Es steckt Vorsatz in diesem Ei. Sechs Monate hat er es in seiner Zelle aufbewahrt, damit es so richtig schön stinkt. Nun wirft der Mann mit dem roten Basecap das faulige Ding mit gekonntem Schulterschwung gegen das Gefängnistor. Langsam rinnt grünlicher Dotter über graues Metall. Es ist Sonnabendmorgen, 10.30 Uhr, und Dieter Kunzelmann ist wieder frei. Drei Eier sind es, die der entlassene Polit-Clown gegen das Tor donnert. Ein "Gefängnisfrischei" für die "lieben Mithäftlinge", das faule für die Anstaltsleitung, diese "Saubande", und noch eins für den "Regierenden Justizmeister Diepgen" und Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin, die "Tübinger Schlampe", beides "Schreibtischtäter", wettert Kunzelmann, die sich nicht darum kümmerten, was mit den Menschen passiere, wenn sie im Gefängnis seien. Aber jetzt sei er wieder da, sagt Kunzelmann. "Ich werde keine Ruhe geben."Eierwürfe auf den Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen hatten dem 60-Jährigen einst die Haftstrafe eingebracht. "Frohe Ostern, du Weihnachtsmann!" hatte Kunzelmann noch gerufen, als er 1997 Diepgen während der Gerichtsverhandlung ein weiteres Ei auf den Kopf klatschte. Nach der Verurteilung im Herbst verschwand Kunzelmann. Im April 1998 ließ er eine fingierte Todesanzeige in der "Berliner Zeitung" schalten, die selbst alte Weggefährten rätseln ließ, ob der Polit-Clown noch am Leben sei. Erst 18 Monate später kehrte Kunzelmann nach Berlin zurück, wo er die Polizei mit Auftritten in Talkshows narrte, bis er am 14. Juli vergangenen Jahres - nach einem Geburtstagsfest im Kreuzberger Mehringhof mit Freunden zur JVA Tegel fuhr und am Tor eins Einlass begehrte. Eine "Knastinspektion" wolle er, der "Strafvollzugsexperte", in den nächsten zehn Monaten vornehmen, kündigte er an. Die sind nun vorbei. Bis zum letzten Tag hat Dieter Kunzelmann seine Strafe abgesessen. Eine vorzeitige Entlassung hatte er abgelehnt. Mit Bewährungsauflagen hätte er sich unfrei gefühlt. "Omnia mea mecum porto - alles, was ich besitze, trage ich bei mir", murmelt der Ex-Häftling, als er seine in drei blauen Müllsäcken, einer Einkaufstüte und drei Reisetaschen verstauten Habseligkeiten in den weißen Kombi seines Freundes Volker lädt. Aus dem Autoradio dröhnt eine Opernarie. "Was ist das? Norma?" fragt Kunzelmann. Gerührt schließt er seine alten Freunde in die Arme, die gekommen sind, um ihn abzuholen. Seine Nachbarin Jutta ist da, Anwalt Hajo Ehrig und auch Ex-Kommunarde Ulrich Enzensberger. "Mann, Fritz", sagt Kunzelmann zu Fritz Teufel, einem anderen Kommune-I-Mitglied. "Du bist auch ein alter Mann geworden."Einfach so wegfahren von der JVA Tegel, das will der ehemalige Häftling Nummer 0937/993 nicht. Mit Freunden hat er sich zum Picknick am Flughafensee verabredet, um endlich live zu sehen, was er monatelang nur hören könnte. Raus in die Natur will er. "In den Sommernächten war das richtig schlimm - dieses Quietschen, Plantschen und das lustvolle Gestöhne!" Zum Glück hätte er es in seiner Zelle 242 im Haus 2 nicht ganz so laut hören können. "Ich wäre wahnsinnig geworden." Das Handtuch um den Hals gehängt, blickt Kunzelmann verwirrt auf ein barbusiges Mädchen, das am Strand liegt und ihn anlächelt. "Unglaublich!"Bis die Journalistenmeute abgeschüttelt ist und Kunzelmann sich für einen schattigen Platz am Flughafensee entschieden hat, vergeht mehr als eine Stunde. Der 60-Jährige huscht hin und her, schaut hinter