Landwirt Nicolas Kusenberg vor dem Brandenburger Tor. 
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Oft kommt Landwirt Nicolas Kusenberg nicht nach Berlin. Großstädte sind nicht sein Ding. Der 26-Jährige ist lieber in der Natur. Er arbeitet auf dem Öko-Bauernhof Gut Schmerwitz, westlich von Bad Belzig. Doch an diesem Dienstag steht der großgewachsene, kräftige junge Mann in schwarzer Outdoorkleidung auf der Straße des 17. Juni, rund 100 Meter vorm Brandenburger Tor und hört den Rednern zu. Auch wenn er als Öko-Landwirt in dieser Menge eher ein Exot ist, sieht er sich als Teil der Branche. „Es ist immer noch ein Berufsstand“, sagt er. Die Kritik an der Agrarpolitik eint traditionelle und Öko-Landwirte bei dem bundesweiten Bauernprotest mit Sternfahrt ins Herz Berlins.

Zwei große Reihen Trecker sind rechts und links von Kusenberg geparkt, der mit einem Azubi und einem Arbeiter vom Gut an der Demonstration teilnimmt. Breitbeinig stehen sie auf der Straße. Die drei sind um halb vier Uhr morgens vom Gut losgefahren, Kusenberg auf einem grünen Fendt-Trecker, die anderen auf zwei weiteren Traktoren.

Siebeneinhalb Stunden Fahrt

Nur 100 Kilometer Strecke, doch siebeneinhalb Stunden Fahrt bei Tempo 20 bis 40. Geduld war nötig, bis alle 350 Trecker aus dem Hohen Fläming und anderen Teilen Brandenburgs in Berlin ankamen. Eine Kolonne, die an der Magistrale von Charlottenburg zum Brandenburger Tor Halt gemacht hat. „Fünf Kilometer mussten wir dann noch laufen“, sagt Kusenberg und klingt genervt. Aber der Weg hat sich gelohnt. Der Einfall der Landwirte reißt die Hauptstadt aus ihrem Alltag. Wo sonst der Berufsverkehr rollt, stehen jetzt Kusenberg und seine Mitstreiter.

Sie fühlen sich im Recht, den Berliner Betrieb zu unterbrechen. „Wir wollen mehr Verständnis für uns.“ Immer neue Redner treten ans Pult auf der Tribüne und fordern mehr Kommunikation mit den Landwirten, weniger Wechsel und Wendungen in den agrarpolitischen Maßnahmen. Kusenberg hört mit ernster Miene zu, manchmal nickt er zustimmend. Die Traktoren um ihn herum hupen mit lautem Getöse.

Wenn Kusenberg spricht, umspielt meist ein kleines Lächeln seine Lippen. Trotz seines jungen Alters arbeitet er in verantwortungsvoller Position. Er ist Feldbauleiter und beaufsichtigt den gesamten Pflanzenbau. Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Erbsen, Hanf und Körnermais zählen zu den Sorten, die auf den insgesamt 1 500 Hektar angebaut werden. Aussaat, Pflege, Ernte – alles muss er organisieren. Vier Angestellte und einen Azubi hat er unter sich, doch als „mitarbeitender Chef“ legt er bei allem mit Hand an. Dazu kommt die Büroarbeit, die viel Zeit in Anspruch nehme. Man sei mehr Schreibkraft als Landwirt, würden die Bauern manchmal witzeln. „Die Standards, nach denen wir arbeiten müssen, sind nicht vergleichbar mit anderen Berufen“, kritisiert er. Die Vorschriften, die aus Brüssel kämen, seien abartig viel. „Manchmal fragt man sich: Macht das überhaupt noch Sinn?“

Krusenberg wünscht sich eine sachlichere Debatte

Kusenberg wünscht sich vor allem eine Versachlichung der Debatte. „Es sollte auf der Basis verifizierter Informationen diskutiert werden“, sagt er und gibt als Beispiel die Debatte über die Nitratbelastung des Grund- und Trinkwassers. „Die Landwirtschaft hat mit Schuld“, räumt Kusenberg ein, doch nicht allein. Auch Abwässer aus den Städten kämen hinzu. „Es sollte weniger pauschalisiert werden. Wichtig ist es vor allem, miteinander zu reden.“ Ein weiterer Kritikpunkt sind die „vielen sinnlosen Gesetze“. Diese beträfen zwar vor allem die konventionelle Landwirtschaft, doch er möchte keine Trennlinie zu ihr ziehen. „Ich sage immer, wir arbeiten ökologischer“, sagt er mit Betonung auf die Steigerungsform.

Der Natur schaden wollten doch auch die anderen Landwirte nicht. „Agrarpakete können nicht abgeschlossen werden, ohne dass wir gefragt werden.“ Eierlieferant für Berlin Zuletzt sieht er auch Verantwortung bei den Verbrauchern, die alles billig kaufen wollten. „Von dem Geld für die Lebensmittel im Supermarkt kriegen wir Landwirte am wenigsten“, sagt er. Sein Gut liefert zum Beispiel Eier an die Berliner Edeka-Läden. Die Tierhaltung im Gut beschränkt sich mittlerweile aufs Geflügel. Die wenigen Schweine und Schafe werden nur für den Verkauf im Hofladen gehalten.

Leicht sei es auch für einen Ökobetrieb nicht, den Kopf über Wasser zu halten, sagt Kusenberg. Immer mehr Betriebe verlegten sich ganz oder teilweise auf die umweltschonendere Variante der Landwirtschaft. Die Konkurrenz ist groß. Es sei mittlerweile schwierig, eine Mühle zu finden, in der das Ökogetreide fachgerecht gemahlen werden kann. Der Verbraucher vergesse oft, dass zwischen Hof und Supermarkt noch viel passiere. Wäre Kusenberg an diesem Dienstag nicht in Berlin, würde er für seinen Abschluss als Agrarbetriebswirt lernen. Trotz aller Probleme liebt er seinen Beruf und will darin bleiben. Der Bauernsohn hat in Brandenburg eine neue Heimat gefunden, denn der elterliche Hof bei Göttingen wurde von einer Cousine übernommen. Doch er sei im Hohen Fläming sehr zufrieden. „Landwirtschaft ist Leidenschaft und die kann man überall ausüben“, sagt er mit dem für ihn typischen Lächeln.