Karlsruhe/Hamburg - Die rechtsextreme Zwickauer Terrorzelle hatte offenbar umfangreiche Munitionsdepots angelegt. Wie das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ am Mittwoch berichtete, haben Ermittler in der Zwickauer Frühlingsstraße - dem letzten Versteck des Neonazi-Trios Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe - mehrere Munitionsdepots mit insgesamt 1424 scharfen Patronen unterschiedlicher Kaliber entdeckt. Das gehe aus einer umfassenden, 140 Seiten langen Asservatenliste hervor, die dem „Spiegel“ vorliegt.

In dem Haus, das durch ein - offenbar von Zschäpe gelegtes - Feuer schwer beschädigt wurde und das ab kommenden Montag abgerissen werden soll, waren die Ermittler auch auf ein Arsenal aus 10 Pistolen und Revolvern sowie einem Gewehr und eine Maschinenpistole des Typs MPi-Ceska 26 gestoßen. Eine der Pistolen war den Angaben zufolge in einem Wandtresor im Schlafzimmer der Wohnung versteckt. Viele Asservate konnten im Keller des Trios sichergestellt werden, der durch den Brand nicht beschädigt worden war.

Zschäpe agierte „auf Augenhöhe“ mit Mundlos und Böhnhardt

Unterdessen wird immer deutlicher, dass die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe in die Mordserie des Zwickauer Neonazi-Trios wohl stärker verwickelt war als ursprünglich angenommen. Die Bundesanwaltschaft ist offenbar zunehmend davon überzeugt, dass die in Köln inhaftierte Zschäpe für die zehn Morde der Gruppierung „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) strafrechtlich verantwortlich gemacht werden kann. „Das ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Ermittlungen“, sagte der Sprecher des Generalbundesanwalts, Marcus Köhler, am Mittwoch auf dapd-Anfrage in Karlsruhe.
Die Ermittler gehen davon aus, dass Zschäpe „Kenntnis“ von den Mordtaten der Terrorzelle hatte. Sie sei in der Vereinigung „gleichberechtigtes Mitglied“ gewesen, sagte Köhler.
Das Hamburger Magazin „Stern“ berichtete, Zschäpe habe „auf Augenhöhe“ mit ihren beiden Komplizen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt agiert, die am 4. November 2011 tot aufgefunden worden waren. Die Ermittler gingen davon aus, dass Zschäpe in die zehnfache Mordserie an neun Männern türkischer und griechischer Herkunft und einer deutschen Polizistin in Heilbronn sowie in mindestens 14 Banküberfälle „voll eingeweiht“ war.

Magazin: 300 Aktenordner zu Zschäpe

Die Behörden seien zuversichtlich, beweisen zu können, dass Zschäpe gemeinsam mit Mundlos und Böhnhardt die Terroraktionen geplant habe. Zschäpe müsse demnach mit einer Anklage wegen Beteiligung an zehn Morden rechnen. Dafür spreche auch der Umfang der Akten zu Zschäpe bei der Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe, der bis zum Haftprüfungstermin im Mai wohl auf mehr als 300 Ordner steigen werde.
Auch ideologisch sei Zschäpe ihren mutmaßlichen Mittätern auf Augenhöhe begegnet, berichtete der „Stern“ weiter. Ermittler hielten Zschäpe für „Kopf und Herz“ des NSU. Sie habe Hitlers „Mein Kampf“ und einschlägige Nazi-Literatur gelesen und das elitäre Selbstverständnis der Terrorgruppe geteilt, mit dem die beispiellose Mordserie an Ausländern gerechtfertigt werden sollte.
Die mutmaßliche Rechtsterroristin habe schon im Teenageralter als Hardlinerin gegolten. Für die hohe kriminelle Energie Zschäpes und ihre Kaltblütigkeit spreche auch ihr virtuoses Hantieren mit mindestens zwölf falschen Identitäten während des Lebens in der Illegalität zwischen 1998 und 2011. (dapd)