KÖLN. Nach dem Tod von 19 Menschen bei der Loveparade in Duisburg werden die Verantwortlichen der Stadt und der Polizei mit schweren Vorwürfen konfrontiert. Offenbar hat es frühzeitig Warnungen gegeben, dass das Gelände des früheren Güterbahnhofs für die Großveranstaltung ungeeignet und das Sicherheitskonzept unzureichend sei. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung. Im Duisburger Rathaus wurden zahlreiche Unterlagen zur Genehmigung der Loveparade beschlagnahmt.Die Feuerwehr hatte massive Vorbehalte gegen das Sicherheitskonzept geäußert. So soll der Direktor der Duisburger Berufsfeuerwehr den Oberbürgermeister im Oktober 2009 schriftlich gewarnt haben, die Veranstaltung auf dem Gelände des alten Güterbahnhofs stattfinden zu lassen. Die Fläche sei nicht ausreichend für die zu erwartende Besucher-Masse.Nach Angaben der Organisatoren hatten am Sonnabend 1,4 Millionen Menschen an der Techno-Party teilgenommen. Angemeldet war sie für 500 000, die Stadt habe aber nur 250 000 Teilnehmer in der abgeriegelten Partyzone genehmigt, sagte der Landeschef der NRW-Polizeigewerkschaft, Erich Rettinghaus, gestern im ZDF. Man sei davon ausgegangen, dass sich die restlichen Raver an anderen Orten der Stadt verteilen würden. Laut Spiegel Online wurde zudem der Veranstalter von der Einhaltung der vorgeschriebenen Breite der Fluchtwege befreit.Wegen des großen Andrangs war es gegen 17 Uhr in einem Tunnel, dem einzigen Zugang zum Gelände, zu einer Massenpanik gekommen. Elf Frauen und acht Männer zwischen 20 und 40 Jahren starben, etwa 340 wurden verletzt. Die Opfer sind identifiziert. 13 kamen aus Deutschland, die anderen aus Holland, Australien, Italien, Bosnien, China, Spanien. Die Ermittler betonten, dass der Ort, an dem die Menschen starben, außerhalb des Tunnels lag.Kölner Polizisten hatten das Gelände vorige Woche erkundet und intern starke Bedenken geäußert. Eine Kollegin habe ihm gesagt, "heilfroh zu sein, wenn das hier zu Ende ist", berichtete ein hochrangiger Polizist. Als "unglaublich" hätten erfahrene Hundertschaftsführer es empfunden, dass für den Ein- und Ausgang des Geländes nur die eine, etwa 300 Meter lange Unterführung vorgesehen war. Auch die Deutsche Polizeigewerkschaft hat die Veranstalter gewarnt: Auf die Tatsache, dass Duisburg als Veranstaltungsort der Loveparade "völlig ungeeignet" sei, habe er schon vergangenes Jahr hingewiesen, sagte Gewerkschaftschef Rainer Wendt. Berlin sei mit breiten Zugangswegen und dem Gelände im Tiergarten passender gewesen.Die Duisburger Verantwortlichen wiesen gestern die Anschuldigungen zurück. "Ich hoffe, dass wir sehr schnell erfahren werden, wo Probleme aufgetreten sind, und wo unter Umständen auch Fehler begangen worden sind", sagte Oberbürgermeister Adolf Sauerland. Polizeichef Detlef von Schmeling widersprach der These von der Massenpanik. Das Unglück hätten Besucher ausgelöst, die über einen Container und Lichtmast auf das Gelände gelangen wollten und gestrauchelt seien.Auch das NRW-Innenministerium war vom Sicherheitskonzept überzeugt. "Wir sind in der Lage, bestmöglichen Schutz für die Menschen zu gewährleisten", hieß es noch am Freitag in einer Mitteilung von Innenminister Ralf Jäger (SPD). Nach der Katastrophe sagte ein Sprecher, Jäger habe zwar das Polizeikonzept gekannt, aber für die Sicherheit auf dem privaten Bahngelände seien die Stadt und der Veranstalter verantwortlich. Spiegel Online berichtete, die Bundespolizei habe inzwischen sämtliche Unterlagen zur Loveparade in Duisburg von ihren Computern gelöscht.Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte eine umfassende Aufklärung. Das sei man den Opfern schuldig. Eltern, die ihre Kinder zu so einer Großveranstaltung ließen, müssten sicher sein können, "dass so etwas nie nie wieder passiert".------------------------------Zum ThemaDas Versagen - Dr. Motte über die Veranstalter von Duisburg Seite 2Die Druckwelle - Wie Menschenmassen kontrolliert werden können Seite 2Der Tunnel - "Die haben uns da durch getrieben" Seite 3Die Tragödie mit Ansage - Leitartikel Seite 4Die Heimkehrer - Berliner erzählen ihre Loveparade-Erlebnisse Seite 16------------------------------Foto: Not-Treppe: Als das Gedränge im Tunnel zum Loveparade-Gelände auf dem alten Duisburger Güterbahnhof zu groß wird, versuchen einige Raver, sich und ihre Freunde über eine schmale Treppe in Sicherheit zu bringen. Nicht vielen gelingt die Flucht aus dem Chaos, einige fallen metertief wieder zurück in die Menschenmenge, wie später die Polizei berichtet. Das soll die Panik mit verursacht haben.Foto: Trauer: Am Tag nach der Tragödie legt ein junger Mann Blumen nieder, wo 19 Menschen starben.

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