Berlin - Am Morgen, an dem er Kandidat wird, hat Frank-Walter Steinmeier erst einmal anderes  zu tun. In Brüssel treffen sich die EU-Außenminister, am Abend vorher wurde bereits über die Konsequenzen aus dem Sieg von Donald Trump bei den US-Präsidentschaftswahlen beraten. Es war ein Krisengespräch, es mag geholfen haben, die Nervosität zu überdecken.

Schon vor Wochen hatte SPD-Chef Sigmar Gabriel den Mann fürs höchste Amt im Staat vorgeschlagen, der die Beliebtheitsumfragen anführt. Die hohe Zustimmung liegt wohl nicht nur an der Person: Außenminister sind meistens beliebt, weil sie diplomatisch über dem Parteienhickhack schweben. Steinmeier tritt darüber hinaus meist freundlich und zurückhaltend auf. Beides passt für ein Amt, das überparteilich geführt werden sollte.

Als Kanzlerkandidat im Wahlkampf 2009 legte Steinmeier seine Freundlichkeit etwas ab. Er schaltete in den Angriffsmodus, überzeugt hat das nicht viele. Er verlor gegen die Amtsinhaberin Angela Merkel. In der ersten Reihe blieb er dennoch, als Chef der SPD-Bundestagsfraktion und damit Oppositionsführer.

Lange galt Steinmeier mehr als Bürokrat, denn als Politiker

Dabei hatte der Jurist lange eher als Mann des Hintergrunds gegolten, mehr als Bürokrat, denn als Politiker. Der heute 60-Jährige aus dem nordrhein-westfälischen Örtchen Brakelsiek, der eigentlich mal Journalist oder Architekt werden wollte, kam nach der Universität in die niedersächsische Staatskanzlei und wurde dort bald engster Mitarbeiter des Ministerpräsidenten Gerhard Schröder, zuletzt als Chef der Staatskanzlei. Er folgte seinem Chef, als der 1998 Bundeskanzler wurde, nach Bonn und dann Berlin.

Der zog dort zunächst den Strippenzieher Bodo Hombach als Kanzleramtschef vor, Steinmeier wurde Staatssekretär. Hombach erwies sich als Fehlbesetzung, 1999 übernahm Steinmeier seinen Job. Weil er in dieser Funktion die Sozialreformen der Agenda 2010 mit initiierte, hat sich die Linkspartei mittlerweile darauf festgelegt, ihn in der Bundesversammlung nicht zu unterstützen. Im Kanzleramt agierte Steinmeier im Stillen, deutlich weniger öffentlich als etwa seine Nachfolger Thomas de Maizière und Peter Altmaier.

Bald auf Augenhöhe mit Donald Trump

Und er blieb auch, als Schröder nach seiner Wahlniederlage 2005 gehen musste. Im ersten Kabinett Merkel rückte Steinmeier in die erste Reihe, als Außenminister, zwei Jahre später übernahm er von SPD-Chef Franz Müntefering zudem den Posten des Vizekanzlers. Seit seiner Kanzlerkandidatur 2009 vertritt er den Wahlkreis Brandenburg (Havel)/Potsdam-Mittelmark I.

Im Lebenslauf auf seiner Internet-Seite beschreibt der mit der Verwaltungsrichterin Elke Büdenbender verheiratete Steinmeier seine fußballerischen Fähigkeiten als Kind: „Nicht der begnadete Filigrantechniker, dafür großes Kämpferherz und langen Atem, und ein solider Teamspieler“. Er fügt hinzu: „Das bin ich heute noch.“

Die Außenpolitik wird ihn wohl nicht loslassen. Den US-Präsident Donald Trump, den er im Wahlkampf überraschend undiplomatisch als „Hassprediger“ kritisierte, wird er künftig vom Amt her auf Augenhöhe begegnen. Mag sein, dass ihn das gereizt hat.