Freiburg - Das Drama dauert fast 14 Stunden. Es hält rund 400 Polizisten und zahlreiche Rettungskräfte eine ganze Nacht in Atem, versetzt ein Industriegebiet in Freiburg in den Ausnahmezustand. Im schmucklosen Schnellimbiss „Grillecke“, an einer stark befahrenen Straße zwischen zwei Supermärkten gelegen, verschanzt sich ein 36 Jahre alter Mann mit zwölf Menschen. Er wird als gefährlich eingestuft, ist angeblich bewaffnet und soll brennbare Flüssigkeiten bei sich haben.

Der Mann droht in gebrochenem Deutsch, „alles in die Luft zu machen“, wie der Freiburger Polizeidirektor Alfred Oschwald ihn später zitiert. Neben dem Imbissbetreiber befinden sich die Frau des Tatverdächtigen und seine fünf Kinder im Alter zwischen sieben und 17 Jahre, sowie mehrere Bekannte in dem Gebäude. Werden sie bedroht?

Am Donnerstagabend gegen 19.00 Uhr beginnt der Nervenkrieg, es endet Freitagfrüh um 08.42 Uhr. Der Familienvater und die anderen Menschen verlassen den Imbiss. Ein Spezialeinsatzkommando der Polizei, ausgerüstet mit kugelsicheren Westen und Helmen, überwältigt den 36-Jährigen und nimmt ihn fest. „Der Imbiss ist leer“, sagt eine Sprecherin wenige Minuten später.

Aufatmen. Die Sanitäter rücken nicht aus. Nur vier Personen verletzen sich bei dem SEK-Einsatz leicht, tragen Schürfwunden davon. Darunter auch der 36-Jährige. Nach der Festnahme plötzlich Sekunden des Schreckens. Aus dem Imbiss strömt starker Gas- und Benzingeruch. Führt der Festgenommene etwas im Schilde? Kurz darauf: Ein zweites mal Aufatmen. Die Polizei findet lediglich zwei leere Benzinkanister. Ob der Geruch daher stammt, ist zunächst unklar.

Die Beamten stellen zudem eine Axt sowie einen Baseballschläger sicher. Schusswaffen werden nicht gefunden. Unbegründet war die Sorge aber nicht. Bei früheren Durchsuchungen bei dem vorbestraften Mann hatte die Polizei schon zweimal Waffen gefunden.

Überhaupt hat die Polizei die Drohung des Familienvaters ernst genommen. Es sieht zu Beginn aus wie ein Geiseldrama, entwickelt sich in der Nacht zunehmend zum Verwirrspiel. Unklar ist zunächst, ob der Mann seine Familie und Bekannte als Geiseln genommen hat, oder ob sie freiwillig im Imbiss ausharren. Die Polizei spricht zunächst von Geiseln, die sich in der Gewalt des Täters befinden, zieht diese Formulierung später aber wieder zurück.

Emotionaler Ausnahmezustand

Der 36-Jährige, so heißt es später auf der Pressekonferenz, sei in einem emotionalen Ausnahmezustand gewesen. „Er war teilweise sehr emotional und verzweifelt, zwischendurch aber immer wieder stabil“, sagt Polizeidirektor Oschwald. Zeitweise soll er den Beamten auch gewalttätig erschienen sein. Experten der Polizei telefonieren immer wieder mit ihm und versuchen auf ihn einzuwirken. Immer wieder wird der Mann laut und reagiert aggressiv. Bis zuletzt gibt es keine Annäherungen in den Gesprächen.

Die Lage wird im Laufe der Nacht immer unübersichtlicher, auch für die Polizei. Das Industriegebiet wird weiträumig abgesperrt. Im Mittelpunkt steht der mit Lichtgirlanden geschmückte Schnellimbiss. Um das Gebäude herum liegen Spezialkräfte der Polizei auf der Lauer, darunter auch Scharfschützen. Was im Inneren vorgeht, weiß außerhalb niemand. Auch die Polizei kann nur rätseln.

Dann, gegen 06.30 Uhr, kommt ein Mann mit erhobenen Händen aus dem Gebäude. Er trägt Jeans und Baseballkappe. SEK-Beamte legen ihm Handschellen an und führen ihn ab. Ein Ende des Dramas scheint in Sicht, doch es kommt anders. Wenig später stellt die Polizei fest, dass der Mann nicht der Täter ist, sondern ein Unterstützer. Der 36-Jährige ist weiter im Gebäude.

Die Angst vor dem Gefängnis als Motiv?

Es treffen immer mehr Spezialkräfte der Polizei ein. Der Rettungsdienst errichtet auf dem Parkplatz eines benachbarten Baumarkts eine mobile Sanitätsstation, in der mögliche Verletzte sofort medizinisch versorgt werden können. 85 Sanitätshelfer und acht Notärzte sind vor Ort. Dann stellt sich der Mann, verlässt freiwillig den Imbiss.
Ein mögliches Motiv für die Tat könnte die Angst vor dem Gefängnis gewesen sein. Seine Forderung: Ein Staatsanwalt soll eine Bescheinigung unterschreiben, in der dem Tatverdächtigen versichert wird, nicht hinter Gitter zu müssen. „Dem sind wir natürlich nachgekommen“, sagte Oberstaatsanwalt Wolfgang Maier am Nachmittag. Die Bescheinigung sei aber nichts wert gewesen. (dpa)