Amsterdam bei Dämmerung. (Symbolbild)
Foto: picture alliance / Jochen Tack

AmsterdamSeit Dienstag  ist freies Reisen innerhalb Europas wieder möglich – bis auf ein paar Ausnahmen. Ich wollte allerdings ein paar Tage zu früh aus Berlin fort, zur Familie nach Paris, hatte also viele Gründe, aber zu wenig Dokumente. Ich gebe es zu: Ich war zu locker gewesen und habe gedacht: Demnächst werden die Grenzen doch sowieso wieder geöffnet, da macht es doch keinen Unterschied, da kann ich doch schon vorher weg, besonders, wenn der Flug so günstig ist. Es machte aber doch einen Unterschied.

Beim Umsteigen in Amsterdam-Schiphol genügte dem Bodenpersonal mein Pass nicht, auch nicht die ausgedruckten Formulare der französischen Botschaft, auf denen ich den Reisegrund angekreuzt hatte: Familie. Zudem hatte ich versichert, aktuell nicht an Corona zu leiden. Deswegen litt ich dann aber doch an Corona, denn man ließ mich nicht an Bord des Flugzeuges nach Paris.

Von der Passagierliste gestrichen

Es ging sehr schnell, noch ehe ich Telefonate führen, Beweise erbringen oder Diskussionen anzetteln konnte, war das Gate geschlossen und ich von der Passagierliste gestrichen. Ich fand mich allein auf dem nun plötzlich menschenleeren Riesenflughafen wieder. Ich war gestrandet. Hatte es da nicht mal irgendwann einen Film mit Tom Hanks in einer ähnlichen Situation gegeben? Mir fiel der Titel nicht ein, überhaupt war Denken gerade schwer. „Was würde ein normaler Mensch in dieser Situation tun?“, fragte ich mich. Aber ein normaler Mensch wäre doch gar nicht in diese Situation gekommen.

War es überhaupt eine Situation? War ich wirklich hier, mit leerem Handyakku, ohne Plan? Wie waren die niederländischen Corona-Regeln? Würde man mich verhaften und in Quarantäne stecken, wenn ich den Flughafen verließe? Man tat es nicht. Ich konnte einfach durchgehen und zum Bahnhof fahren. Dort wurde mir ernsthaft davon abgeraten, die Einreise nach Frankreich mit dem Zug zu versuchen. Im Falle einer strengen Kontrolle könne Bußgeld oder sogar eine Haftstrafe drohen!

Zugticket für die Rückreise nach Berlin

Ich hatte für diesen Tag genug Aufregung erlebt und erwarb ein Zugticket für die Rückreise nach Berlin. Bis zur Abfahrt hatte ich noch ein paar Stunden Zeit. Ich beschloss, düstere Grübeleien über mein Scheitern, auf später zu verschieben. Als ich aus dem Bahnhofsgebäude trat, durchbrach die Sonne den bis dahin trüben Himmel. Ich ging im Sonnenschein in Amsterdam spazieren, bald wagte ich es sogar, meine Maske abzunehmen. Ich war high und das, ganz ohne einen Coffeeshop aufgesucht zu haben.

Mir war, als sei ich in die Zukunft gereist, alle Grenzen noch geschlossen, aber für mich schon auf. Aber auch in die Vergangenheit, denn ich war ja nicht das erste Mal hier. Später, im ICE leuchtete es blau auf der Anzeigetafel: „Berlin-Ostbahnhof“ und selten war ich so froh, nach Hause zurückfahren zu können und so unglücklich zugleich, mein Ziel nicht erreicht zu haben.