Berlin - Nach anfänglichen Schwierigkeiten hat sich das Impfen gegen das Coronavirus in Berlin eingespielt. Laut Robert-Koch-Institut wurden in den Impfzentren der Stadt sowie von den mobilen Teams 189.170 Personen geimpft – mehr als 63.000 davon haben schon einen zweiten Piks erhalten. Insgesamt fast 137.000 dieser Impfungen gingen demnach an Berliner von 80 Jahren oder älter. Den Rest erhielten Personen, die aus beruflichen oder medizinischen Gründen geimpft wurden. Doch wer verbirgt sich im Einzelnen darunter? Und was passiert mit den Impfdosen, die zu Feierabend in den Impfzentren geöffnet übrig bleiben? Zum Wegwerfen sind sie nicht nur wegen der anhaltenden Knappheit zu schade. Doch die Zeit ist knapp. Ausgerechnet das gängigste Vakzin, das hochempfindliche Präparat von Biontech/Pfizer, muss binnen weniger Stunden nach Öffnung verimpft sein.

Wegwerfen ist Unsinn

Die Antwort der Senatsgesundheitsverwaltung fällt entsprechend eindeutig aus. „Verfallen lassen ist keine Alternative. Das wäre Unsinn. In Berlin soll durch genaue Planung und Durchführung möglichst ein Überschuss an Impfdosen vermieden werden“, sagte Moritz Quiske, Pressesprecher von Senatorin Dilek Kalayci (SPD), am Freitag auf Anfrage der Berliner Zeitung. Die Betonung liegt in diesem Fall auf „soll“. Das weiß auch Kalaycis Sprecher. Deshalb sagt er: Sollte dennoch ein Rest übrig bleiben – etwa, weil Impflinge Termine verfallen ließen – „wird der im Kontext der Corona-Impfzentren und der mobilem Impfteams Mitarbeitenden verimpft“. Es werde dabei streng „entlang der Öffnungsklausel der Impf-Priorisierung nach unten skaliert“ geimpft.

Doch von wem ist da konkret die Rede? Wer sind die „im Kontext der Impfzentren und der mobilen Teams Mitarbeitenden“? Regina Kneiding vom Deutschen Roten Kreuz, das die Impfzentren betreibt, sagt, dass  „ausschließlich Mitarbeiter der Impfzentren“ nicht aufgebrauchte Impfdosen erhalten.

Doch dabei bleibt es nicht immer. So sei von Anfang an klar gewesen, dass man in solchen Fällen auch nahe liegenden Polizeistationen oder Feuerwachen Angebote mache, sagt Kalaycis Sprecher Quiske. Schließlich stünden auch Polizisten und Feuerwehrleute weit oben in der Priorisierungsliste.

Nach Informationen der Berliner Zeitung kursieren in Polizeidienststellen Listen, in denen sich impfwillige Polizisten eintragen können. Quiske selbst kennt solche Listen nach eigenen Worten nicht, hält sie aber für vernünftig, wie er sagt, schließlich sei auf diese Weise gewährleistet, dass die Impfwilligen auch tatsächlich rasch zum Impfen kommen könnten, ehe die Dosis vernichtet werden müsste. Tatsächlich rede man in Berlin jedoch über „sehr, sehr wenige“ solcher Fälle, so Quiske.

Berichte über Impfdrängler

Anderswo in der Republik ist man offenbar auch schon freizügiger mit dem edlen Stoff umgegangen. So häufen sich seit Tagen Medienberichte, wonach sich deutschlandweit Lokalpolitiker, Landräte und Kirchenvertreter aus der dritten oder sogar vierten Prioritätengruppe haben impfen lassen. In neun Bundesländern soll es solche Unregelmäßigkeiten gegeben haben.

Jetzt will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Bundesländer ins Gebet nehmen. Zwar sei es wichtig, in Zeiten absoluter Knappheit keinen Impfstoff wegzuwerfen, doch die Impfreihenfolge müsse dabei eingehalten werden. „Für diese Situation muss man Regeln haben“, sagte der CDU-Politiker am Freitag vor der Bundespressekonferenz. So sollen die Impfzentren und Ärzte beispielsweise – wie in Berlin – mit Feuerwehrleuten und Polizeistationen Verabredungen treffen, um übrig gebliebene Impfungen zu verteilen. Er wolle jetzt mit den Ländern sprechen, um auch diesen Bereich „durchzuverrechtlichen“.

Spahn prüft Sanktionen

Für Spahn ist es im Übrigen eine „Frage politischer Klugheit“, ob sich Politiker und andere Funktionäre an die Impfverordnung halten. Auch Sanktionen für Vordrängler sollen geprüft werden. Die ertappten Bürgermeister und Landräte gaben jeweils an, nur mit Impfstoff geimpft worden zu sein, der übrig geblieben war und für den kurzfristig keine andere Person aus der vorderen Prioritätengruppe zur Verfügung gestanden hätte.

Insgesamt bleibt das flächendeckende Impfen aber ohnehin ein mühsames Geschäft. So wurden bis Freitag in ganz Deutschland 3,8 Millionen Impfungen verabreicht. Damit sind drei Prozent der Bevölkerung geimpft worden, 1,5 Prozent haben bereits beide Impfungen erhalten. Bisher seien 5,7 Millionen Impfdosen ausgeliefert worden, meldet das Robert-Koch-Institut, bis zum Ende der kommenden Woche sollen es acht Millionen sein.