Dumm gelaufen für den berühmtesten Erpel der Welt. Neun Wochen, vier Tage und drei Stunden wandert er in den Bau. Seine Vergehen: Verhöhnung einer Amtsperson, Missbrauch eines Hydranten, Brandstiftung, Versicherungsbetrug. Kann passieren, wenn man versucht, das eigene Haus abzufackeln.

Donald Duck, der bauernschlaue

Doch so kennen wir ihn: Donald Duck, den Entenmann aus Entenhausen. Misanthropisch, bauernschlau und stets in Gefahr, sich selber in den Bürzel zu schießen. 50 Jahre ist es her, seit er im Mustergefängnis seine neun Wochen, vier Tage und drei Stunden absitzen und sich von einem fiesen Aufseher – zack! – in den federweißen Hintern treten lassen musste. 50 Jahre, in denen Donald und die Seinen Hunderte von Abenteuern bestehen – und der Held aller Helden nicht schlauer wird.

500. Band aus Entenhausen

Der Kerl mit den Entenfüßen und den übergroßen Augen ist der unbestrittene Star einer Buchreihe des Egmont Ehapa Media Verlags, die vor einem halben Jahrhundert an den Start ging: „Walt Disneys lustige Taschenbücher“ (LTB). So hießen die Bände damals. 18,8 Zentimeter hoch, 12,5 Zentimeter breit, 1,5 Zentimeter dick. Verkaufspreis: 2,50 D-Mark. An diesem Dienstag erscheint der 500. Band der Erfolgsserie. Abmessung und Seitenzahl sind geblieben; der Wechsel von zwei schwarz-weißen und zwei farbigen Seiten wurde 1987 gekippt, ebenso der Titel der ersten Stunde. Seit 30 Jahren, genauer: seit dem LTB Nummer 119 „Fern von Entenhausen“, sind alle 254 Seiten der Bücher knallbunt. Und aus den „Lustigen Taschenbüchern“ wurde ganz bescheiden das „Lustige Taschenbuch“.

Italienische Wurzeln

Die Protagonisten – freu! – sind die gleichen geblieben: Donald und sein Onkel Dagobert Duck. Die Neffen Tick, Trick und Track. Daisy, Donalds platonische Dauerfreundin. Die in diesem Jahr übrigens ihren 80. Geburtstag feierte. Goofy, der Hund mit den Schlabberohren. Die Panzerknacker. Der Erfinder Daniel Düsentrieb. Und natürlich Micky Maus, der Mäuserich mit den guten Manieren.

Mehreren Hundert Millionen Exemplare

50 Jahre nach dem Start bringt es die Bande aus Entenhausen auf eine Gesamtauflage von mehreren Hundert Millionen Exemplaren. Eine Bilanz, die Dagobert Duck, den stolzen Besitzer von 29 Fantastillionen, 42 Quadrillionen, 87 Billionen, 978 Milliarden, 313 Millionen, 461356 Taler und 18 Kreuzern, vermutlich vor Neid erblassen ließe.

Die Erfolgsgeschichte der Endlos-Saga aus Entenhausen beginnt am 1. Oktober 1967 mit dem Band „Der Kolumbusfalter und andere Abenteuer“. Die vier Stories samt einer kurzen Vorgeschichte – eben jener, in der Donald im Gefängnis landet – sind allesamt Importe aus Italien. Bis heute stammt ein Großteil der LTB-Geschichten aus italienischer Produktion. Den Rest liefert die Disney-Redaktion des dänischen Egmont Verlags zu.

Italien produziert eigene Disney-Comics

Italien produziert seit 1932 eigene Disney-Comics und gehört damit zu den Vorreitern auf dem europäischen Markt. Selbst in den USA steckt Disneys Comic-Welt noch in den Kinderschuhen: Der erste Auftritt von Micky Maus im Zeichentrickfilm „Steamboat Willie“ liegt gerade mal vier Jahre zurück, im Januar 1930 sind in den amerikanischen Tageszeitungen die ersten Micky-Maus-Strips als Fortsetzungsgeschichte erschienen. Donald Duck ist noch nicht einmal geboren. Zu den Stars der italienischen Comic-Szene gehören Künstler wie Romano Scarpa.

Der 2005 verstorbene Venezianer betrieb in seiner Heimatstadt ein Animationsstudio, ehe er 1953 anfing, für das italienische Micky Maus-Magazin „Topolino Giornale“ zu arbeiten. Scarpa, ein begnadeter Zeichner und Texter, setzte die Micky Maus-Strips des amerikanischen Kollegen Floyd Gottfredson fort, als 1957 der Nachschub aus den USA ausblieb. Aus seiner Feder stammt auch der legendäre „Kolumbusfalter“. Die Story von Donalds und Dagoberts Schatzsuche im Dschungel von Costa Rica gehört bis heute zu den beliebtesten LTB-Geschichten. In Band 499 findet sie sogar eine Fortsetzung: „Der Kolumbusfalter kehrt zurück“.

Scarpas Schüler Giorgio Cavazzano, Jahrgang 1947 und ebenfalls in Venedig geboren, ist nicht minder erfolgreich. Mit 14 stieg er ein bei „Topolino“ und half Scarpa beim Tuschen von dessen Bleistiftzeichnungen. Mit 20 zeichnete er seinen ersten eigenen Disney-Comic.