Bäume und inspiziert den aufgeschütteten Sand am Ufer. "Er hat halt seine Eigenarten", sagt Kunzel-Freund Volker, der ihm geduldig die Tasche mit seinem Bananen-Birnen-Saft und dem Weidenzweig trägt, den Kunzelmann Pater Vincent aus der Gefängnis-Kapelle geklaut hat. "Und im Knast verschärfen die sich eben noch." Andere haben nicht so viel Geduld. Nachdem Fritz Teufel die Gruppe vergeblich am Ufer gesucht hat, schwingt er sich auf sein Rad. "Ich muss noch einkaufen", sagt er. "Sagt Dieter, ich wünsche ihm viel Spaß in Italien, ich hab gehört, da will er hin." Auch Ulrich Enzensberger radelt davon. Dafür taucht Karl Pawla auf. "Wissen Sie, wer das ist?" fragt Kunzelmann und deutet aufgeregt auf den grauhaarigen Mann mit dem Strohhut. "Hör doch auf mit den ollen Kamellen", sagt der. Doch Kunzelmann lässt sich, wie immer, nicht unterbrechen. "1969 hat Kalle im Amtsgericht Moabit einem Richter direkt vor den Stuhl geschissen - dann hochgelangt und sich mit seiner Prozessakte den Hintern gewischt. Acht Monate hat er dafür sitzen müssen." Doch dann ist erst einmal genug geredet. Dieter Kunzelmann geht baden.Die nächsten Wochen werde man erst einmal nichts von ihm hören, sagt Kunzelmann. Seine Freiheit will er genießen, irgendwo, wo es warm ist und es schöne Frauen gibt. Seine Freunde in Italien will er besuchen, die, die ihn fast zwei Jahre lang versteckt hielten. Auch müsse er sich erst wieder an das normale Leben gewöhnen. "Selbst meine Freunde sehen nur die zehn Monate in der JVA Tegel - in Wirklichkeit ging es aber im Herbst 1997 los, als ich untergetaucht bin." Er habe so viel verpasst in der langen Zeit."Ich habe das Gefängnis unterschätzt", gibt Kunzelmann zu. "Es ist etwas anderes, ob man mit 30 einsitzt oder mit 60." Die letzten zehn Monate seien für ihn stressiger gewesen als die Jahre, die er von 1970 bis 1975 in Haft verbrachte. Wegen Brandanschlägen hatte Kunzelmann damals gesessen. Das Urteil wurde später aufgehoben. "Die Gefängnisse sind viel gewalttätiger geworden seit damals", sagt der 60-Jährige. Ganz nach dem Motto "Teile und herrsche" würde die Anstaltsleitung Streit zwischen den Gefangenen provozieren. "Mehr als 40 Nationen - Ausländer, Rechte, alles sitzt da. Jeden Tag gibt es Schlägereien und die Wärter, Halbgötter in Aschgrau, sehen zu." Er sei von einem Drogensüchtigen in seiner Zelle überfallen worden und vor knapp drei Wochen habe er sich mit seinem Krückstock gegen Mitgefangene verteidigen müssen, die als Gruppe auf ihn losgegangen seien. "Der Stock ist dabei zerbrochen."Wenn er wieder da ist, will Kunzelmann um ein Gespräch beim "Regierenden Justizmeister" bitten, um über die Haftbedingungen und die Stellenstreichungen bei den Wärtern zu reden. Auch seine Klage gegen die Justizverwaltung werde für Furore sorgen, sagt Kunzelmann. Bei seinem Hafturlaub im Januar war er bei dem symbolischen Baubeginn des Holocaust-Mahnmals verhaftet worden. Der Urlaub wurde gestrichen. Er habe gegen die Auflage verstoßen, nicht an politischen Veranstaltungen teilzunehmen, hieß es. "Eine solche Auflage verstößt gegen das Grundgesetz", sagt Kunzelmann. "Mein Anwalt zieht damit bis vors Bundesverfassungsgericht, wenn es sein muss.""Er hat halt so seine Eigenarten - und im Knast verschärfen die sich eben noch. " Kunzel-Freund Volker BERLINER ZEITUNG/MAX LAUTENSCHLÄGER Alt-Kommunarde Fritz Teufel (r. ) holte seinen Freund Dieter Kunzelmann am Sonnabend am Gefängnis in Tegel ab.