Er ist ein Mann, der schnell folgenreiche Entscheidungen zu treffen vermag. Das hat er sogleich demonstriert: Nur wenige Tage ist es her, dass das SPD-Mitglied Jörg Ziercke von Bundesinnenminister Otto Schily gefragt wurde, ob er die Leitung des Bundeskriminalamts übernehmen wolle. Entschlossen sagte der bisherige Leiter der Polizeiabteilung im schleswig-holsteinischen Innenministerium zu - wohl wissend, was er da übernimmt. Die Behörde steckt seit Anfang des Jahres in der schwersten Krise seit ihrem Bestehen. Schon sehen manche Politiker gar die Ermittlungsarbeit und den Ruf des weltweit angesehenen Amtes mit seinen 5 000 Mitarbeitern in Gefahr. Ausgelöst hatte die Krise Minister Schily gemeinsam mit dem jetzt abgesetzten BKA-Chef Ulrich Kersten. Deren einsame Entscheidung, den Sitz der Sicherheitsbehörde von Wiesbaden nach Berlin zu verlagern und den Standort Meckenheim aufzugeben, löste einen Sturm der Entrüstung aus, in dem jetzt Kersten unterging. Der am Donnerstag neu berufene Chef wird nun mühsam das verloren gegangene Vertrauen der Mitarbeiter in ihre Führungsspitze zurückgewinnen müssen.Das traut man dem hoch gewachsenen, kantig wirkenden Kriminalbeamten allerseits zu. In Schleswig-Holstein wird er als Mann mit Führungsqualitäten gelobt, der es verstehe, auf Menschen zuzugehen und Mitarbeiter mitzunehmen. Nach den Kommunikationsproblemen zwischen der BKA-Führung, dem Berliner Ministerium und den Mitarbeitern hat sich Ziercke zunächst vorgenommen, mit seinen Beamten zu reden und die Motive für ihren Unmut zu ergründen.Seine eigentliche, inhaltliche Aufgabe wird es aber sein, das BKA auf die neuen terroristischen Bedrohungen einzustellen. Gestaltungsfreude bringt der neue Chef jedenfalls mit und die in 27 Dienstjahren erworbene Fachkenntnis wird von niemandem angezweifelt. Seine Laufbahn zeugt von hartnäckiger Zielstrebigkeit und viel Sinn für die Praxis: Gleich nach dem Abitur fing er im Alter von 20 Jahren als Polizeianwärter bei der Bereitschaftspolizei Schleswig-Holstein an. 1969 begann er eine Ausbildung zum Kriminalbeamten im mittleren Dienst, wechselte später ins Landeskriminalamt Kiel und unterrichtete Kriminalistik an der Landespolizeischule. Nach einem Studium an der Polizeiführungsakademie Münster übernahm Ziercke die Leitung der Kriminalpolizei in Neumünster. Ab 1990 leitete er die Landespolizeischule. Nur zwei Jahre später berief ihn die Landesregierung als Vize-Abteilungsleiter Polizei ins Kieler Innenministerium. Von 1995 an führte Ziercke bis zu seiner jetzigen Abberufung diese Abteilung. Seit fünf Jahren ist er zudem Chef des Arbeitskreises Kripo der Innenministerkonferenz. Der heute 56-Jährige setzte sich für die Entwicklung der kommunalen Kriminalprävention ein und modernisierte die Polizeistrukturen in Schleswig-Holstein. Gleichwohl hat sein Reformeifer Grenzen. In Fachartikeln nennt er Vorschläge, das BKA in ein deutsches FBI umzuwandeln, realitätsfremd. Für abwegig hält er auch Überlegungen, ein Bundessicherheitsamt nach dem Vorbild des US-Heimatschutzministeriums zu errichten.Jörg Ziercke wird Chef des Bundeskriminalamtes