der Weichsel, Zähne direkt auf Feldern, Knochenreste in allen erdenklichen Körnungsgrößen. Es gibt dort kein Grab, keine letzte Ruhestätte.“ 

Der "Bohrkern" zeigt, was wir hätten sehen können

Der in Berlin zu besichtigende „Bohrkern“ führt uns vor Augen, was wir hätten sehen oder uns hätten denken können. Auschwitz, die systematische Vernichtung, hat Spuren hinterlassen. Oft muss nicht einmal gegraben werden. Die Asche mit Knochenüberresten darin lag und liegt vielerorts vor uns auf dem Boden. Die Nazis benutzten sie zum Dammbau, zur Düngung, als Isolierungs- und Frostschutzmittel und sie warfen sie in die Flüsse. Wir atmen die Asche der Verbrannten ein. Nein, wir in Deutschland tun das nicht. Die Verbrennungsöfen standen nicht hier. Die Nazis schafften die Asche nicht nach Berlin. Das hat jetzt das Zentrum für Politische Schönheit getan. Es konfrontiert uns mit den Taten unserer Großväter und mit unserem gar zu lässigen Umgang mit ihnen.

Die Asche der Vernichteten in der Nähe des Reichstages konfrontiert die Politik und uns mit den Folgen unserer Handlungen oder den Folgen unseres Nichthandelns. Die Krolloper, auf deren ehemaligem Gelände die Installation steht, war der Ort, in den das Parlament nach dem Reichstagsbrand verlegt wurde. Hier wurde der Übergang in die rassistische Diktatur vollzogen. Das Zentrum für Politische Schönheit hilft uns wie schon bei seinen früheren Aktionen mit schmerzhaften Symbolen. Als zum Beispiel die Kreuze der Mauertoten an die europäische Ostgrenze verlegt wurden, oder eine im Mittelmeer ertrunkene Mutter in Berlin beerdigt wurde, ging es darum, uns mit den Verbrechen, die wir heute begehen, zu konfrontieren. 

"Nie wieder Auschwitz" sollte immer die Maxime sein

Die Künstler tun das, weil sie uns in Bewegung setzen wollen. Es geht ihnen darum, dass wir es nicht beim Nachdenken, nicht beim Gedenken belassen. Das meinen sie wohl mit „Gedenken heißt kämpfen“. Die Säule mit den Überresten der Ermordeten schockiert uns. Sie stellt uns ein Stück der Wirklichkeit der Vernichtung vor die Augen. Wir erschrecken. Wenn das Gedenken uns nicht hilft, eine Wiederholung der Verbrechen von damals zu verhindern, ist es ganz und gar sinnlos, nichts als ein überflüssiges Ritual. „Nie wieder Auschwitz“ sollte, daran erinnert uns das Zentrum für Politische Schönheit – diesmal mit der Asche der von unseren Großvätern Verbrannten –, die Maxime unseres Handelns sein. Das Denkmal ist noch bis 7. Dezember zu sehen. Danach erlischt die Genehmigung. Die Säule sollte bleiben. Wir brauchen sie.