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Tel Aviv - Berlin: Berliner Träume

Tel Aviv, Israel. Symbolbild.

Die Skyline von Tel Aviv.

Foto:

imago/robertharding

Anja Reich ist die Israel-Korrespondentin der Berliner Zeitung. Sie schreibt hier im Wechsel über ihre Erfahrungen und Eindrücke mit ihrer ehemaligen Nachbarin in Berlin, Yael Nachshon. Nachshon ist in Tel Aviv geboren - dort, wo Anja Reich jetzt lebt. 

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Liebe Anja,

ich las deinen Brief und meinte plötzlich, einen Raketenhagel im Kopf zu spüren. Ich kenne diese sonnigen Vormittage auf dem Markt, an denen man das Leben bei einem Glas Wein feiert, in völliger Verdrängung „versehentlich abgeschossener“ Raketen oder sonstiger Dramen dieser Art. Aber vielleicht ist es ja gar keine Verdrängung, sondern ein Abfinden damit, dass das Leben ständig hochgefährdet ist und man deshalb jede Gelegenheit zum Feiern nutzen sollte.

Meine Mutter, die ihren Bruder im Jom-Kippur-Krieg verloren hat und so als einzige Tochter ihrer Eltern hinterblieben ist, sagt immer: „Feste muss man feiern, wie sie fallen, die Sorgen kommen von allein.“ Sie lebt nach diesem Spruch. Und ich auch.

Nächste Woche zieht mein Salon Framed in seine festen Räume in Friedrichshain. Ich kann es kaum fassen. Seit Wochen kann ich vor Aufregung kaum schlafen. Gerade werden die Lichter für die Kunst und die Lautsprecher für die Vorführungen installiert, danach wird die Küche eingebaut, und zum Schluss kommen die Teppiche und Polstermöbel. Sogar ein Neonschild fürs Fenster habe ich schon bestellt. Ich plane alles bis ins kleinste Detail. Es soll ein Kultursalon werden, der alles beherbergt, was mir lieb und teuer ist: Kunst, Musik, Kultur und das Wichtigste – gute Menschen aus aller Welt. Ich hoffe, alle werden sich dort heimisch fühlen.

Je mehr dieser Traum wahr wird, desto öfter frage ich mich: Warum tue ich das hier? In einer Stadt, die nicht meine ist? Es ist doch ein gemeinnütziges Projekt für Musiker und Künstler, das nicht auf Gewinn angelegt ist. Wenn ich schon so viel Zeit und Kraft fürs Gemeinwohl investiere – warum dann nicht in Tel Aviv? In meiner Stadt? Für meine Leute?

In Wahrheit kenne ich die Antwort, sie ist sehr einfach: In Tel Aviv hätte ich keine Chance. Momentan gibt es dort nicht die kleinste Lücke, in die so ein Projekt hineinschlüpfen könnte. Trotz dieser Erkenntnis versetzt es mir manchmal einen Stich ins Herz, dass ich meinen Traum so weit von zu Hause verwirkliche. Vielleicht kann ich ja, wenn Framed erstmal hier in Berlin etabliert ist, eine kleine Filiale in Tel Aviv aufmachen. Hoffen wir’s.

Apropos Träume und schlaflose Nächte: David (mein Großer) wacht in den letzten Wochen sehr früh auf. Jeden Morgen gegen 5.30 Uhr steht er fertig angezogen an meinem Bett. Ich weiß nicht, wieso. Bis vor kurzem mussten wir die Kinder um sieben Uhr wachrütteln. Liegt es am früheren Sonnenaufgang, hat er Kummer? Gestern Nacht hörte ich ihn kurz nach dem Einschlafen weinen. Ich lief in sein Zimmer und versuchte ihn zu beruhigen, aber er lebte völlig in seinem Alptraum, keines meiner Worte überzeugte oder entspannte ihn, bis er schließlich wieder ruhig schlummerte. Morgens konnte er sich an nichts erinnern. Ich schon. Ich erinnerte mich an seinen entsetzten Blick und an seinen Atem, der mit dem durchlebten Schmerz zu ringen versuchte. Und ich weiß, sein Körper wird das, was ihm nachts geschehen ist, in Erinnerung behalten, obwohl es nur ein Traum war.

Wer wir sind und wie wir handeln, beruht auf vergessenen (oder unvergessenen) Traumata des Körpers und der Seele – Traumata ganzer Völker und Staaten. Nimm uns beide: Wir leben auf verschiedenen Seiten desselben nationalen Traumas. So gesehen ist es vielleicht gerade richtig, Framed hier am Schnittpunkt und nirgends sonst zu eröffnen.

Dabei fällt mir Rahel Varnhagen ein. Ich glaube nicht, dass ich schon von ihr erzählt habe. Sie wurde 1771 als Rahel Levin in Berlin geboren (eine erstaunliche Ähnlichkeit – Levin wie mein Mann, und Rahel ist einer meiner Lieblingsnamen). Sie war eine Schriftstellerin jüdischer Abstammung, die zwei Literatursalons führte, einen wichtigen Beitrag zur europäischen Aufklärung leistete und vor allem für die Emanzipation von Juden und Frauen eintrat. Ich erfuhr ziemlich zu Anfang meines Weges hier in Berlin von ihr. Und jetzt habe ich das Gefühl, dass sie mir warme Luft aus der Vergangenheit in die Segel bläst, hinein in die Zukunft.

Deine Yael

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Tel Aviv, 23.03.2019

Liebe Yael,

ich muss dir von meiner ersten Rakete erzählen. Sie landete fast genau ein Jahr, nachdem ich in Tel Aviv angekommen war. Es war Donnerstag, der Abend vorm Sabbat. Ich war allein zu Hause und hatte es mir auf dem Sofa gemütlich gemacht, um einen Film zu sehen. Draußen stürmte es, die Wellen peitschten gegen das Ufer, der Regen gegen die Fenster. Vielleicht hörte ich deshalb die Sirenen nicht, nur den Knall. Einen dumpfen Knall. Für einen Moment schien die Erde zu beben. Ich lief auf den Hof, wo es leer war und still, und wieder zurück ins Haus. Die ersten Eilmeldungen poppten auf: Raketenalarm in Tel Aviv. Die Fernsehsender wechselten ihre Programme. Moderatoren redeten durcheinander. Ich verstand nur „Gaza“.

Meine Gedanken rasten. Was sollte ich machen? Ich wusste natürlich, dass hier so was passieren kann, aber ich konnte es mir nicht vorstellen. In der Schule waren wir auch immer vor Raketen gewarnt worden und mussten Bombenalarm spielen, uns mit angezogenen Beinen auf den Boden hocken und die Arme über den Kopf legen. Für mich war es genau das: ein Spiel. Wir hatten nicht mal einen Schutzraum im Haus. Die Maklerin hatte uns gefragt, mehrfach. Diplomaten müssen einen haben, sonst dürfen sie nicht einziehen. Wir sind keine Diplomaten, und wir mochten das alte osmanische Haus in Jaffa auch so.

Ich rief Hanin an, Alex’ Assistentin. Sie stand gerade mit Kindern und Hund in ihrem Treppenhaus, weil Treppenhäuser sicher sein sollen. „Geh ins Gästebad, da sind keine Fenster“, riet Hanin. Sie wirkte nervös und regte sich darüber auf, dass bei uns die Sirenen nicht zu hören waren. Das werde sie gleich der Bezirksverwaltung melden, sagte sie.

Ich ging ins Gästebad, setzte mich auf den Toilettendeckel und rief meine Nachbarin an. Sie hatte Sirenen gehört, aber nur leise und dachte, es handelte sich um eine Autoalarmanlage. Gästebad ist gut, sagte sie, und klang dabei so gelassen, dass ich gleich wieder ins Wohnzimmer zurückging und die Nachbarin einlud, zu mir runterzukommen in die erste Etage. Unten ist es sicherer als oben, sagt man. Ja, antwortete sie, das wäre eine gute Gelegenheit, mal wieder zusammen ein Glas Wein zu trinken. Sie müsse kurz nach ihrer Tochter schauen und melde sich später.

Wein war ein gutes Stichwort. Ich entkorkte eine Rotweinflasche und rief Alex an, der sich auf einer Wahlkampfveranstaltung der Neuen Rechten in Modiin befand. Er nahm ab und flüsterte in den Hörer, er komme so bald wie möglich, er müsse nur noch den Auftritt der Ministerin abwarten. Ich flüsterte zurück: „Aber hier ist Raketenalarm.“ „Ich weiß“, sagte er, „ist aber wirklich schlecht gerade.“

Ich legte auf und fragte mich, warum in Wirklichkeit oft alles so anders ist, als man sich das vorstellt. In meiner Vorstellung hätte der Ehemann augenblicklich zurück nach Hause kommen müssen, die Nachbarin wäre sehr verzweifelt gewesen und die Assistentin bestimmt nicht zuerst auf den Gedanken gekommen, sich bei der Stadtverwaltung zu beschweren. Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis dieser Nacht: Wie banal das Leben manchmal ist.

Ich wählte mich dann noch in eine Konferenzschaltung mit einem ehemaligen Sicherheitsberater der Regierung ein, der von zu Hause aus die Lage einschätzte. Er sagte, es handele sich um zwei Raketen, eine sei vom System Eisenkuppel abgefangen worden, die andere auf freiem Feld gelandet. Es habe weder Tote noch Verletzte gegeben. Zum Schluss wünschte er einen schönen Abend. Ich beschloss, seinem Rat zu folgen, schrieb Alex, er könne sich Zeit lassen, sah den Film zu Ende und ging ins Bett.

Am nächsten Tag schien die Sonne, der Markt in Jaffa kam mir voller vor als sonst. Die Leute saßen draußen, tranken Wein, feierten das Leben. Selten war die Stadt schöner gewesen als an diesem Morgen. Über die Raketen redete kaum noch jemand. Die Hamas habe sie aus Versehen abgeschossen, hieß es. Das war die seltsamste Erklärung, die ich je gehört hatte, aber es tat gut, daran zu glauben. Ach ja, und Hanin hat dafür gesorgt, dass die Sirenen in unserer Straße wieder funktionieren. Für alle Fälle. 

Deine Anja

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Berlin, 15.03.2019

Liebe Anja,

ich bin froh, dass unser Briefwechsel bei Träumen angelangt ist, diesem zauberhaften und unerklärlichen Ort, an dem Wirklichkeit und Fantasie verfließen. Doch auch außerhalb der Traumwelt, im Alltag, verliere ich manchmal die Orientierung. So komisch es klingt, aber ich schaffe mir fast überall meine eigene Blase, und daher ist das Wo in gewisser Hinsicht weniger wichtig. Nicht, dass ich das Geschehen um mich her nicht bewusst wahrnehme, aber letzten Endes investiere ich die meiste Zeit in meinen engsten Kreis: Familie, Freunde, Haus, schöpferische Arbeit.

Meine Blase ist mein Zuhause. Und dieses Zuhause habe ich mir schon an allen möglichen Orten geschaffen: in Tel Aviv, New York, Neuseeland und in unserer jetzigen Berliner Wohnung. Rückwirkend betrachtet, waren sich diese „Zuhause“ ähnlich – in ihrer Ästhetik (bei mir müssen sie hübsch und aufgeräumt sein, sonst verlieren sich meine Gedanken in alle Richtungen), in den geltenden Hausregeln (Gastfreundschaft, Gleichberechtigung, Freundlichkeit, Fairness, Musik, Essen, Kunst, Humor), und in der Liebe.

In Tel Aviv hatte ich mir reichlich Schutz- und Verdrängungsmechanismen geschaffen. Wie du selbst merkst, bleibt einem dort nicht viel anderes übrig. Sogar bei einer Arbeit wie deiner, die dich verpflichtet, mit politischen und gesellschaftlichen Dingen verbunden zu sein, muss man einen Platz schaffen, um sich darin zu verkriechen und gelegentlich das Leben zu genießen. Das soll man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Mit den Jahren verstehe ich mehr und mehr, wie wichtig es ist zu genießen. Es ist praktisch ein Verbrechen, Quellen des Genusses oder Glücks nicht auszuschöpfen. Ich nehme an, für euch ist es das Meer, das permanent einfach da ist.

Tel Aviv war für mich eine erstklassige Blase. Ich war zufrieden und verdrängte alles Schwierige und Furchterregende. Selbstverständlich gab es Augenblicke, in denen die Blase ein Loch bekam oder sogar aufriss, aber ich hatte gute Techniken zum Instandsetzen oder Sanieren.

Aharon hingegen ist kein Meister im Verdrängen. Alles dringt in sein Inneres ein, und deshalb wünschte er unseren Umzug nach Berlin lange, bevor ich etwas davon hören wollte. Mir reichte meine Blase. Ich dachte, es gebe keinen besseren Ort, nur Orte mit anderen Problemen. Wozu dann die Mühe, unsere Probleme gegen andere zu tauschen, wo ich doch gerade gelernt hatte, mich gegen die hiesigen zu schützen? So ging das bis zu meiner Erkrankung, die meine Welt zum Einstürzen brachte. In dieser Krise hielt ich Veränderung für den einzigen Ausweg.

Heute weiß ich, dass der Umzug segensreich war, weil er uns zwang, neu anzufangen, darüber nachzudenken, wer wir sind und was wir sein möchten. Auf einmal konnten wir Mauern einreißen, die uns im Weg gestanden hatten. In Berlin ist das Leben ruhiger und einfacher. Trotzdem fehlt es nicht an Dingen, die das seelische Gleichgewicht bedrohen: Sprachschwierigkeiten; Politik, die ich nicht verstehe; oder der kulturelle Unterschied, der Missverständnisse auslöst. Deshalb habe ich mir meinen Kultursalon geschaffen, wir haben ein gemütliches Zuhause, haben die Kinder und eine Straße mit Kirschbäumen, die rosa blühen. Das ist jetzt meine Blase, die ich hege und pflege. Essen für die Kinder kochen, die Wohnung aufräumen, arbeiten, Lieder schreiben. Darüber hinaus ist es schwer, mich auch noch eingehender mit meiner Umwelt zu befassen – mit Erderwärmung, Politik, Rassismus.

Ich hoffe, du verstehst mich. Ich möchte sagen, dass ich wirklich in Berlin verliebt bin. Ich treffe hier täglich tolle Menschen und lerne sehr viel über die Kultur um mich herum. Mich interessiert meine Ortsbindung, aber ich kann meine Blase eigentlich überallhin versetzen und ohne sie wohl nirgendwo existieren.

Vielleicht ist das die Ursache unserer Träume, in denen alles verschwimmt – New York, Berlin, Tel Aviv, Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart. Nichts steht fest, außer dem, was wir sind und was wir empfinden.

Deine Yael

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Tel Aviv, 8.03.2019

Liebe Yael,

das mit den Träumen kenne ich. Man wird wach und weiß nicht, wo man ist. Ich habe in so einem Traum neulich in Tel Aviv Besuch aus Berlin bekommen, aber das Haus sah aus wie unseres in Brooklyn. Auch tagsüber erlebe ich manchmal solche Traum-Momente. Wenn ich den ganzen Tag unterwegs war und zurück ins Auto steige, um nach Hause zu fahren, sehe ich plötzlich unsere Straße in Berlin vor mir und denke: Ich muss ja noch Abendbrot für die Kinder machen.

Den verrücktesten Traum hatte ich vor ein paar Wochen in Berlin: Alex und ich mussten vor Terroristen fliehen. Wir liefen durch eine fremde Stadt, überall um uns herum explodierten Bomben, Jugendliche mit kaltem Blick versperrten uns den Weg, es war klar, wir kommen hier nicht raus, und ich dachte – ganz im Ernst: Wären wir nur in Israel geblieben, da weiß man, wie man sich vor Terroristen schützt. Ich wurde wach und hatte Angst, auch vor mir selbst. Wer war ich? Eine rechte Netanjahu-Wählerin?

In der folgenden Nacht stand ich – ebenfalls im Traum – vor einem Tel Aviver Club am Meer an, in den nur Besucher, die eine Waffe trugen, eingelassen wurden. Ich hatte keine Waffe, aber mein Presseausweis reichte. Ich hatte Glück, sozusagen. Leute schoben mich rein, ich spürte ihre Colts an meinem Körper. Als ich aufwachte, schweißgebadet, fiel mir ein, dass ich gerade gelesen hatte, wie viele israelische Siedler Waffen besitzen, und dachte: Was mache ich nur in diesem Land!

Keine Ahnung, was diese Träume zu bedeuten haben, vielleicht meine Zerrissenheit. Ich lebe jetzt seit fast einem Jahr hier, und ich weiß nicht, was stärker ist, die Angst, dass etwas passiert, oder die Angst vor den Reaktionen darauf. Ich kann diese Angst verdrängen, tage-, manchmal wochenlang. Dann ist es wunderschön hier, das Meer so klar und blau wie die Karibik, die Menschen jung und voller Energie. Aber gerade, wenn ich mich in der Sorglosigkeit einrichten will, passieren wieder Anschläge, oder in Gaza wird Krieg prophezeit.

Die Anschläge sind im Westjordanland, Gaza ist 70 Kilometer entfernt, dennoch höre ich auf jedes Geräusch, jeden Hubschrauber, schrecke bei jeder Nachricht auf meinem Handy zusammen und frage mich, wie lange man diesen Zustand aushalten kann und was das mit einem macht. Auf Dauer, meine ich.

Als ich vor vier Jahren mit einer Gruppe der Bundeszentrale für politische Bildung hier war, habe ich eine Führung durchs Bauhausviertel mitgemacht. Ich bin durch schattige Straßen an weißen Häusern vorbeigelaufen, die nicht mehr weiß, sondern grau und ziemlich heruntergekommen waren. Das lag daran, erzählte der Führer, dass deutsche Architekten und Ingenieure, die in den Dreißigern vor den Nazis nach Palästina flohen, kaum Bargeld, dafür aber Baustoffe wie Waschputz mitnehmen durften. In Israel gibt es keinen Waschputz, es ist schwer, die Häuser zu erhalten, und den Eigentümern ist es auch nicht so wichtig, sagte der Mann. Man wisse ja nie, was morgen passiere, ob man dann überhaupt noch hier sei. Mit anderen Worten: Der Zustand der Häuser zeigt auch den Zustand der Gesellschaft.

Von allem, was ich auf der Reise lernte, ist mir diese Erkenntnis mit am besten in Erinnerung geblieben. Ich denke daran, wenn ich durch die Stadt laufe und sehe, dass Häuser hier so schnell hochgezogen werden wie Zelte auf einem deutschen Campingplatz, wenn unsere Hausverwalterin die Wasserschäden in unserer Wohnung begutachtet und, statt Handwerker zu schicken, versichert, dieser Winter sei so streng gewesen wie kein anderer zuvor. Es fällt mir ein, wenn ich Leute treffe, die gerade die Staatsbürgerschaft ihrer Vorfahren beantragt haben, die portugiesische, polnische, deutsche oder kanadische, manchmal auch mehrere auf einmal. Weil anspruchsvolle Tel Aviver gerne eine gewisse Auswahl haben. Wenn sie dann schon fliehen müssen.

Ich weiß, du kennst das alles, viel besser als ich. Ich höre schon auf. Die gute Nachricht ist, ich sehe in letzter Zeit immer mehr Häuser, die rekonstruiert wurden. Mit leuchtend weißen Fassaden. Außerdem ist der Winter vorbei. Er war kühl und stürmisch, mild und hell, gar nicht so schlecht eigentlich.

Deine Anja 

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Berlin, 2.03.2019

Liebe Anja,

gestern Nacht ist mir etwas Seltsames passiert. Ich weiß nicht, wie spät es war, aber ich schlief schon tief, als auf einmal Lärm in meinen Traum drang und mich aus dem Schlaf riss. Benommen lag ich im Bett, neben Aharon, der in seinen eigenen Träumen schwelgte. Das Zimmer war stockdunkel. Ich dachte, jemand könnte sich an den Mülltonnen unter unserem Schlafzimmerfenster zu schaffen machen. Ich sah zum Fenster hin und verlor die Orientierung, meinte, wir schliefen in der Nachmani-Straße in Tel Aviv, sah deutlich unser kleines Zimmer dort, spürte das Bett, die Bettwäsche, die ganze Atmosphäre. Nach und nach verflog die Halluzination, ich begann Gegenstände wahrzunehmen, die Gardine, Aharons Schreibtisch, den Heizkörper, und all das bestätigte mir endgültig, dass wir nicht in Tel Aviv, sondern in unserem Berliner Schlafzimmer waren.

Die Mülltonnen stehen hier im Innenhof, und es gibt auch keinen Zugangspfad zur Haustür. Der Lärm musste einen anderen Grund gehabt haben und war längst verklungen. Ich aber hatte noch minutenlang das seltsame Gefühl, zwischen zwei Wirklichkeiten zu schweben. Es fühlte sich so natürlich an, wieder in unserer Wohnung in Tel Aviv zu sein, und doch ängstigte es mich, als würden die Wände sich über mir schließen, falls wir dorthin zurückkehrten – in politischer, künstlerischer, gesellschaftlicher und sogar physischer Hinsicht. Ich fürchtete, den Lebensweg zu verlieren, den ich hier eingeschlagen habe, einen optimistischen, freien Weg.

Der Auslöser könnte ein Telefongespräch gewesen sein, das ich gestern kurz vor dem Zubettgehen mit einer Jugendfreundin in Israel geführt habe. Sie erzählte mir, dass sie gerade von einem Monat in Brasilien nach Israel zurückgekehrt sei, schilderte, wie leicht alles dort gelaufen war – beruflich und privat. Zurück in Israel, wollte sie weiter auf der Erfolgswelle reiten, aber die Welle war gebrochen, meiner Freundin war der Wind aus den Segeln genommen. Sie war ratlos. Sagte, sie fühle sich eingesperrt.

Woran mag das liegen? Warum ist es dort so schwierig? Und warum ist es so schwer wegzugehen? Menschen, die in Europa oder in den USA wohnen, scheint mir, wechseln leichter, mit weniger Schuldgefühl von einem Land zum anderen.

Israel ist jetzt bis zum 9. April im Wahlkampffieber. Ein Regierungswechsel scheint in den Bereich des Möglichen zu rücken. Der linke Block, der bei den letzten Wahlen nach anfänglichen Hoffnungen eine traumatische Niederlage erlebt hat, fürchtet eine weitere Enttäuschung und laviert mit vorsichtigem Optimismus. So fühlt es sich jedenfalls von hier aus an, jenseits der Meeres- und Internetwellen. Ich bin schon völlig verwirrt hinsichtlich meiner politischen Einstellung. Abgesehen von der Tatsache, dass es Zeit wird, Netanjahu abzusetzen, habe ich keine Ahnung, wie unser Staat aus dem Dunkel herauskommen soll, in dem er sich seit einem Jahrzehnt befindet.

Aharon und ich möchten nach Israel fliegen, um zu wählen. Einer von uns wird auf jeden Fall hinfahren. Mal sehen, wie wir das organisieren. Ich war sicher, man könnte hier in der israelischen Botschaft in Berlin abstimmen, aber nix damit. Geht nicht. Als bestrafe man uns dafür, Israel im Stich gelassen zu haben. Das ist ärgerlich. Ich frage mich: Wieso denn?! Haben wir etwa keinen Wehrdienst geleistet? Sind wir keine israelischen Staatsbürger? Ist uns der Staat Israel egal? Haben wir nicht unser ganzes Leben dort zugebracht? Unsere Angehörigen und Freunde leben dort, vermutlich kehren wir dorthin zurück. Warum kann man dann keine Wahlurnen in der Botschaft aufstellen?

Begeistert las ich, dass du jetzt eine Ulpan-Sprachenschule besuchst. Das ist großartig. Alle Achtung für deine Beharrlichkeit. Hebräisch ist eine schwere Sprache, das muss man sagen. Aber wie schön sie ist! Und wie ich mich nach ihr sehne!

Vielleicht schreibe ich dir im nächsten Brief ein oder zwei Sätze auf Hebräisch? Bis dahin.

Deine Yael 

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Tel Aviv, 22.02.2019

Liebe Yael,

schön, dass es dir gut geht. Mir geht es auch gut, jeden Tag versuche ich, ein bisschen mehr vom Land zu verstehen. Dabei hilft mir, dass ich Hebräisch lerne, und es zumindest schaffe, Drei-Wort-Sätze mit Nachbarn auszutauschen, im Restaurant die Rechnung zu bestellen, im Fischladen Makrele zu kaufen und beim Bäcker Brot. Sobald Nachfragen kommen, bin ich allerdings aufgeschmissen. Und es kommen immer Nachfragen. Wie viel ich haben möchte, ob ich bar oder mit Karte zahle, ob ich eine Einkaufstüte brauche. Manchmal rede ich englisch weiter oder sage einfach nur Ja oder Nein. Auf die Gefahr hin, dass ich mit Weiß- statt Mischbrot nach Hause gehe.

Meine paar Brocken Hebräisch sind auch von Nutzen, wenn ich mit dem Auto am Flughafen-Checkpoint stehe, und auf die Frage, wie es mir geht, „danke, gut“, zurückrufen kann. Natürlich will niemand ernsthaft von mir wissen, wie es mir geht, sondern, ob ich eine Gefahr darstelle. Meine Hautfarbe hilft. Hebräisch auch. Alex kann es besser als ich, zumindest tut er so. Er nuschelt, damit man seinen Akzent nicht hört. Neulich auf dem Markt hat ein Verkäufer nur mit ihm geredet und nicht mit mir. Alex war der Einheimische, ich die Ausländerin. Der Schwindel flog beim dritten Satz auf, wir haben sehr gelacht.

Wie nützlich es sein kann, so zu tun, als sei man jemand anderes, habe ich vor ein paar Tagen gelernt. Wir waren mit einer Gruppe von Journalisten in Nablus unterwegs. Vor der Fahrt fragte Adam, von dem ich vorher noch nie gehört hatte, über die Nablus-Field-Trip-WhatsApp-Gruppe, ob er mit unserem Auto mitfahren könnte. Ja, gerne, schrieb ich zurück. Und ob auch noch Platz für seinen Kollegen Neri sei? Kein Problem, sagte ich.

Fahrgemeinschaften sind sehr beliebt in Israel, genauso wie Trampen. Ich mag das, es erinnert mich an meine Jugend, und ich bin immer wieder überrascht, wie viele Menschen hier bereit sind, bei wildfremden Menschen ins Auto zu steigen. Alex und ich haben schon eine Frau aus Belgrad mit ihrem Kind von einer Tankstelle zum Flughafen mitgenommen und drei junge Männer zu einem Rockfestival in den Golanhöhen. Neulich setzte sich eine 85-jährige Holocaustüberlebende auf meine Rückbank. Sie hatte im Archiv der Gedenkstätte Yad Vashem nach Familienmitgliedern gesucht. Ich brachte sie zum Busbahnhof von Jerusalem. Bevor sie ausstieg, tauschten wir Telefonnummern aus.

Adam und Neri von der Nablus-Field-Trip-Gruppe stiegen morgens um halb acht vor Abu Hassans Hummus-Laden bei uns ein. Sie kommen aus den USA, wurden in jüdischen Familien groß, sprechen perfekt Hebräisch und erstaunlich gut Arabisch. Neri, der einen Wahl-Blog hat, hielt uns über die neuesten politischen Entwicklungen auf dem Laufenden. Adam sagte, wo es lang geht, und wenn er es nicht wusste, kurbelte er einfach die Scheibe runter und fragte Passanten nach dem Weg. Auf Arabisch, mitten im Westjordanland, als sei er selbst Palästinenser. Kaum hatte er die Scheibe hochgekurbelt, telefonierte er auf Hebräisch, und an der Grenze verwandelte er sich unter dem kritischen Blick einer israelischen Soldatin in seine dunklen Augen, wieder in einen Amerikaner und rief in breitestem Englisch: Hiii!

Ich war fasziniert, wie spielerisch mein Kollege Sprachen und Identitäten wechselte. Mal war er Israeli, mal Palästinenser, mal Amerikaner. Wie es gerade am besten passte. Ich fragte ihn, ob er nicht manchmal durcheinander komme. Nein, sagte er. Und ob ihm schon mal was passiert sei? Auch nicht, sagte er und tippte weiter auf seinem Handy herum, als habe er noch nie im Leben über diese Fragen nachgedacht. Ich ließ ihn in Ruhe, sah aus dem Fenster, wo schon Mandelbäume und Mohnblumen blühten und dachte darüber nach, was Sprachen doch für ein Wundermittel sind.

Ich mache erstmal mit deiner weiter. Gestern habe ich mich in der Ulpan-Sprachenschule angemeldet. Statt einer Stunde werde ich von nun an fünf pro Woche lernen. Diesen Sonntag geht es los. Mal sehen, wie lange ich durchhalte. 

