Am Wochenende ist in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz das fünfte und letzte "Ersatzstadt"-Wochenende veranstaltet worden; es beschäftigte sich unter dem Titel "Repräsentationen des Urbanen" mit den Beziehungen zwischen "Stadt und Theater", "Stadt und Musik" sowie "Stadt und Politik". Zur Einstimmung hatte der Bühnenbildner der Volksbühne, Bert Neumann, bereits am Freitagmorgen einen Teil der Fassade des Theaters mit einer Plane verhüllt, auf welcher der Balkon des inzwischen gesprengten Berliner Stadtschlosses zu sehen war. Unter dem prägnanten Titel "Weg mit dem Stalinismus, her mit dem Barock!" wollte Neumann damit die in Berlin verbreitete Rekonstruktionsfreude und den Hang zur cremetortenfarbenen Übermalung historisch gewordener Häuserfassaden bemängeln. Auch wenn er in einem begleitend veröffentlichten Interview zugestand, dass Häuser "repariert werden" müssen - "das ist gar keine Frage" -, findet Neumann doch, dass man Altes alt aussehen lassen sollte. Das modernisierte Berlin käme "einem jetzt vor wie eine alte Frau, die auf jung machen will. Das hat was wahnsinnig Würdeloses." Mit der umgestalteten Fassade wollte Neumann insbesondere jene Droschkenfahrer beeindrucken, die von der Münzstraße her auf die Volksbühne zurollen. Bedauerlicherweise ist die Rosa-Luxemburg-Straße gegenwärtig in die Gegenrichtung als Einbahnstraße beschildert.Vom Freitag bis zum Sonntag fand in der Volksbühne dann eine schwer überschaubare Vielzahl an Kunst- und Theateraktionen, Workshops und Podien, Konzerten und Filmvorführungen statt. Im Sternfoyer schenkte die dänische Künstlergruppe Superflex ein selbstgebrautes "Open Source"-Bier aus, mit dem der Patent-Terror der multinationalen Bierkonzerne subvertiert werden sollte. Das Rezept ihres Biers verrieten Superflex auf Anfrage jedem; auch verteilten sie ohne Gebühr die Lizenz zum Brauen, sofern sich die Lizenznehmer auf den "Free Beer"-Gedanken des lizenzlosen Weiterverbreitens verpflichteten.Vielen Konsumenten ging es freilich mit dieser Freiheit, wie es Konsumenten mit der Freiheit häufiger geht: sie schmeckte ihnen nicht besonders. Das befreite Bier war etwas zu nussig und ihm fehlte der richtige Drive. Wer statt dessen ein von einem multinational operierenden Konzern gebrautes Pils erwerben wollte, wurde mit Schildern zum Roten Salon geleitet, vor dessen Tür eine Wärterin darüber informierte, dass man in den Roten Salon nur durch die rückwärtig gelegene Außentür käme, vor welcher dann wiederum andere Wärter darauf beharrten, dass es zum Einlass durch diese Außentür einer besonderen Einlasskarte bedürfe, die man allein im Kartenhäuschen des Großen Hauses erwerben könne. Zwischen zwei Stationen dieser gut ausgetüftelten, Freiheit und Unterwerfung, Zwang und Begehren dialektisch interessant ineinander verschränkenden Bierodyssee konnte man zum Beispiel die vor dem Eingang des Hauses stattfindende Performance der britischen Gruppe Lone Twin mitverfolgen: zwei Männer, die zwecks Anschlusses ihres Körperkreislaufs an den Kreislauf der Stadt das Äquivalent der in ihren Körpern enthaltenen Wassermenge in kleinen Plastikbechern aus der Spree an die Volksbühne getragen hatten.Am interessantesten an dieser Veranstaltung war, wie an den Veranstaltungen der Volksbühne in den vergangenen Jahren stets, der popmusikalische Teil; legendäre Typen und junge Leute arbeiteten hier in gleichermaßen überzeugender Weise an der klanglichen Vermittlung von "Stadt". Der lange Jahrzehnte verschollene Free-Jazz-Bassist Henry Grimes bot ein klassizistisches, doch tadellos improvisiertes Set; mit einem jeweils nachgeborenen Schlagzeuger und Saxofonisten arbeitete er sich vom harmolodischen Harmonietasten Ornette Colemans bis zum lyrischen Klang des späteren New Thing voran und auch gleich immer wieder zurück. Das New Yorker Quartett Gang Gang Dance entblätterte aus den "städtischen" Klängen des älteren Noise Rock ein "ländlich"-ritualistisch gehämmertes Medley zentralasiatischer Folklore. Das Rias-Jugendorchester spielte eine Komposition von Ekkehard Ehlers und Christian von Borries, in der Motive des Stadtklangs aus der westlichen Komponistenmusik und dem neueren Pop resonierten. Sie begann mit dem "jungen Titan" und legte dann in ein Varèse-haft dahingedengeltes Sinfoniebett dieses und jenes von Schubert und Schostakowitsch, von Derrick May und den Geto Boys.Wo Ehlers zuletzt zumeist zum romantischen Herumgeheimnissen neigte, war diese Arbeit historisch reflektiert und präzis; die Wendigkeit, mit der Borries den schweren Klangkörper auch durch die eckigen Rhythmen des Oldschool-HipHop manövrierte (etwa in der von zwei Gastsolistinnen gerappten Version des Geto-Boys-Stücks "Mind Playin' Tricks On Me"), war enorm. An der schönsten und überraschendsten Stelle des Abends interpretierte Diedrich Diederichsen mit dem Orchester "At Last I Am Free" von den Chic (wobei seine Version eher an Robert Wyatts Coverversion erinnerte denn an das Original). "At last I am free / at last I am free / I can hardly see in front of me"; was nicht nur als ergreifender Gospel erschien, sondern auch als kühner Kommentar zur Zukunft des Pop hinter den immer noch unreparierten falschen Fassaden des bürgerlichen Theaters.------------------------------"Was ist draußen dran und was ist eigentlich drin?" Nach Bert Neumann für die Volksbühne die zentrale Frage------------------------------Foto: Diedrich Diederichsen singt mit dem Rias-Jugendorchester "At Last I Am Free" von den Chic; Christian von Borries dirigiert.