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Zana Ramadani über #MeToo und Gauck: „Frauen können sich wehren“

Die Feministin Zana Ramadani

Die Feministin Zana Ramadani kritisiert die #MeToo-Debatte als überzogen. 

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Paulus Ponizak

Zana Ramadani ist müde. Sie hat kaum geschlafen, wegen ihrer sieben Monate alten Tochter Edda. Jetzt sitzt das Baby auf einem Stuhl in einem Café in Berlin-Mitte und spielt mit einem Lichtschwert. Sie ist es schon gewohnt, die Mama zu Interviews zu begleiten. Kurz nach der Geburt stand die streitbare Feministin Ramadani auf der Bühne.

Zana Ramadani ist 34 Jahre alt, hat aber schon einiges erlebt. Bekannt wurde sie mit der feministischen Aktionsgruppe Femen, sie stürmte die Bühne der Sendung „Germany’s Next Topmodel“ und entblößte aus Protest ihre Brüste. Nach ihrem Buch „Die verschleierte Gefahr. Die Macht der muslimischen Mütter und der Toleranzwahn der Deutschen“, erscheint nun eine neue Streitschrift, in der sie die #MeToo-Bewegung verurteilt. Über Männer, Macht und #Frauen“ (Europa-Verlag) wird an diesem Mittwoch in Berlin vorgestellt.

Das Buch beginnt mit einer Szene von einer Veranstaltung im Schloss Bellevue, in der der damalige Bundespräsident Joachim Gauck Zana Ramadani in Anspielung auf ihre Arbeit als Aktivistin gefragt haben soll, ob sie sich gleich ausziehen werde. Darauf soll sie flapsig geantwortet haben: „Nee, heute mal nicht.“ Es wäre auch nicht so einfach, das Kleid mit Rückenverschluss auszuziehen. Darauf solle Gauck erwidert haben, er könne ihr auch dabei helfen. Für ein Foto soll er sie in den Arm genommen und die Hand auf ihre Hüfte gelegt haben. „Ich war unangenehm berührt, aber ich ließ das Betatschen über mich ergehen, ich spielte mit, lachte meine Bedenken weg“, heißt es im Buch.

Frau Ramadani, Sie beginnen Ihr Buch mit einer Szene aus dem Schloss Bellevue, in dem Sie eine Begegnung mit dem damaligen Bundespräsidenten beschreiben. Sie nennen Gauck einen „Gentleman“, aber auch einen „Grapscher“. Warum machen Sie das jetzt öffentlich?

Ich hätte damals direkt aus dem Schloss twittern können, wie das manche der Netz-Feministinnen und Politikerinnen machen: Schockstarre! Sexismus! Das habe ich aber nicht gemacht. Ich bin Gauck nicht böse, er wollte mich nicht diskriminieren. Ich habe ihm mit meiner Arbeit als ehemalige Femen-Aktivistin, die ihre Brüste in der Öffentlichkeit blankzieht, ja auch eine Steilvorlage geliefert.

Man kann Ihnen vorwerfen, den früheren Bundespräsidenten zu benutzen, um Ihr Buch besser zu verkaufen.

Ich habe das Beispiel aufgeschrieben, um zu zeigen, wie man auch anders mit Begegnungen mit Männern umgehen kann. Man muss nicht jeden Ton eines alten Mannes an den Pranger stellen.

Sie kommen selbst aus einer muslimischen Familie, sind aber auch als islamkritische Stimme bekannt. Der Islam gehöre nicht zu Deutschland, haben Sie einmal gesagt. Haben Sie Joachim Gauck denn bei dem Integrationstreffen nach seiner Meinung zum Islam gefragt?

Ja, darüber haben wir auch gesprochen. Er war damals eher vorsichtig mit seiner Meinung. Die ganze Veranstaltung bot eher den Migranten-Vereinen ein Podium, deren Arbeit ich eher als hinderlich bei der Integration von Muslimen sehe. Diesen Vereinen sollte man nicht noch extra eine Plattform bieten. Ich war eher enttäuscht.

Ich musste einige Sätze Ihres Buches mehrmals lesen, weil sie mich so irritiert haben. Sie schreiben zum Beispiel, dass die #MeToo-Debatte zersetzend auf die Demokratie und die Freiheit wirke.

Den Anfang der Kampagne fand ich gut, aber mir gefällt nicht, in welche Richtung sie sich entwickelt hat, dass es keine Abstufungen mehr gibt. Es findet eine Hexenjagd statt, plötzlich ist jeder Mann verdächtig. Es wird so getan, als gebe es klare Fronten: Männer sind Täter, Frauen sind Opfer. So einfach ist es aber nicht. Frauen sind nicht nur die hilflosen Opfer, sie sind Teil des Systems.