Deine Anja

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Berlin, 15.02.2019

Liebe Anja,

mir geht es gut. Ich bin sehr beschäftigt, entwickle mehrere Projekte gleichzeitig. Schreiben, Musik, die Kinder – all das erfüllt meine Tage und Nächte. Außerdem ist Aharon schon fast eine Woche nicht zu Hause, ist zum Meditieren in ein buddhistisches Kloster in die französischen Alpen gefahren, genau gegenläufig zu meinem Zustand. Ich renne den ganzen Tag von Ort zu Ort, komme kaum zum Luftholen und stelle mir vor, wie er allein – ohne Computer, Bücher, Telefon oder sonst was – in einem Zimmer im Lotussitz verharrt, seine Gedanken anflattern sieht und ihnen dann wieder zum Abschied winkt. Ehrlich gesagt, bin ich nicht sicher, wer von uns beiden es schwerer hat.

Du schreibst in deinem Brief darüber, wie es ist, Freunde zu finden. In Berlin ist mir das sehr leicht gefallen. Seit unserer Ankunft haben wir sehr gute und interessante Freunde gewonnen, denen ich mich innig verbunden fühle. Die meisten sind Israelis, andere sind Deutsche oder stammen aus sonstigen Weltgegenden (Großbritannien, Irland, Italien, Syrien, Frankreich, Korea, Mexiko).

Tatsächlich habe ich hier ein reicheres Gesellschaftsleben als früher in Israel. Das hat anscheinend mit meinem Kultursalon zu tun, durch den ich viele Kontakte finde, und wohl auch mit der „Israel-Connection“ in der Diaspora. Fast alle Israelis, denen ich in Berlin begegne, sind ganz nach meinem Geschmack und haben eine Menge mit mir gemeinsam. Viele sind Künstler mit Familie, haben eine ähnliche Weltanschauung wie ich und vor allem einen tollen Unternehmungsgeist. Ohne den kann man die Übersiedlung in ein anderes Land nicht erfolgreich meistern.

Interessant, dass du New York erwähnst. Ich habe ja auch einmal vier Jahre lang dort gelebt, als ich an der Uni war. In New York hatte ich es gesellschaftlich gesehen erheblich schwerer, konnte kaum tiefere Bindungen eingehen. Irgendwas am New Yorker Tempo ließ keinen Raum für Freundschaften. Tel Aviv hat darin Ähnlichkeit mit New York. Alle sind so beschäftigt und gestresst. Hier in Berlin gibt es mehr Luft für Muße, was für ein volles und reges Leben überraschend gut ist.

Vor einigen Tagen war ich mit den Kindern auf einer Geburtstagsfeier der Tochter guter Freunde. Dort traf ich einen israelischen Filmemacher, der schon fünfzehn Jahre in Berlin wohnt. Das erste Gespräch zwischen zwei ortsansässigen Israelis kommt schnell in Gang. Erst tauscht man die Namen aus, als zweites erkundigt man sich, wie lange der oder die andere in Berlin lebt, danach erzählt jeder, was er so macht, und sofort bahnen sich künftige gemeinsame Pläne und Kooperationen an. Ich finde das großartig. Direkt, schnell und offen.

Er sagte: „Das Problem mit Berlin liegt darin, dass man danach nirgendwo sonst wohnen kann. Trotz aller Schwierigkeiten ist Berlin derzeit der beste Ort zum Leben.“ Ich nickte, denn dieses Gefühl habe ich auch irgendwie, und doch störte mich dieser Satz auf unerklärliche Weise. Er rumorte die ganze Woche in meinem Kopf, und jetzt meine ich zu verstehen, warum: Einerseits verwurzele ich hier Tag für Tag stärker, physisch und psychisch, andererseits kann ich mir kaum vorstellen, mein gesamtes weiteres Leben an einem Ort zu verbringen. Es fällt mir schwer, meine Jungs hier zu jungen Männern heranwachsen zu sehen, sie mir als Deutsche vorzustellen.

Mir fehlt ein Teil in dem Puzzle, das wir hier in Berlin zusammensetzen: der Teil der Zukunft. Ich lebe in der Gegenwart, und die ist gut. Aber die Zukunft? Hier in Berlin? Ich weiß nicht recht. Es ist ein eigenartiges Gefühl. Wie zwei entgegengesetzte Kräfte: Gegenwart und Zukunft, hier und dort.

Deine Yael 

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Tel Aviv, 9.02.2019

Liebe Yael,

neulich habe ich dir geschrieben, wie schön es ist, Gast zu sein in einem fremden Land, was aber nur die halbe Wahrheit ist. Es gibt Momente, in denen ich gerne spontan eine Freundin anrufen würde, um von meinem Tag zu erzählen, und feststelle, dass es diese Freundin hier nicht gibt.

Natürlich könnte ich in Berlin anrufen, die Stimmen klingen ganz nah am Telefon, aber es ist nicht das Gleiche. Weil es dort kalt ist und hier warm, weil dort ADAC-Hubschrauber über der Stadt kreisen und hier Kampfhubschrauber, weil dort Gerhard Schröder Andrea Nahles angreift und hier Benjamin Netanjahu Benny Gantz.

Barbara, eine New Yorker Freundin, hat mir mal gesagt, in Amerika sei es leicht, Leute kennenzulernen, aber echte Freunde zu finden, dauere genauso lange wie in Deutschland. Das Gleiche trifft auf Tel Aviv zu. Ich habe hier wunderbare Menschen kennengelernt, deine Familie eingeschlossen, aber bis daraus Freundschaften werden, sind wir wahrscheinlich schon wieder weg. In New York haben wir genau in dem Moment, als wir am liebsten für immer geblieben wären, unsere Sachen gepackt.

Die Entfernung zu meinen New Yorker Freunden ist von hier aus noch größer geworden. Zwölf Flugstunden, sieben Stunden Zeitverschiebung! Und es steht noch etwas zwischen uns. Etwas, das ich erst nicht so richtig verstanden habe. Warum Henri, als er von unseren Umzugsplänen erfuhr, spitz fragte: Und konvertiert ihr jetzt auch zum Judentum? Warum Debbie und Paul keine Lust auf einen Besuch haben, obwohl sie noch nie in Israel waren, und warum Aviva, als sie neulich zur Beerdigung ihrer Tante in Haifa war, es nach Nablus geschafft hat, aber nicht nach Tel Aviv.

Meine liberalen New Yorker Freunde, gerade die jüdischen, hatten immer schon ein distanziertes Verhältnis zu Israels rechter Regierung und der Besatzungspolitik, aber seit Trump und Netanjahu beste Freunde geworden sind und die US-Botschaft nach Jerusalem verlegten, scheint die Distanz noch größer geworden zu sein. In israelischen Zeitungen liest man ständig über den Konflikt zwischen israelischen und amerikanischen Juden, es soll in New York inzwischen Tausende Israelis geben, die es hier nicht mehr ausgehalten haben, und in Israel so viele Trump-Fans wie in keinem anderen Land der Welt. Ich kenne keinen von ihnen, von Politikern mal abgesehen, und ich habe immer gedacht, es handelt sich um einen innerjüdischen Konflikt, aus dem ich mich als Deutsche besser raushalte. Wie schwer das ist, merkte ich an dem Abend, als Roseanne nach Tel Aviv kam.

Roseanne ist eine amerikanische Komikerin, die wegen eines rassistischen Tweets über Obamas Beraterin von ihrem Sender ABC gefeuert wurde und nun offenbar eine Art Comeback versuchte. In Israel.

Ich fand das interessant, ich wollte sehen, wie sich jemand wie sie neu erfindet. Am Abend zuvor war sie in Jerusalem gewesen, nun im Tel Aviv Salon im Norden der Stadt. Sie kam eine Stunde zu spät, sah müde aus, fuhr der Moderatorin über den Mund, machte ein paar Trump-Sprüche, erzählte über ihr Tora-Studium und über Nachbarn, die den Holocaust überlebt hatten, erklärte, es gebe keine Besatzung im Westjordanland, lobte die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem, sah sich als Opfer antisemitischer Attacken und spielte ernsthaft mit dem Gedanken, Ministerpräsidentin von Israel zu werden.

Es gab viel Beifall, viel Jubel, Standing Ovations. Keinen Widerspruch. Gebuht wurde nur gegen den Sender, der sie rausgeschmissen hatte, gegen den Journalisten, der in Jerusalem eine Entschuldigung für den Tweet verlangt hatte, und gegen einen Mann in der ersten Reihe, der nicht Roseannes Meinung war. Die Moderatorin sagte gar nichts mehr, der Mann in der ersten Reihe wurde aus dem Saal geführt, mein Sitznachbar sah auf mein Notizbuch. Ich klappte es zu. Ich wollte nur noch raus, weg von hier. Ich war mitten in Tel Aviv in Trumps Amerika gelandet.

Zu Hause in Jaffa schrieb ich meiner Freundin Debbie und berichtete ihr von dem Abend. Sie antwortete sofort: Roseanne, oh ja, ein Albtraum. New York war doch viel näher, als ich dachte.

Deine Anja

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Berlin, 26.01.2019

Liebe Anja,

unsere gemeinsamen Stunden bei David, als er von seinem Leben erzählte, gehen mir nicht aus dem Sinn. Gut, dass wir zusammen hingefahren sind. Ich brauchte dich dort – nicht nur wegen der Sprache (David spricht nur Deutsch und Polnisch), sondern vor allem, weil es sich richtig anfühlte, ihm gemeinsam, als Freundinnen, gegenüberzusitzen, als lebender Beweis für die Brücke zwischen unseren Kulturen, die für immer durch jene Schreckenszeit verbunden sein werden.

Als wir seinen Erinnerungsfetzen und Geschichten lauschten, die sicher nur einen kleinen Teil seiner Schreckensjahre wiedergaben, dachte ich an mein persönliches Trauma, an die Krebserkrankung, die ich durchgemacht habe. Wie schwer ist es mir damals nach den Behandlungen gefallen, das seelische Gleichgewicht wiederzufinden und zum normalen Alltag zurückzukehren.

Ich blickte David in die Augen, in denen immer noch ein lebendiger Funke blitzte, sah ihn gelegentlich lächeln oder sogar lachen, und war voll Bewunderung. Seine Fähigkeit, nach einem solchen Trauma weiterzuleben, kam mir schier unglaublich vor. Ich frage mich, ob die seltene Stärke, die ich bei David entdeckte, seit jeher in ihm gesteckt und ihn befähigt hatte, den Holocaust zu überleben, oder ob sie erst durch das Trauma entstanden war. Wahrscheinlich sowohl als auch.

Ich fragte ihn, warum er wohl überlebt habe, im Gegensatz zu vielen anderen, die bei ihm waren, und auf seine Antwort, es sei reines Glück gewesen, wäre ich beinahe in Tränen ausgebrochen. Dieser Moment ging mir mehr zu Herzen als die furchtbaren Schilderungen und erschütternden Geschichten zuvor. Dieses schreckliche Roulette des Lebens beschäftigt mich immer noch.

Erst vor einigen Wochen habe ich einen Teil des Gedichts von William Blake vertont, das genau von diesen Glückskindern spricht, die zur rechten Zeit am rechten Ort geboren werden, und von jenen anderen, bei denen es umgekehrt ist: Every Night and every Morn / Some to Misery are Born / Every Morn and every Night / Some are born to Sweet Delight / Some are born to Endless Night.

Aus der „süßen Wonne“ meines privilegierten Lebens wage ich zuweilen einen Blick auf das Geschehen jenseits der dunklen Berge. Vor zwei Wochen habe ich Raad, meinen Freund aus dem Deutschkurs, zum Kaffee eingeladen, um gemeinsam zu überlegen, wie wir mehr Flüchtlinge für Veranstaltungen im Kunstsalon Framed gewinnen könnten.

Der 22-jährige Raad hat vier Kinder und seine Eltern (der Vater ist körperbehindert) durchzubringen. Er arbeitet in zwei Jobs, und hat doch Mühe, seine Familie zu ernähren oder eine passende Wohnung für sie zu finden. Als ich ihm Hilfe anbot, lehnte er ab: „Ich bin ein gesunder junger Mann und nicht bereit, Geld von jemandem anzunehmen. Ich möchte es mit eigenen Händen schaffen.“ Auf meine Frage nach der Situation in Syrien, antwortete er, er wolle lieber vergessen. Jedes Mal, wenn er an die Lage in seiner Heimat denke, kämen ihm die Tränen. Seine Angehörigen lebten dort immer noch in der Hölle.

Er wollte sich bemühen, nette Leute aus Syrien zu Framed einzuladen, und hielt Wort. Er brachte Freunde mit und sagte lachend, sie hießen alle Mohammed, so könnte ich mir ihre Namen leicht merken. Es wurde ein fantastischer Abend. 

Wenn ich Onkel David oder Raad treffe, meine ich, dass der Mensch nicht an den überstandenen Katastrophen zu messen ist, sondern daran, wie er sich wieder aufrappelt und weitermacht. Vielleicht ist das ein Klischee, aber ich glaube, es zeigt, dass Fragen wie, „warum ist das gerade mir zugestoßen?“, irrelevant sind. Was zählt, ist allein die Zukunft, vielleicht sogar nur die Gegenwart.

Ich hoffe, du bist wieder gut im schönen Jaffa gelandet und das Wetter lacht bei dir mehr als bei der Kälte, die dich in Berlin erwischt hat.

In Vorfreude auf deinen nächsten Brief,

Deine Yael 

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Tel Aviv, 18.01.2019

Liebe Yael,

vor ein paar Jahren habe ich mir eine neue Armbanduhr gekauft, eine Funkuhr, die sich von alleine umstellt. Sommerzeit, Winterzeit, Urlaub in London, die Zeiger drehen sich wie von Zauberhand, bis die Zeit wieder stimmt. Das gilt allerdings nur für Europa. Überall sonst muss ich die Uhr selbst umstellen, was kompliziert ist. Ich habe es in New York einmal gemacht, beim zweiten Mal aber bereits gelassen. In Tel Aviv habe ich meine Uhr noch nicht ein einziges Mal umgestellt. Sie tickt weiter nach der deutschen Zeit. Ich rechne einfach die israelische Stunde dazu. Wenn es in Berlin um fünf ist, ist es in Tel Aviv um sechs. Man gewöhnt sich daran. Ich bin noch nie zu spät gekommen, nur in Berlin mal eine Stunde zu früh.

Als ich deinen letzten Brief las, dachte ich darüber nach, ob es wirklich an meiner Bequemlichkeit liegt, dass ich die Uhr nicht umstelle oder daran, dass ich einfach gerne in ihrem Rhythmus ticke: ein bisschen hier, ein bisschen da, noch nicht richtig angekommen, bald wieder weg. Ein „Gast“, genau wie du sagst.

Gastsein ist wunderbar. Schon in New York habe ich es genossen. Deutschland und seine Probleme kamen mir plötzlich ganz klein vor, und zwischen all den Einwanderern fühlte ich mich das erste Mal tatsächlich als Deutsche, mir wurde bewusst, was mich ausmacht, was mich von anderen unterscheidet und was nicht. Ich habe, genau wie du, erst in der Ferne zu mir selbst gefunden und womöglich hat mir diese Erfahrung erst das Selbstbewusstsein gegeben, nach Israel zu ziehen.

Du fragst, ob ich meinen „Gast“-Status hier genießen kann. Ja, kann ich, ich liebe das Leben hier, nicht umsonst schlafe ich so gut. Aber dann, und das ist die andere Seite, gibt es Momente, wo mir die deutsche Schuld doch wieder im Wege steht, wo ich die ganzen Konflikte hier nicht verstehe oder mich unwohl fühle, weil alle am Tisch nur meinetwegen Englisch sprechen.

Es gibt einen Unterschied zwischen uns beiden. Du bist als Einwanderin nach Berlin gekommen, ich bin als Korrespondentin nach Tel Aviv gezogen. Du besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft, ich habe ein Arbeitsvisum. Du bleibst vielleicht, ich gehe mit Sicherheit zurück, und das liegt nicht nur an meinem Job, es hat auch damit zu tun, dass ich, selbst wenn ich wollte, nicht nach Israel einwandern könnte. Israel nimmt Juden aus der ganzen Welt auf, aber keine Deutschen, die es schön finden, am Meer zu leben und gerne Humus essen. Das hat, wie so vieles hier, auch mit der deutschen Geschichte zu tun. Sie ist nie weg, diese Geschichte. Auch daran erinnert mich meine Uhr. Gerade tickt sie wieder in der richtigen Zeit.

Ich bin für ein paar Tage in Berlin, weil ich das Schicksal einer jüdischen Familie im Nationalsozialismus recherchiere, verbringe viel Zeit in Archiven und begreife ständig, wie wenig Zeitzeugen es noch gibt und wie wichtig es ist, uns von denen, die noch da sind, erzählen zu lassen, was sie erlebt haben. Das ist der Grund, warum wir beide am Dienstag zusammen einen Ausflug nach Brandenburg gemacht haben. Wir waren bei Aharons Onkel David, dem 92-jährigen Auschwitzüberlebenden, in Bestensee. Seit du neulich über ihn geschrieben hast, haben wir darüber gesprochen, ob wir ihn einmal zusammen besuchen sollten. Aharons Mutter hat ihn dann einfach am Telefon gefragt, er hat Ja gesagt.

Wir ließen sofort alle Pläne sausen und saßen wenige Stunden später in Davids Wohnzimmer, wo er uns von seiner Heimatstadt Warschau, seiner Deportation und seiner Zeit in den Konzentrationslagern Majdanek, Auschwitz und Buchenwald erzählte. Zum Schluss zeigte er uns das Foto seiner Familie, von der keiner überlebt hat außer ihm, sein größter Schatz. Ich werde diesen Abend nicht vergessen. Wir sind dann zurück nach Berlin gefahren, du hast es gerade noch so zur Meditation geschafft, ich habe mich mit meiner Tochter zum Essen getroffen. Das Leben geht weiter. Die Uhr tickt. Wenn du diesen Brief liest, bin ich schon wieder auf dem Weg nach Tel Aviv, in die andere Zeitzone. 

Deine Anja 

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Berlin, 12.01.2019

Liebe Anja,

heute habe ich an unsere erste Begegnung gedacht. Fast ein Jahr ist das her.
Du hast mir eine E-Mail geschickt, in der erzähltest, du hättest auf der Webseite des Bötzowviertels eine Anzeige von mir gefunden und daraus entnommen, dass ich Israelin bin. Ihr würdet gegenüber wohnen und in ein paar Wochen nach Israel übersiedeln. Vielleicht wären wir bereit zu einem Treffen, um euch ein paar Tipps zu geben?

Wir schrieben zurück, dass wir euch gern kennenlernen würden. Zwei Tage später gingen Aharon und ich über die Straße und zu euch hinauf, wo wir aus euren Fenstern unsere Wohnung sehen konnten. Du hast uns mit Käse, Oliven und Wein verwöhnt, und wir unterhielten uns. Keiner ahnte, dass dieses Treffen einen Briefwechsel auslösen und zu einer tiefen Freundschaft führen würde. Vielleicht ist dies eine gute Gelegenheit, dir für jene E-Mail zu danken, die das alles in Gang gesetzt hat.

Zunächst verstand ich nicht, was euch bewegte, aus eurem Viertel und eurem schönen Heim in das schwierige Land zu ziehen, das wir erst kürzlich verlassen hatten. Aber nach einigem Nachdenken begann ich euch zu beneiden, denn ich erkannte das Potenzial der Position, die du in deinem letzten Brief geschildert hast: In Israel zu leben, ohne für die eine oder andere Seite Partei ergreifen zu müssen, ohne die seelische Last der Zugehörigkeit. Die Möglichkeit zu haben, nach Gaza oder Ramallah zu fahren und kurz darauf wieder in Tel Aviv zu sein, die Möglichkeit, die Lage aus allen Blickwinkeln zu betrachten.

Das ist ein Privileg, das ich niemals genießen werde. Viele Länder sind mir mit dem israelischen Pass verschlossen. Es ist doch seltsam, dass ich in Tel Aviv, wenige Fahrtstunden von Beirut und Damaskus, aufgewachsen bin, aber erst mit 36 Jahren zum ersten Mal jemanden aus Syrien oder Libanon gesprochen habe – hier in Berlin, im Deutschkurs, wo wir uns gemeinsam bemühten, deine schwierige, schöne Sprache zu lernen.

Mauern öffnen und schließen sich, werden errichtet und fallen, jederzeit, überall, auf physischer wie metaphysischer Ebene. Es ist wohl Glückssache, wann man auf welcher Seite einer Mauer geboren wird. Als Angehörige der dritten Generation der Schoa, als Israelin und als Mensch wie alle anderen, die Mauern und Barrieren im Innern tragen, beschäftige ich mich häufig mit dem Thema. Auf manche Mauern habe ich keinen Einfluss, aber andere meine ich, meistern zu können.

Das ist ein Grund für meine Liebe zur Musik. Musik ist eine Sprache, die Menschen in aller Welt verstehen, eine Brücke zwischen Kulturen. Als Musikstudentin an der New School University in New York lebte ich zum ersten Mal außerhalb Israels. Anfangs betrübte mich das Gefühl, ortsfremd zu sein, nicht dazu zu gehören, aber bald erkannte ich, wie wunderbar es sich an einem Ort lebt, für den man keine Verantwortung trägt.

Ich kam mir sehend, aber unsichtbar vor. Niemand scherte sich darum, wer ich war, was ich tat oder unterließ. Das befreite mich mit einem Schlag und machte es mir möglich, „ich“ zu sein. Ähnlich bietet Berlin mir heute einen ruhigen Ort, wo ich mich mit Dingen beschäftigen kann, die mich tatsächlich interessieren, und die Fremdheit verleiht mir den Mut zum Wagnis. Meistens zumindest.

Es ist jetzt Abend. Von meinem Arbeitszimmer aus sehe ich euren Balkon. In euren Fenstern brennt kein Licht. Die Mieter sind wohl nicht zu Hause. Und ihr seid natürlich nicht da. Ich frage mich: Könnt ihr eure Position als Gäste in Israel wirklich auskosten? Genießt ihr das Wetter, die guten Menschen, das Essen, das Meer? Oder bedrängen euch die Probleme ringsum? So wie sie uns bedrängt haben? Gelingt es euch, eure Fremdheit dazu zu nutzen, ihr selbst zu sein?

Deine Yael 

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Tel Aviv, 04.01.2019

Liebe Yael,

am letzten Tag des Jahres begriff ich wieder einmal, in was für unterschiedlichen Welten wir doch leben. Wir waren mit Freunden aus Berlin im Cassis, einem Restaurant direkt am Meer – ein märchenhafter Ort, vor allem jetzt, im Winter, wenn der Strand einsam ist und der Himmel sternenklar.

Es sollte eine Silvesterfeier geben, obwohl das neue Jahr hier ja schon Ende September begonnen hatte und Neujahr ein ganz normaler Arbeitstag ist. Die Cassis-Betreiber hatten sich alle Mühe gegeben: lustige Tischdekoration, Festtagsmenü, sogar eine Jazzband spielte. Allerdings war das Restaurant nur halb voll, die Jazzband verzog sich im Laufe des Abends immer mehr Richtung Toiletten, weil einigen Tischen die Musik zu laut war. Um halb zwölf gab sie ganz auf. Da waren die meisten Gäste bereits schlafen gegangen, um Mitternacht gab es einen Schnaps aufs Haus, dann wurde abgeräumt, wir liefen am Meer entlang zurück nach Hause.

Es war die ruhigste Neujahrsnacht meines Lebens. Ich habe nichts vermisst. Wenn mir überhaupt etwas fehlte, dann die Pause zwischen den Jahren, das Gefühl, dass etwas zu Ende geht und etwas Neues beginnt. Eine beunruhigende Nachricht nach der anderen platzte in meinen Jahresendurlaub: Vorgezogene Neuwahlen im April, Gründung einer rechten Partei, Selbstzerstörung einer linken, neue Siedlungen im Westjordanland. Angela, eine politische Aktivistin, hielt mich per WhatsApp auf dem Laufenden. Am Heiligen Abend, den ich mit der Familie in Bethlehem verbrachte, teilte sie mir mit, dass ganz in der Nähe über Nacht eine Siedlung hochgezogen worden war. Es gab eine kleine Demonstration – und einen großen Weihnachtsumzug, der mich mit all den Fanfaren und Trommeln eher an die St.-Patrick’s-Day-Parade in New York erinnerte.
Kurz bevor wir zurück nach Tel Aviv fahren wollten, wurden wir Zeugen eines ganz besonderen Rituals, der Ankunft des römischen Kardinals zur Mitternachtsmesse.

Er fuhr nicht wie wir über den Grenzübergang, sondern kam direkt durch die Mauer nach Bethlehem. Es gibt dort ein Segment, das sich bewegen lässt, eine Zaubertür, die nur zu besonderen Anlässen aufgeschoben wird, und plötzlich klafft ein Loch in der Mauer. Das Loch wurde von israelischen Soldaten und palästinensischen Polizisten bewacht, was völlig unnötig schien. Als der Kardinal durchgefahren war, liefen die Palästinenser aus Bethlehem zu den Palästinensern aus Jerusalem, alle fielen sich in die Arme. Es war eine rührende Szene, sogar die Israelis mussten lächeln. Und für einen Moment dachte ich, das könnte vielleicht einer dieser historischen Momente werden wie der Mauerfall in Berlin vor fast 30 Jahren. Aber dann liefen alle wieder zurück auf ihre Seite. Es summte, die Mauer ging zu.
Die Szene schien so eingespielt zu sein wie das Krippenspiel in der Kirche, und ich glaube, das hat mich am meisten irritiert. Ich habe 1989 gelernt, dass Systeme über Nacht zusammenstürzen können, aber seit ich hier lebe, fühle ich mich eher wieder in die Jahre vor dem Mauerfall versetzt, wo ich mir nicht vorstellen konnte, dass sich jemals etwas ändern wird.

Es ist ein anderes Land, eine andere Zeit, ein anderer Konflikt, aber ich habe hier oft das Gefühl, auf einer Zeitreise zu sein. Die Mauer, die Checkpoints, der Schießbefehl, die Diskussionen, ob Palästinenser, die die Grenze in Gaza stürmen, Terroristen oder Helden sind, die unversöhnlichen Standpunkte. Nur bewege ich mich diesmal auf beiden Seiten der Mauer, kann die Checkpoints passieren, an den Warnschildern für Israelis vorbeifahren, im Bus nach Jerusalem sitzen bleiben, wenn die Palästinenser aussteigen, in Tel Aviv frühstücken und in Ramallah abendessen. 30 Jahre nach dem Mauerfall fühle ich mich ein bisschen wie der Westbesuch, der mit Geschenken vor unserer Wohnungstür in Berlin-Lichtenberg stand und sich über die strengen Grenzer beschwerte. Und ich würde alles dafür geben, zu wissen, wann auch hier die Mauer fällt und wir zusammen nach Ramallah fahren können.

Liebe Yael, ich wollte eigentlich nicht so schwermütig werden, aber das Leben ist hier so. Manchmal leicht und manchmal schwer. Wer weiß das besser als du! Ach, die Sirenen haben übrigens auch noch geheult. Am ersten Feiertag. Morgens um zehn. Ein Probealarm.

Deine Anja 

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Tel Aviv, 28.12.2018

Liebe Anja,

wir sind vor einer Woche in Tel Aviv angekommen. Die Kinder haben Schulferien, und in Berlin ist, wie du ja schriebst, alles erfüllt von der frohen Stimmung eines Festes, zu dem wir keine Beziehung haben. In unserem ersten Winter in Berlin haben wir die Weihnachtsmärkte besucht und sogar ein Bäumchen gekauft und geschmückt. Es kam uns komisch vor, und ehrlich gesagt, haben wir letzthin mehr Lust, das Gegenteil zu tun – die Weihnachtsmärkte zu meiden, mit den Kindern das Chanukkafest zu feiern und um diese Zeit nach Israel zu fliegen.

Aber langsam geraten die Kinder durcheinander. Der fünfjährige Benjamin fragte mich vor zwei Wochen besorgt: „Mama, wie sollen wir denn Geschenke kriegen, wenn wir keinen Baum und keinen Schornstein haben? Santa kommt durch den Kamin …“ Ich erklärte ihm, er brauche sich keine Sorgen zu machen, bei uns bekäme man Geschenke zu Chanukka, auch ohne Baum und Kamin. Das beruhigte ihn. Egal, wie, Hauptsache es gibt Lego.

