Funktionstest unter Laborbedingungen: Bei den Versuchen sollte herausgefunden werden, wie die Corona-Warn-App sich im öffentlichen Nahverkehr verhält.
Foto:  dpa/Fraunhofer IIS

BerlinZumindest ein wenig Schuldgefühl zeigte Helge Braun, der im Kanzleramt für die Einführung der Corona-Warn-App zuständig ist. „Früher wäre schöner gewesen“, sagte er am Wochenende in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Früher, damit war eigentlich die Woche nach Ostern gemeint, als noch strenge Pandemie-Vorschriften galten und das Infektionsrisiko deutlich höher eingeschätzt wurde.

Doch die Bundesregierung hatte auf die falschen Entwickler gesetzt, der Termin konnte nicht gehalten werden; die Großunternehmen SAP und die Telekom-Tochter T-Systems erhielten den Auftrag und sind jetzt offensichtlich fertig mit ihrer Arbeit. Nun soll die App am Dienstag in Berlin vorgestellt werden, das wurde der Berliner Zeitung am Sonntag bestätigt.

Die App soll dabei helfen, die Infizierungskette zu unterbrechen. Das geht so: Wer auf seinem Handy über die Bluetooth-Funktion verfügt und die App aktiviert – das kann nur freiwillig geschehen –, erlaubt seinem Smartphone, anonymisierte Daten mit anderen Smartphones in der unmittelbaren Nähe (ungefähr zwei Meter) auszutauschen. Stellt sich innerhalb von zwei Wochen dann heraus, dass einer dieser Smartphone-Besitzer positiv getestet worden ist, werden alle Geräte von Besitzern benachrichtigt, die sich in der definierten Zeit in der Nähe aufgehalten haben. Sie können sich dann in Selbstquarantäne begeben und einen Arzt aufsuchen. 

Der Datenschutz war einer der kniffligsten Punkte bei dem Projekt. Erst nach langer Diskussion stimmte die Bundesregierung der Open-Source-Lösung zu. Wer wollte, konnte sich den Programmiercode ansehen und Verbesserungsvorschläge machen. Die, die das Angebot annahmen, stellten keine groben Schnitzer fest. Die Unternehmen prüften die Verbesserungsvorschläge, hieß es aus der Digitalszene. Ende der vergangenen Woche meldete der TÜV zwar noch Bedenken an, am Sonnabend jedoch erklärte der IT-Chef des Prüfvereins: „Die Anwender müssen keine Angst vor Überwachung haben.“

Mario Brandenburg, technologiepolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, erklärte, dass der Einsatz der App aus Sicht des Datenschutzes jedenfalls weniger bedenklich sei als die zurzeit gängige Praxis, seine persönliche E-Mail-Adresse oder Handynummer in jedem x-beliebigen Restaurant oder Café zu hinterlegen.

Inzwischen heißt es auch, dass das gesamte Projekt 20 Millionen Euro gekostet haben soll. „Donnerwetter, das ist doch einiges mehr, als ich geschätzt hätte“, schrieb Anke Domscheit-Berg von der Links-Partei bei Twitter. Sie hatte eher mit fünf Millionen gerechnet. Sie kritisierte im Gespräch mit der Berliner Zeitung, dass die Regierung wochenlang keinen Vertrag mit den beauftragten Unternehmen abgeschlossen und keinerlei Vorstellungen zum konkreten Budget hatte. „Luxuriöser konnte es für die Unternehmen nicht sein“, sagte sie und beklagte, dass es durch den Verzicht selbst auf ein verkürztes Ausschreibungsverfahren keinerlei Wettbewerb gab.

Der FDP-Politiker Brandenburg machte das schlechte Krisenmanagement der Bundesregierung verantwortlich für die hohe Summe. „Wer in einer Chaos-Situation einen Auftrag vergeben muss, damit andere den Karren aus dem Dreck ziehen, hat keinen Hebel beim Preis“, sagte er. Und da er früher selbst in der IT-Branche gearbeitet hat, erklärte er, dass für so ein Prestigeprojekt dann die besten Mitarbeiter von anderen aktuellen Aufgaben abgezogen werden müssten. Auch deshalb der Preis. Für die Zukunft forderte er eine Bündelung der IT-Kompetenz in einem Digitalministerium, denn auch bei einem anderen wichtigen Thema in dieser Zeit, der Schulcloud, habe die Bundesregierung kein gutes Bild abgegeben.

Zudem könne die Einführung der App in Deutschland nur der Anfang sein, sagte der FDP-Politiker. „Die Urlaubssaison beginnt, wir müssen an die nächste Evolutionsstufe denken.“ Er meinte damit, dass die verschiedenen App-Angebote in der Europäischen Union harmonisiert werden müssten, damit ein Datenabgleich im Falle einer Infektion auch über die Grenzen hinweg anonymisiert und datenschutzkonform möglich wird.

Bleibt die Frage: Wer nutzt die App wirklich? In anderen Ländern sind die Download-Zahlen eher enttäuschend. Domscheit-Berg spricht von maximalem Vertrauen, das für so ein Projekt notwendig sei. Aber das habe die Bundesregierung durch Fehler in der Anfangszeit gefährdet. Und doch wäre sie persönlich bereit, die App zu nutzen, wenn sie keine gravierenden Überraschungen mehr erfahre.

Aber es bleibt trotzdem dabei: Die beste Sicherheit bietet immer noch, sich an die Abstandsregeln und Hygiene-Empfehlungen zu richten und einen Mundschutz zu tragen.