Wie kann man mehr Frauen für die politische Arbeit begeistern? Das ist eine Frage, die fast alle Parteien beschäftigt. Besonders für die FDP, die sich gern als offen und modern darstellen will, ist der Frauenmangel ein Problem. Nur 22 Prozent der Mitglieder sind weiblich, niedrigere Werte haben nur CSU und AfD. Unter den Neueintritten sind sogar nur 18 Prozent Frauen. Parteichef Christian Lindner hat das Problem offenbar inzwischen erkannt und will jetzt mit einer Neupositionierung Frauen für seine Partei begeistern.

Auf dem an diesem Freitag beginnenden Bundesparteitag in Berlin wird ein 16 Seiten langer Antrag zur Frauen- und Familienpolitik vom Bundesvorstand eingebracht – ein quasi historischer Moment. Das letzte große Papier zur Frauen- und Familienpolitik der Partei stammt aus dem Jahr 1986.

Der Antrag, der maßgeblich von einem Team um die Berliner Abgeordnete Maren Jasper-Winter erarbeitet wurde, trägt den Titel „Freiheit durch Emanzipation“ und enthält konkrete Maßnahmen wie das Recht auf Home Office, die Einführung eines Midlife-Bafögs und die Abschaffung der Lohnlücke zwischen Männern und Frauen.

„Die Themen, die wir in dem Antrag gebündelt haben, sind uns sehr wichtig. Wir zeigen damit, dass wir den Bedarf sehen, uns umfassend in dem Themenfeld zu positionieren. Es sind keine speziellen Frauenthemen: Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Wahlfreiheit zwischen vielfältigen Lebensentwürfen und angemessene Bezahlung gehen alle an“, sagte die designierte Generalsekretärin Linda Teuteberg.

Studien zeigen: Väter, die mehr als zwei Monate Auszeit nehmen, engagieren sich stärker im Haushalt 

So sollen Unternehmen mit über fünfhundert Mitarbeitern künftig verpflichtet werden, die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen offenzulegen. Frauen verdienen im Schnitt 21 Prozent weniger als Männer, rechnet man Faktoren wie Teilzeitarbeit und unterschiedliche Berufszweige heraus, dann bleiben immer noch sechs Prozent.

Außerdem soll es Berufstätigen einfacher gemacht werden, sich die Arbeitszeit freier einzuteilen. Unter anderem durch Tätigkeit im Home Office. „Nicht der Wunsch nach Home Office soll begründungswürdig sein, sondern die Ablehnung desselben“, heißt es in dem Antrag.

Außerdem schlagen die Autoren des Antrags eine Erhöhung der Vätermonate bei der Elternzeit vor. So soll der Rechtsanspruch auf Partnermonate für das Elternteil, das weniger Elternzeit nimmt, von bisher zwei auf drei Monate erhöht werden. Studien haben gezeigt, dass Väter, die mehr als die üblichen zwei Monate Auszeit nehmen, sich auch später stärker bei der Erziehung und im Haushalt engagieren.

Mehr Frauen sollen in Ämter gebracht werden 

Einige der Vorschläge dürften auf dem Parteitag für Diskussionen und Widerspruch sorgen. Die ganz heiklen Fragen, wie eine mögliche Abschaffung des Ehegattensplittings, das die Alleinverdiener-Ehe fördert, wurden aber schon im Vorfeld ausgeklammert. „Das ist ein sehr strittiges Thema bei uns“, heißt es aus dem Vorstand.

"Wir wollen uns bei dem Thema Familien- und Frauenpolitik deutlich positionieren“, sagte Parteivize Katja Suding der Berliner Zeitung. Bei einigen Themen sei man noch in der Meinungsbildung. Ihr ist besonders das lebenslange Lernen mit dem Midlife-Bafög ein Anliegen: „Es soll finanziell ermöglichen, dass man sich im Laufe des Lebens weiterbilden oder sogar einen neuen Beruf erlernen kann“, sagte sie. 

Um den Frauenanteil in den eigenen Reihen zu erhöhen, will die FDP mit den Landes- und Kreisverbänden Zielvereinbarungen abschließen, um mehr Frauen in Ämter zu bringen.