Mich hat es jedoch beunruhigt. Wenn ich nicht aufpasse, wissen die Kinder bald mehr über Weihnachten als über Chanukka oder wollen lieber Ostern als Pessach feiern, zumal unsere Feiertage nicht so verlockend sind. Wie soll man sie dazu bringen, Matzen statt Schokohasen zu essen, oder ihnen weismachen, dass das Entzünden von Chanukkalichtern genauso schön sei wie ein Riesenbaum mit Glitzerschmuck.

Ich finde deinen Vorschlag, nächstes Jahr die Wohnungen zu tauschen, glänzend. Warum sind wir nicht früher darauf gekommen? Ich wäre sogar bereit, euch einen Baum zu kaufen, den ihr dann nach Herzenslust schmücken könntet. Wir hingegen wären glücklich, jeden Morgen Hummus bei Abu Hassan zu essen und an den Strand zu gehen.

Einen Tag nach unserer Ankunft in Tel Aviv waren wir mit unseren besten Freunden, Schirli und Assaf, im Kino. Schirli kenne ich seit 1996. Wir gingen in dieselbe Klasse im Theaterzweig am musischen Gymnasium in Tel Aviv. Im selben Jahr habe ich auch Aharon kennengelernt. Danach durchlief meine Freundschaft mit Schirli und mit Aharon mehrere Phasen, bis Schirli Assaf heiratete und ich Aharon. Die beiden Männer wurden ebenfalls dicke Freunde, und wir vier waren bald fast wie eine Familie. Die Kinokarten hatte Aharon eine Woche zuvor noch aus Berlin bestellt. Als er über den Film „Roma“ las, spürte er intuitiv, dass wir ihn uns zu viert ansehen sollten. Er hatte recht.

Wir trafen uns vorher auf ein Bier gegenüber. Tel Aviv war verregnet. Keine fünf Minuten nach der ersten Umarmung fühlten wir uns so natürlich und vertraut, als setzten wir eine eben erst unterbrochene Unterhaltung fort. Wir redeten kurz über den Lauf des Lebens und gingen dann zum Kino. Assaf und ich kauften eine große Portion Popcorn und Getränke für alle, nahmen unsere Plätze ein und sahen einen Film, in dem es um Liebe und Familie geht, ob biologisch oder nicht, und um die Hoffnung, dass man immer, egal, wie schwer es ist, die Dinge auch anders betrachten kann. Fast allem lässt sich etwas Schönes abgewinnen.

Wir beide sind zwar fern von unserer natürlichen Umgebung mit all den Bräuchen und Gewohnheiten, aber wir haben unsere Familie.

Ich hoffe, ihr hattet ein frohes Fest.

Deine Yael 

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Berlin, 21.12.2018

Liebe Yael,

in deinem letzten Brief kommen lauter Orte vor, die ich kenne. Das alte Funkhaus in der Nalepastraße zum Beispiel. Ein Nachbar von mir hat dort gearbeitet, als Kind bin ich oft daran vorbeigefahren, wenn ich meinen Opa in Köpenick besucht habe. In Bestensee, wo dein Onkel David wohnt, war ich manchmal baden, es ist nicht weit von unserem Wochenendgrundstück entfernt. Deshalb kenne ich auch den Regionalzug nach Bestensee. Ich sehe genau die Bahnabteile vor mir und all die Leute, die es am Freitagnachmittag raus aus der Stadt an die Brandenburger Seen drängt.

Es ist schön und seltsam, mir Orte, die ich so lange kenne, dass ich sie gar nicht mehr richtig wahrnehme, mit deinen Augen beschreiben zu lassen. Ich bekomme dann sofort ein bisschen Sehnsucht nach Berlin und denke, dass es dir wahrscheinlich mit meinen Beschreibungen aus deiner Heimat nicht viel anders geht. Es ist, als hätten wir unsere Leben getauscht, und ich muss zugeben: Jetzt, in der Weihnachtszeit, würde ich manchmal gerne einen Rücktausch beantragen.

Es wird, das kann ich jetzt schon sagen, das unweihnachtlichste Weihnachtsfest meines Lebens. Wir haben weder Baum noch Gans, mit Geschenken sieht es auch nicht so gut aus. Und mit dem Weihnachtsgefühl noch viel schlechter. Natürlich weiß ich, dass Juden keine Weihnachten feiern und die christlichen Araber eine Minderheit im Land sind, aber die Abwesenheit jeglicher festlicher Stimmung hat mich dann doch ziemlich überrascht: die Selbstverständlichkeit, mit der die Leute hier ihren üblichen Besorgungen nachgehen, die Schaufenster, die völlig ohne Weihnachtsdekoration auskommen, und all das andere, an das ich mich so gewöhnt habe – Weihnachtsfeiern, Gänseessen, Diskussionen in der Familie, wer wo wann feiert und ob ein kleiner oder großer Baum besser ist.

Als ich vor zehn Tagen beschloss, einen Baum zu besorgen, war es bereits zu spät. Es gibt einen einzigen Weihnachtsbaumverkauf in der Nähe von Tel Aviv, der Termin war Mitte Dezember gewesen. Ich schlug Alex vor, trotzdem in die Gärtnerei zu fahren, vielleicht haben sie ja noch einen Baum übrig. Alex sagte, ach, wir brauchen doch keinen Baum. Ist doch auch so schön. Ich sagte, Weihnachten ohne Baum ist kein richtiges Weihnachten. Ist sowieso kein richtiges Weihnachten hier, sagte er.

Ich glaube, es war dieser Satz, der mir sämtliche Energie raubte. Er hat ja recht. In Tel Aviv sind 20 Grad. Wenn in Berlin die Stadt am Montag so still wird wie das ganze Jahr nicht, wenn überall die Lichter an den Bäumen angehen und Familien sich auf den Weg zur Christmesse machen, beginnt hier gerade die Rush Hour. Leute kommen von der Arbeit, machen ihre Abendeinkäufe, gehen am Strand joggen.

Die Kirche gegenüber unseres Hauses bleibt wahrscheinlich geschlossen. Hier in Jaffa leben zwar viele Christen, aber die meisten sind griechisch-orthodox und feiern Weihnachten erst am 6. Januar. Ich kann mir gut vorstellen, wie die jüdischen Bauarbeiter, die gerade den Wasserschaden an der Fassade beheben, am ersten Feiertag neugierig in unser Fenster schauen. Zu den Deutschen, die mit roten Kerzen am Kaffeetisch sitzen und traurige Lieder singen. Wahrscheinlich wird auch der Elektriker, auf den wir seit Wochen warten, ausgerechnet dann vorbeikommen. Was soll ich auch sagen? Entschuldigung, heute ist schlecht, wir feiern gerade Weihnachten?

Leider kann niemand so richtig meine sentimentalen Gefühle nachvollziehen. Nicht mal meine Nachbarin Carianne, die Holländerin. Sie hat mir vorgeschlagen, einen Plastikbaum zu kaufen. Sie hat seit Jahren einen. Ist praktisch, sagt sie. Itay, ihr Mann, hat auch einen Vorschlag: Statt die ganze Stadt nach einer Gans abzusuchen, sollen wir einfach ein Brathuhn kaufen und uns vorstellen, das Huhn sei eine Gans.

Mein einziger Trost ist der Gedanke, wie es euch um diese Zeit in Berlin ergeht. Eine jüdische Familie im deutschen Jingle-Bell-Wahn. Vielleicht sollten wir nächstes Jahr Wohnungen tauschen. Wir kommen nach Berlin, ihr nach Tel Aviv. Was hältst du davon?

Deine Anja 

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Berlin, 15.12.2018

Liebe Anja,

wir haben ein neues Auto gekauft. Kein wirklich neues, zugegeben, es ist zwanzig Jahre alt. Aber neu für uns. Wir hatten keine Ahnung, wo man einen Gebrauchtwagen kauft, also schalteten wir Aharons 92-jährigen Onkel David ein und saßen an einem Montagmorgen im Regionalzug nach Bestensee.

David holte uns am Bahnhof ab und nahm uns mit zu einem alten Freund, der einen betagten Volkswagen verkaufen wollte. Nach einer lustigen Feilscherei zwischen den beiden Freunden (wir standen dabei, ohne uns einzumischen) kauften wir das Auto. Danach fuhren wir zu David nach Hause, um seiner Frau Christa guten Tag zu sagen. Ihr kleines Haus, das David eigenhändig gebaut hat, ist immer blitzsauber und aufgeräumt.

Wir bekamen Tee in hübschen Gläsern und Gebäck. Da David und seine Frau kein Englisch sprechen, bemühten wir unser holpriges Deutsch. Dabei blickte ich auf das Wäldchen draußen und dachte, dass ich von David gern etwas über seine Lebensgeschichte hören würde, über das Trauma des Krieges, über Auschwitz und seine Entscheidung, danach in Deutschland zu bleiben. Aber er möchte nicht darüber sprechen.

Ich kann ihn verstehen. Es ist beängstigend, diese Geister zu wecken. David erinnert mich an meinen Großvater väterlicherseits, ebenfalls ein polnischer Holocaustüberlebender, der kürzlich, im Alter von 103, gestorben ist. Bis zum Schluss war mein Großvater stark, geistig klar und optimistisch. Beiden gemeinsam war ein erstaunlich lebendiger Funke in den Augen. Mir scheint, dieser Funke hat sie während ihres langen, harten Lebens gestärkt. Ohne all dies anzusprechen, tranken wir den Tee aus, verabschiedeten uns und fuhren mit unserem alt-neuen Auto nach Hause.

In der nächsten Woche widmeten wir uns einer klassischen Migrantenaufgabe – dem Ausfüllen von Formularen. Vor einiger Zeit entdeckten wir, dass ein befreundetes Ehepaar, ebenfalls israelische Künstler, auch schon seit Längerem versuchte, die Aufnahmeformulare für die Künstlersozialkasse auszufüllen, und beschlossen, diese Aufgabe gemeinsam anzugehen. Um 21 Uhr kamen wir bei den Freunden an. Beladen mit Ordnern voller Papiere und einem kleinen Laptop, setzten wir uns an den Tisch, knackten Pistazien und gingen Punkt für Punkt durch.

Wir vier hatten alle den Integrationskurs in Deutsch absolviert, gaben aber dennoch jeden Paragrafen in Google Translate ein und versuchten, die jeweils richtige Antwort zu finden. Kurz, nur um ein armseliges kleines x zu machen, rauchten uns bereits die Köpfe, ganz zu schweigen von den vielen Urkunden, die es beizufügen galt, und dem Herzklopfen beim Blättern in den Ordnern, aus Sorge, es könnte ein unerlässliches Formular fehlen. Aharon rieb sich schon die Augen und schielte in alle Richtungen, Ido ging neuen Tee machen, Shimrit bewahrte zum Glück die Ruhe und leitete den Kampf, und ich notierte fehlende Urkunden, die wir beschaffen, Fragen, die wir dem Rechnungsprüfer stellen mussten. Je länger der Abend, desto ferner erschien mir die Lösung unserer Aufgabe.

Gegen Ende der Woche fuhr ich, auf der Suche nach Partnern für mein Kulturprojekt Framed, zum Funkhaus in die Nalepastraße nach Adlershof. Aus der Ferne sah es aus wie ein riesiges, verlassenes Industriereal am Flussufer, aber als ich das erste Studio betrat, verschlug es mir den Atem. Die Architektur, die Größe, die Materialien, die kleinen Details, die akustische Planung, die Farben! Ich meinte, die früher dort gespielte Musik zu hören, die Menschen zu sehen, die einstige Aufregung zu spüren. Nach den historischen Sendestudios und Aufnahmeräumen folgte ich dem Kurator des Funkhauses in weitere Stockwerke und lange, breite Korridore, die zu weiteren Gängen und Türen und Treppen führten.

Auf dem Heimweg versuchte ich, noch immer überwältigt von dem Ort, zu verstehen, wie man ein so prächtiges und teures Gebäude bauen und es dann aufgeben konnte. Welche historischen Schätze dieser Art mögen sich noch in Berlin verstecken?

Deine Yael 

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Tel Aviv, 8.12.2018

Liebe Yael,

pünktlich zum ersten Advent bin ich wieder in Tel Aviv gelandet, es war auch der erste Tag von Chanukkah. Im Flugzeug saßen viele Israelis, die Stimmung war gut. Kaum hatte das Flugzeug aufgesetzt, riss eine Frau die Arme in die Luft, klatschte, trampelte, juchzte. Andere stimmten in ihren Freudengesang ein. Das Flugzeug bebte. Als wären wir auf dem Mond gelandet.

Die Frau sah aus wie ein in die Jahre gekommenes Hippie-Mädchen. Keine Ahnung, was mit ihr los war, was sie genommen hatte, wie lange sie in Indien gewesen war. Aber ehrlich gesagt, glaube ich, der Grund für ihre überschwängliche Reaktion war ganz banal: Sie war froh, zu Hause zu sein.
Fast jedes Mal, wenn ich nach Tel Aviv fliege, gibt es Beifall bei der Landung, können Fluggäste es kaum erwarten, von Bord zu gehen und ihre Koffer abzuholen. Neulich stand ich neben einer Frau am Gepäckband, die kaum, dass sie ihren Koffer bekommen hatte, mehrere Outfits ausprobierte. Wie vor einem Date.

Der schönste Moment aber ist der, wenn man den geschlossenen Teil des Ankunftsbereichs verlässt und die Flughafenhalle betritt. Hinter der Absperrung warten Scharen von Frauen, Männern, Kindern, Großfamilien. Sie haben sich schick gemacht, halten Luftballons in Herzform und Willkommens-Schilder in die Höhe. Man hat das Gefühl, mitten in eine Überraschungsparty geplatzt zu sein.

Eine Kollegin findet die israelischen Flughafenbegrüßungsszenen kitschig und übertrieben, hat sie mir gesagt. Mich dagegen fasziniert es immer wieder aufs Neue, wie sich supercoole Israelis in aufgeregte Kinder verwandeln, nur weil sie wieder zu Hause gelandet sind.

Nur ein einziges Mal habe ich etwas Vergleichbares erlebt, auf einem Flug von Miami nach Havanna. An Bord waren Exilkubaner, beladen mit Geschenken für die Familien. Als das Flugzeug in Havanna landete, war die Hölle los. Jubel, Schreien, Lachen, Weinen. Auch mir schossen Tränen in die Augen. Ich kannte die Leute um mich herum nicht, ich wusste nicht, was sie erlebt hatten, wie schwer der Abschied von ihren Familien gewesen war, die Flucht, der Anfang in der neuen Welt. Aber ich konnte ihre Freude spüren, wieder in der Heimat gelandet zu sein – und die Wehmut, zu wissen, dass die Heimat nicht mehr das Zuhause ist. 

Als ich am Sonntag in Israel landete, konnte ich es kaum erwarten, in mein Viertel zu fahren, die Tür zum Haus aufzuschließen, wo mein Bett und mein Schreibtisch stehen und meine Bücher im Regal. Heimatgefühl würde ich es nicht nennen, aber es war ein neues Gefühl. Schon in Delhi auf dem Flughafen habe ich es gespürt, als ich das erste Mal seit Tagen wieder Hebräisch hörte. Und sogar ein paar Brocken verstand. Wie du weißt, lerne ich seit ein paar Monaten Hebräisch. Einmal in der Woche kommt eine freundliche ältere Dame namens Zipi zu uns nach Hause, und Alex und ich werden für eine Stunde zu Erstklässlern und lernen, was: „Ich wohne in Tel Aviv.“ – „Ich trinke Kaffee mit Milch.“ – „Das Fenster ist groß“, heißt. Manchmal frage ich mich, wozu ich mir solche Mühe gebe, wenn man sich in Israel doch so gut mit Englisch durchschlagen kann und hier in Jaffa sowieso fast alle Arabisch sprechen. Aber wenigstens kann ich jetzt im Gemüseladen fragen, was die Tomaten kosten. 

Die letzte Stunde mit Zipi hatten wir vor drei Tagen, wir haben die Zahlen gelernt, Misparim, und was Regen heißt: „Geschem“ und viel Regen: „harbä Geschem“. Es war der Tag, an dem es zu stürmen begann, es hat bis jetzt nicht wieder aufgehört. Unser Hof ist überschwemmt. Im Haus ist es kühl. Ich habe meine Hausschuhe in Berlin vergessen und trage Flipflops wie im Hochsommer. Mit Socken. Nicht mal der Kater hat Lust rauszugehen. Nachts ist der Regen stärker geworden. Ich wurde von einem fremden Geräusch geweckt. Es klang wie der Sekundenzeiger einer Uhr. Wir haben keine Uhr mit Sekundenzeiger. Ich stand auf und sah, wie der Regen durch die Decke ins Wohnzimmer tropfte. Tick, tick.

Der Handwerker, der das Dach reparieren soll, begrüßt Alex mit Handschlag. Als ich ihm meine Hand hinhalte, dreht er sich weg.

Ich glaube, in Tel Aviv hat der Winter begonnen.

Deine Anja

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Berlin, 1.12.2018

Liebe Anja,

was für ein Brief! Vom ersten bis zum letzten Wort fühlte ich mich wie in einem Thriller mit Liam Neeson. Und nun sehe ich im Geist dich und Alex am indischen Strand liegen, einen Fruchtshake in der Hand, wie am Ende eines anständigen Hollywood-Films. Ich hoffe, ihr genießt jede Minute.

Ich war noch nie in Indien.

Nach meinem Wehrdienst fuhren alle um mich herum dorthin. In Israel kellnern die meisten Dienstentlassenen ein paar Monate, um Geld für Indien oder Südamerika zusammenzukratzen, einen fernen, billigen Ort mit möglichst vielen Drogen im Angebot. Natürlich fahren nicht alle wegen Drogen und nicht alle nach Indien oder Südamerika, aber es reisen so viele Israelis nach Indien, dass es in Delhi angeblich ganze Straßenzüge mit hebräischen Schildern gibt und manche indischen Herbergsbetreiber schon Hebräisch sprechen.

Mich hat das damals gar nicht gereizt. Weder Drogen noch Indien. Ich habe meinen zweijährigen Wehrdienst zwar keineswegs genossen, ihn aber auch nicht als traumatisch erlebt. Im ersten Jahr habe ich in einer Top-Secret-Einheit gedient. Die Leute dort waren nett und klug, ich habe trotzdem jede Minute gehasst und meine Vorgesetzten gebeten, mich in eine andere Einheit zu versetzen. Sie lehnten ab, woraufhin ich zum Armee-Psychologen ging und ihn überzeugte, dass es mir nicht gut geht und ich unbedingt hier weg muss. Er hat mir geglaubt, ich wurde umgehend versetzt und bekam einen langweiligen Schreibtischjob zugeteilt, nicht weit von zu Hause. Jede Nacht konnte ich von nun an in meinem eigenen Bett schlafen, und obwohl es verboten war, ging ich in meiner Freizeit kellnern, in einem Jazzclub in Tel Aviv.

Ich war eine schlechte Kellnerin, vergaß ständig, was ich bringen sollte, weil ich mich mehr für die Musik als für die Gäste interessierte. Aber nach dem Ende meiner Armeezeit gab ich hier, in diesem Jazzclub, mein erstes Konzert. Ich war so aufgeregt, dass ich in der Nacht zuvor Fieber bekam, ich sang grauenvoll, aber nach dem Abend wusste ich, dass ich Sängerin werden wollte.

Ich habe noch eine Weile weiter gekellnert, bis ich genug Geld für sechs Monate Indien oder einen Monat Paris zusammenhatte. Ich entschied mich für Paris, fuhr alleine los, mietete eine winzige Wohnung, aß in französischen Restaurants, besuchte Museen und hatte dabei immer ein Buch des israelischen Künstlers Yair Garbuz in meiner Tasche: „Paris Tel Aviv“. Ich besuchte all die Orte, die er besucht hatte. Ich war manchmal einsam, aber ich liebte es. Heute hingegen reizt mich Indien weit mehr als Paris oder jede andere Stadt. Es zieht mich mehr und mehr an ferne, ruhige Orte in der Natur. Ich finde die Großstadt anstrengend und habe das Gefühl, dass sie mich auf Dauer nicht glücklich macht.

In den letzten Wochen komme ich kaum zum Luftholen, hetze von einer Aufgabe zur nächsten. Wie immer, wenn ich pausenlos arbeite, entscheidet mein Körper an meiner Stelle und bremst mich. Diesmal infizierte ich mich mit einem Halsvirus, der mir die Stimme raubte. Und ausgerechnet jetzt war Aharon gezwungen, ungeplant nach Israel zu fliegen, weil seine Mutter sich den Arm gebrochen hatte und operiert werden musste. So verbrachte ich eine ganze Woche allein, mit einem Haufen Arbeit, zwei Kindern und ohne Stimme. Ich bot sämtliche Kräfte auf, um alles hinzukriegen, ohne zu sprechen und ohne panikartig zu fürchten, ich könnte die Stimme ganz verlieren. Stimmverlust gehört zu den schlimmsten Albträumen einer Sängerin.

Zum Glück hat meine Schwiegermutter die Operation gut überstanden und erholt sich, Aharon kam nach einer Woche zurück, meine Stimme zwei Tage später, und letztes Wochenende beschlossen wir, eine Pause einzulegen. Wir strichen alle Pläne und blieben zu viert im Haus. Wir spielten Karten, bauten Lego, kochten, aßen, malten, lasen, aßen, guckten Filme, lachten, kuschelten und aßen erneut. Seit Langem haben wir nicht mehr so eine ruhige Zeit, ohne Störungen oder andere Leute, nur im Familienkreis, verbracht. Es war perfekt. Letzten Endes fand ich das Glück in einer ungeplanten Reise, in den eigenen vier Wänden.

Deine Yael

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Tel Aviv, 24.11.2018

Liebe Yael,

ich verstehe immer besser, was du meinst, wenn du schreibst, wie gut es tut, aus Israel weg zu sein. Hier passiert gerade wieder einiges: mysteriöse Geheimdienstoperationen, Raketenangriffe, Waffenruhe, Regierungskrise, vielleicht Neuwahlen, vielleicht nicht. Nie kann man sagen, wie es weitergeht, nie gibt es Sicherheit. Auch deshalb haben Alex und ich beschlossen, unseren Resturlaub nicht hier zu verbringen, sondern wegzufliegen, irgendwohin, wo wir noch nicht waren, wo wir abschalten können.

So kam es, dass wir am letzten Sonntag am ElAl-Schalter vom Ben-Gurion-Flughafen standen, Mumbai stand auf der Anzeigetafel, wir hatten uns für Indien entschieden, ein beliebtes Urlaubsziel von Israelis. Meine größte Sorge war nur noch, ob Yoga-Kurse im Pauschalpreis unseres Hotels enthalten sein würden oder nicht. Da fragte die Frau hinterm Schalter: Visa haben Sie doch? Visa?

Es war einer dieser Momente, wo man begreift, dass gerade etwas passiert, aber noch hofft man auf Erlösung, einen Satz wie: Nicht so schlimm, dann kaufen Sie die Visa eben vor Ort. Stattdessen sagte die Frau: Ohne Visa können Sie nicht fliegen. Eine andere sagte: Vier Tage Bearbeitungszeit, mindestens. Und eine dritte runzelte die Stirn und fragte: Sie sind Journalisten?

Der Mumbai-Flieger hob ohne uns ab. Wir fuhren zurück nach Hause, suchten nach Express-Visa-Anbietern und neuen Flugverbindungen, vertrösteten das Hotel in Indien und versicherten dem aus Berlin angereisten Neffen, wir seien bald wieder weg. Er sollte den Kater füttern und hatte seine neue Freundin mitgebracht. Wir fühlten uns wie Gäste im eigenen Haus. Morgens schlichen wir raus, abends gingen wir früh schlafen, als wären wir gar nicht mehr da.

Die Visa ließen auf sich warten, Computerprobleme, hieß es, oder: indische Feiertage. Die Urlaubsuhr tickte. Ich erinnerte Alex daran, dass gerade Freunde aus Berlin auf dem Weg nach Tel Aviv am Check-in-Schalter umkehren mussten, weil ihre Pässe abgelaufen waren. Alles halb so wild, sagte ich. Wir seien eben richtige Europäer geworden, daran gewöhnt, ohne Pass- und Visakontrollen von Land zu Land zu reisen. Alex biss die Zähne zusammen und sagte: Lass uns auf dem Jaffa-Markt frühstücken, das wollten wir schon immer mal machen. Ich schlug vor, danach in die Ausstellung über jüdischen Humor zu gehen. Wir machten lange Strandspaziergänge, spielten Tennis, tranken abends am Hafen Bier, sahen aufs Meer und in den Himmel, wo ein Flugzeug nach dem anderen startete. Ohne uns.

Es war herrlich. Genau das, was wir immer wollten: Tel Aviv genießen. Urlaub zu Hause. Nie war uns das gelungen. Erst jetzt, da wir in einer Hängematte am Indischen Ozean liegen sollten, aber nicht konnten, ging es auf einmal.

Dann kamen die Visa. Wir verabschiedeten uns das zweite Mal vom Neffen, fuhren zum Flughafen, zeigten stolz unsere Visa vor und saßen kurz darauf im Nachtflug nach Indien. Die Stewardessen servierten Abendessen und Wasser. Ich sah den zweiten Teil von „Mamma Mia“ und summte Abba-Songs mit, als ich hörte, wie hinter mir ein Streit ausbrach. Eine Frau wollte Wein, die Flugbegleiterin erklärte, sie dürfe keinen Alkohol ausschenken. Warum denn nicht, fragte die Frau. Weil wir uns im saudischen Luftraum befinden. Das habe sie noch nie gehört, sagte die Frau und verlangte, den Kapitän zu sprechen. Im Film sang Cher „Fernando“. Hinter mir wurde es laut. Die Flugbegleiterin versicherte, der Kapitän könne nicht helfen. Die Saudis bestimmten das. Bei einer Notlandung in ihrem Land kämen Rettungskräfte nur dann, wenn die Bar an Bord versiegelt sei.

Die Frau bekam einen hysterischen Anfall. Ich steckte die Kopfhörer tief in die Ohren. „There is something in the air tonight“, sang Cher, die Frau schrie, das Flugzeug wackelte. Ich schloss die Augen, stellte mir vor, wie wir in der Wüste notlanden, ein Rettungssanitäter, der so aussieht wie der saudische Prinz, das Flugzeug betritt, den Zustand der Bar prüft und wieder abrückt, weil eine Weinflasche entkorkt ist. Auf einmal wurde es ruhig hinter mir. Die Frau war eingeschlafen.

Ich aber hätte jetzt gut einen Schnaps gebrauchen können.

Deine Anja

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Berlin, 09.11.2018 

Liebe Anja,

wir sind zurück in Berlin, nach knapp zwei Wochen in Israel. Diese Besuche erschüttern mich manchmal völlig. Ich hatte gedacht, ich würde dir schreiben, warum, aber ehrlich gesagt, habe ich keine Lust dazu. Ich möchte über Berlin schreiben, in Berlin sein.

Am ersten Tag nach unserer Ankunft waren wir mit den Kindern in der Komischen Oper und sahen: „Der Zauberer von Oz“. Für sie war es der erste Opernbesuch. Auf dem Hinweg erklärte ich ihnen, eine Oper sei eine Theateraufführung, bei der fast alle Dialoge gesungen würden, und wie schwierig und teuer es sei, so ein Werk auf die Bühne zu bringen. Ich sprach von der Musik, dem großen Saal, der Bühnenausstattung und den Kostümen, den vielen Mitarbeitern, die dazu nötig seien. Ihre Augen leuchteten vor Aufregung.

Die Größe und Schönheit des Saals beeindruckten mich diesmal noch mehr als bei meinem ersten Besuch (mit Aharon in der „Zauberflöte“). Unsere Plätze fanden wir in der allerletzten Reihe ganz an der Seite. Von dort sah man gar nichts. Ich ging mit den Kindern ans Geländer, gegenüber der Treppe, wo sie prima sehen konnten, ohne zu stören.

Wir überschauten den Orchestergraben, die Musiker stimmten ihre Instrumente. Ich erklärte jedes einzelne und sagte, dass Orchester und Sänger aufeinander hören mussten, um die Oper gut aufzuführen.

Die Kinder lauschten gebannt von Anfang bis Ende, fragten mich ständig, was echt sei und was nicht: Mama, sind die Wolken echt? Und fliegt die Hexe wirklich? Ist das ein richtiger Hund? (Ja, war er.) Und sind die Blumen echt? (Nein, nur an die Wand projiziert.) Ihre Beschäftigung mit der feinen Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit, Realität und Erfindung, die im Theater so schön zum Ausdruck kommt, faszinierte mich.

