Am vergangenen Sonnabend saßen sie wieder beisammen: Die Bewohner der Rigaer Straße 94 haben die Mieter der Simplonstraße 15 bis 17 besucht und über ihren möglichen Umzug geredet. Geht es nach dem Willen von Senat und Bezirk, sollen die 30 Bewohner der Rigaer Straße bis zum August in das zum Teil leer stehende Haus an der Simplonstraße ziehen. Mit diesem Umzug würde ein jahrelanger Streit zwischen Bewohnern und dem Hauseigentümer beendet sein. Ein Streit, der beinahe bis zur Räumung der Erdgeschossräume der Rigaer Straße geführt hätte. Dabei können die Ex-Hausbesetzer seit 1992 gültige Mietverträge mit der Wohnungsbaugesellschaft Friedrichshain vorweisen. Doch der neue Hauseigentümer will diese Verträge nicht anerkennen und kündigte sie. "Unser Haus soll ein ganz normales Mietshaus werden", sagt Bewohner Martin Schulz. Noch ist die Rigaer Straße 94 etwas Besonderes: Es gibt Hausversammlungen und Gemeinschaftsräume, in denen die Bewohner Konzerte, Kino- und politische Veranstaltungen organisieren. Die Fahrradwerkstatt ist auch für Anwohner offen. Aber der Streit mit dem Eigentümer eskalierte. "Es war ein unlösbarer Dauerkonflikt", sagt Ralf Hirsch von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Gemeinsam mit Bürgermeisterin Cornelia Reinauer (PDS) und Baustadtrat Franz Schulz (Grüne) suchte Hirsch eine Lösung. Es ging den Politikern darum, eine Räumung zu verhindern. Schließlich sollte es unter Rot-Rot so etwas nicht geben, wie der PDS-Abgeordnete und Ex-Hausbesetzer Freke Over sagt.Auf Wunsch von Innensenator Ehrhart Körting (SPD) suchte Hirsch ein Ausweichobjekt. Drei Tage vor dem Räumungstermin hatte er es gefunden. In der Simplonstraße, etwa zehn Minuten Fußweg von der Rigaer Straße entfernt. In Nummer 15 und 17 stehen zwei Vorder- und zwei Hinterhäuser zur Hälfte leer. Haben die Bewohner den Kampf um ihr Haus nun gewonnen oder verloren? Sie wollen sich da nicht festlegen. "Einerseits ist es ein Erfolg für uns. Wir können unser Wohnprojekt fortführen", sagt Martin Schulz. Andererseits habe sich der Eigentümer durchgesetzt. "Aber wir hätten die Konfrontation vor Gericht wohl nicht gewonnen."Drei Monate haben die Bewohner nun Zeit, sich mit ihren möglichen neuen Nachbarn anzufreunden. "Vertreiben wollen wir sie auf keinen Fall", sagt Schulz. Doch der Umzug ist an Bedingungen geknüpft: Die Wohnfläche darf nicht kleiner, die Mieten dürfen nicht teurer werden als bisher. Und: Gemeinsames Wohnen muss möglich sein. Das heißt aber auch, die bisherigen Mieter müssen teilweise in neue Wohnungen umziehen. Die Mieter in der Simplonstraße reagieren unterschiedlich. "Grundsätzlich habe ich nichts dagegen, auch wenn sich unsere Lebensstile unterscheiden", sagt Alexander Irmer, der seit 1998 in dem Haus lebt. Von Vorteil dürfte der vom Senat betreute Umzug in die Simplonstraße für den dortigen Hauseigentümer sein. Die Sanierung des Hauses wird jetzt staatlich gefördert. Trotz Haushaltssperre sei die Freigabe von Mitteln aus dem Fonds "Soziale Stadt" vorgesehen, sagt Ralf Hirsch, der am Donnerstag wieder mit allen Beteiligten zusammensitzt. Ob es wirklich zu einem Umzug kommt, weiß jetzt noch niemand.