BerlinVerwandtenbesuche über die Feiertage sollen auch in diesem Jahr möglich sein – wenn auch in kleinerem Kreis. Und obwohl Bund und Länder an die Bevölkerung appellieren, auf Fernreisen möglichst zu verzichten, ist davon auszugehen, dass sich Ende Dezember doch mehr Menschen als in den letzten Wochen auf den Weg machen werden, um über die Weihnachtstage mit ihren Angehörigen zusammen zu sein.

Viele von ihnen sind dabei auf die Bahn angewiesen. Allerdings hinterlassen Zugreisen dieser Tage immer ein mulmiges Gefühl, besonders, da der coronabedingte Sicherheitsabstand – zumal in der zweiten Klasse – bisher nicht in jedem Fall eingehalten werden konnte.

In der Vergangenheit weigerte man sich bei der Bahn, in der zweiten Wagenklasse Plätze zu blocken, um einen Mindestabstand zu gewährleisten. Das sei nicht wirtschaftlich, hieß es. Zuletzt hatte eine Regelung, dass Bundesbeschäftigte in Corona-Zeiten kostenlos einen zweiten Sitzplatz dazubuchen können, für Empörung gesorgt. Mehrere Ministerien hatten seitdem erklärt, keinen Gebrauch von der Sonderregel gemacht zu haben, die inzwischen ausgesetzt wurde.

Vonseiten der Bahn hatte man ohnehin stets betont, dass eine Ansteckung im Zug unwahrscheinlich sei. So findet nach Unternehmensangaben in einem ICE alle sieben Minuten ein vollständiger Luftaustausch statt. Auch die Frischluftzufuhr liege über der in den meisten Gebäuden. Ersten Erkenntnissen einer Studie der Berliner Charité zufolge konnte bisher tatsächlich kein erhöhtes Ansteckungsrisiko beim Bahnfahren festgestellt werden.

Für die Weihnachtstage trifft die Bahn dennoch weitere Vorkehrungen. So sind derzeit auch in der zweiten Klasse grundsätzlich nur noch die Fensterplätze buchbar. Die Gangplätze wiederum dürfen, anders als im Fernverkehr sonst üblich, laut Kundenservice der Bahn auch wirklich nicht mehr besetzt werden – es sei denn, mehrere Fahrgäste reisen zusammen. Für letzteren Fall gibt es entsprechende Buchungsmöglichkeiten. Bei Sitzgruppen mit Tisch sollen nur noch die diagonal gegenüberliegenden Sitzplätze reserviert werden können.

Gleichzeitig soll die Sitzplatzkapazität deutlich erweitert werden. Zum Teil ist das auch schon geschehen: Schon zum Fahrplanwechsel Mitte Dezember will die Bahn deutlich mehr Fernverkehrszüge anbieten – mit täglich 13.000 zusätzlichen Sitzplätzen.

Der Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), Klaus-Dieter Hommel, kritisierte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur die Maßnahme, bestimmte Plätze von der Reservierbarkeit auszunehmen. „Das führt zu einer Mehrbelastung für die Beschäftigten, denn die müssen es durchsetzen.“ Vor einer Reservierungspflicht warnte Hommel explizit. „Das würde dazu führen, dass der Fernverkehr nicht mehr handlebar ist“, sagte er der dpa.

Eine Reservierungspflicht soll es nach dem Willen der Bahn zunächst aber ohnehin nicht geben. Damit würde das Sitzplatzangebot im Fernverkehr auf ein Viertel verknappt, heißt es in einer Erklärung des Unternehmens von Anfang November. „Damit käme das Bahnsystem auf vielen Verbindungen bereits heute – bei deutlich geringerer Auslastung – an seine Grenze und wäre von einem stabilen Grundangebot weit entfernt.“

Die Corona-Krise hat die Lage des Konzerns ohnehin verschärft. Für das laufende Jahr rechnet die Bahn mit einem Rekordverlust von 5,6 Milliarden Euro, wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ unter Berufung auf Unterlagen für die Aufsichtsratssitzung am 9. Dezember berichtet. Die Fernzüge seien zurzeit im Schnitt nur noch zu 20 Prozent ausgelastet, die Regionalzüge zu 55 bis 60 Prozent.

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