Am Ende der Vorstellung klatschten die Kinder in die Hände und trampelten mit den Füßen, waren aber auch müde und hungrig. Wir kauften zwei Brezeln und fuhren zu Freunden, die uns zum Mittagessen eingeladen hatten.

Auf dem Weg dorthin dachte ich darüber nach, wie großartig es ist, dass ich meinen Kindern für so einen niedrigen Eintrittspreis solch ein Erlebnis bieten konnte. Die Oper muss hoch subventioniert sein! Es ist für mich keineswegs selbstverständlich, dass Kultur mit Staatsgeldern finanziert wird, um zu bestehen, um Neues schaffen zu können.

Hier, in Deutschland, glaubt man offensichtlich noch daran, Kultur sei für den Staat und seine Bewohner wichtig, ja unerlässlich. Ich fürchte, dass es das in Israel so nicht mehr gibt, und das betrübt mich. Was soll aus unserer Gesellschaft werden, wenn der Wert von Kultur und Bildung auf der Prioritätenliste derart abrutscht?

Diese Woche ist das „Gesetz über Loyalität in der Kultur“ in erster Lesung von der Knesset verabschiedet worden. Es soll Israels Kulturministerin Miri Regev dazu befugen, nicht genehmen Kultureinrichtungen die – ohnehin knappen – staatlichen Zuschüsse zu kürzen oder ganz zu streichen und sie damit der Zensur der Ministerin zu unterstellen, die aus meiner Sicht die Kultur in Israel zusehends ruiniert.

Ich würde gerne etwas dagegen tun, Einfluss ausüben, um der Kultur in Israel wieder zu alter Kraft zu verhelfen. Aber ich habe keine Ahnung, wie. In dieser Hinsicht beneide ich dich etwas um deinen Beruf. In Berlin scheint mir die Presse noch Einfluss zu besitzen. Stimmt das? Hast du das Gefühl, auf Dinge einwirken zu können, die dich bewegen?

Wieder daheim, als ich die Kinder – nach Dusche, Gutenachtgeschichte und Schlaflied – ins Reich der Träume absegeln sah, dachte ich erneut über den Unterschied von Dichtung und Wahrheit nach. Über die feine Grenze dazwischen. Die Regierung in Israel vereinnahmt zunehmend unsere Wirklichkeit und möchte jetzt auch auf die Dichtung übergreifen. Sollen sie uns doch wenigstens die Freiheit der Fantasie und des Kunstschaffens lassen. Am Ende habe ich doch wieder über Israel geschrieben. Natürlich.

Deine Yael

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Berlin, 19.10.2018

Liebe Yael,

du kommst genau zur richtigen Zeit nach Tel Aviv. Der Oktober in Tel Aviv erinnert mich an den August in Berlin und den September in New York. Die Hitze schwindet, die Luftfeuchtigkeit sinkt, der Himmel ist immer noch blau, aber klarer, leuchtender, alles wirkt auf einmal so leicht und frisch, als atme die Stadt nach langer Zeit endlich einmal wieder tief durch.

Noch nie im Leben habe ich so einen langen Sommer erlebt. Er hat im März angefangen und ist immer noch nicht vorbei. Auch wenn ich so tue als ob. Ich war seit zwei Wochen nicht mehr im Meer baden, obwohl es vermutlich gerade jetzt genau die richtige Temperatur hat. Ich ziehe abends eine Strickjacke und lange Hosen an, nicht, weil mir kalt wäre, sondern weil Ende Oktober ist, Zeit für Strickjacken und lange Hosen. Es ist, als werde ich ferngesteuert, als verlange meine deutsche Seele, von der ich bisher gar nicht wusste, dass es sie gibt, nach einem ordentlichen Herbst. Das Thermometer zeigt 29 Grad im Schatten an. Die deutsche Seele ruft: Rollkragenpullover.

Jeden Morgen stehe ich vor meinem Kleiderschrank und würde am liebsten all die Röcke und Sommerkleider in eine Kiste werfen und in den Keller bringen, wie ich das in Berlin mache. Ich sehne mich nach Blätterharken im Garten, Astern pflanzen auf der Terrasse, Spaziergängen um Brandenburger Seen, ich hätte auch nichts gegen Scheibenkratzen am Morgen.
Als ich noch in Berlin war, habe ich mich auf den leichten Tel Aviver Winter gefreut, ich stellte es mir himmlisch vor, in einer Welt zu leben, in der die Temperatur selten unter 15 Grad sinkt. In Jerusalem soll es manchmal schneien, hier am Meer gibt es mal einen Starkregen, eine Überschwemmung, dann scheint wieder die Sonne. Seit sieben Monaten nichts als Sonne! Sehnsüchtig sehe ich jeder Wolke hinterher und frage mich, wie es sein wird, wenn in Berlin die erste Kerze am Adventskranz brennt, die Weihnachtsmärkte öffnen und ich hier immer noch in kurzen Hosen durch die Stadt laufe.

Mein Nachbar hat mir neulich stolz erzählt, er habe einen ganz tollen Weihnachtsbaum. Jetzt schon?, fragte ich. Es ist natürlich ein künstlicher, sagte er. Dann fragte er, ob ich wirklich vorhabe, einen echten Baum aufzustellen. Für ein paar Tage. Um ihn dann wegzuwerfen. Er sah mich an, als gehöre ich irgendeiner christlich orthodoxen Sekte an, und in dem Moment kam es mir selbst ein wenig irre vor: Biomilch kaufen, aber Bäume wegwerfen.

Weihnachten kommt die Familie aus Berlin. Wir fahren zusammen ins Banksy-Hotel in Bethlehem, in der Hoffnung, dass sich auch neben einer sieben Meter hohen Mauer ein bisschen Weihnachtsgefühl einstellen wird. Silvester haben sich Freunde aus Berlin angemeldet. Es beruhigt mich, dass Alex und ich nicht die einzigen im Land sein werden, die auf das neue Jahr anstoßen, das hier ja längst angefangen hat. Als Alex mich neulich fragte, worauf ich im Urlaub Lust hätte, sagte ich wie aus der Pistole geschossen: Skifahren.

Wahrscheinlich bin ich einfach hoffnungslos deutsch, eine Nordeuropäerin mit Tschapka und Winterfell. Manchmal höre ich im Auto über eine Handy-App deutsche Nachrichten, den deutschen Wetterbericht und die deutschen Verkehrsnachrichten. Ich fahre durch die Jerusalemer Berge und erfahre, dass im Tunnel Tegel gerade stockender Verkehr ist, sich zwischen Bestensee und Groß Köris ein Reh auf der Fahrbahn befindet und es in Berlin Nachtfrost geben wird. Nachtfrost, was für ein wunderbares Wort. Kann man das überhaupt übersetzen?

Berliner Freunde schwärmen, wie grandios der Berliner Sommer war, wie grandios er immer noch ist. Super, sage ich und hoffe insgeheim auf einen Kälteeinbruch. In acht Tagen fliege ich nach Berlin. Es wäre schön, wenn ich im Wintermantel aus dem Flugzeug steigen kann. Meine deutsche Seele braucht das. So wie deine israelische wahrscheinlich jetzt sehr viel Licht, Meer und Wärme braucht.

Deine Anja 

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Berlin, 13.10.2018

Liebe Anja,

in Tel Aviv gehören die Stunden von Freitagnachmittag bis Samstagabend – selbst in den weltlichsten Kreisen – der Familie. In unserem verrückten Land bleibt unter der Woche kaum Zeit füreinander. Alle, Frauen wie Männer, arbeiten endlos, sodass Ehepartner manchmal nicht zusammenkommen, obwohl sie zusammen wohnen. Deshalb sind Freitag und Samstag heilig.

Der Freitagvormittag dient Besorgungen, für die unter der Woche keine Zeit war, sowie Einkäufen und Vorbereitungen für den Abend. Fast alle israelischen Familien essen dann gemeinsam. Bei uns geschieht das jeden Freitagabend, sei es bei meinen Eltern, meiner Schwiegermutter, meiner Großmutter, meinem Bruder oder bei uns. Dann gibt es schier ungeheure Mengen leckeren Essens, viele Kinder und viel Wirbel.
Zwischen den morgendlichen Tätigkeiten und dem Aufbruch zum Familienmahl bleiben gerade mal zwei, drei Stunden.

Und tatsächlich ist nichts schöner als Tel Aviv am Freitagnachmittag. Der Himmel, die Luft, die Straßen – alles ist ein bisschen anders. Das Gefühl lässt sich schwer in Worte fassen, aber ich sehne mich danach. Erst kürzlich sagte Aharon, er fände es komisch, dass wir hier Freitag als gewöhnlichen Tag betrachteten. Anfangs haben wir versucht, die Freitagabendessen auch in Berlin beizubehalten, aber es klappt nicht immer, vielleicht weil wir hier nur zu viert sind oder weil das festliche Gefühl von Tel Aviv fehlt oder wegen beidem.

Und dann kommt der Samstag. In Israel zerfällt er in zwei Abschnitte: Vor- und Nachmittag dienen dem Ausruhen, der Familie, Ausflügen, und am Abend stellt sich meist jene Missstimmung ein, die in etwa dem Sonntagabendblues in Deutschland entspricht.

Die Wochenenden in Berlin unterscheiden sich erheblich von denen in Tel Aviv, schon weil sie zwei ganze Tage dauern. Die Woche endet am Freitag, danach hat man Samstag und Sonntag frei. Man kann das ganze Wochenende öffentliche Verkehrsmittel benutzen (die in Israel am Schabbat nicht fahren), und die Ruhe dauert zwei Tage – für mich genau die nötige Zeit, um mit neuen Kräften in die Arbeitswoche zu starten. Zwei Ruhetage pro Woche, das ist ein echtes Start-up. Chapeau!

Zu deinen Fragen: „Männer und Frauen in Israel“. Und: „Wie ist das bei dir?“
Ich glaube, in Israel, wie in Deutschland, variiert die Stellung von Frau und Mann je nach Gegend und Familie, hängt stark vom kulturellen Hintergrund ab. Deshalb kann ich die erste Frage schwer beantworten. Du wirst mancherorts krassen Chauvinismus und anderswo Feminismus finden. Ich kann nur von mir und meinem Kreis sprechen, und da ist die Stellung der Frauen einerseits beeindruckend, denn die meisten sind erwerbstätig, sind erfolgreich, machen Karriere, aber andererseits sollen sie auch treu sorgende Mütter und Ehefrauen sein, den Haushalt führen und Essen kochen – kurz, Superwomen werden. Karriere ja, kein Problem, aber nicht auf Kosten anderer Dinge.

Tatsächlich sind die meisten Frauen, die ich kenne, sehr stark und begabt, aber in einem endlosen Dauerlauf gefangen. Und so war ich auch selbst: Bloß nicht irgendwas weglassen, sondern auf allen Gebieten spitze sein. Manchmal macht es Spaß, aber oft ist es erschöpfend.

Vor unserem Umzug nach Berlin hatte ich Krebs (heute bin ich, Gottlob, gesund), und wir alle haben damals eine schwere Zeit durchgemacht. Nach Abschluss der Behandlungen meinte ich, innehalten und diesen Dauerlauf neu überdenken zu müssen. Auch deshalb sind wir hergezogen, um neu anzufangen, einen Gang runterzuschalten, zu Kräften zu kommen.

Und tatsächlich, obwohl ich von Natur aus quirlig bin und kaum stillsitzen kann, habe ich hier in Berlin mehr Freiraum, mehr Möglichkeit, um Pausen einzulegen, auszuruhen, nicht immer in allem spitze zu sein.

Am nächsten Wochenende kommen wir auf Besuch nach Israel. Natürlich wäre es schön, wenn wir uns treffen könnten.

Deine Yael

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Tel Aviv, 6.10.2018

Liebe Yael,

ich muss dich etwas fragen. Es geht um Männer und Frauen, um Gleichberechtigung. Kann es sein, dass hier in Israel ein anderes – altmodischeres – Frauenbild herrscht?
Ich denke darüber nach, seit ich mit L. zum Mittagessen verabredet war. L., die Schauspielerin, du hast sie uns vorgestellt, und M., ihren Mann. Wochenlang haben L. und ich versucht, uns zu verabreden, aber sie hatte jeden Abend Aufführungen, wir kriegten es einfach nicht hin. Vor ein paar Wochen schließlich schlug sie mir vor, zusammen Mittagessen zu gehen, Freitag um zwei. Sehr gerne, schrieb ich zurück.

Ich fuhr mit dem Rad zum Restaurant. L. war noch nicht da. Die Kellnerin aber wusste gleich Bescheid. L. habe einen Tisch für vier bestellt, sagte sie. Für vier? Die Kellnerin musste etwas durcheinander gebracht haben, oder L. brachte zwei Freundinnen mit.
Nach fünf Minuten kam sie, alleine, wir setzten uns und studierten die Karte. M. parke noch das Auto, sagte sie beiläufig.

„M.“?
„Ja“, sagte sie. Wo eigentlich Alex sei?
„Zuhause“, sagte ich.
L. sah mich erstaunt an. „Warum kommt er nicht“, fragte sie.
„Weil er nicht eingeladen war. Wir beide waren doch verabredet.“
„Ja, aber mit den Männern“, sagte sie.
„Wir haben immer nur von uns gesprochen“, sagte ich.
„Genau“, sagte L., „uns heißt wir, wir vier.“

Schlagartig begriff ich. Wir hatten wochenlang aneinander vorbei geschrieben. Auf Englisch, wo „you“ sowohl „du“ als auch „ihr“ heißt. Ich war davon ausgegangen, dass nur sie und ich uns sehen. Sie wollte ein Pärchen-Treffen. Gleich würde M. hier sein.
Ich rief Alex an. Ob er schnell kommen könne?
„Warum denn das?“, fragte er, er hatte es sich gerade zu Hause gemütlich gemacht und keine Lust, so als Nachzügler einbestellt zu werden.

Inzwischen war auch M. da. Er sah sofort, was los war und bot an, wieder zu gehen. Nein, nein, sagte ich und entschuldigte mich. Nicht besonders glaubhaft, fürchte ich. Ich hatte nicht im Geringsten das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Nie im Leben würden meine Berliner Freundinnen auf die Idee kommen, ihre Männer zum Mittagessen mitzubringen, ohne dass wir das vorher ausgemacht haben.

Das sei eine kulturelle Sache, erklärte M., als endlich alle da waren und die erste Flasche Wein auf dem Tisch stand. Wenn man hier, in Israel, von „wir“ spreche, sei immer auch der Ehepartner gemeint. Wolle man sich alleine verabreden, müsse man ausdrücklich darauf hinweisen. M. lachte. Alle lachten, die Sache war erledigt, wir hatten einen wunderbaren Nachmittag zu viert.

Mir ließ es trotzdem keine Ruhe. Ich weiß, dass ultraorthodoxe Familien wie im Mittelalter leben und in Israel Frauen ohne die Genehmigung ihrer Männer nicht die Scheidung einreichen dürfen. Aber das hier war Tel Aviv, die modernste, liberalste Stadt Israels.

„Wann wart ihr denn verabredet?“, fragte ein Professor, dem ich die Geschichte später erzählte. „Freitag um zwei“, sagte ich. „Am Sabbat also“, sagte er und sah mich an, als hätte ich L. an ihrem Hochzeitstag entführen wollen. „Am Sabbat ist die Familie zusammen, da geht man nicht ohne seinen Partner weg“, sagte der Professor streng.
Langsam verstand ich. Ich verstand, dass ich zwar schon ein halbes Jahr hier lebe, aber noch viel lernen muss.

Ein paar Abende später rief M. an. Er wollte mit Alex Fußball sehen. Ich könne natürlich mitkommen, ließ er mir ausrichten, auch wenn L. Vorführung habe. Das war nett von ihm. Aber ich blieb zu Hause und blätterte ein bisschen in einem der Bücher, die mir Götz Aly vor meinem Umzug mitgegeben hatte. Es heißt „Die Jüdische Mutter“, an einer Stelle steht: „Die Frau umwandelt/umgibt/umkreist den Mann“, an einer anderen: „Die Frau ist das Haus.“ Es ist ein uraltes Zitat, aber ich finde, es passt immer noch, zu L. und M., aber auch zu anderen Ehen, die ich kenne. Guten Ehen. Bei manchen ist aber auch der Mann das Haus.

Was macht dein Haus, Yael? In welche Fettnäpfchen bist du schon so getreten, seit du in Berlin bist? Fragt,

Deine Anja

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Berlin, 29.09.2018

Liebe Anja,

ja, ich habe mir gedacht, dass du über Jom Kippur berichten würdest. Es musste ein Erlebnis für euch werden, in Tel Aviv, „der Stadt ohne Pause“, unterwegs zu sein, ohne ein einziges Auto zu sichten. Als sei die Zeit stehengeblieben.

Solange ich zurückdenken kann, sind wir, obwohl gar nicht religiös, an Jom Kippur mit der ganzen Familie in die Synagoge gegangen, nie an anderen Feiertagen. Natürlich fuhren wir an dem Tag auch Fahrrad mit Freunden. Am Strand angekommen, warfen wir Steinchen in die Wellen und baten um Vergebung. 

Für unsere Familie ist es auch ein belasteter Tag. Ein Bruder meiner Mutter ist im Jom-Kippur-Krieg 1973 mit 21 Jahren gefallen. Deshalb liegt um diese Zeit immer große Trauer unter der Oberfläche. Ich sage das so, weil die Trauer schwer erkennbar ist. Meine Mutter und ihre Eltern waren stets lebenszugewandt und sprachen nicht über ihre Trauer. Aber ich habe sie immer gespürt. Und mit den Jahren spüre ich sie stärker, vielleicht weil mein Großvater gestorben ist oder ich selbst Mutter geworden bin.

Dies war schon mein dritter Jom Kippur in Berlin. Wieder gingen wir in die Synagoge Rykestraße. Wir holten die Kinder von der Schule ab, zogen ihnen weiße Hemden an und radelten zum Kollwitzplatz. Es war ein sonniger Tag, die Straßen wimmelten von Cafégästen, Autos, Straßenbahnen, nichts war feierlich.

Am Synagogenportal standen vier bewaffnete Polizisten und ein junger Mann in Festtagskleidung, der Deutsch und Hebräisch sprach, offenbar ein Sicherheitsoffizier. Er befragte alle, ehe sie eintreten durften. Wir wurden schnell mit „gemar chatima tova“ durchgelassen, sogar einer der deutschen Polizisten wünschte auf Hebräisch „einen guten Eintrag ins Buch des Lebens“.

Die Synagoge ist schön, viel größer und feierlicher als unsere in Israel. Die Kinder erinnerten sich gar nicht. Haben wir sie letztes Jahr nicht mitgenommen? Jedenfalls trafen mich ihre Fragen unvorbereitet: „Warum stehen da Polizisten mit Pistolen?“ 

Ich erklärte ihnen, man habe früher mal (erfolgreich) versucht, Berliner Synagogen zu zerstören.
„Aber warum sollte jemand die Synagoge zerstören wollen?“ Ja, warum? Ich versicherte, man brauche wirklich keine Angst zu haben. 

„Warum sind dann so viele Polizisten da?“ Manchmal bringen diese klugen Kinder Blasen zum Platzen, die man lieber ganzlassen würde. 

„Warum muss man eine Kippa aufsetzen?“ Aus Achtung vor der Synagoge und den Gläubigen hier, antwortete ich. 

„Was heißt ,gemar chatima tova’?“ Ich setzte zu einer langen Erklärung über Sünden und Vergebung an und verhedderte mich zusehends.

„Glaubst du an Gott, Mama?“ „Warum sind wir Juden?“ „Können wir jetzt nach Hause gehen?“ „Warum sitzen Männer und Frauen nicht zusammen?“ Zwischen dem Kleinen (5) und dem Großen (7), die mich endlos ausfragten, geriet ich ins Schwimmen, fühlte mich mehr denn je als Emigrantin.

Ich hatte nicht vor, so viel über Jom Kippur zu schreiben. Ich wollte eigentlich erzählen, dass ich die Webseite meines Salons ins Netz gestellt habe und endlich neue Veranstaltungen in Sicht sind. Aber heute kam die Antwort auf meinen Finanzierungsantrag. Sie war negativ. Das hat mir ein bisschen den Wind aus den Segeln genommen. Aber morgen ist ein neuer Tag. Ich werde schlafen gehen und mit neuen Kräften aufstehen. Bis zum nächsten Brief,

Deine Yael

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Tel Aviv, 22.09.2018

Liebe Yael,

Du ahnst sicher, worüber ich diesmal schreibe: Mein erstes Jom Kippur, der höchste aller Feiertage im Judentum. Für mich fing er in gewisser Weise vor zwei Monaten an, als ich Flüge für meine Mutter nach Tel Aviv buchte. Sie wollte an einem Donnerstag fliegen, aber die Flüge am Dienstag waren günstiger. Ich schlug zu, überzeugt, ein tolles Schnäppchen gemacht zu haben.

Zweifel kamen mir erst vor ein paar Tagen, als ich meiner Nachbarin erzählte, dass wir am Dienstag Besuch aus Deutschland bekommen. Dienstag?, fragte sie. Beginnt da nicht Jom Kippur? Ich glaube ja, sagte ich arglos. Ich kenne die jüdischen Feiertage aus New York, ich weiß, dass die Kinder, kaum dass die Sommerferien vorbei sind, gleich wieder freihaben, und dass Jom Kippur kein fröhlicher Feiertag ist, sondern ruhig und besinnlich.

Meine Nachbarin wies mich darauf hin, dass es in Israel anders ist als in New York, ernsthafter, ruhiger. Nicht nur die Schulen sind geschlossen, auch alle Läden, Restaurants und Museen. Zeitungen erscheinen nicht, das Fernsehen ist abgeschaltet, der Flughafen gesperrt, auf den Straßen fahren keine Autos.

Der Flughafen gesperrt, keine Autos auf den Straßen?

Panik ergriff mich. Ich stellte mir vor, wie meine Mutter, die weder Englisch noch Hebräisch spricht, auf dem Ben-Gurion-Flughafen darauf wartet, abgeholt zu werden, und wir in Jaffa festsitzen, weil die Straßen gesperrt sind. Oder wie ihr Flugkapitän kurz vor der Landung vom israelischen Tower die Mitteilung bekommt, dass der Flughafen jetzt leider feiertagsbedingt schließen muss. Wie sie in Jordanien strandet oder zurück nach Schönefeld fliegen muss. Um 12.20 Uhr sollte ihr Flug in Tel Aviv landen, um 13.35 Uhr machte der Flughafen dicht. Es würde eine verdammt knappe Angelegenheit.

Am Dienstagmorgen checkte ich alle fünf Minuten im Flight Tracker, wo sich das Flugzeug gerade befand, und wurde Zeuge eines kleinen Wunders. Nicht nur, dass der Airbus auf die Minute genau in Schönefeld losflog, er kam sogar fünfzehn Minuten vor der geplanten Landezeit an. Die Einreise war ein Kinderspiel: Keine Fragen bei der Passkontrolle, kein Warten am Gepäckband, die Straßen so leer, dass die Fahrt nach Jaffa nur 20 Minuten dauerte. Meine Mutter, der ich nichts von den Unwägbarkeiten ihrer Reise erzählt hatte, um sie nicht unnötig aufzuregen, staunte, wie glatt alles lief, wie ruhig wir es hier haben. Die Nachbarn, die mit uns mitgefiebert hatten, riefen, hier sei es immer so: Willkommen in Israel!

Es war ein unvergessliches erstes Jom Kippur. Keine Autos, keine Flugzeuge, keine Touristenbusse, kein Baulärm, kein Gedränge in den Straßen, selbst der Nahostkonflikt ruhte für einen Tag. Wir fuhren mit den Rädern durch Tel Aviv und teilten uns die sechsspurige Hayarkon mit ein paar Fußgängern, Skatern und verliebten Paaren auf Elektrorollern. Noch nie bin ich so schnell von einem Ende Tel Avivs zum anderen gekommen, noch nie sind mir all die Skulpturen und Springbrunnen in der Stadt aufgefallen, noch nie war der Rothschild-Boulevard so schön, noch nie die Luft so klar. Die Luftverschmutzung geht an Jom Kippur in Städten wie Tel Aviv und Jerusalem um 90 Prozent zurück. Wusstest du das?

Auf dem Rückweg machten wir einen kleinen Umweg und fuhren durchs Zentrum von Jaffa, um zu sehen, ob sich die arabische Bevölkerung an die Regeln des jüdischen Feiertages hält. Es dauerte nicht lange, bis wir vom ersten Auto überholt wurden und den ersten offenen Laden sahen, ein Fahrradhändler, der an diesem autofreien Tag vermutlich den Umsatz seines Lebens machte. Je weiter wir fuhren, desto belebter wurde das Viertel. Die feierliche Stimmung war so schnell weg, wie sie gekommen war.

Zu Hause angekommen, fragte mein Mann: Ab wann geht das Fernsehen wieder? Es war immer noch Jom Kippur, aber es war auch der erste Spieltag der Champions League.

Deine Anja

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Berlin, 15.9.2018

Liebe Anja,

klingt völlig surrealistisch, die Geschichte von dem abgebrannten Laden, dem leeren Stadion im Norden und natürlich dem Hut, die dich über den Nahostkonflikt zu dem Brief und damit geradewegs in mein Herz geführt hat. Etwas daran hat mich tief berührt, inspiriert. Vielleicht war es die Schilderung der leeren Bühne. Sogar die Musik, diese gute und reine Kunst, leidet unter dem Konflikt.

Letzte Woche habe ich drei Songs aufgenommen. Zusammen mit den großartigen Musikern Tomer Moked Blum und Haggai Cohen Milo gingen wir in das schöne Studio hier im Viertel, um einen ganzen Tag Musik zu machen. Ich liebe die Studioarbeit. Die Welt bleibt draußen, ich bin in einer Blase, in der man gemeinsam Unglaubliches vollbringen kann – den Augenblick, die einmalige Bewegung, das spontane Gefühl verewigen.

Als erstes nahmen wir den Refugee Blues auf. Aharon hat mich vor etwa einem Jahr auf dieses Gedicht aufmerksam gemacht. W.H. Auden schrieb es 1939 aus der Sicht eines Flüchtlings über Nazi-Deutschland. Fast achtzig Jahre ist das her, und doch ist dieser Text in einigen Weltregionen leider immer noch relevant. Als ich ihn vertonte, dachte ich vor allem an die syrischen Flüchtlinge, meine Freunde aus dem Deutschkurs hier in Berlin, und an die afrikanischen Flüchtlinge in Israel. Ich stellte mir vor, einer von ihnen zu sein, mich nach meinem Zuhause zu sehnen, in das ich nicht zurückkehren kann, und unterdessen in einem fremden Land an verschlossene Türen zu klopfen. Natürlich bin ich kein Flüchtling, keine Asylsuchende, und doch wollte ich diesen Text singen.

Erstmals nehme ich Songs in Englisch auf. Die Sprache ist mir nicht fremd. Ich habe während meines Musikstudiums vier Jahre in New York gelebt, und ich höre natürlich zeit meines Lebens Musik auf Englisch und bin von dieser Kultur beeinflusst, aber wenn ich in einer anderen als meiner Muttersprache singe, sind einige Gefühlsfrequenzen ein Stückchen blockiert. Es geht um Feinheiten, die schwer zu benennen sind. Meine Seele ist der hebräischen Sprache verbunden, meine Stimme erklingt seit dem Tag meiner Geburt durch den spezifischen Filter des Hebräischen, und nun ist es ein anderer Filter, eine andere Geschichte. Deshalb bangte mir etwas vor den Aufnahmen, zumal sie den Anfang meines neuen Weges als komponierende Sängerin bezeichnen. Zehn Jahre lang habe ich einen bestimmten Weg in Israel beschritten – und nun ein neuer Ort, eine neue Szene, eine neue Sprache…

Zum Glück war alles halb so schlimm, und der Tag im Studio verlief bestens. Ich bin sogar zufrieden mit dem Ergebnis (was keineswegs selbstverständlich ist). Welche Ohren werden diesen Songs lauschen? Das heißt, wohin werden mich die neuen Lieder führen? Spannend. Eins ist sicher: Wenn ich damit in Israel auftrete, werde ich nicht in letzter Minute – oder überhaupt – absagen, und ich wäre glücklich, wenn du und Alex zum Zuhören kommen würdet.

Interessant, dass sich all dies jetzt kurz vor dem jüdischen Neujahrsfest ereignet hat. Rosch Haschana, der Jahresbeginn, gilt als der Tag, an dem Gottes Königtum über die Menschheit stets neu anerkannt wird, als Tag des Gerichts, an dem der Mensch Rechenschaft für das vergangene Jahr ablegen muss und an dem sich sein Schicksal im kommenden Jahr entscheidet. Eine gute Zeit für Neuanfänge, heißt es.

