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Forscher fordert Verkehrswende: Was man gegen Berlins volle Straßen tun muss

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„Raus mit den privaten Autos!“, fordert Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin.

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dpa

Die Zahl der Autos steigt weiter an. Auf den Straßen aus dem Umland sind immer mehr Pendler unterwegs. Radfahrer verlangen zusätzlichen Platz. Um den Raum auf Berlins Straßen ist ein Konflikt entbrannt, der heftiger wird. Nun hat ein Berliner Mobilitätsforscher radikale Veränderungen gefordert, die Autofahrer schmerzen, anderen Berlinern dagegen nützen würden. „Wir brauchen eine Verkehrswende!“, fordert Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin. Sind die Tage des Privatautos in Berlin gezählt?

Nötig sei eine „radikale Verringerung der Fahrzeugmengen“ und die „Wegnahme von Privilegien“, sagt der Sozialwissenschaftler im Interview mit der Berliner Zeitung. „Ob in Madrid, Paris oder London, andere Städte haben ein klares Programm: ’raus mit den privaten Autos!“

Verkehr der Zukunft

Privatwagen seien ineffizient – vor allem, wenn sie parkend große Teile des öffentlichen Raums belegen. Gebiete mit Parkraumbewirtschaftung sollten massiv ausgedehnt werden, statt 10,20 Euro im Jahr sollten Anwohner zehn Euro pro Tag zahlen, Kurzparker statt zwei Euro fünf Euro pro Stunde. „Aus Parkplätzen müssen Radfahrstreifen und Stellflächen für Car-Sharing-Autos werden“, so die Forderung. Knie ist nicht grundsätzlich gegen Autos.

Er gilt als einer der Väter des Free Floating-Carsharing – jener Form des Carsharings, bei denen Autos ohne feste Stationen auf Straßen auf Kunden warten. „Die City von morgen, die Smart City, kann nur funktionieren, wenn die Mobilitätsgeräte gemeinschaftlich funktionieren und gemeinschaftlich genutzt werden.“ Zudem, so Knie, sollte „ab 2030 innerhalb des S-Bahn-Rings nur noch elektrisch gefahren werden dürfen“.

Seit über einem Vierteljahrhundert befasst sich Knie als Hochschullehrer und Forscher mit dem Verkehr der Zukunft. Er weiß, dass Politiker und Verwaltungsleute „durch ein Fegefeuer“ müssten, wenn sie auch nur einen Teil der Ideen umsetzen. Die Oppositionsparteien CDU und FDP haben bereits angekündigt, dass sie Autobesitzern beispringen werden.

Mehr Platz für Menschen auf den Straßen und bessere Luft

Doch vieles spricht dafür, dass in Berlin erst einmal nicht mit einer radikalen Verkehrswende zu rechnen ist – wenn, dann nur in kleinen Dosen. Befürchtungen, dass die seit 2016 grün geleitete Verkehrsverwaltung den Autoverkehr zurückdrängt, sind nicht eingetreten. Die Behörden sind immer noch damit beschäftigt, Strukturen aufzubauen und Personal einzustellen. Außerdem haben die Grünen nicht vergessen, wie viel Ärger sie sich einst mit der Forderung nach einem fleischfreien Tag pro Woche eingehandelt haben. Statt Veggie Day nun Car Free City – bloß nicht! Zwar steht in der rot-rot-grünen Koalitionsvereinbarung manche weitgehende Idee, etwa eine Parkgebührenpflicht für die gesamte Innenstadt. Doch es ist unklar, ob der Senat das Pensum abarbeiten kann – oder vorher abgewählt wird.

Dabei hat Knie recht, wenn er sagt, dass viele Berliner eine Verkehrswende wollen – mit mehr Platz für Menschen auf den Straßen und besserer Luft. Die Zahl der Radfahrer und Fußgänger ist groß, die der Haushalte ohne Auto ebenfalls. Die Hitze befeuert die Diskussion über den Klimawandel, der auch eine Folge des Autoverkehrs ist. Wo sollte der Verkehr der Zukunft erprobt werden – wenn nicht hier?