Wladyslaw Bartoszewski war die größte moralische Instanz in der polnischen Politik. Das hängt mit dem Schicksal des 1922 Geborenen zusammen, viel mehr aber noch mit seinem unermüdlichen Einsatz als Historiker, Publizist, Bürgerrechtler, Diplomat und Außenminister Polens. Kaum jemand hat nach dem Zweiten Weltkrieg mehr für die polnisch-deutsche Aussöhnung getan, als der frühere Auschwitz-Häftling Nummer 4427.

Verhängnisvolles Schicksal war es, dass den deutschen Besatzern bei einer Razzia im Herbst 1940 auch der 18-jährige Abiturient Bartoszewski in die Hände fiel. Mehr als tausend Warschauer wurden im Zuge dieser Festnahmen nach Auschwitz deportiert. Die deutschen Besatzer ließen Bartoszewski im Frühjahr 1941 frei. Er war eine der wenigen, bis heute rätselhaften Ausnahmen. „Und auch wenn ich als Auschwitz-Häftling kein Augenzeuge des Holocaust war, so verband mich mein Schicksal später mit der Tragödie unserer älteren Brüder im Glauben“, bekannte Bartoszewski in dem 2015 auch auf Deutsch erschienen Erinnerungsband „Mein Auschwitz“.

Bewegende Rede im Bundestag

In der Besatzungszeit half Bartoszewski illegal seinen jüdischen Mitbürgern, so lange dies möglich war. Im Widerstand begriff er sich, wie er später schreiben sollte, als Soldat der polnischen Armee, dann als Beamter der polnischen Regierung. Der Katholik Bartoszewski gehörte zur Heimatarmee, er war im bürgerlichen Widerstand. Dem falschen Widerstand – nach Auffassung der sowjetischen Sieger und der kommunistischen polnischen Führung. In den Gefängnissen im Nachkriegspolen traf Bartoszewski viele Auschwitz-Häftlinge, die erneut in Haft saßen. Erst gegen Ende der 50er-Jahre war seine Lager- und Gefängniszeit zu Ende.

Als sich seit Beginn der 60er-Jahre die Kirchen verstärkt dem Aussöhnungsprozess zwischen Deutschen und Polen widmen, ist Bartoszewski einer der Aktivisten. Dass er nach 1980 der Solidarnosc angehörte, erscheint fast selbstverständlich. Nach der Verhängung des Kriegsrechts wurde er 1981 erneut inhaftiert.

Zu erinnern ist an die bewegende Rede, die Bartoszewski 1995 im Bundestag hielt. Darin beschwor er die Interessengemeinschaft der beiden Nachbarn in der Mitte Europas. Und er fand auch Mitgefühl für die deutschen Vertriebenen. Die deutsche Politik wurde nicht müde, den großen Mann zu rühmen. Der aber ließ erkennen, dass er nicht nur Lob aus Berlin, sondern substanzielle Reaktionen, ein sichtbares Zeichen erwartete.

Wenn es um die frühere Vertriebenen-Chefin Erika Steinbach ging, wurde Bartoszewski emotional und polemisch. Die beiden waren einander in leidenschaftlicher Abneigung verbunden. Als Steinbach beispielsweise in den Beirat der Bundestiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ drängte, kämpfte Bartoszewski. Er nannte dieses Ansinnen eine politische Unanständigkeit. Steinbach musste vom Stiftungsbeirat ablassen. Damals, als es im deutsch-polnischen Verhältnis kriselte, ließ er sich im Alter von 85 Jahren noch einmal in die Pflicht nehmen und wurde Deutschland-Beauftragter der polnischen Regierung.

Wladyslaw Bartoszewski ist am Freitag im Alter von 93 Jahren in Warschau gestorben.