Meine Mutter und meine Großmutter sind über die Feiertage zu uns gekommen. Es war ergreifend, vier Generationen an einem Tisch zu haben. Meine Großmutter machte ihre berühmten Burekas, nach denen ich mich so gesehnt hatte, meine Mutter backte eine perfekte Challa, und es war ein frohes Fest. Man isst an Rosch Haschana traditionell Apfelschnitze in Honig getaucht, mit einem Segensspruch für ein gutes und süßes Jahr.

Ich wünsche dir und mir und allen, dass es ein gutes und süßes Jahr werden möge.

Deine Yael

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Tel Aviv, 08.09.2018

Liebe Yael,

es war schön, dich in Berlin zu sehen. Es fühlte sich so leicht an, weil ich dir nie erklären muss, wie es ist, zwischen den Welten zu leben, weil du immer gleich weißt, wovon ich spreche. Außerdem kam mir Berlin an jenem Morgen noch lässiger, bunter und weltstädtischer vor. Vielleicht lag das auch daran, dass Ai Weiwei am Nachbartisch saß und ein Mann mit Kippa an uns vorbeilief. Es war, als wolle meine Heimatstadt uns etwas beweisen.

Jetzt bin ich wieder hier, in deiner Heimat, und ich weiß gar nicht, wovon ich dir zuerst erzählen soll. Merkwürdige Sachen passieren. Mit meinem Hut fing es an. Ich habe ihn in einem Laden in der Nähe des Yafo-Flohmarktes gekauft; der erste Strohhut meines Lebens. Er sollte mich vor der Sonne schützen, aber nach ein paar Wochen fiel er zusammen, die Krempe hing mir ins Gesicht, ich brachte ihn zurück in den Laden.

Es ist ein wunderbarer kleiner Laden, in dem es vor allem israelische Produkte gibt. Die Verkäuferin, sonst immer freundlich, sah den Hut an und sagte schroff, er sei schon immer so gewesen. Nein, sagte ich, doch, sagte sie, so ging es hin und her, bis sie mir plötzlich den Hut aus der Hand nahm und im Kommandoton sagte: Kommen Sie in einer Woche wieder!

Vor lauter Schreck fragte ich nicht mal, was sie mit dem Hut vorhatte und ließ mir auch keine Auftragsbestätigung geben. Dafür rätselte ich tagelang, was mich erwarten würde. Ein reparierter Hut? Ein neuer Hut? Gar kein Hut?

Eine Woche später machte ich mich mit Alex auf den Weg, um den Hut abzuholen. Ich nahm ihn zur Verstärkung mit. Es war Montagabend, am Tag zuvor war in der Nähe des Marktes ein Haus abgebrannt, alle Nachbarn redeten davon, über den Laden im Erdgeschoss, in dem es chinesische Billigprodukte gab, und über den Besitzer, einen alten arabischen Mann, der mit einer jungen Frau verheiratet war. Beide waren in dem Feuer gestorben.

Ich war mir nicht ganz sicher, um welches Haus es sich handelte, aber als wir näher kamen und die Absperrung sahen, die verrußte Fassade, das Loch in der Wand, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Der abgebrannte Laden war im gleichen Haus wie mein Hut-Laden, nur eine Tür weiter. Es gab ihn noch, aber auch hier war alles schwarz, die Rollos, die Fenster, die Wände.

Fassungslos stand ich vor dem Haus, dachte an den toten Besitzer und seine Frau, und ja, an meinen Hut dachte ich auch. Ich fragte mich, ob er mit verbrannt war und je länger ich darüber nachdachte, desto seltsamer kam mir das alles vor. Mir fiel wieder ein, wie die sonst so nette Verkäuferin sich auf einmal benommen hatte, ich fragte mich, ob sie vielleicht wusste, dass ihr Laden in einer Woche sowieso dicht sein würde, ob sie vorher noch eine gute Versicherung abgeschlossen hatte, ob es ein Komplott gegen den arabischen Billigladen gab, ob mein Hut in einen Gentrifizierungskrimi geraten war.

Alex warf mir vor, hartherzig zu sein. Ich solle lieber an die Todesopfer denken. Seine Assistentin berichtete, es gebe Hinweise auf Brandstiftung und Schutzgelderpressung. Wir wechselten das Thema, mein Mann hatte eine Überraschung für mich: Karten für ein Musikfestival in einem Kibbutz im Norden des Landes, Lana Del Rey würde singen. Ich mag Lana Del Rey und wollte schon lange mal nach Galiläa fahren.

Wir buchten ein Hotel, aber in dem Moment, als die Bestätigung kam, tauchte auf meinem Handy noch eine andere Meldung auf: „Lana Del Rey sagt Meteor-Musikfestival ab.“ Entsetzt las ich weiter, obwohl ich den Grund bereits ahnte. BDS-Aktivisten hatten so lange Druck auf die Musikerin ausgeübt, bis sie sich zur Absage entschied. Lana Del Rey war in den Nahostkonflikt geraten. Sie war nur die erste, in den nächsten Tagen folgten weitere Absagen, elf Bands waren es bis gestern.

Wir fahren trotzdem, auch wenn gar keiner mehr spielt, auch wenn wir die einzigen Besucher sein werden. Es wird auf jeden Fall ein Israel-Erlebnis der besonderen Art. Wenn du also diesen Brief liest, kann es sein, dass ich neben Alex in einem Kibbutz im Norden des Landes vor einer leeren Bühne sitze.

Ohne Hut.

Deine Anja 

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Berlin, 01.09.2018

Liebe Anja,

bitte mach dir keine Sorgen wegen der Geschichten und Themen, die du für unsere Korrespondenz aussuchst. Ich lese jeden deiner Briefe begierig. Es stimmt schon, dass man uns in Israel von Kindheit an über den Holocaust unterrichtet und es fertigbringt, dieses wichtige und schwierige Thema bis zum Geht-nicht-mehr durchzukauen. Aber seit unserem Umzug nach Berlin ist das Thema für mich gar nicht mehr abgedroschen, sondern mit einem Schlag wieder packend und lebendig geworden.

Hier zu leben, wo all das, was im Unterricht vorkam, geschehen ist, geht einem unter die Haut und bringt einen zum Nachdenken. Als ich mit meinem deutschen Ex-Freund in New York wohnte, war ich ein junges Ding von 21 Jahren. Der Holocaust kam mir vor wie eine Geschichte aus einer anderen Zeit ohne wirklichen Bezug zu meinem täglichen Leben (obwohl meine Großeltern Holocaust-Überlebende waren).

Heute bin ich 38 und sehe die Dinge anders. Heute liegt der Holocaust für mich keineswegs lange zurück, sondern wahrlich gleich um die Ecke. Gerade letztes Wochenende haben wir einen Verwandten von Aharon getroffen, den ich gern mag; er wohnt in Berlin, hat Auschwitz überlebt und seine ganze Familie im Holocaust verloren. Das Grauen von damals lebt in den Menschen um uns her noch fort.

Ich denke und staune immer wieder, was für ein dynamischer Ort die Welt doch ist. Ungeheure Entwicklungen laufen unfassbar schnell ab. Was könnte denn surrealistischer sein als die Tatsache, dass Aharon und ich nach Berlin gezogen sind, um uns ein besseres und richtigeres Leben zu ermöglichen, obwohl unsere Großeltern vor gar nicht langer Zeit von hier geflohen sind oder vertrieben wurden. Sicher ist jedenfalls, dass uns die Geschichte daher in Trab hält, uns hellhörig für mögliche Umwälzungen macht, wir sind uns darüber bewusst, dass alles zeitweilig und veränderlich ist und man die Landkarte irgendwie auch dann zu lesen wissen muss, wenn dem Auge erhebliche Teile verborgen sind.

Einen Tag bevor du von eurem Sommerurlaub in Brandenburg und Berlin nach Israel zurückgeflogen bist, hast du es bei allem Hochdruck noch geschafft, mich auf einen Kaffee zu treffen. Es war wunderbar, dich zu sehen. Zwar kommt es mir auch, wenn wir einander schreiben, immer wie eine Begegnung vor, aber dir persönlich gegenüberzusitzen, in deinem Viertel, das jetzt auch ein bisschen meines ist, ist doch etwas anderes. Ich fand dich sehr schön. In deinen Augen sah man den blauen See und das Grün des Waldes, in dem ihr Urlaub gemacht habt.

In den letzten Tagen hat die Hitze in Berlin aufgehört. Ein Herbstwind ist aufgekommen und bringt Vorboten der Kälte, die vielleicht gerade, während ich dies schreibe, auf dem Weg hierher ist. Mir graut dieses Jahr ein wenig vor dem Winter.

Es ist Nachmittag. Ich stelle mir vor, wie du am Ende des Tages am Strand entlanggehst. In Tel Aviv beginnt nun die schönste Jahreszeit. Die Hitze lässt nach und wird perfekt fürs Baden im Meer, das in den Herbstmonaten seine Bestform erreicht.

Wie du vielleicht zwischen den Zeilen lesen wirst, fällt mir die Rückkehr nach unserem Urlaub etwas schwer. Einen ganzen Monat waren wir fern von Berlin, und anscheinend brauche ich Zeit, um mich wieder einzugewöhnen, erneut zu begreifen, warum wir hier sind, was diese Sprache ist, die alle ringsum sprechen, die Mentalität, das Temperament.

Trotzdem arbeite ich auf Hochtouren, in der Hoffnung, bei der Arbeit werde sich auch das Zugehörigkeitsgefühl einstellen. Letzte Woche habe ich mich um die neue Webseite von Framed gekümmert und daneben auch neue Lieder auf Englisch geschrieben, die ich Anfang September aufnehmen lassen möchte. Ich warte schon aufgeregt auf den Aufnahmetermin. Wie es gelaufen ist, werde ich dir wohl im nächsten Brief erzählen.

Deine Yael

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Tel Aviv, 25.08.2018

Liebe Yael,

als ich Deinen Brief las, bekam ich ein schlechtes Gewissen. Ich stellte mir vor, wie Du im Italien am Pool liegst, den Kindern beim Spielen zuschaust, Oliven isst, Wein trinkst, und dann flattert mein Brief mit all den deprimierenden Geschichten aus der Vergangenheit ins Haus: Adolf-Hitler-Platz, Euthanasiemorde, Juden, die über Marktplätze getrieben werden. Die Urlaubsstimmung ist dahin und du sagst zu Aharon: Kann sie nicht einmal aufhören mit diesem Holocaust-Zeug? Wenigstens im Urlaub?

Ich weiß noch, wie Du mir mal von Deinem deutschen Freund in New York erzählt hast: Er sah umwerfend aus, hatte aber einen Nachteil. Ständig wollte er mit Dir über den Holocaust reden. Das war sooo langweilig, hast Du mir gesagt, und ich habe Dir erzählt, wie ich mich in New York mal bei einer Jüdin für die Verbrechen der Nazis entschuldigte. Die Frau hat sich gar nicht mehr eingekriegt vor Lachen. Ihre Familie war vor mehr als hundert Jahren nach Amerika ausgewandert. Da war an Nazis noch gar nicht zu denken.

Ich fürchte, Dein gutaussehender Ex-Freund und ich waren uns in dieser Beziehung ziemlich ähnlich. Keine Ahnung, was seine Gründe sind. Bei mir hatte es damit zu tun dass ich, bis ich nach New York zog, nie Juden begegnet war. Meine Nachbarn in Berlin-Lichtenberg waren Atheisten oder Christen, einmal klingelten Zeugen Jehovas an unserer Wohnungstür, und in der Schule bekamen wir Besuch von Zeitzeugen, die über den kommunistischen Widerstand im Dritten Reich berichteten. Aber Juden?

Im Abitur lernte ich Daniel kennen. Er hatte lange Haare, spielte Gitarre, seine Familie war lockerer als andere. Dass sie jüdisch waren, erfuhr ich erst Jahre später, sie sprachen nicht darüber. Es schien fast so eine Art Geheimnis zu sein. Juden kamen in der DDR nur im Geschichtsunterricht vor. Als Opfer der Nazis. Dass sie eine eigene Geschichte, Kultur, Religion hatten, dass viele bereits vor dem Krieg nach Israel kamen, wusste ich nicht. Zionismus war ein Fremdwort für mich, der Staat Israel galt als der imperialistische Verbündete der USA und als Unterdrücker des palästinensischen Volkes. Ein Israeli, der lange in Berlin gelebt hat, hat mir neulich gesagt, Ostdeutsche hätten Israel gegenüber einen doppelten Schuldkomplex. Den Holocaust und die DDR-Ideologie.

Ich glaube, da ist was dran. Jeder schleppt ein Stück seiner Geschichte, seiner Erziehung mit sich herum, und ich denke manchmal, wenn der Geschichtsunterricht in der Schule nicht so abstrakt gewesen wäre, wenn es jüdisches Leben in der DDR gegeben hätte, ein Theater wie das „Gorki“ etwa, in dem ganz selbstverständlich deutsch, hebräisch und englisch gesprochen wird, hätte ich manches damals schon besser verstanden.

Normale Geschichten, normales Leben sind der beste Weg, aus der Vergangenheit zu lernen. Manchmal findet man diese Geschichten da, wo man sie am wenigsten vermutet. Im eigenen Haus zum Beispiel. Vor zwei, drei Jahren brachte ich Frau Jarchow, einer älteren Dame, die zwei Etagen unter mir wohnte, mal wieder den Schlüssel zum Blumengießen vorbei.

Wir redeten ein bisschen über unser Viertel, und ich fragte sie, wo sie eigentlich großgeworden sei. In der Rykestraße, sagte sie, und erzählte mir, wie ihre Mutter sie als Baby weggab, wie sie bei „Mama“, einer Jüdin, aufwuchs, wie sie, das deutsche Mädchen, bei Bombenalarm die Treppen hinunter in den Keller lief und Mama in der Wohnung zurückbleiben musste, wie der Nazi aus dem Erdgeschoss Mama ins Gesicht schlug, einfach so, wie Mamas Mann, ein Kommunist, im KZ umkam.

Die deutsche Geschichte war auf einmal ganz nah.

Vielleicht kennst Du Frau Jarchow. Sie ist die weißhaarige Frau, die jeden Morgen um neun ihre Einkaufsrunde dreht und die im Sommer, wenn alle in den Ferien sind, im ganzen Haus die Blumen gießt. Wenn Du sie siehst, grüße sie von mir.

Deine Anja  

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Berlin, 18.08.18

Liebe Anja,

Dein Brief weckte mich wie aus einem Traum. Nach drei herrlichen Urlaubswochen erinnerte er mich daran, dass die Hitze und das Inferno uns auf Schritt und Tritt verfolgen. Die Nachrichten treffen auch dann ein, wenn wir keine Zeitung lesen. Israel begleitet uns überallhin, ob wir wollen oder nicht.

Seit einigen Jahren läuft immer wieder das gleiche Ritual ab: Der Sommer kommt, die Temperaturen steigen, allen Seiten schießt das Blut zu Kopf, und mit erschreckender Regelmäßigkeit droht ein weiterer Krieg in den israelischen Augustalltag einzudringen.

Letzte Woche haben wir beide eine wichtige Demonstration in Tel Aviv verpasst. Sie war wichtig wegen des Themas – gegen das Nationalitätsgesetz –, aber vor allem, weil sie erstmals seit langer Zeit Juden und Araber zusammen aus dem Haus geholt hat. Allem Anschein nach war sie anders als ihre jüngsten Vorgängerinnen, an denen immer nur ein bestimmter Teil der Bevölkerung teilnahm. Nach den Videoausschnitten, die ich gesehen habe, lag ein Hauch von gemeinsamem Protest gegen den Rassismus und die Hetze seitens der Regierung in der Luft.

Plötzlich bekam ich Hoffnung, unsere Staatsführung könnte derart weit heruntergekommen sein, dass womöglich gerade jetzt Aussicht auf Veränderung besteht. Vielleicht wachen wir endlich auf und erkennen: Wenn wir nicht zusammenstehen, nicht gemeinsam um unsere Rechte kämpfen, nicht miteinander nach Frieden und Koexistenz streben, werden wir uns wahrscheinlich bald an einem sehr dunklen Ort wiederfinden, einem zu dunklen.

Ja, doch, in solchen Momenten fällt es mir schwer, nicht teilzunehmen. Andererseits versuche ich mir vorzustellen, ich würde jetzt wieder in Tel Aviv wohnen, und dann bin ich gar nicht sicher, ob ich mich nicht zwei Monate lang mit der Klimaanlage einschließen würde, bloß um den Kampf mit dem Draußen nicht aufnehmen zu müssen. Von hier, von Berlin aus, habe ich wenigstens einen klareren Blickwinkel, der es mir erlaubt, meine Gefühle besser auszudrücken. Oder vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.

Außerdem macht es Spaß hier, keine Frage. Und ich erzähle mit Freuden, dass wir nach zwei Jahren etwas Gutes von den Berlinern gelernt haben: den Sommerurlaub ernst zu nehmen. Diesmal haben wir ihn ein halbes Jahr im Voraus geplant und sind ganze drei Wochen verreist. Echt Europa. Gleich nach der Woche in Brandenburg sind wir nach Italien geflogen, und kaum waren wir dort gelandet, fühlten wir uns heimisch. Die Luftfeuchtigkeit, die Temperatur, der Meeresgeruch, das Durcheinander, die geselligen Menschen. Es fehlten nur ein bisschen Hummus, Tahina und Essiggemüse auf dem Tisch, ansonsten war es nicht viel anders als in Jaffa am Strand. Jeden Tag waren wir den ganzen Tag am Meer. Das Mittelmeer – was hatte ich mich danach gesehnt. Zwar war das Wasser an unserer Badestelle viel klarer als in Tel Aviv, und der Strand bestand ganz aus grauen Kieseln statt aus weißem Sand, aber das Wasser hatte denselben Salzgehalt, schenkte das gleiche Gefühl neuer Frische bei jedem Rein- und Rausgehen.

Als wir am letzten Urlaubstag aus dem Wasser kamen, sagten wir alle dem Meer vielen Dank und auf Wiedersehen, bis zum nächsten Mal. Es hatte uns gut aufgenommen.

Jetzt geht der Alltag wieder los. In ein paar Tagen beginnt das neue Schuljahr und damit unser drittes Jahr in Berlin. Ehrlich gesagt, bin ich ziemlich aufgeregt. Ich meine, nun, da wir die Eingewöhnungsphase, das Erlernen der Sprache usw., hinter uns haben, wird es Zeit für mich, meine künstlerischen Fähigkeiten zu entfalten. Für eine solche Entfaltung, solche Blüte, muss man natürlich auch Wurzeln schlagen. Und das ist schon komplizierter.

Ich freue mich sehr auf unser Treffen in Berlin vor Deinem Rückflug!

Deine Yael

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Berlin, 11.08.18

Liebe Yael,

ich bin vor der Hitze geflohen. Seit Wochen war es in Tel Aviv jeden Tag so heiß, dass ich am liebsten erst abends das Haus verließ und nachts nur noch mit Klimaanlage schlief. Meine Nachbarn flogen nach Holland, die Kollegen nach Kanada oder Litauen. Ich las deinen Brief und freute mich auf klare Seen, kühle Nächte, satte märkische Wälder und Wiesen – und kein WLAN. Sommerurlaub zu Hause war mein Plan. Den Nahostkonflikt in Brandenburg vergessen.

Als ich in Schönefeld landete, war es genauso heiß wie in Tel Aviv. Bei meiner Ankunft in meinem Urlaubsdomizil, einem umgebauten DDR-Bungalow, hatte sich im Nachbargarten gerade der Lesezirkel versammelt. Sie besprachen „Das Kapital“ von Karl Marx und luden uns zum Grillen ein. Es gab eine Diskussion darüber, ob Grillen erlaubt ist, wegen der Waldbrandgefahr. Bevor es zur Einigung kam, waren die Würstchen fertig. Als ich gerade von meinem abbeißen wollte, fragte ein Mann, ob ich in Tel Aviv die Kinder aus Gaza schreien höre. Es war keine Frage. Ich antwortete trotzdem. Tel Aviv sei 70 Kilometer von Gaza entfernt, sagte ich.

Mein Nachbar entschuldigte sich am nächsten Tag für die schroffe Begrüßung. Wenige Stunden später war ich auf einem anderen Grillfest in eine Diskussion über das weltweit agierende jüdische Finanzkapital verwickelt und hörte mich den Satz sagen, das sei ein klassisch antisemitisches Argument. Na ja, sagte der Grillgast, aber die Filmindustrie sei doch aber auch in jüdischer Hand.

Es war noch heißer geworden. Aber der See im Wald war klar und kühl, ich tauchte unter und dachte, dass ich genau das vermisst hatte.

Ich fuhr zur Eisdiele im Nachbarort, wo das Schokoeis noch wie in meiner Kindheit schmeckt, und zum Bäcker, der das beste Brot und den köstlichsten Zuckerkuchen bäckt. Später holte ich meine Freundinnen vom Zug ab, wir saßen unter hohen Kiefern, hielten die Füße in eine Wanne mit kaltem Wasser, aßen Johannisbeeren und redeten übers Leben.

So vergingen die Tage, ich hatte das Gefühl, sie zerfließen, ich zerfließe, mache etwas und weiß kurze Zeit später schon nicht mehr, was es war. Zwischendurch informierte mich mein Nachbar, der den ersten Sommer hier verbrachte, darüber, dass der schöne Platz mit meiner Lieblingseisdiele früher Adolf-Hitler-Platz hieß. Gleich um die Ecke wohnte der Besitzer eines Kurhauses, ein Jude. Er wurde mit einem Schild um den Hals durch die Stadt getrieben. Wir müssen herausfinden, was aus ihm geworden ist, sagte mein Nachbar. Ach ja, über die Klinik auf dem Berg habe er auch was herausgefunden. Hier seien Euthanasieverbrechen begangen worden.

Es wurde immer heißer, 39 Grad im Schatten, acht Grad wärmer als in Tel Aviv. Ich saß im Haus, die Fenster geschlossen, um die Hitze nicht reinzulassen, ein Plastikventilator wehte Luft in meinen Nacken, der langsam steif wurde. Der See blühte, die Fische japsten nach Luft. Ich fragte mich: Was um alles in der Welt mache ich hier?

Der freundliche Nachbar bot uns seinen WLAN-Zugang an. Im Internet las ich, dass die Fische in den Seen sterben, wenn es nicht bald regnet. Aus Israel wurden Angriffe der Hamas, Gegenangriffe des israelischen Militärs, Tote und Verletzte vermeldet. Es sah nach einem dritten Gaza-Krieg aus. Ich fragte mich, ob ich den Urlaub abbrechen muss. Mir fiel wieder der Mann vom ersten Abend ein und seine Frage nach den Schreien der Kinder. Ich dachte über eine Antwort nach, eine bessere Antwort, aber mir kamen nur Gegenfragen in den Sinn oder viele Antworten, zu viele für einen Grillabend in Brandenburg.

In der Nacht gewitterte es, am nächsten Morgen war es kühl, der Himmel grau, der See wieder klar. Ich zog das erste Mal seit Wochen einen Pullover an. Das war er, der Brandenburger Sommer, auf den ich mich gefreut hatte.

Es ist ein seltsamer Sommer, vertraut und fremd zugleich. Ich habe das Gefühl, hier nur zu Besuch zu sein, ein anderes Zuhause in einer anderen Welt zu haben und in meiner eigenen nicht mehr richtig dazuzugehören.

Wie geht es dir? Sehen wir uns in Berlin?

Deine Anja 

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Berlin, 4.08.18

Liebe Anja,

dein Brief erreicht mich diesmal in unserem Brandenburg-Urlaub, auf dem Dachboden eines ehemaligen Pferdestalls, der zu einer Airbnb-Wohnung ausgebaut wurde. Wir sind vor fünf Tagen mit Freunden aus Berlin hergekommen. Der Mann ist ein großartiger israelischer Maler (Ofir Dor), der einmal bei einer Veranstaltung von Framed ausgestellt hat. Wir lernten uns über seine Werke kennen, die mein Herz restlos gewannen, und schnell entstand eine tiefe Verbindung.

Ofirs Großeltern waren Berliner, die 1933 nach Israel emigrierten, und er ist vor zehn Jahren von Israel nach Berlin gezogen. Wie wir lernte Ofir in Berlin zunächst Deutsch, und in einem Kurs begegnete er der Liebe seines Lebens, der bezaubernden Sabina aus Mexiko, die heute seine Frau ist. Sie haben zwei süße Kinder, und zum Glück harmonieren wir bestens, und die Kinder sind glücklich miteinander.

Wir wohnen weit ab auf einem Hof am Unteruckersee. Ringsum goldene Stoppelfelder, grüne Maisstauden, Wälder und Seen. Weiße Windräder stehen rings verstreut, wie Riesengeschwister der Kohlweißlinge, die überall schwirren. Immer weht Wind. Tagsüber ist es sehr heiß. Man kann nicht in der Wohnung bleiben, die sich in ein regelrechtes Treibhaus verwandelt. Wir fahren jeden Tag an einen anderen See und kehren gegen Abend zurück, wenn die sinkende Sonne den Himmel rot-violett färbt und der Mond aufgeht.

Der nächste Ort heißt Bertikow und ist ein bisschen unheimlich. Er besteht aus nur zwei langen Straßen mit alten Häusern. Die Vorgärten sind gepflegt, aber die Fenster immer geschlossen, und man sieht keine Menschenseele draußen. Am Dorfeingang, nach zwei Häusern zur Rechten, steht eine männliche Vogelscheuche mit einer Heckenschere.

Ein paar hundert Meter weiter sitzen zwei weitere Vogelscheuchen in Gestalt eines Mannes und einer Frau mit gemalten Gesichtern und mit Hüten unter zwei Schirmen auf einer Bank. Die Straße ist mit Girlanden aus verblichenen, bunten Fähnchen geschmückt, die wohl für ein längst vergangenes Fest aufgehängt und dann vergessen wurden. Ein Geisterdorf.

Trotz der vielen wunderbaren Momente dieses Urlaubs muss ich zugeben, dass ich mich hier ein wenig unwohl fühle. Etwas Düsteres und Beklemmendes gesellt sich zu Natur und Schönheit. All die aus Antisemitismus und Fremdheit resultierenden Ängste, die mir in Berlin kaum zusetzen (wohl, weil dort so viele Fremde um mich sind und ich mich nicht allein fühle), schwemmen hier stärker hoch.

Ich habe die englische Übersetzung deines Buchs, Der Fall Scholl, dabei, das die erschütternde, düstere Geschichte eines Kleinstadtbürgermeisters in Brandenburg erzählt. Obwohl es mir Mühe macht, Englisch zu lesen, gefällt mir die Lektüre. Ich versuche, die Geschichte des Ortes und die Stimmung seiner Bewohner besser zu verstehen und natürlich auch die bedrückende private Paarbeziehung, die schließlich zerbricht.

In den letzten zwei Wochen haben meine Familie, meine Freunde und weitere gute Menschen gegen das Nationalstaatsgesetz angekämpft, das Rassismus und Diskriminierung in Israel gesetzlich zu verankern droht. Wie mich deine Geschichte über den Mann vom Flughafen, der bei der Ankunft in Deutschland seine Kippa abnehmen musste, betrübt hat, so – und noch mehr – betrübt mich der Gedanke, dass Einwohner Israels ihre Sprache verbergen oder ihre Identität verschleiern müssen, um durchzukommen.

Mir ist nicht klar, wie unser Staat, der eine Ansammlung von Flüchtlingen aus allen Enden der Welt ist und schwerste rassistische Verfolgungen erlebt hat, sich nun ein solches Vorgehen erlaubt. Jede von uns beiden scheint den Rassismus in ihrem Land schwerzunehmen. Deshalb bin ich so froh, dass wir uns kennengelernt haben, dass wir korrespondieren, einander näherkommen, eine Brücke bauen, Verbindung halten.

Deine Yael

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Tel-Aviv, 28.07.18

Liebe Yael,

ich bin nach Berlin geflogen. Das ist so wunderbar einfach von Tel Aviv aus. Man ist in einer halben Stunde am Flughafen, der Flug dauert nur vier Stunden, und die Kontrollen sind nicht schlimm. Ein paar Fragen zum Gepäck, das war’s. Nur diesmal dauerte es etwas länger. Das lag daran, dass ich das letzte Mal von Gaza aus nach Israel eingereist war. Die junge schöne Flughafen-Soldatin hielt meine Gaza-Ausreisekarte in der Hand, flüsterte mit ihrer Kollegin und fragte: Sie waren in Gaza?

