Die Umsätze von Amazon gehen nach oben.
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BerlinDie Umsätze von Amazon gehen hoch, weil viele Menschen viel mehr Zeit zu Hause verbringen und am Bildschirm hängen. Ich habe mir vergangene Woche die Serie „Succession“ über einen US-Medienmogul heruntergeladen, irrtümlicherweise auf Deutsch statt auf Englisch. Als ich bei Amazon einen Kontakt zum Stornieren suchte, öffnete sich auf der Website eine Chat-Box. Ein Satz erschien: „Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?“ Ich tippte ein: „Guten Tag! Ich möchte den Kauf der Staffel ,Succession‘ stornieren.“ Ich schaute auf den Bildschirm. Keine Antwort. Eine Minute später fand ich in meinem E-Mail-Fach eine Bestätigung der Stornierung sowie eine zweite E-Mail: „Wie zufrieden waren Sie mit unserem Mitarbeiter Konstantin E.?“ Wer war das?

Fernsehturm null Punkte

Ich wurde mit Fragen überflutet: Wie freundlich, vertrauenserweckend war Konstantin E., war er einfach zu verstehen? Wie war der Gesamteindruck? Konstantin E. war offenbar der Mann aus der Chatbox. Ich war ratlos. Wie soll man nach einem Satz wissen, ob jemand vertrauenswürdig ist? Und wieso ist das wichtig? Ich wollte ja Herrn E. nicht einstellen, ihm einen Kredit geben oder ihn heiraten.

Es gehört zum modernen Leben dazu, dass alles bewertet und geratet wird, das Café, der Friseur, der Taxifahrer, das Date oder Sehenswürdigkeiten wie zum Beispiel der Fernsehturm. Sara M. schreibt: „Wenn Sie die Türme von Düsseldorf oder Amsterdam gesehen haben, sollten Sie auf keinen Fall auf den Berliner Turm gehen!“ Es werden auch Orte bewertet, bei denen man sich das eher nicht wünscht wie das staatliche Museum Auschwitz-Birkenau, das an das größte deutsche Vernichtungslager erinnert. Ein User namens David schreibt: „Unfreundliches Personal, nichts in Deutsch. In Birkenau darf nicht geraucht, gegessen oder sonstiges getan werden. Wurden behandelt wie Deportierte. 1 Stern.“

Genervte Taxifahrer

Aus den Bewertungen werden Rankings erstellt: Der Kosmetiksalon, der wenige Sterne hat, bekommt weniger Kundschaft. Ein Friseur erzählte, wer auf den einschlägigen Seiten schlecht bewertet wird, kriegt bei ihm im Salon keine Gehaltserhöhung. Der Druck sei gestiegen. Ein Taxifahrer berichtete: „Da kommen nachts drei Frauen rein, sie sind laut, betrunken, sie wollen ihr Handy mit dem Bluetooth des Autos verlinken, ohne zu fragen. Wenn ich sie bitte, mich vorher zu fragen, sind sie beleidigt und schreiben mir eine schlechte Bewertung, die sich negativ auf mein Ranking auswirkt.“ Das sei ihm dauernd passiert vor der Corona-Kontaktsperre.

Nichts ist sicher

Der Soziologe Steffen Mau hat in seinem Buch „Das metrische Wir“ untersucht, wie das dauernde Bewerten die soziale Ordnung verwandelt. „Nur wer sich zählen lässt, zählt auch dazu. Nur wer sich beziffern lässt, zählt.“ So durchdringt der Algorithmus-Kapitalismus weiter jeden Lebensbereich, jeder Mensch verwandelt sich in eine kleine Börse, deren Wert hoch und runter gehen kann. Nichts ist sicher. In dieser Woche verfolgte ich auf dem Handy die Pressekonferenz des Robert-Koch-Instituts zu Corona. Während der Übertragung stiegen auf dem Handy-Bildschirm Kommentare und Herzchen auf. Ich konnte mich kaum konzentrieren auf das, was der Chef des Instituts sagte. Ich bin mir nicht sicher, ob Angela Merkel das gemeint hat, als sie gesagt hat, wir sollen mehr Herz in der Epidemie zeigen. Corona 0 Sterne.