ZANDVOORT/BERLIN 16. Juli. Ein Mord in der Nähe von Mailand vor etwa vier Wochen brachte die niederländische Polizei auf die Spur des international agierenden Kinderporno-Rings. Der 49jährige Niederländer Gerrit Ullrich war in der italienischen Modestadt erschossen aufgefunden worden. Sein luxuriös eingerichtetes Appartement am Nordseestrand im niederländischen Zandvoort war vollgestopft mit modernster Technik. Acht vernetzte Computer hatten von dort per Internet Kinderporno-Bilder an Kunden in der ganzen Welt verschickt.In alle Welt verschicktNoch vor den tödlichen Schüssen auf Ullrich hatte der Cheffahnder der belgischen Bürgerinitiative Workgroup Morkhoven, Marcel Vervloesem, die Unterlagen aus der Wohnung des späteren Mordopfers gesichtet. Ullrich hatte sie ihm persönlich ausgehändigt, da er aus dem Kinderporno-Geschäft aussteigen wollte. "Ullrich berichtete mir, daß er über eine Zandvoorter Wohnung per Internet Kinderporno-Bilder in alle Welt verschickt hat", so Vervloesem. Der Fahnder erhielt Disketten mit Bildern und hunderten Adressen von Kunden und Herstellern. "Kurz darauf floh Ullrich aus Angst vor seinen Komplizen nach Italien", so Vervloesem.Nur wenige Tage später war Aussteiger Ullrich tot. Einer der mutmaßlichen Komplizen der Porno-Bande, der 22jährige Holländer Robbie van der Platen aus der Amsterdamer Stricherszene, sitzt seitdem unter dringendem Tatverdacht im italienischen Pisa in Haft. Er soll in Kürze nach Belgien ausgeliefert werden. Marcel Vervloesem spricht von "abscheulichen Bildern", die auf Disketten gespeichert wurden. "Auf ihnen werden ein- und zweijährige Kinder sexuell mißbraucht und gefoltert. Die Macher der Bilder haben sich am Leid der Kinder erregt", sagte der Privatermittler der "Berliner Zeitung". Die Kleinkinder seien teilweise geknebelt gewesen. Deutlich könne man erkennen, daß die mißbrauchten Kinder verletzt wurden. Seit Jahren ermittelt der Belgier in der europäischen Kinderporno-Szene. Solche Bilder habe er allerdings "noch nie gesehen", so Vervloesem. Die Kunden des Rings sitzen nach Angaben von Vervloesem in England, Amerika, Rußland und in Israel. Auch mehrere deutsche Anschriften seien aufgeführt, darunter auffällig viele Berliner Internetadressen, so Vervloesem weiter. Für den Privatermittler stellte sich jedoch das Problem, daß die Dateien auf den Disketten durch einen Code verschlüsselt waren. "Wir haben fast fünf Wochen gebraucht, um den richtigen Code zu finden und die Daten und Bilder sichtbar zu machen", so Vervloesem. Deshalb habe er auch die Polizei nicht sofort über die brisanten Dateien informieren können.Jetzt hofft die niederländische Polizei auf eine enge Zusammenarbeit mit der Bürgerinitiative. "Ich erwarte, daß die Workgroup uns ihr Material zur Verfügung stellt", so Jab Hagen, Sprecher der holländischen Polizei in Kennemerland. Die holländische Polizei will mit einer Sonderkommission, in der mehrere Dutzend Beamte arbeiten, den gefundenen Namen und Adressen nachgehen. Auch die auf den Bildern zu sehenden Erwachsenen sollen identifiziert werden.Weitere Festnahmen sollen folgenSchon am Mittwoch nachmittag soll nach Informationen der "Berliner Zeitung" eine Computerfirma in Zandvoort, an der Gerrit Ullrich und auch der in Haft sitzende Robbie van der Platen beteiligt waren, durchsucht worden sein. Auch dort wurden Disketten und andere Beweisstücke sichergestellt. Mit Festnahmen von weiteren Mitgliedern des Rings sei noch in den kommenden Tagen zu rechnen, hieß es. Auch die Berliner Polizei ist an den Adressen interessiert. "Wir haben einen Antrag auf Informationsaustausch gestellt", sagte eine Polizeisprecherin, da unter den Adressen mehrere Berliner aufgeführt sein sollen. Nach Angaben von Vervloesem haben auch Polizeifahnder aus anderen Ländern, darunter Scotland Yard und die amerikanische Bundespolizei FBI, Interesse an dem Material gezeigt, um in ihren Ländern weiter zu fahnden. "Wir werden natürlich mit allen Polizeikräften zusammenarbeiten", so Marcel Vervloesem.