Ja, sagte ich.
Warum?
Weil ich Journalistin bin.
Was haben Sie dort gemacht?
Ich habe über die Proteste an der Grenze berichtet.

Die Soldatin sah mich lange an, prüfend, aber auch interessiert, als hätte sie gerne mehr gehört, mehr Fragen gestellt, welche, die nichts mit Flughafensicherheit zu tun haben, sondern mit dem ganz normalen Leben dort. Fragen, wie du und Aharon mir gestellt habt.

Israelis dürfen nicht nach Gaza, nicht mal Journalisten. Das übt eine große Faszination auf sie aus. Manche sehen mich an, als wäre ich dem Teufel persönlich begegnet, andere beklagen das Leid der Menschen dort und wollen wissen, was man dagegen machen kann. Ich bin die Deutsche, die da war, die Expertin, aber auch der Beweis, dass es so gefährlich nicht sein kann. Immerhin bin ich heil wieder rausgekommen.

Die Soldatin am Flughafen gab mir meinen Pass zurück und wünschte einen guten Flug. Ich checkte ein und lief zur Taschenkontrolle, meine Wasserflasche nahm ich mit. Israel ist das einzige mir bekannte Land der Welt, in dem kein Flüssigkeitsverbot für Handgepäck gilt. Ein israelischer Kontrolleur hat mir das mal mit den Worten erklärt: Wir können Wasser von Sprengstoff unterscheiden.

Ich finde, dass es reicht, ein paar Stunden auf dem Ben-Gurion-Flughafen zu verbringen, um ein Bild von Israel zu bekommen: Die junge Soldatin, die ihren Militärdienst leistet, aber vielleicht gerne noch ein paar Fragen zu Gaza gestellt hätte, der Verzicht auf Verbote, die Passagieren das Leben schwer machen, aber keine Anschläge verhindern, all die großen, bunten Welcome to Israel-Schilder, die den Stolz auf das Land zeigen, aber auch die Tatsache, dass man nur Israelis und Touristen sieht, keine Palästinenser, erzählt viel über das Land.

Palästinenser dürfen seit der zweiten Intifada weder vom Ben-Gurion-Flughafen abfliegen noch hier landen, sie müssen nach Kairo oder Amman fahren, wenn sie irgendwohin fliegen wollen. Sicherheit hat einen hohen Preis in Israel.

An den Schleusen stehe ich oft mit gläubigen Juden in der Schlange. Manche tragen große Hüte, manche eine Kippa, den Hut müssen sie bei der Sicherheitskontrolle abnehmen, die Kippa nicht. Die verschwindet erst, wenn sich das Flugzeug Berlin nähert.

Neulich wurde ich Zeuge dieses Vorgangs. Neben mir, auf der anderen Seite des Ganges, saß ein Mann Mitte vierzig, er trug Jeans, Polohemd und eine Kippa. Ich beobachtete ihn aus dem Augenwinkel. Ich wollte wissen, ob er die Kippa abnimmt, ob es stimmt, dass Juden in Berlin keine Kippa tragen, weil es zu gefährlich für sie ist. Der Mann aß seine mitgebrachten Latkas, las Mails auf dem Handy, die Kopfhörer in den Ohren, die Kippa fest auf dem Kopf.

30 Minuten vor der Landung packte er das restliche Essen ein und wechselte die Handykarte. Jetzt, dachte ich, ist es soweit. Aber er behielt die Kippa auf, auch noch, als das Flugzeug aufsetzte, als er sich abschnallte, aufstand und seine Tasche nahm. Ich war inzwischen sicher, der Mann würde die Kippa aufbehalten und durch Berlin tragen.

Ich freute mich, dir davon zu erzählen. Die Stadt war sicher für euch. Am Ausgang verlor ich den Mann für einen Moment aus den Augen. Als ich ihn wieder sah, war die Kippa weg, an ihrer Stelle sah ich nur platt gedrücktes schwarzes Haar. Der Mann muss sie genau in dem Moment abgenommen haben, als er deutschen Boden betrat.

Deine Anja

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Berlin, 21.07.18

Liebe Anja,

Dein Brief hat mir Spaß gemacht – echt Tel Aviv. Radfahren ist dort tatsächlich nicht leicht. Rauf auf den Bürgersteig, runter auf die Fahrbahn, an keiner Ampel halten, auf und ab, heiß und feucht, und die Autos fahren wie irre. Mit anderen Worten: Dazu kann ich Dir leider keinen Rat geben. Wie Du schriebst: Entweder mitmachen, ständig hellwach, auf Kollision eingestellt und zum Vorpreschen bereit, oder es bleiben lassen.

Seit wir unseren Briefwechsel begonnen haben, fällt mir auf, dass Tel Aviv und Berlin in vielem fast spiegelbildlich sind. Vielleicht liegt genau darin ja das Geheimnis der Anziehungskraft zwischen den beiden Städten. Schließlich gehört Radfahren hier zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Die breiten, ebenen und gekennzeichneten Wege, die Vorfahrt für Radfahrer – das reinste Wunder für mich.

Lustig, dass Du meintest, ich könnte mir nicht vorstellen, dass Du in Berlin „Kopfschütteln“ erntest, wenn Du Dich versehentlich mal wie eine Tel Aviverin benimmst. Und wie ich mir das vorstellen kann! Anfangs bemühten wir uns ständig, die örtlichen Gepflogenheiten zu verstehen, uns anzupassen, nicht überlaut zu reden, den Regeln zu folgen. Ich werde nie vergessen, wie wir einmal einen Secondhandshop betraten. Vom ersten Moment an spürten wir die stille Entrüstung der Verkäuferin.

Bis heute ist mir nicht klar, worüber sie entrüstet war. Die Kinder haben wohl Sachen angefasst (obwohl sie sich nach meiner Ansicht vorbildlich benahmen), oder wir redeten zu laut (was ich ebenfalls nicht in Erinnerung habe), oder es war, weil wir kein Deutsch konnten – wer weiß. Jedenfalls brachte ihr unterdrücktes Kopfschütteln Aharon bald so in Rage, dass er uns demonstrativ aus dem Laden winkte. Die Verkäuferin – wohl erschrocken über den dramatischen Abgang – fragte ihn: „What is wrong?“ Er fauchte, „your face is wrong!“, und weg waren wir. Erst als wir wieder losradelten, erlaubte ich mir, zu lachen: Ein klassischer Fall von „lost in translation“ und kulturellen Unterschieden.

In den letzten Tagen habe ich an meinem Instagram-Konto gearbeitet, vom aktuellsten Foto Ende letzter Woche, als ich mit Aharon einen großartigen Auftritt von Nick Cave in der Waldbühne sah, über fröhliche Bilder von den Kindern im Park, Aufnahmen von Framed-Veranstaltungen in unserer Wohnung, Schnappschüsse von Ausflügen bis hin zu einem Foto vom 23.7.2016: Sieben Koffer vorm Haus meiner Eltern in Israel, kurz vor der Abfahrt zum Flughafen.

Damals dachte ich, wir verschwinden für zwei Jahre, um den Kopf freizukriegen, auszuruhen, Kräfte zu sammeln. Ich konnte mir nicht vorstellen, Wurzeln zu schlagen. Ehrlich gesagt, ängstigte mich sogar der Gedanke, wir würden irgendwann nicht mehr heimkehren wollen. Und nun sind zwei Jahre im Nu vergangen, und wir fühlen uns wohl. Meine Angst hat sich bewahrheitet. Wir scheinen uns einzuleben. Die Kinder sind vertraut mit der neuen Sprache und Umgebung, Aharon lässt seine Theaterstücke ins Deutsche übersetzen, wir haben viele neue Freunde, ich komme mit meinem Kulturprojekt voran und habe erstmals ein Lied auf Englisch verfasst.

Obwohl das Hebräische seit jeher meine künstlerische Ausdrucksform ist, will ich mich jetzt auch hier als Texterin und Sängerin versuchen, das heißt auf Englisch und später vielleicht auch auf Deutsch. Das ist aufregend, weckt aber auch Zweifel, Ängste und große Sehnsucht. Wie lange werden wir noch bleiben? Kaum vorstellbar, dass es für immer sein soll. Werden die Kinder sich nach ein paar weiteren Jahren mehr als Deutsche denn als Israelis fühlen? Sie wären dann fast 18 Jahre und müssten in Israel zur Armee gehen, so wie wir einst. Und was sagt es über uns, wenn wir in Berlin bleiben? Sind wir dann noch Israelis? Oder Weltbürger? Nomaden? Zugehörigkeit ist etwas so Starkes und doch so Flüchtiges.

Deine Yael

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Tel-Aviv, 13.07.18

Liebe Yeal,

seit ein paar Tagen bin ich Mitglied einer deutschsprachigen Facebook-Gruppe in Israel. Man kann sich da über alle möglichen Sachen austauschen. Wie teuer ein Taxi vom Flughafen ist, wie man eine Wohnung in Tel Aviv findet, einen Waschmaschinenreparateur in Jerusalem, wo man Kirschen pflücken oder die WM-Spiele sehen kann. Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Es waren alles so wunderbar banale Fragen, die ich mir auch hätte stellen können. Ich musste sofort wieder an die ersten Tage hier in Tel Aviv denken, in denen meine größte Herausforderung darin bestand, den Alltag zu beherrschen. Wo gibt es Brot? Wo Bio-Milch? Wo bringt man den Müll hin? Kann man mit dem Rad durch die Stadt fahren?

Manche Fragen waren schnell geklärt, Brot, Müll, Bio-Milch. Mit anderen, wie dem Radfahren, kämpfe ich heute noch. Hier in Tel Aviv kann man zwar kilometerlang am Meer langradeln oder auf dem Mittelstreifen des Rothschild-Boulevards. Problematisch aber wird es, wenn man irgendwohin will und den Weg nicht kennt. In Berlin gebe ich bei Google Maps einfach die Adresse ein, klicke auf das kleine Fahrrad in der oberen Leiste, dann wird mir die Route angegeben. Hier gibt es kein Fahrrad in der Leiste. Es gibt nur ein Auto, einen Bus, einen Fußgänger und einen Fußgänger, der ein Taxi herbeiwinkt. Ich weiß nicht, ob das an Google liegt oder an Israel, ich weiß nur, dass jede Fahrt ein Abenteuer ist. Mit dem Rad. Aber auch mit dem Auto.

Ich muss manchmal an Aharon, deinen Mann, denken, der gesagt hat, schon wegen des Verkehrs ist er froh, in Berlin zu leben. Ich kann ihn gut verstehen. Der Verkehr hier ist Irrsinn. Auf der Autobahn wird links und rechts überholt, will man die Spur wechseln, kann man blinken, so lange man will. Niemand lässt einen rein. Ich habe deshalb zu Anfang mehrfach die Ausfahrt verpasst. Jetzt halte ich die Luft an und fahre blitzschnell rüber. Es funktioniert. Frech siegt, würde der Deutsche sagen.

Das gilt, habe ich festgestellt, für viele Bereiche des Lebens. Am Fußgängerüberweg überquert man die Straße, auch wenn ein Auto direkt auf einen zurast. Das Auto bremst. Aber nur, wenn man losgeht. Steht man an der Straße und wartet, hat man Pech gehabt. Ähnlich ist es in der Schlange beim Einkaufen. Ich stelle mich hinten an, aber fast immer stellt sich jemand vor mich. Mein Hebräisch ist leider zu schlecht, um zu protestieren. Mir bleibt nur eine Möglichkeit: mich vor den anderen zu stellen. Auch das funktioniert.

Schwierig ist es, wenn ich in Berlin bin und nicht schnell genug umschalte. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viele Leute kopfschüttelnd hinter mir hersehen, wenn ich im Auto die Spur wechsle wie eine Israelin oder im Laden vordrängele. Kopfschütteln, habe ich festgestellt, ist etwas sehr Deutsches. Eine öffentliche Ermahnung. Ein stummer Tadel. Ein Erziehungsversuch aus der Ferne.

Noch nie habe ich hier in Israel jemanden den Kopf schütteln sehen, weil irgendjemand eine Regel verletzt. Ich habe darüber nachgedacht, woran das liegen könnte und bin zu dem Schluss gekommen, dass man in einem Land, das von Feinden umringt ist und in dem jeder zur Armee muss, mit Kopfschütteln vermutlich nicht besonders weit kommt. Womit wir schon wieder beim Nahostkonflikt wären. Nichts ist banal in Israel, nicht mal die Facebook-Gruppe. Neulich hat eine Frau gefragt, was man über Israel wissen muss, bevor man herzieht und sofort brach eine Diskussion darüber aus, wie rechts das Land geworden ist.

Meine Lieblingsfrage bezog sich übrigens auf Tiertransporte. Ob jemand Erfahrung damit hat. Sofort wurden Tipps gegeben, wie man mit Katzen, Hunden, Wellensittichen nach Israel zieht. Die Frau bedankte sich und schrieb, es gehe nicht um eine Katze oder einen Wellensittich, sondern um ihr Pferd. 

Deine Anja

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Berlin, 07.07.18

Liebe Anja,

dein Brief war so themenreich! Fromme, Brooklyn, Tel Aviv, Fußball, Deutsche, Siedler, AfD, Berliner. Offenbar ist in eurem Journalistenleben einiges los. Wirklich gefreut hat mich die Nachricht, dass man euch als Deutsche in Tel Aviv freundlich aufnimmt. Schön zu hören, dass meine Landsleute sich manchmal nett benehmen.

Das Schuljahr ist diese Woche zu Ende gegangen. Mein Sohn hat die 1. Klasse in Berlin geschafft. Ich bin enorm stolz auf ihn und habe keine Ahnung, wie er zwei neue Fremdsprachen (Deutsch und Englisch) so schnell sprechen, lesen und schreiben gelernt hat. Vor unserem Umzug nach Berlin habe ich Israelis, die diesen Schritt vor mir gewagt haben, ausgefragt, wie Kinder so etwas verkraften: Wie kommen sie mit der neuen Sprache zurecht? Mit der Fremdheit? Ich machte mir wirklich Sorgen.

Die Antwort lautete immer gleich: „Nach einem halben Jahr reden die Kinder Deutsch, und dein einziges Problem wird darin bestehen, dass du nicht mehr verstehst, was sie sagen.“

Nun sind zwei Jahre vergangen, und es ist genau so: Beide Kinder sprechen zwei weitere Sprachen, nur ich tue mich schwer, mehrere zusammenhängende Sätze auf Deutsch zu sagen, ohne dauernd innezuhalten und nach einem Wort zu suchen, das mir nicht einfällt oder den Satzbau auszutüfteln.

Die letzten Tage waren in sprachlicher Hinsicht besonders frustrierend. Meist komme ich mit meinem holprigen Deutsch ganz gut durch, aber in manchen Situationen ist die Sprache doch eine echte Hürde. Diese Woche beispielsweise bekam ich Beschwerden an der Hand, die offenbar medizinisch behandelt werden muss. Die Ärztin schickte mich zur MRT. In dem radiologischen Institut, an das ich überwiesen wurde, sprach keiner Englisch.

Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass in den nächsten drei Monaten kein MRT-Termin frei ist. Da ich große Schmerzen habe, wollte ich nicht so lange warten, rief meine Versicherung an, und – selbstredend kann auch dort niemand Englisch. Die Sachbearbeiterin war sehr nett und geduldig, aber trotzdem verstand ich nur siebzig Prozent des Gesagten. Wenn ich es richtig mitgekriegt habe, soll ich am besten direkt zum Krankenhaus gehen und mich einweisen lassen. Ich war noch nicht da. Vorerst habe ich keinen Mumm, wieder mit der Sprache zu kämpfen – oder mit Krankenhäusern im Allgemeinen (damit habe ich ermüdende Erfahrungen, erzähl ich dir ein anderes Mal).

Das nächste frustrierende Sprachproblem der Woche folgte, als ich mich um einen Zuschuss für meinen Kultursalon bewarb. Gelegentlich stoße ich auf Fördergelder, die für Framed passen könnten, und bewerbe mich darum, aber diesmal sah ich die Ausschreibung leider erst sechs Stunden vor Bewerbungsschluss. So begann ich den Wettlauf mit der Zeit, Hand in Hand mit Google translate (Gott allein weiß, wie Menschen einst ohne ausgekommen sind) und hämmerte mit Lichtgeschwindigkeit in die Tasten. Gleichzeitig war ich an der Strippe mit Yasser, meinem neuen Freund, einem jungen Syrer, der schon drei Jahre in Berlin lebt, viel besser Deutsch kann als ich und mir nach Kräften zu helfen suchte.

Hätte der Antrag auf Englisch oder Hebräisch gestellt werden können, hätte ich natürlich nicht so viel Hilfe von außen gebraucht. Doch nun ist er glücklicherweise rausgegangen, zwei Minuten vor Toresschluss, und jetzt heißt es nur noch Daumen drücken.

Die ganze Stadt scheint sich auf den Sommerurlaub vorzubereiten. Wir haben zwei Sommer gebraucht, um zu verstehen, dass das hier in Berlin eine ernsthafte Angelegenheit ist. Als Tel Aviver kann man kaum glauben, dass die meisten Berliner drei Wochen Urlaub machen. In Israel empfindet man Ferien eher als Last. Besonders im Sommer! Die Kinder haben zwei Monate Ferien, aber die Eltern bekommen kaum freie Tage von der Arbeit. Nimm noch 38 Grad Hitze und hundert Prozent Luftfeuchtigkeit hinzu – und schon kann Freizeit äußerst anstrengend werden.

Kurz gesagt, ist es schön hier in Berlin. Sehr sogar.

Deine Yael

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Tel-Aviv, 30.06.18

Liebe Yael,

mitten während der Fußball-WM 2006 fuhr ich mit einer ultraorthodoxen Familie aus Brooklyn nach Bergen-Belsen. Der Vater der Familie war dort KZ-Häftling gewesen und hatte unter schwierigsten Umständen einen alten jüdischen Brauch weitergepflegt: Er schrieb die Namen der Toten auf. Jahrzehnte später, als er im Sterben lag, fand sein Sohn das vergilbte Heft mit Hunderten von Namen, das Totenbuch aus Bergen-Belsen. Es sollte in der Gedenkstätte ausgestellt werden.

Ich hatte durch einen Historiker von der Geschichte erfahren und besuchte die Familie in Brooklyn. Der Historiker gab mir strengste Anweisungen: niemandem die Hand geben, Haare zusammenbinden, keine Haut zeigen. Der Tisch, auf dem das Buch lag, war mit Plastikfolie überzogen, um ihn koscher zu halten. Die Männer trugen schwarze Roben, weiße Bärte und Schläfenlocken.

Sie redeten mit mir, aber sahen mir nicht in die Augen. Einer telefonierte mit einem Heiratsvermittler. Es ging um seine Tochter. Das alles war so bizarr und fremd, dass ich mir um nichts in der Welt vorstellen konnte, wie diese Familie während der Fußball-WM deutschen Boden betreten sollte. Ich war sicher, beim Anblick des schwarz-rot-goldenen Fahnenmeers würden sie auf der Stelle kehrt machen.

Ich hatte mich geirrt. Die kleine jüdische Delegation kam wohlbehalten in Bergen-Belsen an, die Fahnen störten sie nicht. Ihre einzige Sorge war, dass ihr Essen nicht koscher sein könnte und sie den Flug nach Krakau verpassen würden, wo sie ein Rabbiner-Grab besuchen wollten. Sie lobten die Deutsche Bahn, die deutsche Kanzlerin und wünschten den deutschen Fußballern viel Glück. In diesem Moment begriff ich, wie gut der Ruf meines Landes in der Welt geworden war.

Ich schreibe dir das, Yael, weil du fragst, wie die Leute in Israel darauf reagieren, wenn ich sage, dass ich Deutsche bin. Sie reagieren genau so: unaufgeregt. Ach, Deutschland, sagen sie und freuen sich, wenn ich erwähne, dass ich aus Berlin komme. Fast jeder war schon mal in Berlin oder kennt jemanden, der gerade nach Berlin gezogen ist. Ein Mann erzählte mir, dass seine Familie in München lebte, bevor sie vor den Nazis floh. Eine Frau berichtete, dass sie sich gerade eine Wohnung in Zeitz gekauft habe.

Zeitz? In Sachsen-Anhalt?

Ja, Freunde aus Leipzig hätten ihr dazu geraten, sagte sie. Zeitz sei „upcoming“, eine gute Investition.

Anfang der Woche habe ich bei mir um die Ecke drei deutsche Fahnen gesehen. Deutsche Fahnen in Israel! Das hatte sicher mit der WM zu tun. Trotzdem!

Wann ist das eigentlich passiert, fragte ich einen israelischen Kameramann, der zwischen Berlin und Tel Aviv pendelt. Wann sind die Deutschen so beliebt geworden?

So vor zehn Jahren, sagte er. Als Berlin so locker wurde, so offen. Ich war stolz auf meine Stadt, mir fielen die Bilder der AfD-Gegendemonstration ein, die ich in den Nachrichten gesehen hatte. Junge Leute, die auf den Straßen tanzten.

Vor zwei Wochen war ich in einer Siedlung in den besetzten Gebieten. Der Fotograf, der mich begleitete, warnte mich: Siedler sind deutschlandkritisch. Aber auch diesmal ging alles gut. Alle redeten mit mir, niemanden schien meine Herkunft zu stören. Es war fast ein bisschen unheimlich, die deutschen Fahnen, die freundlichen Siedler.

Ich dachte an Heiko Maas, den deutschen Außenminister, der kurz nach seinem Amtsantritt mit der israelischen Justizministerin im Hubschrauber über die besetzten Gebiete geflogen war. Die Justizministerin unterstützt Siedler. Maas nennt sie seine Freundin. Auch an den Mann, den ich in einem Tel Aviver Café getroffen hatte, dachte ich. Er trug eine Camouflage-Jacke mit der deutschen Fahne und fand die AfD gut.

Es gibt neue Verbindungen zwischen Deutschland und Israel. Welche, die nichts mit dem offenen Berlin und den starken Fußballern zu tun haben, die nun nicht mehr stark sind. Ich gehe gleich mal gucken, ob die deutschen Fahnen noch hängen.

Deine Anja

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Berlin, 23.06.18 

Liebe Anja,

„Dinge, die man von dort sieht, sieht man nicht von hier“ – diese Zeile aus einem bekannten israelischen Lied bringt deinen Brief für mich gut auf den Punkt. Ehe man nicht wirklich eindringt in ein Land, eine Stadt, eine Situation, kann man kein richtiges Urteil fällen. Weil die Realität komplex ist und ein Ort weit mehr Facetten hat als die Artikel in der Zeitung. Ich freue mich, dass Jaffa–Tel Aviv euch langsam so packt, wie ich es erhoffte.

Du schreibst, auch ich hätte mich in gewisser Weise von Israel abgewendet. Das habe ich ungern gelesen. Israel ist mir sehr wichtig, und ich bin nicht anti. Trotzdem lehne ich vieles von dem ab, was dort passiert: Besatzung und Korruption, die hohen Lebenshaltungskosten, die Kultur- und Bildungspolitik der Regierung. Ich habe das schreckliche – und hoffentlich völlig realitätsferne – Gefühl, dass Israel ein sinkendes Schiff ist.

In ideologischer Hinsicht ist es vielleicht schon gesunken. Andererseits denke ich an eines unserer ersten Gespräche, als du mir erzähltest, vor dem Mauerfall hätte keiner diese Entwicklung für möglich gehalten. Dann sollte man der Hoffnung vielleicht doch ihren gebührenden Platz in Herz und Hirn einräumen.

Und ja, Israel erregt viel Aufmerksamkeit. Selbst wenn anderswo auf der Welt gerade viel schlimmere Dinge geschehen, sind wir immer in den Schlagzeilen. Anscheinend bedient das bestimmte Interessen und hat sicher auch mit dem israelischen Wesen zu tun: klein, aber laut, egal was. Jedenfalls ändert das für mich nichts an den Tatsachen. Die schlechten Dinge, die in Israel passieren, werden nicht durch die guten Menschen ausgelöscht, und zum Glück gilt das auch umgekehrt: Die guten Menschen, der Strand, die Wüste – all das wird nicht durch Besatzung und Korruption ausgelöscht. Alles existiert neben- und miteinander.

In Berlin beginne ich zu begreifen, dass es überall ähnlich ist, wenn auch unterschiedlich stark ausgeprägt natürlich. Meine Freunde aus Syrien beschreiben ebenfalls eine widersprüchliche Wirklichkeit. Alle sehnen sich nach ihrer schönen Heimat, ihrem Essen, den guten Menschen – trotz der harten Fakten, die sie zur Flucht gezwungen haben.

Mich hat keiner zur Flucht gezwungen, und doch suchten wir andere Lebensumstände. Hätte ich geglaubt, die Wirklichkeit in Israel ändern, die Lage verbessern zu können, wäre ich dageblieben. Aber in diesem Lebensabschnitt hielt ich das persönlich für unmöglich. Ich spürte, dass das Leben in Israel meine Sinne abstumpft und meine Ausdrucksfähigkeit mindert.

Heute, nach zwei Jahren in Berlin, bin ich heilfroh, dass ich meinen Kindern die Erziehung schenken kann, die sie in der internationalen Schule erhalten. Neben dem ausgezeichneten Lehrplan und dem Erwerb weiterer Sprachen erfahren die Kinder hautnah, dass es Menschen aus zahlreichen Orten und Kulturen gibt und dass wir diese wunderbare Wahlmöglichkeit haben, dass wir entscheiden können, wo wir wohnen und lernen, wie wir leben, welchen Beruf wir ergreifen und mit wem wir uns zusammentun möchten.

Das ist keineswegs selbstverständlich, und ich fürchte, dieses Recht könnte eines Tages genommen oder eingeschränkt werden – wie für so viele andere Menschen weltweit. Bis zu jenem Moment, der hoffentlich niemals eintrifft, müssen wir jeden Augenblick nutzen und die Kinder und uns selbst in einer Umgebung ansiedeln, die Wachstum erlaubt.

Wenn ich in Berlin auf die Frage nach meiner Herkunft „aus Israel“ antworte, ist die Reaktion schwer voraussehbar. Mal fällt sie überfreundlich, mal gleichgültig und mal ausgesprochen kühl aus. Wie reagiert man eigentlich in Israel, wenn du sagst, dass du aus Deutschland bist?

Bis zum nächsten Brief.

Deine Yael

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Tel-Aviv, 16.06.18

Liebe Yael,

vor ein paar Tagen rief ein Kollege meines Mannes an. Ich nahm den Hörer ab, er fragte, wie es uns geht in Israel. Ich sagte, jetzt gerade sei es ruhig, und eigentlich sei es wirklich schön hier.

Schön?, fragte der Kollege.
Ja, schön, sagte ich.
Schön ist ja wohl der falsche Ausdruck, sagte er.

Ich finde es schön, wiederholte ich, und erzählte ein bisschen vom ganz normalen Leben hier. Am anderen Ende der Leitung war es still. Ich redete weiter, sagte noch mindestens dreimal „schön“, von Mal zu Mal trotziger, dann gab ich den Hörer an Alex weiter.

Es hat keinen Sinn. Ich kenne diese Gespräche. Israel als schön zu bezeichnen, kommt so gut an, als würde ich begeistert vom Club-Urlaub in Nordkorea berichten. Am schwierigsten ist es mit Leuten, die noch nie hier waren. Sie denken, Israel ist Kriegsgebiet und jeder, der hierher fährt, unterstützt die Besatzungspolitik. Neulich habe ich versucht, meine reiselustige Freundin aus New York zu überzeugen, mich zu besuchen. Keine Reaktion. Sie fliegt nach Italien, obwohl die Regierung dort kaltherzig ein Flüchtlingsschiff abweist, sie guckt die Fußball-WM, obwohl Russland die Krim besetzt hat. Aber Israel? No way!

Selbst Israelis wenden sich von ihrem Land ab. Du ja auch in gewisser Weise. Ich erinnere mich, wie du mir von einer Freundin erzählt hast, die nach Berlin gezogen ist und nicht wieder zurück will, nicht mal zu Besuch. Ich verstehe das, die Mieten sind hoch, die Politik ist rechts, aber die Menschen, die ich treffe, sind großartig, und ich denke wirklich oft, wie schön es hier ist.

Wenn ich bei Ali vorbeigehe zum Beispiel, der den besten Hummus Israels verkauft, ein winziger Laden, fünf Tische drinnen, fünf draußen. Oder beim Fischhändler, der verkauft, was am Morgen im Meer gefangen wurde und mir zuwinkt, wenn ich mit dem Rad vorbeifahre. Freitags gehe ich auf den Carmel-Markt, auch wenn es so voll ist, dass ich mich von der Masse mitschieben lassen muss. Das erinnert mich an ein Gespräch, das ich mal mit einem Amerikaner, der in Israel lebt, führte. Ich fragte ihn, was ihm an Israel gefalle. Er sagte, dass die Menschen nicht immer gleich zur Seite springen, wenn es eng wird. Man hätte hier richtigen Körperkontakt.