Das Foto hat Zana Ramadani getwittert

Treffen: Das Foto hat Zana Ramadani getwittert. 

Foto:

twitter/Zana Ramadani

Von einer Frau, die eine feministischen Aktionsgruppe gegen die Unterdrückung der Frau mitgegründet hat, würde man erwarten, dass sie sich über #MeToo freut, weil endlich vieles auf den Tisch kommt.

Die Debatte ist außer Kontrolle geraten. Sehen Sie sich die sozialen Medien an, da wird vieles hochgespielt und zu Pseudo-Problemen aufgeblasen. Auf einmal gilt alles, vom verunglückten Kompliment bis zur Vergewaltigung, als Sexismus und sexuelle Gewalt. Das vergiftet das Miteinander. Wenn ein Mann einen blöden Spruch macht, ist das zwar schlechtes Benehmen, aber da können wir uns wehren. Es ist viel effektiver, direkt zu reagieren, Grenzen zu setzen, als hinterher herumzutwittern und vom Sexismus-Schock zu schwafeln.

Sie beziehen sich auf Sawsan Chebli, die Berliner Staatssekretärin, die sich über eine herabsetzende Bemerkung eines Botschafters beschwert hatte.

Ja, genau. Sawsan Chebli hätte viel besser direkt vor Ort regieren sollen. Von einer Politikerin erwarte ich das.

Verkennen Sie mit Ihrer Argumentation nicht das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen?

Es gibt sicher dieses Machtgefälle, die Frage ist nur, was machen wir, damit Frauen und Männer auf Augenhöhe kommunizieren. Wenn mich jemand Tittenmäuschen nennt, dann mache ich keinen Skandal daraus, sondern ich wehre mich und setze Grenzen. Das verstehen Männer. Der Durchschnittsmann möchte Frauen nicht diskriminieren. Seien wir doch mal ehrlich: Frauen reduzieren Männer auch auf Stereotypen. Die meisten wollen lieber einen gut aussehenden, beruflich erfolgreichen Mann an ihrer Seite, als den netten Dicken, der sie zum Lachen bringt. Die Durchschnittsfrau hat doch andere Probleme als das, was gerade in der Berliner Blase diskutiert wird, sei es Lohnungleichheit oder Altersarmut.

Machen Sie damit betroffene Frauen, die jetzt von ihren Erfahrungen berichten, nicht zum zweiten Mal zum Opfer indem Sie sagen: Es sei ihre eigene Schuld, wenn man sich nicht wehren kann?

Nein, mir geht es darum, dass Frauen ihre Stärke entdecken. Mir macht es Angst, dass durch das Ausufern von #MeToo die Stereotype eher noch verfestigt werden. Es wird so getan, als müssten Frauen automatisch in ihrem Leben Opfer werden und als sei jeder Mann ein potenzieller Täter. Da wächst eine sehr schwache, ja fast lebensunfähige Frauengeneration heran, die heult und mit den Zähnen klappert. Das ist ein historischer Rückschritt.

Also nicht die Männer müssen sich ändern, sondern die Frauen?

Frauen müssen sich gegenseitig stärken. Und Mütter müssen Mädchen heranziehen, die sich ihrer Stärke bewusst sein sind. Frauen sind der Schlüssel zur Veränderung.

Aber wie macht man das, dass Frauen nicht in jeder Generation neu verinnerlichen, dass es normal ist, dass sie angetatscht werden?

Ein Drogeriemarkt wirbt mit einer Drag Queen für Make-up. Eine Drag Queen, das ist doch eine Parodie der Weiblichkeit! Frauen gucken Sendungen wie „Bachelor“ oder „Germany’s Next Topmodel“, sie finden nichts dabei, sich für Männer kleinzumachen, anzubiedern. Ihr Ziel ist es, Männern zu gefallen. Wie sollen uns Männer ernst nehmen, wenn wir selber unsere Stärken nicht kennen? Es ärgert mich, wenn Mütter sich drüber aufregen, dass ihre Männer im Haushalt nichts machen. Warum machen sie ihnen dann nicht die Hölle heiß?

Viele junge Frauen würden Ihnen wahrscheinlich widersprechen und sagen: Wir sind selbstbewusst, wir brauchen keinen Feminismus mehr.

Ich sehe, dass wir eine Generation heranziehen, die sich im Kommunikativen gar nicht mehr direkt wehren kann. Das möchte ich nicht. Ich möchte keine Generation von verweichlichten Frauen. Ich wünsche mir, dass meine Tochter mit einem anderen Bewusstsein aufwächst und dass sie sich wehrt, wenn ihr jemand zu nahe kommt. Warum werden beispielsweise nicht schon in der Grundschule Selbstverteidigungskurse angeboten? Denn in einem starken Körper, der sich wehren kann, steckt auch ein starker Geist, der sich wehren kann.