„Zentrum für Politische Schönheit“: Wenn Höcke und Jauch auf Schönheit treffen

Man nehme ein neues, quietschgelbes Buch („Wenn nicht wir, wer dann? – Ein politisches Manifest“), eine Handvoll Gäste, diverse Film-Einspieler, einen Moderator, einen kleinen Topf schwarze Schminke, eine Bühne, Besucher (jung), Bier, ein bisschen Pathos, ein bisschen Show, ein bisschen Schönheit und einige, durchaus sehr beachtlich lustige AfD-Witze - und tatarata - schon erhält man die neue Buchvorstellung von Philipp Ruch. Dier ist – laut Selbstbeschreibung – politischer Philosoph, aggressiver Humanist und Chefunterhändler des Berliner Künstlerkollektivs „Zentrum für Politische Schönheit“ (ZPS) – bekannt für provokante Kunstaktionen („Die Toten kommen“).

Ruch tarnt sich an diesem Abend als Günther Jauch, der aus dem Berliner Maxim Gorki Theater eine Sondersendung mit dem Titel „Zur Lage der Nation“ sendet. Das klappt nicht so ganz, die Maskierung fliegt sogleich auf! Schließlich hatte der inzwischen ehemalige ARD-Sonntagstalkmaster nie schwarze Schlieren im Gesicht, die sind allerdings für Mitglieder der ZPS obligatorisch.

So auch an diesem Abend. Das zählt für Ruch, also Jauch, genauso wie für seinen Vorleser, der sich als Ruch ausgibt. Irgendwer muss schließlich vorlesen: Aus einem Buch, das sich um „die letzte verbliebene Utopie“, die „Mitmenschlichkeit“ dreht, das Handlungsanweisung sein soll, das sich an die richtet, „die überzeugt davon sind, dass es auf sie nicht ankommt“, das die „toxischen Ideen“ unserer Zeit vorstellt. Ein intellektuelles Manifest, das Politikern Visions- und Mutlosigkeit, fehlenden „politisch-humanistischen Willen“ und die Abwesenheit von Größe und Schönheit vorwirft.

Bedrückende Filme aus Syrien

Auf dieser Grundlage diskutiert Ruch in Jauch-Manier vor einem inszenierten Studio mit Gästen. Ganz im Sinne der Aufklärung, wie er sagt. Auch Thüringens AfD-Chef Björn Höcke sei geladen. Der komme jedoch später, sagt Ruch.

Es folgen bedrückende Filme aus der zerbombten syrischen Stadt Aleppo, die Kriegsreporter Alexander Buehler aufgenommen hat, und ein Einspieler des Filmemachers („Syrien - ein schwarzes Loch“) Hubertus Koch, der als Fußballmoderator raus aus der Bedeutungslosigkeit wollte und nach Syrien reiste, um einen Film zu machen. „Kein Bild, das ich gemacht habe, kann zeigen, was dort in Syrien abgeht“, sagt er. Zu wenige würden sich empören.

Aiman Mazyek, Vorsitzender vom Zentralrat der Muslime, ist eingeladen („Ich habe den Eindruck, alles wiederholt sich, scheinbar lernt die Welt nicht mehr.“), genauso wie Gorki-Intendantin Shermin Langhoff und Diana Henniges von „Moabit hilft“, die sich für Flüchtlinge engagiert. „Die Gesellschaft spaltet sich“, sagt sie, während im Hintergrund Bilder eines Giftgasanschlags in Syrien laufen.

Björn Höcke wird ausgelacht

Am Ende behält Ruch Recht, Björn Höcke kommt – zumindest im Film. „Er steht vor der Tür des Theaters“, behauptet Ruch. Höckes rechtspopulistischen Zitate, verdichtet in Kurzform, wirken in diesem Moment so absurd, dass man meinen könnte, sie seien Satire. Das Publikum lacht. Es lacht Höcke herzerfrischend und kopfschüttelnd aus.

Es ist ein Abend ganz im Stil des „Zentrums“: Brutale Wirklichkeit vermengt sich mit Kunst, Zynismus mit Show, Gesellschaftskritik mit Philosophie und Politik. Ruch ist Kurator dieser Elemente und zeitgleich Protagonist, verstört und nervt auch mal, verfolgt aber mit seinem unerbittlichen Kampf für mehr Humanismus (und Schönheit!) einen ehrenwerten Plan.