Ich weiß, was er meint. Drängeln ist hier nicht das Gleiche wie in Deutschland oder in Amerika. Die Deutschen drängeln schlecht gelaunt, es schwingt der Vorwurf mit, im Weg zu stehen, schuld daran zu sein, zu spät zu kommen. Die Amerikaner haben Angst, sich beim Körperkontakt mit einer gefährlichen Krankheit anzustecken. Die Israelis dagegen drängeln, weil sie durchwollen. Ohne Angst, ohne Vorwurf, einfach nur so. Götz Aly, ein großer Israel-Kenner, hat mal zu mir gesagt, am besten lernt man Israel kennen, wenn man mit dem Bus fährt. Ich glaube, er hat genau das gemeint, diese unmittelbare Nähe der Menschen zueinander, ihre Direktheit. 

Abends, wenn ich mit der Arbeit fertig bin, gehe ich joggen. Ich laufe an zwei Kirchen vorbei, den Berg hinunter, durch einen Park, links liegt eine Moschee, rechts das Meer. Zum Ramadan bauen Familien ihre Grills auf und stecken Fleisch auf Spieße. Ist die Sonne untergegangen, singt der Muezzin, das Fest beginnt. Am Strand sitzen Russen mit ihren Hunden, eine jüdische Jungsgruppe steigt ins Meer, so feierlich wie zu einer Taufe, dahinter wird eine Bühne aufgebaut und Musik aufgelegt. Es gibt keine bessere Art, alles zu vergessen als diese Joggingrunde. Und manchmal denke ich, es ist gar nicht so schlecht, wenn niemand weiß, wie schön es hier ist, sonst würde es noch teurer werden, noch voller, sonst gäbe es noch mehr Drängelei.

Das Drängeln finde ich ein wenig gewöhnungsbedürftig. Ich lasse mich nicht gern zur Seite schieben, ob mit oder ohne Vorwurf. Und ehrlich gesagt fahre ich lieber Rad als Bus.

Deine Anja 

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Liebe Anja,

diese Woche war verwirrend. Ich lief hierhin und dahin, machte dies und das, sprach Englisch, Deutsch, Hebräisch, alles durcheinander, und hatte irgendwann das Gefühl, nicht mehr zu wissen, wo eigentlich meine Wurzeln sind.

Mein Morgen beginnt damit, meine Kinder zur Schule zu bringen. Die Schule ist zweisprachig (Englisch und Deutsch). Danach mache ich mich an die Arbeit. Einen Teil der Zeit widme ich meiner Musik (überwiegend auf Hebräisch, manchmal auf Englisch). Den Rest des Vormittags beschäftige ich mich mit Framed, meinem Kultursalon. Gegen Mittag radle ich zur Volkshochschule, um gemeinsam mit meinen syrischen, iranischen und brasilianischen Mitschülern Deutsch zu lernen. Wenn ich am Ende des Tages die Kinder von der Schule abhole, weiß ich kaum noch, welche Sprache ich mit wem sprechen soll.

Am Dienstagabend gingen wir, zwei Freunde und ich, zu einem Kochabend im Haus gegenüber. Nachbarn hatten uns eingeladen, ich habe sie durch Framed kennengelernt. Er ist ein deutscher Schriftsteller und, soviel ich verstanden habe, in unserer Straße aufgewachsen, sie eine französische Journalistin, die schon seit zwanzig Jahren in Berlin lebt.

Ein weiteres Paar kam aus der Parallelstraße. Er ist ein französischer Künstler und hat an einer meiner Ausstellungen teilgenommen, ist aber auch Lehrer für Buddhismus und Meditation und hat jahrelang als buddhistischer Mönch gelebt. Seine deutsche Frau hat einige Zeit in Israel verbracht, spricht Hebräisch und liebt Tel Aviv.

Noch ein gemischtes Paar war dabei, ein deutscher Psychoanalytiker und eine Französin, die lernt, Möbel zu restaurieren. Ich kam mit einem israelischen Musikerfreund, der fünfzehn Jahre in England gelebt hat und erst vor Kurzem nach Berlin gezogen ist, und meiner guten Freundin, ebenfalls Israelin, die wie ich vor zwei Jahren hergezogen ist und die Straße runter wohnt.

Jeder sollte Zutaten mitbringen und ein Gericht für die gemeinsame Mahlzeit zubereiten. Solch einen Abend hatte ich noch nie erlebt. Es war faszinierend: so viele Sprachen und Esskulturen. Die Gastgeberin bereitete ein klassisches französisches Gericht zu (Ei, Roquefort-Käse und Creme fraîche im Ofen) – einfach, spielerisch und sehr wohlschmeckend.

Ich hatte das Rezept und die Zutaten für ein bulgarisch-jüdisches Gericht dabei, das meine Großmutter immer macht: Blätterteig, gefüllt mit Spinat und Feta-Käse. Man isst das Blätterteig-Gebäck mit den Händen und stippt es in Joghurt. Mein israelischer Freund rührte Tahina an, Sesampaste. Er hatte seine Lieblings-Tahina aus Israel und dazu sein Geheimgewürz mitgebracht. Jeder mischt Tahina auf seine eigene Weise.

Es war schön mitanzusehen, wie die eigene Lebensgeschichte über das Essen erzählt wird, dass in Zeiten der Globalisierung unsere Wurzeln immer noch sichtbar sind. Ich war als in Berlin wohnende Israelin zu dem Abendessen gekommen, meine Wurzeln aber habe ich in Spanien, Bulgarien und Polen. Und offenbar ist das immer noch in meinem Bewusstsein festgeschrieben.

Im Verlauf des Abends begriff ich auch, dass es „israelisches Essen“ als solches eigentlich nicht gibt. In Israel leben Juden aus aller Welt, dort haben sich so viele verschiedene Kulturen zusammengefunden, dass israelisches Essen für jede Familie etwas anderes bedeutet: jemenitisch, marokkanisch, polnisch, deutsch, äthiopisch, russisch, spanisch, persisch und vieles andere mehr.

Das hat mich zu tieferen Fragen angeregt: Was ist israelische Kultur? Israelische Musik? Israelische Literatur? Alles verbindet sich auf geheimnisvoll verschlungene Weise und lässt daraus etwas Neues entstehen. Mein Leben in der Fremde weckt bei mir den Wunsch, dieses Etwas zu finden, es für mich zu definieren. Vielleicht wird mir das ein klareres Gefühl von Verwurzelung geben.

Bitte entschuldige, falls ich zu weit ausgeschweift bin.

Erzähl mir, wie es dir geht.

Deine Yael

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Berlin, 01.06.2018

Liebe Yael,

es gibt in unserem Freundeskreis einen Witz: Wo immer Alex und ich hinfahren, passiert etwas. Nun ist es bei Reportern nicht so ungewöhnlich, dass sie sich gerade dort aufhalten, wo es hoch hergeht, aber ein paar seltsame Zufälle gab es schon in unserem Leben, und in diesen Tagen erinnern uns Freunde manchmal daran: Wart ihr nicht in Berlin, als die Mauer fiel? Und in New York, als die Türme einstürzten? Und am Van-Gogh-Museum in Amsterdam, als die Pflanzenwand herunterkrachte? Ach ja, und kaum wart ihr in Kuba gelandet, ist Fidel Castro gestorben. Schon seltsam, oder?

Ich sage, das ist alles nur Zufall, aber seit wir hier gelandet sind, bin ich mir da nicht mehr so sicher. Fast vier Jahre lang war Ruhe in Israel: kein Krieg, weniger Selbstmordanschläge, in Gaza wurde von Wiederaufbau gesprochen, Irans Atomwaffen waren durch den Obama-Deal unter Kontrolle, die Proteste gegen die israelische Besatzung mehr oder weniger eingeschlafen. Manchmal fragten wir uns, worüber wir hier eigentlich berichten sollten. Israel ist so groß wie Hessen, und Hessen, nun ja.

Schreib doch über die schönen Seiten des Landes, rieten mir Kollegen. Der Reiseredakteur schickte mir Einladungen zu Pilgerfahrten, Fahrten ans Tote Meer und Exkursionen durch die Negev-Wüste. Haifa sei auch sehr schön.

Ich dachte, am besten nähere ich mich dem Land in aller Ruhe, lerne Hebräisch, vielleicht sogar Arabisch, und abends sehe ich mir gemütlich die israelische Netflix-Serie „Fauda“ an.

Der Tag, der alles änderte, war ein Freitag, wir waren noch nicht mal eine Woche im Land, ich hatte genau eine Folge von „Fauda“ gesehen und in Hebräisch die Zahlen Eins bis Fünf gelernt. In Gaza versammelten sich Palästinenser an der Grenze zu Israel, um auf ihre Vertreibung aus ihren Dörfern vor 70 Jahren aufmerksam zu machen. „Sie kamen mit Kind und Kegel“, schrieb meine Kollegin, bevor sie die Berichterstattung an mich übergab. Es klang, als wolle sie mich beruhigen, mir versichern, dass es nur ein Volksfest ist, mehr nicht. Bei dem Volksfest wurden 19 Menschen erschossen. Es fand von nun an jeden Freitag statt, die Zahl der Toten und Verletzten stieg auf 121. So heftige Auseinandersetzungen hat es seit 2014 nicht mehr gegeben, hieß es.

Den Satz hörte ich von nun an öfter. Als der Iran Raketen aus Syrien Richtung Israel abschoss und Israel daraufhin die Stützpunkte in Grund und Boden bombte. Als die Hamas in Gaza beschloss, Raketen nach Israel abzufeuern und Israel mit Luftangriffen reagierte. Manchmal ist von einem neuen Krieg die Rede. Als Netanjahu seine Beweise präsentierte, dass sich Iran nicht an das Atomabkommen hält. Als Trump das Atomabkommen aufkündigte. Als seine Tochter die US-Botschaft in Jerusalem eröffnete. Donald Trump bringt alles durcheinander, auch hier im Nahen Osten. Wo waren wir noch mal, als im November 2016 die letzten Stimmen nach der US-Wahl ausgezählt wurden? Richtig, in New York.

Alex und ich sehen uns an, ich weiß genau, was er denkt, er weiß, was ich denke, niemand spricht es aus. Abends rede ich mir ein, es geht vorbei. Die Wüste ruft. Morgens schalte ich mein Handy ein und denke, mal sehen, was jetzt schon wieder passiert ist.

Das ist hier so, sagen die Leute. Willkommen im Nahen Osten! Jahrelang ist Ruhe, dann, ganz plötzlich, geht es wieder los. Und kann morgen wieder vorbei sein. Oder auch nicht. Seltsamerweise schlafe ich gut in Tel Aviv, besser als in Berlin. Meine Mutter sagt, ich habe meine Sorgen zu Hause gelassen. Wahrscheinlich hat sie recht. Die großen Sorgen verdrängen die kleinen. Ich grübele nachts nicht mehr darüber, ob die Blumen im Garten bei der Hitze vertrocknen und warum der Kollege so traurig guckt. Mich erreichen die Nachrichten aus Berlin auch hier, aber sie beunruhigen mich nicht. Sie lenken mich ab. Und zeigen mir, dass alles relativ ist. Manchmal ist es gar nicht so schlecht, die heile Welt mal zu verlassen, um zu wissen, wie gut es einem geht.

Deine Anja

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Berlin, 26.05.2018

Liebe Anja,

danke für deine aufmunternden Worte. Vor allem freut mich, dass dir mein Salon, framed, so gut gefällt. Ich liebe diese Veranstaltungen zutiefst und bin überglücklich, dass offenbar auch die Gäste spüren, was ich damit erreichen will. Kunst und Musik sind für mich die beste Weise, Brücken zwischen Kulturen und Sprachen zu bauen. Kunst und Musik sind die Sprache des Herzens. Alle verstehen sie.

Und du hast recht: Es ist schade, den Salon nicht mehr in unserem Wohnzimmer zu veranstalten, sondern außer Hauses zu verlegen. Aber ich werde nicht ruhen, bis ich den perfekten Ersatzraum gefunden habe. Er sollte die Gastfreundschaft und die Intimität vermitteln, die wahres Empfinden und tiefes Erleben möglich machen.

Mein letzter Brief hat hart geklungen, aber die eingeschlagene Glasscheibe und der Fahrraddiebstahl gehören längst der Geschichte an. Jetzt ist der Berliner Frühling voll ausgebrochen und zeigt uns sein strahlendes Gesicht. Das Wetter, die Blüten, die Parks – alles lächelt uns zu. Die Kinder freuen sich an ihren neuen Fahrrädern und haben fast vergessen, dass sie früher mal, vor einer Woche, kleinere, andersfarbige Räder gehabt haben.

Mehr noch – letzte Woche habe ich plötzlich begonnen, mich zu Hause zu fühlen. Es wäre übertrieben zu behaupten, ich sei heimisch in Berlin geworden, aber langsam fühle ich mich tatsächlich „daheim“ in unserem Viertel. Unsere Straße, die Parallelstraße, der Lebensmittelladen, die guten Nachbarn, der Park, die Eisdiele – sie alle geben mir das Gefühl, dazuzugehören. Es ist eigenartig und überraschend, so zu empfinden, wo ich mich derart weit von dem Ort befinde, an dem ich aufgewachsen bin. Berlin unterscheidet sich von Tel Aviv im Aussehen, im Klima, in Kultur und Sprache. Aber irgendwie fühlt sich meine Seele gerade jetzt hier sehr wohl.

Dabei ist noch etwas eingetreten: Ich achte auf einmal viel mehr auf die goldglänzenden „Stolpersteine“, die hier und da in die Bürgersteige des Viertels eingelassen sind. Ich hatte sie auch zuvor schon gesehen, aber nicht wirklich an mich rangelassen, was sie sind und wofür sie stehen. In der letzten Woche bin ich jedes Mal stehengeblieben, wenn ich an solchen Stolpersteinen vorüberkam, habe die Namen und Jahreszahlen gelesen, das Alter der Betreffenden berechnet, mir ihr Leben hier vorgestellt. Ich denke mir, dass auch sie sich, zumindest eine Zeit lang, an diesem Ort heimisch gefühlt haben.

Es ist verblüffend und hoffnungsvoll, am eigenen Leib zu spüren, wie sich die Wirklichkeit verändern kann. Einst war es hier unvorstellbar grauenhaft, und nun ist Berlin Obdach für so viele Menschen geworden, einer der wichtigsten Zufluchtsorte in der Welt. Meine Mitschüler im Deutschkurs, zumeist Flüchtlinge aus Syrien, können sich eine Zukunft hier vorstellen. Das ist nicht wenig.

Ich denke ständig an dich und Alex. Ihr seid in so unruhigen Zeiten in Israel gelandet! Als hätte das Land nur auf euch gewartet, um dann endgültig durchzudrehen. Der Übergang von eurer ruhigen Berliner Straße in den brodelnden Dampfkessel, den Tel Aviv derzeit darstellt, muss eine extreme Umstellung sein. Ich hoffe, ihr könnt das ganze Chaos gelegentlich ausblenden und auch das Gute an Tel Aviv genießen, die Dinge, nach denen ich mich sehne: das Essen, das Meer, die guten Menschen.

Deine Yael

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Tel Aviv, 19.05.2018

Liebe Yael,

ich denke oft an deinen letzten Brief und was euch passiert ist: die eingeschlagene Haustürscheibe, die gestohlenen Fahrräder, eure Sorgen, es könnte wegen euch sein, weil ihr Juden seid. „Das ist echt heftig. Meinst du, sie bleiben?“, hat mich eine Freundin gefragt.

Ich würde dich so gerne beruhigen, dir schreiben, dass uns in Berlin vier Fahrräder aus dem Hausflur geklaut wurden, dir erzählen, wie in der Nacht, nachdem ich einen MeToo-Artikel in der Zeitung hatte, die Reifen unseres Autos zerstochen wurden und ich ernsthaft darüber nachdachte, ob es da einen Zusammenhang gibt. Auch hier, in Jaffa, hatte ich zum Anfang manchmal Angst.

Wenige Tage, nachdem wir angekommen waren, hörte ich Männer auf der Straße schreien, auf Arabisch. Sie klangen wütend, sie schlugen gegen Türen. Ich dachte, das könnten Palästinenser sein, die hier mal gewohnt haben und in ihre Häuser zurück wollen. Jaffa, die alte arabische Hafenstadt, ist gerade sehr angesagt bei den Tel Avivern, überall wird gebaut, rekonstruiert, die Mieten steigen, wie im Prenzlauer Berg oder in Neukölln. Aber hier hat Gentrifizierung noch eine andere, politischere Bedeutung.

Wie versteinert stand ich auf der Terrasse, verstand kein Wort von dem, was die Männer auf der Straße schrien, traute mich aber auch nicht, rauszugehen und nachzusehen. Mit dem Handy nahm ich die Stimmen auf und spielte die Aufnahme am nächsten Tag Hanin, der Assistentin meines Mannes, vor. Sie ist eine palästinensische Christin und spricht fließend Hebräisch und Arabisch. Hanin hörte sich die Aufnahme an, lachte und sagte: „Ach, das war nur irgendein Streit zwischen Männern.“

Man kommt auf seltsame Gedanken, wenn Dinge passieren, die man sich nicht erklären kann. Aber deine und Aharons Gedanken sind nicht seltsam. Ich frage mich ständig, wie es euch in Berlin geht. Erinnerst du dich, wir haben darüber gesprochen, als ich noch in Berlin war. Du hast gesagt, du hättest „so was“ noch nicht erlebt. Aber später hast du mir, wie nebenbei, von dem Busfahrer erzählt, der den Geldschein, mit dem du bezahlen wolltest, auf den Boden geworfen hat. Vor dir und den Kindern. Du hast gesagt, dir mache sowas nicht aus, du hättest den Geldschein aufgehoben und seist einfach weitergegangen, ohne zu bezahlen.

Ich habe lange nicht wahrgenommen, dass es Antisemitismus in Deutschland gibt. Erst nachdem ich aus New York, wo ich jüdische Freunde hatte, zurück nach Berlin gezogen bin, ist es mir auf einmal aufgefallen, kleine Bemerkungen meist nur, manchmal sind sie schwer von Kritik an Israels Politik zu unterscheiden. „Das ist das letzte Land, in das ich ziehen würde“, hat eine Frau zu mir gesagt, bevor wir umgezogen sind. „Das geht jetzt schon so lange da mit der Gewalt. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich das meinen Kindern erklären soll“, eine andere.

Ich habe gesagt, ich finde, man kann das Kindern erklären wie jeden anderen Konflikt auf der Welt auch. Am besten ist es, mit den Kindern herzukommen und sich selbst ein Bild zu machen. Als Mascha, unsere Tochter, neulich das erste Mal in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem war, war sie anschließend ganz still und hat gesagt, dass sie so vieles gar nicht wusste. Als Freunde aus New York ihren Sohn für ein Jahr mit einem jüdischen Programm nach Jerusalem schickten, das ihm Israel näher bringen sollte, passierte das Gegenteil: Er war entsetzt darüber, wie die Israelis die Palästinenser behandeln und wurde zum PLO-Anhänger.

Warum ich dir das schreibe? Weil es alles so kompliziert ist und weil es mich beschäftigt, dass ihr von hier weggegangen seid, um in Sicherheit zu sein, und euch nun in Berlin nicht mehr sicher fühlt. Ich will, dass du bleibst, dass es dir gut geht, die Stadt braucht dich und du veränderst sie. Dein Musiksalon ist das Beste, was ich seit langem erlebt habe; wie deine Wohnung plötzlich zum Club wird, die coolen Musiker, das Essen, der Wein, vor allem aber die Leute: die Nachbarn aus der Straße, deine Freunde aus Israel, die Syrer aus deinem Volkshochschulkurs. Du bringst sie alle zusammen.

Vielleicht findest du einen anderen Ort für den Salon als deine Wohnung, auch wenn es schade wäre, weil es sich anfühlt wie ein Rückzug und weil es in einem Club anders sein wird, unpersönlicher als bei dir zu Hause. Aber es wäre eine Möglichkeit. Was denkst du?

Deine Anja

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Berlin, 12.05.2018

Liebe Anja,

dein Brief hat mich berührt. Ich hatte das Gefühl, den Tag, an dem alles schiefging, selbst mitzuerleben. Ein Glück, dass du auch guten Menschen begegnet bist. Gute Menschen zu treffen, ist für mich fast die einzige Verkörperung von Hoffnung im aufreibenden Alltag. Vielleicht ist das alles, was wir haben.

Ich las den Brief heute Nachmittag, nach einem ereignisreichen Wochenende, genau zur richtigen Zeit. Am Freitag fand bei uns zu Hause wieder der Kultursalon statt, den ich einmal im Monat veranstalte. Es war großartig – mit einer super Blues-Band und einer wunderschönen Fotoausstellung. Viele interessante und nette Menschen aus der Nachbarschaft und aus aller Welt waren da. Als gegen Mitternacht der letzte Gast gegangen war, sanken wir todmüde, aber hochzufrieden ins Bett.

Um sechs Uhr früh weckte uns ein lauter Knall, dessen Ursache wir uns nicht erklären konnten. Die Kinder krochen unter die Decke und kugelten sich vor Lachen bei allerlei Vermutungen, und wir rollten uns auf die andere Seite, um ein wenig weiterzuschlafen. Es wollte nicht klappen, und so standen wir auf, um den neuen Tag anzugehen und die Wohnung aufzuräumen. Aber dann hatten wir Hunger und beschlossen, bei dem schönen Wetter erstmal rauszugehen und zu frühstücken.

Als wir gegen 10 Uhr die Treppe runterliefen, sahen wir unseren Nachbarn Alexander Glasscherben im Hausgang auffegen. Jemand hatte einen großen Stein gegen die Haustür geschleudert, die Scheibe war zersplittert. Daher der Knall in der Frühe. „Und wir dachten, es war ein Monster“, sagten die Kinder. Wir packten mit an, die Kinder blieben auf der Treppe stehen, und Alexander sagte, er habe schon die Polizei angerufen.

Aharon und ich waren verunsichert. Wir blickten uns an, und ich konnte seine Gedanken lesen: War das wegen uns? Weil wir Juden sind? Israelis? Oder wegen gestern Abend? Wir neigen an sich nicht zu solchen Ängsten (ich fürchte eher Krankheiten, Unfälle usw.), aber Aharon reichte eingeschlagenes Glas an unserer Haustür in Berlin, um den Rest des Tages wie besessen „Kristallnacht“ zu googeln. Ich sagte ihm, zu 99 Prozent habe das nichts mit uns zu tun, aber er ließ sich nicht von seiner plötzlichen Holocaust-Paranoia abbringen. Mit anderen Worten: Die Ängste siegten bei ihm über die Vernunft, und bis zum Abend war er zu nichts zu gebrauchen.

Am nächsten Morgen erwachte ich aus einem Traum: Wir hatten beim Weggehen entdeckt, dass man was Fieses an unsere Wohnungstür gesprayt und uns Müll vor die Schwelle gekippt hatte. Zum Glück wachte ich da auf, erleichtert, dass es nur ein Traum gewesen war, und verwundert über mich selbst, dass ich den gestrigen Vorfall derart an mich rangelassen hatte.

Die Kinder wachten auf. Sonntag, schönes Wetter – perfekt für eine Fahrradtour, fanden wir vier.
Wir gingen runter auf den Hof – die beiden Kinderfahrräder waren weg. Geklaut. Aharons Lächeln machte dem besorgten Gesichtsausdruck vom Vortag Platz, und die Kinder waren sehr traurig, schon wegen ihrer Räder, aber mehr noch wegen der Miene ihres Vaters. Ich versuchte, die Stimmung aufzuheitern, sagte ihnen, es seien doch bloß Fahrräder, wir würden ihnen neue kaufen. Papa und ich nähmen sie hinten drauf, das würde Spaß machen! Die lieben Kleinen gaben sich mit den Kindersitzen zufrieden. Ich übernahm Benjamin (meinen Jüngsten, viereinhalb Jahre). „Mama, sind Diebe stark?“, fragte er. „Nicht unbedingt, aber manchmal schon“, antwortete ich. „Sind Diebe stärker als Papa?“, wollte er wissen. „Manchmal“, erwiderte ich. Und er sagte, schwer enttäuscht: „Das mag ich gar nicht!“

Jetzt ist es spät. Die Kinder schlafen, Aharon auch. Ich liege im Bett und denke über „Gemeinschaft“ nach. Wie wichtig es ist, eine gute und sichere heterogene Gemeinschaft zu schaffen, die in guten Zeiten Anregung gibt und Freundschaft schenkt, und wo man in weniger guten Zeiten jemanden findet, der Rat und Hilfe spendet und notfalls sogar Unterschlupf bietet.

Deine Yael

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Tel Aviv, 05.05.2018

Liebe Yael,

ich nehme alles zurück, was ich neulich über die Israelis geschrieben habe. Wie hart sie mir vorkommen, wie kühl. Ein Tag reichte, um mich zu bekehren.

Es war ein sehr heißer Tag, das muss man dazu sagen. Und alles ging schief. Erst kamen unsere Sachen aus Berlin an. Nach mehr als zwei Monaten stand der Container endlich vor der Tür. Nur ging die Klingel nicht. Die Umzugsleute wären fast wieder abgefahren, wenn uns Itay, unser Nachbar, nicht von oben zugerufen hätte: Der Umzug ist da!

Ich öffnete die Tür, drei Männer schleppten Kartons und Möbel ins Haus. Als sie fertig waren, legten sie eine Liste auf den Tisch und sagten: Bitte hier unterschreiben! Alex nahm den Stift, ich sagte: Warte mal. Wo ist eigentlich die Espressomaschine? Und mein blaues Kleid und mein Schmuck?

Die Männer zuckten mit den Schultern. Container leer. Alles da. Vsjo jest. Sie sprachen Russisch. Sie sahen auf die Uhr, sie wollten weiter, sie hatten es eilig. Wir sollten endlich unterschreiben. Alex sah mich an. Ich schüttelte den Kopf. Eine Weile standen wir alle so da. Dann nahmen die Männer die Kartons und schütteten sie auf unserem Bett aus, Schuhe, Kleider, Mäntel.

Moment mal! Mäntel?

Die Berliner Umzugsleute mussten die Kartons vertauscht haben. Die Wintermäntel, die eingelagert werden sollten, waren im hochsommerlichen Tel Aviv angekommen, aber nicht meine Sommerkleider. Auch Alex’ kurze Hosen fehlten, wie er inzwischen festgestellt hatte. Ratlos standen wir vor dem Kleiderhaufen. Bis einer der Männer zum Container zurückging und rief: „Kartons, mehr Kartons!“ Die anderen liefen hinterher und kamen freudestrahlend mit den fehlenden Kartons zurück. Alles war da, der Schmuck, die Espressomaschine, mein blaues Kleid, Alex’ Shorts.

Die Männer legten wieder die Liste auf den Tisch und guckten dabei so stolz, als hätten sie uns gerade einen großen Dienst erwiesen. Mein Mann unterschrieb. Die Männer blieben stehen. Trinkgeld, sagte einer. Wir sahen zum Kleiderhaufen auf dem Bett und gaben ihnen 200 Schekel. Sie gingen, wir begannen mit dem Aufräumen. Nach einer Weile hatten wir Hunger. Ich nahm meine Tasche und lief in den kleinen Laden um die Ecke. An der Kasse stellte ich fest, dass mein Portemonnaie zu Hause auf dem Küchentresen lag. Ich wollte die Waren gerade wieder in die Regale zurücklegen, da sagte die Verkäuferin, das sei schon in Ordnung, ich solle ihr die 70 Schekel einfach später vorbeibringen.

Ich hätte heulen können vor Dankbarkeit, lief nach Hause, berichtete Alex von dem kleinen Wunder, das gerade geschehen war. Er schlug vor, das Geld beim Joggen im Laden vorbeizubringen, und rannte los. Ohne Geld. Ich rannte hinter ihm her. Als ich zurückkam, hörte ich einen Knall. Die Tür war zu. Der Schlüssel lag auf dem Küchentresen.

Ich setzte mich vor die Tür und heulte, nun doch. Auf einmal hörte ich Geräusche über mir. Itay, der Nachbar, lehnte sich übers Geländer und fragte, ob alles in Ordnung sei. Nein, sagte ich und erzählte, was geschehen war. Itays Frau kam dazu, Carianne, eine Holländerin. Sie sagte, sie hätten gerade einen Handwerker im Haus, der sei ein Engel und könne alles.

