Kaileigh Fryer liebte roten Lippenstift und tanzte leidenschaftlich gern. Sie war neunzehn und hatte viele Sehnsüchte für ihr Leben. Ohne Plan und Ziel mit einer Harley Davidson durch die Gegend fahren. Ein Buch schreiben. Fallschirmspringen. Mit Delfinen schwimmen. Ein Lied komponieren. Das Polarlicht sehen. Es waren jedoch beileibe nicht nur Jungmädchen-Träume von der großen Liebe und der weiten Welt. Die 19-jährige Australierin hatte auch durchaus philanthropische Ambitionen. So wollte sie ein Waisenhaus gründen, eine Essenstafel für Obdachlose organisieren oder ein Kind adoptieren.

Kaileigh Fryer ist nicht mehr dazu gekommen, ihre Ideen zu verwirklichen. Die Menschen, die ihr am 18. Mai zu ihrem zwanzigsten Geburtstag gratulierten, schickten ihre Glückwünsche in den Himmel. Am 9. April ist die junge Frau aus Bateman’s Bay, einer 12000 Einwohner zählenden Kleinstadt 280 Kilometer südlich von Sydney und 150 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Canberra, bei einem Autounfall in Sydney gestorben. Dort studierte und arbeitete sie.

Doch ihre Träume leben auf einer Gedenkseite in dem sozialen Netzwerk Facebook weiter. Menschen aus aller Welt haben sich daran gemacht, einen nach dem anderen zu verwirklichen und abzuhaken, und zumindest einen Wunsch hat sich Kaileigh Fryer mit ihrem Vermächtnis posthum selbst erfüllt: Sie hat nicht nur – Punkt 42 ihrer Liste – eine Person inspiriert, sondern 7104 Menschen. So viele Mitglieder hatte die offene Facebook-Gruppe am Freitag. Und täglich kommen neue hinzu, darunter befinden sich auch viele Deutsche.

Nach dem Tod der lebenslustigen jungen Frau, die von ihrer Tante Ticha Celio als „laut, liebevoll, einfühlsam, beschützerisch und wissbegierig“ beschrieben wird, hatte die Familie in Kaileighs Tagebuch eine „Bucket List“ gefunden; das ist eine Liste von Dingen, die man vor dem Lebensende gemacht haben will. In der Synchronisation des Hollywood-Streifens „The Bucket List“ (deutscher Titel: „Das Beste kommt zum Schluss“) mit Jack Nicholson und Morgan Freeman wurde diese Aufstellung der unerfüllten Träume etwas eigentümlich mit „Löffelliste“ übersetzt – weil der englische Ausdruck „to kick the bucket“ bedeutet: den Löffel abgeben.

Kaileighs Eltern und Schwestern schöpften Kraft aus dieser 49 Posten umfassenden Aufzählung, weil sie, wie ihre Mutter Michelle sagt, „zeigt, welch außergewöhnlicher Mensch Kaileigh war“. Sie verteilten Kopien des Zettels bei der Beerdigung am 22. April und baten die Trauergäste, all das zu tun, was Kaileigh in ihrem Leben noch vorgehabt hatte. Als die Facebook-Seite „In loving Memory of Kaileigh Fryer“ ins Leben gerufen wurde, entwickelte das Projekt allerdings eine Eigendynamik. Die einen gingen Blut spenden, andere pflanzten einen Baum, gingen zu einem Blind Date oder lernten Salsa tanzen, und wieder andere aßen Pizza in Italien, streichelten einen Löwen, übernahmen eine Mentorenrolle, reisten nach Santorin, nach Kroatien oder kreuzten in der Karibik.

Kaileighs Schwester Stacey fing an, Spanisch zu lernen, eine Frau stand zwei Wochen lang jeden Morgen vor 6 Uhr auf und postete Fotos der erwachenden Natur. Hagen Schaefer aus Neubrandenburg lernte das Surfen, Erla Schmidt-Hildebrandt aus dem Taunus restaurierte einen Oldtimer. Florian Fackert vom Klinikum Heidelberg kündigte an, als Freiwilliger ein Jahr fürs Internationale Rote Kreuz im Jemen zu arbeiten. Zwei Deutsche versprachen, die Bücher, die sie schreiben, Kaileigh zu widmen, und vor wenigen Tagen erfüllten Ingo und Helena Döring aus Bergheim bei Köln Wunsch Nummer 34: Sie schliefen mit jemandem, den sie lieben, und zwar unter freiem Himmel. 18 der 49 Träume waren am Freitag noch nicht abgehakt, dazu gehörten, einen Marathon zu laufen, im Regen zu tanzen und eine Show im Moulin Rouge in Paris zu besuchen.

Der größten Herausforderung stellen sich fünf 17- und 18-jährige Mädchen der Abschlussklasse des Carroll College in Broulee, südlich von Bateman’s Bay. Diese Schule besuchte einst auch Kaileigh Fryer und stand dort einer dieser Jugendlichen zur Seite, als sie gemobbt wurde. „Sie setzte sich im Bus zu den Kindern, sang und brachte sie zum Lachen, und dann stand sie auf und knöpfte sich die Mobber vor“, erzählt ihre Tante. Die fünf Teenager riefen „The Smiling Angels Project“ ins Leben, das Projekt der lächelnden Engel. Sie hoffen, mit ihrer Aktion rund 170000 Euro zu sammeln, um ein Waisenhaus für Kinder von Aids-Opfern in einer der ärmsten Gegenden Südafrikas zu gründen. Punkt 36 der „Bucket List“. Sollte es gelingen, wäre gleichzeitig Punkt 29 eingelöst: „to make a difference“ – etwas bewirken.

Im Kleinen hat Kaileigh Fryer das schon vieltausendmal geschafft, und beileibe nicht nicht nur in ihrem Heimatort an der Südküste von New South Wales, sondern in der ganzen Welt – bei Menschen, die ihr zu Ehren träumen.

Auf eine besondere Weise gilt das für Punkt 50 auf der Liste: Er ist offen geblieben, Kaileigh kam nicht mehr dazu, ihren Wunsch aufzuschreiben. Ihr Vater David muntert deshalb alle dazu auf, diese Leerstelle mit einer eigenen, „angemessenen Idee“ zu füllen, aber „nicht etwas, das Kaileigh getan hätte, sondern etwas, dass sie sich von uns gewünscht hätte“.