Der Zug fährt vor der malerischen Kulisse von Kapstadt: Zum Glück sind hier noch die Oberleitungen intakt.
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Berlin Zugfahrten gehören zum Schönsten, was Afrika zu bieten hat. Gemütliches Reisen durch endlose Savannenlandschaften, bizarre Berglandschaften und Tierreservate – oft in Waggons aus der Kolonialzeit, in denen man tagsüber die Fenster offenlassen und nachts das Haupt auf Daunenkissen legen kann. Südafrikas „Blue Train“ ist auf diese Art berühmt geworden: Für weniger gut Betuchte verkehrt auf derselben Strecke zwischen Pretoria und Kapstadt der „Shosholoza Meyl“, in dessen Speise- und Liegewagen die rund 30 Stunden lange Fahrt auch nicht zu verachten war.

Früher einmal. Inzwischen kann man froh sein, sein Ziel nach drei Tagen zu erreichen. Stundenlange Unterbrechungen, die auf geklaute Kabel oder gebrochene Achsen zurückzuführen sind, gehören mittlerweile zum Fahrplan: Kürzlich kamen in Kapstadt mehrere hundert Fahrgäste mit dem Bus an, die eigentlich 30 Stunden vorher auf den Schienen angerollt sein sollten. Was sie erzählten, erschütterte selbst Hartgesottene: Ihre Lok war mitten in der Karoo-Halbwüste zusammengebrochen, eine Ersatzlok blieb ebenfalls stecken.

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Während der eintägigen Wartezeit ging im Speisewagen neben dem Essen auch das Wasser aus, die Schaffner schlossen die Toiletten ab, nachdem sie in die Waggons übergelaufen waren. „Der Gestank war unerträglich“, erzählt Zak Benjamin, der mit seiner über 80-jährigen herzkranken Mutter unterwegs war. Was er sonst noch sagte, muss in südafrikanischen Zeitungen mit *** wiedergegeben werden. „Einer der Vorfälle, für die man nicht planen kann“, kommentierte Daisy Daniel – obwohl für die Bahn-Sprecherin derartige Pannen längst nicht mehr ungewöhnlich sind.

Qualität lässt zu Wünschen übrig

Südafrikas einst weltweit bewunderte Eisenbahnen kommen aus den Horrormeldungen nicht mehr heraus: Ihre Züge prallen aufeinander, weil das verrottete Signalsystem versagt hat; ihre Schnellzüge bleiben stehen, weil jemand die Oberleitung geklaut hat; ihre Waggons werden von wütenden Passagieren angezündet, weil sie wieder einmal Stunden zu spät zur Arbeit kamen und ihren Job verloren. Auf diese Weise wurde die Hälfte aller Nahverkehrswaggons in Kapstadt ruiniert.

Die Qualität des Services sei wie die Zufriedenheit der Fahrgäste auf einem Tiefpunkt angelangt, räumte die „Passenger Rail Agency of South Africa“ (Prasa) in ihrem Jahresbericht ein: Und das war 2018, noch bevor der Schienenverkehr erst so richtig in den Keller gestürzte. Die Misere begann ausgerechnet mit Investitionen in Milliardenhöhe, die die vorige Regierung unter Präsident Jacob Zuma in den Schienentransport fließen ließ.

Statt der Aufrüstung der alternden Infrastruktur zugute zu kommen, flossen die Gelder jedoch weitgehend in die Taschen inkompetenter und korrupter Generaldirektoren oder Aufsichtsräte: Sie sahnten Millionenbeträge durch halbseidene Beraterverträge ab und bestellten unter anderem über 50 neue Lokomotiven für umgerechnet 220 Millionen Euro, die sich für das südafrikanische Netz als zu hoch herausstellten.

Es könnte so schön sein: Aussichtswagen des Rovos-Rail-Luxuszuges.
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Die beste Wahl für Pendler

Derzeit ermittelt die Polizei gegen 41 Manager des Schienenkonzerns, der Rechnungshof machte allein im Jahr 2018 irreguläre Ausgaben in Höhe von 1,7 Milliarden Euro aus. Für die Zeche kommen – wie im Fall des gleichermaßen zugrunde gerichteten staatlichen Stromkonzerns Eskom – die Steuerzahler auf: Im vergangenen Haushaltsjahr musste Prasa mit 230 Millionen Euro vor dem Totalkollaps gerettet werden.

Der Nahverkehr auf Schienen wird traditionell von ärmeren Schwarzen genutzt: Für Millionen an Pendlern ist das der preiswerteste Weg, um in die Stadtzentren zu kommen. Oder auch nicht. Immer häufiger passiert es, dass Pendler für die rund 30 Kilometer lange Strecke von Johannesburg nach Soweto mehr als vier Stunden brauchen – manche Strecken sind seit Monaten auch ganz stillgelegt, weil Kabeldiebe die Oberleitung gestohlen haben.

Im Wahlkampf im März des vergangenen Jahres wollte Präsident Cyril Ramaphosa seine Solidarität mit den geschundenen Pendlern bekunden: Der Zug, der ihn vor den Linsen zahlreiche TV-Crews von Mabopane in die 50 Kilometer entfernte Hauptstadt Pretoria bringen sollte, brauchte statt 45 Minuten über vier Stunden. Erzürnt kündigte der Staatschef „rollende Köpfe“ an: Doch die Waggons hat er selbst ein Jahr später noch nicht zum Rollen gebracht.