Eine Minute später schwang sich ein junger dunkelhäutiger Mann übers Geländer und fragte, was das Problem sei. Er hieß Moumin und kam aus dem Westjordanland. Weil er eine Erlaubnis hat, darf er jeden Tag nach Tel Aviv zum Arbeiten kommen. Moumin machte sich an die Arbeit, nach zehn Minuten war er fertig, die Tür war offen. Ich dachte kurz darüber nach, ob es mich beunruhigen sollte, dass man unsere Tür so leicht öffnen kann. Da sah ich, wie Moumin wieder nach oben gehen wollte. Ich zog einen 100-Schekel-Schein aus dem Portemonnaie, aber Moumin lachte nur und warf mir eine Kusshand zu. Dann war er weg.

Carianne hatte Recht, Moumin war ein Engel. Wie all die anderen, die uns an diesem Tag geholfen hatten. Ich setzte mich aufs Sofa zu unserem Berliner Kater, lehnte mich zurück und hatte zum ersten Mal das Gefühl, ein wenig angekommen zu sein.

Deine Anja

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Berlin, 28.04.2018

Liebe Anja,

bei deinem letzten Brief habe ich viel gelacht, was du sicher nicht beabsichtigt hattest. Ich lachte, als du die Befragung auf dem Flughafen beschriebst. Das hörte sich plötzlich an wie die Kurzfassung meines Alltags in Israel. „Wo wohnst du? Wie alt bist du? Warum hast du nicht geheiratet? Warum hast du keine Kinder? Warum hast du Kinder? Was hast du für das und das bezahlt...?“ In Israel mischen sich alle in alles ein. Jeder meint das Recht zu haben, alles zu erfahren, seine Ansicht zu äußern, mitzumischen. Privatleben und Privatsphäre sind Dinge, von denen ich erst in Berlin merkte, wie sehr sie mir vorher gefehlt hatten.

Zum zweiten Mal lachte ich schallend, weil du die Israelis als „harte“ Menschen bezeichnest. Lustig, dass das alles eine Frage der Perspektive ist, denn „hart“ fand ich die Deutschen, als wir gerade erst angekommen waren. Israelis können aggressiv, emotional, hitzköpfig sein, aber „hart“ würde ich sie nicht nennen. Und da ich keineswegs deine Gefühle abstreiten möchte, meine ich, „hart“ ist einfach die Fremdheit – von Menschen umgeben zu sein, deren Sprache und Gepflogenheiten man nicht versteht.

Drittens lachte ich bei der Vorstellung, wie dich all diese Sirenen verwirren. Als Kind hatte ich einmal das Fantasiebild, die ganze Welt stände einige Minuten lang still, und ich könnte seelenruhig zwischen den erstarrten Menschen umhergehen. So sah ich dich und Alex während der Gedenksirenen vor mir: Wie ihr euch fortbewegt in einer Welt, die jäh erstarrt ist. Sogar ich, die diese Rituale von Geburt an mitmacht, erschrecke immer wieder beim Aufheulen dieser Sirenen. Einerseits ist der mechanische Aufruf zum synchronen Gedenken, Trauern und Sehnen alles andere als natürlich. Andererseits strahlt ein Volk, das gleichzeitig stumm innehält, enorme Stärke aus.

Schon zum zweiten Mal war ich am Gedenktag für die Gefallenen nicht in Israel. Für meine Familie ist es ein wichtiger und sehr emotionaler Tag. Mein Onkel mütterlicherseits starb 1973 im Jom-Kippur-Krieg. Seit ich denken kann, verließen wir am Vorabend des Gedenktags allesamt, adrett in weißen Hemden oder Blusen, gegen 19.30 Uhr das Haus und gingen zum Ehrenmal, um an der Gedenkfeier teilzunehmen. Seit ich 16 bin, singe ich dabei mit, Jahr für Jahr. Zwei Jahre war ich nun nicht dabei. Für meine Mutter und meine Großmutter ist das sicher nicht leicht. Auch mir fiel es diesmal sehr schwer, so weit weg zu sein, zumal es den Anschein hat, als sei all das, wofür mein Onkel gestorben ist, im Verschwinden begriffen.

Und da meine Finger mich schon mal veranlassen, über Trauer zu schreiben, möchte ich anfügen: Es tut mir leid, dass dein Vater vor zwanzig Jahren gestorben ist. Jetzt erst wurde mir schmerzlich bewusst, dass ich dich nie nach deinen Eltern gefragt habe.

Seit unserem Umzug nach Prenzlauer Berg muss ich häufig an unsere Vorbewohner hier denken. Lebten in diesem Haus einst Juden, die flüchten mussten oder deportiert wurden? Und nach dem Krieg, vor dem Mauerfall – was war da? Wie war es hier? Du hast gefragt, wie es ist, als Jüdin in Berlin zu leben. Das ist eine gute Frage. Denn die Antwort ist ambivalent. Einerseits fühle ich mich sehr wohl, sicherer denn je, ruhig und frei. Andererseits kann man die zeitliche Dimension nicht ausblenden. Würde man die Uhr nur 78 Jahre zurückdrehen, würde mir mein Aufenthalt hier wohl den Tod bringen.

Diese Woche bin ich nach langer Pause wieder zum Deutschunterricht gegangen. Was habt ihr bloß für eine schwierige Sprache. Aber schön und vielfältig ist sie auch. Am liebsten rede ich in den Pausen mit meinen syrischen Freunden in der Sprachschule. Die meisten können kein Wort Englisch, sodass wir notgedrungen auf Deutsch radebrechen müssen. Deutsch mit mediterranen Gesten – eine perfekte Mischung. Echt traurig, dass ich erst nach Berlin fahren musste, um mit Syrern zu plaudern, die mein ganzes Leben lang meine „Nachbarn“ gewesen sind.

Deine Yael

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Tel Aviv, 21.04.2018

Liebe Yael,

in deinem Brief schwingt eine Melancholie mit, die, wenn man Israel noch nicht so gut kennt, gar nicht hierher zu passen scheint. Die meisten Menschen, die ich treffe, sind ganz anders als du. Härter, schneller, unnahbarer. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich derzeit viel Zeit auf Flughäfen und Ämtern verbringe und oft mit eiskalten Blicken fixiert werde. Was machen Sie in Israel? Für wen arbeiten Sie? Wo wohnen Sie? Wie haben Sie die Wohnung gefunden? Wen kennen Sie in Israel?

Ich versuche, das Misstrauen nicht persönlich zu nehmen, so ruhig zu antworten als ginge es um die 100.000-Euro-Frage in einer Quizshow und freue mich über jede menschliche Reaktion. Wenn ich sage, dass ich nach Israel ziehe, leuchtet jedes Mal ein Lächeln auf. Und neulich wurde ich nach dem Namen meines Vaters gefragt. Ich schluckte, mein Vater ist seit 20 Jahren tot, ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich seinen Namen das letzte Mal ausgesprochen habe. Er lebt nicht mehr, sagte ich. Die Sicherheitsbeamtin sah mich an, weicher plötzlich. Das tue ihr leid, sagte sie. Und wünschte mir viel Glück in Israel.

In solchen Momenten denke ich daran, dass du mir geschrieben hast, wie Terror und Kriege dein Leben bestimmt haben, und ich sehe dann die Menschen hier mit anderen Augen. Ich frage mich, was sie erlebt haben, wie sie so hart geworden sind und ob ich auch so werde, wenn ich eine Weile hier bleibe. Ich habe den 11. September 2001 in New York erlebt und war als Reporterin am Breitscheidplatz, ich habe manchmal Flugangst und mache mir Sorgen, wenn meine Tochter nachts nicht nach Hause kommt, aber der permanente Zustand von Angst und Bedrohung ist mir fremd. Auch die dazugehörigen Rituale sind es.

Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll, wenn hier plötzlich Sirenen Gedenkminuten einleiten und alle erstarren, als wären sie mit einem Zauberstab berührt worden. Dreimal habe ich das in der letzten Woche erlebt. Das erste Mal, am Holocausttag, war ich am Flughafen Schönefeld und für einen Moment aus der Schlange getreten, um mir eine Zeitung zu kaufen. Eine Sirene ertönte nicht, aber aus dem Augenwinkel sah ich, wie die strengen israelischen Sicherheitsleute plötzlich zur Seite traten, sich an den Händen fassten, die Köpfe senkten und die Augen schlossen. Ich senkte auch meinen Kopf, in dem Moment rief die Brandenburger Kassiererin: Einsfuffzig bitte!

Das zweite Mal, am Vorabend des Memorial Days, war ich gerade auf dem Weg zur israelisch-palästinensischen Gedenkfeier, die fast ins Wasser gefallen wäre, weil der Verteidigungsminister die Palästinenser nicht über die Grenze lassen wollte. „Die Palästinenser sind da“, rief eine Frau und winkte aufgeregt einem Bus zu, der neben uns zum Stehen kam. Ich blickte zum Bus, versuchte, hinter den dunklen Scheiben Gesichter zu erkennen. Als ich mich wieder umdrehte, war die Welt eine andere. Alles stand still, die Autos, die Menschen, auch die Frau, die gerade noch gerufen hatte, sah mit ernstem Gesicht Richtung Himmel. Ich war die einzige, die sich noch bewegte, eine Deutsche, die den Palästinensern nachschaute.

Am nächsten Tag hörte ich wieder die Sirene. Es war vormittags um elf, Memorial Day. Ich war gerade mit meinem Mann in der Küche und dachte, dass es seltsam ist, wenn wir hier beide ganz alleine neben dem Kühlschrank stramm stehen. Ich nahm den Schlüssel, wir rannten raus auf die Straße. Sie war so leer wie immer, nur ganz vorne an der Ecke stand ein einzelner Mann neben seinem Moped. In diesem Moment hörte die Sirene wieder auf.

Das war es mit den Gedenkminuten, nun wird gefeiert: 70 Jahre Israel. An jeder Laterne hängen Fahnen, noch nie habe ich so viele Fahnen gesehen, nicht mal in der DDR, nicht mal in Amerika nach dem 11. September. Und wieder fühle ich mich fremd und deutsch, weil ich gerne mitfeiern würde, aber nicht kann, und ich stelle mir vor, wie es für dich in Berlin sein muss, wie es ist als Jüdin zwischen Deutschen zu leben.

Deine Anja

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Berlin, 15.04.2018

Liebe Anja,

heute Morgen habe ich deinen Brief erhalten. Ich war schon ganz gespannt darauf und nicht überrascht, dass er diesmal etwas „heftiger“ war. Die bedrohliche Situation im Gazastreifen im Kontrast zur feierlichen Pessach-Stimmung in Israel ist wirklich bizarr und schwer zu verdauen. Vor allem für jemanden wie dich, der gerade erst in Israel gelandet ist. Du bist die Extreme, die für uns Israelis untrennbarer Bestandteil des Lebens sind, nicht gewohnt. Der Gedanke an dich in Jaffa erinnert mich an Situationen, die mir leider seit langem vertraut sind.

Meine Kindheit, meine Jugend und mein Leben als Erwachsene in Tel Aviv sind geprägt von Militäraktionen, Terroranschlägen, Besatzungen, Korruptionsaffären, Demonstrationen, Kriegen, die einhergehen mit Geburtstagen, Hochzeiten, Feiertagen, Urlaub, Familie, Musik, Karriere, gutem Essen, dem Meer und dem Leben. Wir nennen es das „Tel Aviver Glashaus.“ Es mag sich unter Umständen nicht so sehr von anderen Orten der Welt unterscheiden.

In einem solchen „Glashaus“ gibt es stets echte Menschen mit echten Leben, und das ist nicht unbedingt schlecht. Weil dieses Leben auch ein Schutz ist. Und weil wir in der Zeit, da wir „unter Schutz stehen“, versuchen können, etwas Besseres zu schaffen, eine bessere Zukunft zu gestalten. Ich habe das Gefühl, dass Berlin mir momentan ein solches „Glashaus“ bietet. Gerade die Distanz zu Israel hilft mir, eine neue Verbindung zu knüpfen, Israel von außen zu sehen. Und das nicht nur, weil ich ein Teil davon bin und mit inneren Schwierigkeiten ringe.

Du hast gefragt, ob ich zu der Art von Leuten gehöre, die die Nachrichten ständig verfolgen oder ob ich sie eher meide. Zugegebenermaßen Letzteres. Ich vermeide es völlig, Zeitungen zu lesen und Nachrichten zu sehen. Ich verlasse mich darauf, dass die wichtigen Nachrichten mich erreichen, ohne dass ich nach ihnen suche. Außerdem habe ich das Gefühl, dass bei den israelischen Medien keine Transparenz herrscht, dass die politische Korruption auch hier angekommen ist und wir durch eine ganz bestimmte Berichterstattung gesteuert werden.

Wie du geschrieben hast, hat jeder hier seine eigene Wahrheit. Und diese Wahrheit resultiert aus einem engen, subjektiven und interessenbedingten Blickwinkel, der mit Transparenz und Klarheit wenig zu tun hat. Gibt es die überhaupt noch in dieser Welt? In diesem Zusammenhang würde mich interessieren, wie du die deutschen Medien erlebst.

Während ich dir schreibe, kommt mir ein Lied in den Sinn, das ich liebe. Es heißt: „Wo man weit sieht und klar.“ Yankele Rotblit hat den Text geschrieben, Shmulik Kraus die Musik. Wie es sich für ein gutes Lied gehört, gelingt es ihm, alles, was ich sagen will, auf einige wenige Zeilen zu verdichten. Und ich will dir hier die erste Strophe schreiben. Schade, dass man in der Zeitung nicht singen kann, sonst würde ich es dir vorsingen: Es herrschte solche Enge / Dass mich trieben die Zwänge / Meine Flügel auszubreiten und unaufhaltbar / An einen Ort / Wie den Berg Nevo zu gleiten / Wo man weit sieht und klar.

Anja, seit wir begonnen haben, uns zu schreiben, finde ich Worte für das Gefühl von Fremdheit, das mich seit unserem Umzug begleitet. Gleichzeitig wächst in mir das Gefühl der Zugehörigkeit. Du bringst mir Tel Aviv und auch Berlin näher. Der Frühling ist endlich in deine Stadt eingekehrt. Die Kirschbäume in deiner, in unserer Straße beginnen in einem verrückten Rosa zu blühen. Die Tage werden länger. Die Temperaturen steigen. Die Geschäfte sind voll und auf den Bürgersteigen sprießen die Tische der Cafés aus dem Boden wie Pilze nach dem Regen. Wo haben sich all die Leute den ganzen Winter über bloß versteckt?

Deine Yael

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Tel Aviv, 07.04.2018

Liebe Yael,

ich hätte nie gedacht, dass ich es einmal kaum erwarten kann, in den Gaza-Streifen zu fahren. Gaza, dachte ich, besuche ich nach ein paar Wochen oder Monaten, wenn ich richtig in Israel angekommen bin. Ich weiß noch, wie mir eine Kollegin, die lange hier als Korrespondentin gearbeitet hat, vorschlug: „Und wenn du da bist, fahren wir mal zusammen in den Gaza-Streifen und ich stelle dir meinen Stringer vor.“ Stringer sind Rechercheure vor Ort, sie nennen sich meist beim Vornamen und werden cash bezahlt. Ich dachte, das wird ein interessantes Abenteuer: Zwei Frauen und ein Stringer in Gaza.

Das war vor dem „Marsch der Rückkehr“, vor den Protesten von 30 000 Palästinensern an der Grenze, vor den Schüssen der israelischen Scharfschützen. Eine andere Zeit.

Vergangenen Freitag holten wir unsere Tochter vom Flughafen ab, wir freuten uns auf Ostern, ein paar ruhige Tage in unserem neuen Zuhause. Als wir zu Hause ankamen, meldeten die Nachrichtendienste die ersten toten Palästinenser. Eine Stunde später waren es vier, fünf, sechs. Jedes Mal, wenn ich ins Internet sah, war die Zahl der Opfer gestiegen. Wir sahen uns an, erschrocken, ratlos, wir wussten nicht, was geschehen würde, wie es weitergeht, wie wir uns verhalten sollten.

Gaza ist nur 70 Kilometer von Tel Aviv entfernt, eine Autostunde, aber in der Stadt war von den Unruhen nichts zu merken. Die Tel Aviver bereiteten sich auf das Pessachfest vor, am Meer warnten Ansagen vor dem Baden am unbewachten Strand, im Autoradio liefen israelische Volkslieder. Pessach Sameach, rief der Moderator. Fröhliches Pessach! Die Zahl der Toten lag inzwischen bei 10. Am Abend waren es 16.

Ich musste an dich denken, Yael, deinen letzten Brief, in dem du mir von der Tel Aviver Blase erzählt hast. Das Phänomen kenne ich, das Bedürfnis abzuschalten, nichts Beunruhigendes hören zu wollen, in der Hoffnung, dass sich schon alles irgendwie wieder einlenkt. Aber so extrem wie hier habe ich es noch nie erlebt. An jenem Freitag konnte ich das erste Mal verstehen, warum ihr hier weg wolltet, warum ihr euch in Berlin so wohlfühlt. Das war auch mein erster Reflex: Zurück nach Hause! Was um Himmels Willen wollen wir hier! Der zweite war, nach Gaza zu fahren, mit eigenen Augen zu sehen, was dort passiert, und nicht den Berichten von anderen zu vertrauen, von denen man nicht wusste, auf welcher Seite sie stehen. Jeder steht hier auf einer Seite. Auch das habe ich selten so extrem erlebt.

Allerdings ist das mit dem Losfahren diesmal nicht so leicht. Gaza ist abgeriegelt, selbst Journalisten können nicht einfach so rein. Die Öffnungszeiten entbehren jeglicher Logik. An manchen Tagen ist der Grenzübergang bis 13 Uhr geöffnet, an anderen gar nicht. Übers Wochenende hat Gaza geschlossen, von Donnerstag bis Sonntag kommt man weder rein noch raus. Außerdem braucht man zwei Presseausweise, einen von der Hamas, einen von den Israelis. Der von der Hamas war schnell zu besorgen, den israelischen habe ich vor zehn Tagen beantragt und warte immer noch darauf. Die Regierungsbüros haben über Pessach geschlossen, Pessach geht neun Tage. So lange bin ich dazu verdammt, in der Blase zu bleiben.

Es gibt Schlimmeres, die Blase ist ein Traum, gerade jetzt, im Frühling. Wenn ich in Jaffa am Meer spazieren gehe, sehe ich Juden und Araber mit ihren Familien auf der Wiese sitzen. Katzen streichen herum, die Bäume blühen, das Wasser ist schon fast warm genug zum Baden. Manchmal donnert ein Militärflugzeug durch die Wolken, Richtung Süden, Richtung Gaza. Niemand schaut zum Himmel, niemand scheint es zu sehen außer mir. Ein Mann sagte mir neulich, es gebe in Israel zwei Sorten von Menschen. Die, die Nachrichten lesen, und die, die alles um sich herum ignorieren. Ist das so? Und wenn ja, zu welcher Sorte Israelis gehörst du?
Ach, Yael, ich würde jetzt gerne mit dir über alles reden. Es ist Abend, ich sitze in der neuen Wohnung, höre auf die fremden Geräusche im fremden Land und denke an Berlin.

Deine Anja

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Berlin, 31.03.2018

Liebe Anja,

ich hoffe, dass alles wie geplant lief und du meinen Brief liest, während du bei 30 Grad und dem Geruch von Meer in deinem neuen Zuhause in Jaffa sitzt. Israelischer Frühling. Ehrlich gesagt, beneide ich euch ein wenig. Vor allem jetzt, Ende März, da ich in meinem Arbeitszimmer im Prenzlauer Berg sitze und es draußen schneit. Hier weigert sich der Winter zu gehen.

Deine Eindrücke von Tel Aviv sind mir vertraut. Es kann die wunderbarste Stadt der Welt sein und vor Leben nur so sprühen, aber auch ein Ort, der einzustürzen droht, an dessen Häusern die Farbe abblättert, der rastlos ist und anstrengend. Offenbar hängt es davon ab, in welchem Moment seines Lebens man die Stadt betrachtet. Deine Eindrücke, dass Tel Aviv schnell ist und unruhig, gleicht meiner Gefühlslage vom Sommer 2014.

Damals brodelte es. Die israelische Militäroperation „Starker Fels“ war auf ihrem Höhepunkt, im Schatten herrschten 40 Grad. Es ging in jeglicher Hinsicht heiß her. Das Leben in Tel Aviv ist wie in einer Blase, und normalerweise schafft es nicht einmal eine Intifada, diese Blase zu durchdringen, die Leute hier kümmern sich nicht darum, ob irgendwo gerade Luftschutzalarm ist oder nicht. Aber in jenem Sommer mussten wir in glühender Hitze mit den Kindern an der Hand in die Luftschutzkeller rennen.

Damals begann Aharon von einem Umzug nach Berlin zu reden. Er besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft und bei seinem letzten Besuch hatte er sich schlichtweg in die Stadt verliebt. Ich ignorierte ihn, ich wollte nicht weg. Trotz der Schwierigkeiten, trotz der Spannungen liebe ich mein Zuhause, mein Land, mein ha-Aretz. Erinnerst du dich, wie ich dir erzählte, dass die Israelis Israel als „ha-Aretz“ bezeichnen, als „das Land“? So als wäre es der einzige Flecken Erde auf der Welt?

Mein zweiter Sohn war erst im Jahr zuvor geboren, ich brauchte Struktur in meinem Leben, keine Veränderungen. Doch dann erhielt ich die Krebsdiagnose, und unser Leben änderte sich ohnehin. Schlagartig lösten sich unsere Gespräche über einen Umzug in Luft auf, es ging jetzt ums Überleben, ums persönliche und ums familiäre. Nach einem harten Jahr hatte ich im Winter 2015 (wenn man 20 Grad Winter nennen kann) die Chemotherapie hinter mir und begann, mich zu erholen. Erneut kam die Rede auf Berlin. Jetzt war ich dazu bereit, jetzt konnte ich mir vorstellen, ein neues Kapitel aufzuschlagen.

Im März 2016 flogen wir nach Berlin. Für mich war es das erste Mal. Innerhalb von fünf Tagen wollten wir eine Wohnung und einen Kindergarten finden. Es war nass, grau und kalt. Wir rannten voller Energie von hier nach da, von da nach dort. Die Stadt schien mir riesig, düster und zurückhaltend. Keiner hatte Lust darauf, mit uns Englisch zu sprechen, keiner hatte Lust zu lächeln. Eine Wohnung fanden wir auch nicht.
Ich war völlig verzweifelt und wollte nach Hause. Eine letzte Wohnung wollten wir uns noch ansehen.

Wir gingen durch den Park. Die kahlen Bäume, der zugefrorene See, der verlassene Spielplatz munterten mich mitnichten auf. Doch dann betraten wir jene Wohnung, die deiner gegenüber liegt. Die Wohnung, in die wir fünf Monate später einziehen sollten, zu einer Zeit, als der Park in voller Pracht stand, Enten im See schwammen, unsere Kinder nackig am Ufer herumtollten. Und all das nur einen Katzensprung von der neuen Wohnung entfernt. Kein Vergleich zu den verrotteten Gärten von Tel Aviv.
Offenbar kann man auch Berlin auf verschiedene Art erleben. Alles hängt vom Blickwinkel und vom Zeitpunkt ab. Natürlich gibt es noch viel zu erzählen. Das mache ich im nächsten Brief. Erzähl du mir, wie es dem Meer geht. Vielleicht habe ich danach die größte Sehnsucht.

Deine Yael

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Berlin, 24.03.2018

Liebe Yael,

ich sitze in meiner leeren Wohnung im Prenzlauer Berg und weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Morgen ziehen wir nach Tel Aviv, unsere Sachen wurden vor einer Woche abgeholt, sie sind jetzt am Hafen, vielleicht auch schon auf dem Schiff. Alles, was ich noch hier habe, passt in einen Koffer. Zwei Hosen, zwei Pullover, zwei Paar Stiefel, zwei Röcke, zwei Shirts, ein Badeanzug. Wintersachen für Berlin, Sommersachen für Tel Aviv. In Berlin hat es gerade noch geschneit, in Tel Aviv sind es 33 Grad, wenn wir ankommen.

Am Sonntag habe ich mich von der Familie verabschiedet, gestern von meinen Kollegen. Alle fragen, ob ich mich freue. Ich sage: Ja, schon, und denke, dass „freuen“ das falsche Wort ist. Ich fahre ja nicht einfach für zwei Wochen in den Urlaub, ich werde dort leben und arbeiten, und habe keine Ahnung, was das bedeutet. Als mein Mann und ich im Oktober dort waren, um ein Gefühl für das Leben zu bekommen, wollte ich gleich wieder abreisen. Wir sind nachmittags gelandet, sind mit dem Taxi zum Airbnb-Apartment gefahren, das sich, so stand es in der Beschreibung, in einem wunderschönen Bauhaus-Gebäude in einem der angesagtesten Viertel Tel Avivs befand. In der Beschreibung stand nicht, dass das Apartment im Keller lag und praktisch kein Licht von außen reinkam.

Wir sind schnell rausgegangen, auf die Straßen, wir hatten Hunger und suchten uns ein Restaurant. Das machte die Sache nicht besser. Das Restaurant war voll, das Essen gut, aber wir fühlten uns ausgeschlossen. Alle um uns herum sprachen Hebräisch, nur wir nicht. Es ist nicht so, das wir das nicht vorher wussten. Aber in dem Moment, als wir da saßen, zwei Deutsche in Tel Aviv, die nicht verstehen, worüber sich das Paar am Nachbartisch streitet, dachte ich: Das ist die größte Schnapsidee aller Zeiten. Ich sagte zu meinem Mann, ich kann das nicht, ich schaffe das nicht. Er sagte, wir gehen erstmal schlafen und sehen dann weiter.

Am nächsten Morgen schien die Sonne, das Kellerapartment in Tel Aviv war lichtdurchfluteter als unsere Berliner Dachgeschosswohnung zu dieser Jahreszeit. Wir setzten uns in ein Straßencafé und tranken Cappuccino, um uns herum wurde Hebräisch gesprochen, aber auch Französisch und Englisch. Die Straßen waren voll, die Autos hupten, die Leute rannten, telefonierten, tippten auf ihren Handys, selbst am Strand lag niemand einfach nur auf der Decke und sonnte sich. Alle waren in Bewegung. Wir schienen die Einzigen zu sein, die Zeit hatten, die einfach nur so durch die Stadt liefen, und irgendwie ging die Energie der Menschen auf uns über, sie steckte uns an.

Als wir zurück nach Berlin flogen, hatten wir keine Zweifel mehr. Nun ja, fast keine Zweifel. Ich sitze in der leeren Küche, die Sonne scheint durch die Fenster, und ich denke daran, wie schön Berlin ist. Die Stadt wird mir fehlen, meine Freunde, meine Familie, meine Kollegen, die schnippische Bäckersfrau, der mürrische Busfahrer.

Auch du wirst mir fehlen, Yael, obwohl wir uns noch gar nicht lange kennen. Wir haben uns über eins dieser Nachbarschaftsnetzwerke kennengelernt. Im Internet. Ich habe gesehen, dass ihr genau gegenüber wohnt und gefragt, ob wir uns mal treffen wollen. „Sehr gerne“, hast du geantwortet. Ihr wart bei uns zu Besuch, wir bei euch, ich habe deine Eltern kennengelernt, deine Mutter, eine Architektin, die uns gleich ihre Hilfe angeboten hat, und deinen Vater, der erzählt hat, dass er aus Jaffa kommt, dem Viertel, in das wir ziehen werden.

Von meinem Wohnzimmerfenster aus kann ich in dein Wohnzimmer gucken. Ich sehe, wie dein Mann, Aron, telefoniert, wie du auf dem Balkon rauchst, wie deine Kinder auf dem Teppich spielen. Eine ganz normale Tel Aviver Familie in Berlin! Wer hätte das gedacht! Dass Menschen wie du diese graue kalte Stadt mit ihrer schrecklichen Geschichte ihrer sonnigen, warmen Heimat vorziehen.

Du hast mir gesagt, ihr habt es nicht mehr ausgehalten in Tel Aviv, diese ständige Anspannung, die Angst, dass wieder etwas passiert. Aber so richtig verstehe ich es immer noch nicht. Tel Aviv ist deine Heimat und Terroranschläge gibt es auch hier. Warum bist du weggegangen? Erklär es mir! Schreib mir, wie es für dich war, Abschied zu nehmen, und wie du in Berlin angekommen bist. Ob du hier angekommen bist. Ich freue mich auf deine Mail. Sie wird mich, wenn alles gut geht, bereits in Tel Aviv erreichen.

Deine Anja