Politiker und Anwohner fürchten, dass in der Prignitz ein Sammelbecken für Extremisten entsteht: Polizei räumt "Fürstentum Germania"

KRAMPFER. Für die völlig verschlafenen Einwohner des "Fürstentums Germania" kommt "der Feind" noch vor dem Aufstehen. Es ist Dienstagmorgen, 6 Uhr. Die einzigen beiden Untertanen des Fürsten Michael Freiherr von Pallandt haben sich noch nicht einmal die Zähne geputzt, als eine "ausländische Staatsmacht" - gemeint sind Polizisten der Bundesrepublik - die beiden aus ihrem Fürstentum vertreibt. Es sind die letzten Bewohner des zum Schloss erklärten Herrenhauses in Krampfer (Prignitz). Die Polizei gibt keine Auskünfte zum Einsatz, denn sie war nur als Amtshilfe für die Verwaltung des Landkreises im Einsatz. Polizeisprecherin Bianca Krege sagt nur: "Es war ein ganz ruhiger Einsatz. Die Leute leisteten keinerlei Widerstand."Holocaust-Leugner, EsoterikerDamit ist das im Februar selbst ernannte "Fürstentum Germania" erst einmal Geschichte. Die angeblich 250 Mitglieder des erfundenen Staates werden von Kritikern durchaus als Gefahr gesehen. Denn mit dabei sind Verschwörungstheoretiker, Holocaust-Leugner und braune Esoteriker. Einzelne Mitglieder sollen in antisemitischen und rechtsradikalen Strukturen tätig gewesen sein, auch von Bezügen zur Scientology-Sekte ist die Rede.Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) fasst das Spektrum der Mitglieder so zusammen: "Ihre politischen Ansichten sind eine Mischung aus rechts- und linksradikalen Elementen." Es eint sie, dass sie das gegenwärtige System infrage stellen.Am Briefkasten des Schlosses, der am rostigen Tor hängt, steht auf einem Pappschild: "Die Post bitte zwei Mal klingeln." Doch niemand öffnet mehr. Hinterm Zaun blöken vier Schafe. Im Garten stehen einige Fahrräder, ein Schaukelstuhl und ein altes Auto. In dem Zelt vor dem Haus ist niemand, nur ein Fußball. Die Tür zu dem zweigeschossigen Gebäude ist mit Siegelband verklebt. Daneben hängt ein Papier in signalroter Farbe. Darauf steht: "Diese bauliche Anlage Schloss Krampfer ist amtlich versiegelt. Betreten verboten!" Auch die beiden Nebeneingänge sind verklebt. Jedem, der das amtliche Siegel aufbrechen sollte, wird eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr angedroht. Die Türen und Fenster im Erdgeschoss sollen noch mit Brettern vernagelt werden."Die dürfen das Schloss nicht mehr betreten", sagt Anwohner Siegfrid Hoffmann. Er steht vor der Kirche nebenan. Mit etwa 30 Beamten sei die Polizei hier angerückt, bis elf Uhr habe die Aktion gedauert. Hoffmann sagt, es sei gut, dass der Spuk nun ein Ende habe. "Wir haben ja nicht gewusst, was da noch kommt. Alle hatten Angst, dass sich hier eine Glatzkopfbande ansiedelt", sagt er. Niemand wollte etwas mit Neonazis zu tun haben. "Die wollten hier mehrere Häuser kaufen. Angeblich wurde denen im Schloss zwei Mal in der Woche Geld überwiesen", sagt er. "Von wem, dazu haben sie geschwiegen." An den Wochenenden seien manchmal 20 bis 30 Leute aus Berlin und Hamburg aufgekreuzt.Der Grund für die Räumung ist ganz profan: Die Mitglieder des Fürstentums hatten sich nicht an die Gesetze der Bundesrepublik gehalten. "Um ein Haus bewohnen zu können, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein", sagt Christel Spenn von der Kreisverwaltung. Dabei geht es auch um sanitäre Anlagen, so soll es auf dem Gelände keine Kläranlage geben. Den Schlossbewohnern wurde eine Frist bis vergangenen Freitag gestellt: Entweder die Auflagen erfüllen oder einen Bauantrag stellen. Da der "basisdemokratische Kirchenstaat" aber die staatliche Autorität der Bundesrepublik nicht anerkennt, verstrich das Ultimatum. "Also wurde das Gebäude geräumt", sagt Spenn. "Das ist der normale Werdegang, das wäre jedem so ergangen, der die Auflagen der Bauaufsicht nicht befolgt."Wie es weitergeht, ist noch unklar. Die Bewohner des Schlosses wohnen nun in einem anderen Gebäude im Dorf, das dem Fürst gehören soll. "Unser Fürstentum ist nicht verschwunden, nur weil das Gebäude geräumt wurde", sagt Jo Conrad, einer der Mitbegründer des Fürstentums. Das Schlossgelände gehöre dem Fürsten, deshalb könnten die Leute dort nicht vertrieben werden. "Die ganze Aktion ist ein internationaler Zwischenfall", sagt er und behauptet, Juristen würden die internationalen Gesetze und die Haager Landkriegsordnung studieren. "Wir geben nicht einfach auf. Vielleicht klagen wir vor dem internationalen Gerichtshof", sagt er.Kein unbekannter OrtConrad bestreitet, dass es unter den mehr als 250 Mitgliedern des Fürstentums auch Rechtsextremisten und Antisemiten gibt. "Wir haben auch Mitglieder jüdischen Glaubens dabei", sagt er, "und auch Leute aus Russland und Polen."Am Nachmittag steigt einer der Ex-Bewohner zu zwei anderen Männern in ein Auto. Sie fahren nach Kleinow, in einen Nachbarort, der ebenfalls zur Gemeinde Plattenburg gehört. Dort begeben sie sich auf ein völlig heruntergekommenes Grundstück. Es ist ein ehemaliges LPG-Gelände. Auch um dieses Areal gab es wochenlang Streit. Die rechtsextreme NPD wollte 2007 das weitläufige Gelände angeblich kaufen, um dort ein Schulungszentrum der Partei einzurichten.------------------------------Dank-Mark und Deutsches ReichDie 17 Artikel der Verfassung des Fürstentums sind eine Ansammlung kruder Ideen und esoterischer Gedanken. "Germania" wird darin als "basisdemokratischer Kirchenstaat" bezeichnet. Kriegserklärungen seien mit einer Friedenserklärung zu beantworten.Jeder Bewohner soll "an einem unbestimmten Wegesrand einen Obstbaum seiner Wahl pflanzen". Tauschmittel ist die "Dank-Mark". Bis zur Erarbeitung eigener Gesetze gelten hilfsweise die Gesetze der Bundesrepublik oder Gesetze des Deutschen Reiches, die bis 1918 galten.Die Verfassung gilt vorerst auf dem "Lehensgebiet" des Fürsten, nach deren Beitritt aber auch in Gebieten "innerhalb der Grenzen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation". Ebenso sei gewünscht, dass andere Staaten die Normen der Verfassung übernehmen.------------------------------Foto: Alles blieb friedlich, als gestern die Polizei in das Fürstentum vorrückte und das Herrenhaus, eine ehemalige Schule, versiegelte.