Schon bald bereichern die Geschichten des Italieners auch den deutschen Entenkosmos. Cavazzano schickt Dagobert zum Mars und lässt die Panzerknacker Daniel Düsentriebs neueste Erfindung, den Kolorkompositor, klauen. Eines seiner Meisterstücke: „Cusu-bluncu“, eine Parodie auf den Spielfilm „Casablanca“ mit Micky Maus und Freundin Minni in den Hauptrollen.

Comics mit schlechtem Ruf

Anders als in Italien, Frankreich und Belgien, wo sich nach dem Zweiten Weltkrieg eine lebhafte europäische Comic-Kultur entwickelt, haben die Sprechblasen-Bilder in Deutschland nicht den besten Ruf. Zu bunt, zu grell, zu wenig Text und damit allenfalls als Lektüre für Analphabeten geeignet. Comics gelten als Sprachverhunzer und Kinder-Verderber, als Schund und Schmutz ohne jedweden moralischen Anspruch. „Comic – Opium in der Kinderstube“, wettert der „Spiegel“ gegen den Schmuddelkram aus den USA.

1951 kommt erstes „Micky Maus-Heft“

Der wachsenden Beliebtheit von Donald und Co tut das keinen Abbruch. 1951 wirft der Ehapa Verlag ein erstes deutsches „Micky Maus-Heft“ (MM) auf den Markt, in dem vor allem amerikanische Disney-Comics abgedruckt werden. Es soll zunächst einmal im Monat erscheinen. Die Startauflage beträgt 300 000 Exemplare. Zwar verkaufen sich davon nur schlappe 135 103 Hefte, doch MM ist auf dem Weg nach oben. 1956 erscheint das Heft bereits zweimal im Monat, ein Jahr später liegt jede Woche ein neues Exemplar an den Kiosken.

Chefredakteurin von MM ist Erika Fuchs, was sich schnell als Glücksgriff für die geschmähte Kunst erweist. Die promovierte Kunsthistorikerin hat zwar wenig am Hut mit dem Import aus den USA, hat aber ein Händchen für knackige Formulierungen. Von 1951 bis in die 1980er Jahre übersetzt sie die Geschichten der MM-Hefte aus dem Amerikanischen in Deutsche. Auch einige Stories aus den Anfängen des LTB tragen ihre Handschrift. Die Übersetzungen der „Grande Dame“ tragen maßgeblich zur Imageverbesserung der Comics in Deutschland bei.

Jetzt auch im Entnet und auf Faceduck

Erst Erika Fuchs gibt dem Kosmos von Entenhausen und seinen Bewohnern einen Namen. Aus der Pfadfindertruppe von Tick, Trick und Track wird das Fähnlein Fieselschweif, aus den Beagle Boys die Panzerknacker-Bande. Und aus Duckburg und Mouseton, wie die – voneinander getrennten – Wohnorte der Enten und Mäuse im Original heißen, das legendäre Entenhausen. Ebenfalls ein fuchs’scher Übersetzungstrick: die Verwendung des Inflektivs, ihr zu Ehren auch „Erikativ“ genannt, der – würg, kotz, seufz – bis heute alltagstauglich ist.

Auch die „Lustigen Taschenbücher“, zunächst auf vier Bände pro Jahr angelegt, steigern nach dem Start 1967 schnell die Schlagzahl. Seit 1996 kommt alle vier Wochen immer dienstags eine neue Folge heraus. Im Laufe der Jahre erweitert der Verlag das Angebot zudem um zahlreiche Sonderreihen wie „LTB History“, „Fantasy“, „Frohe Ostern“, „Advent“, „Weihnachten“ und „Halloween“.

Micky, Minni und die Ducks reisen in die Zukunft

Die handlichen bunten Büchlein punkten gegenüber MM mit üppig erzählten, oft mehr als 30 Seiten langen, fantastischen Geschichten. Micky, Minni und die Ducks reisen in die Zukunft und in die Vergangenheit. Sie landen (ein Jahr, bevor Neil seinen Fuß in den Mondstaub setzt) auf dem Mond, durchqueren die Wüste und das Eismeer. Zittern „In den Fängen der Mumie“ um ihr Leben und suchen „Die grünen Steine der Gapas-Gapas“.

Auch einige Klassiker der Weltliteratur findet man als witzige Parodien wieder in den LTB: Aus Hamlet wird der „Prinz von Duckenmark (Band 58 mit Donald als tragischem Helden), aus Tom Sawyer wird „Mick Sawyer“ (Band 153). Die italienischen Comic-Macher räubern in Dostojewskis Epos „Krieg und Frieden“ (Band 122) und in Filmklassikern wie „Das Fenster zum Hof“ und „Indiana Jones“.

„Duckagram“, „Faceduck“, „Zwitscher“

Inzwischen hat das 21. Jahrhundert Einzug gehalten im beschaulichen Entenhausen. Seine Bewohner benutzen das „Entnet“ und besitzen Smartphones und Laptops. Tick, Trick und Track posten auf „Duckagram“, „Faceduck“, „Zwitscher“ und sehen sich Filme lieber auf „Twotube“ statt im Fernsehen an. Ganz wie in richtigen Leben.

Zusammen bringen alle 500 LTB rund 86 Kilo auf die Waage. Im Bücherregal nebeneinander gestellt würden sie siebeneinhalb Meter einnehmen. Hintereinander gelegt wären es 62,5 Meter. Fünf Millionen Exemplare beträgt die Auflage pro Jahr. Klatsch. klatsch, Gratulation. Und natürlich alles Gute zum Geburtstag.