BERLIN, im Dezember. Am 7. April wurde die Karriere des britischen Popsängers George Michael schwer erschüttert. Die Polizei von Los Angeles verhaftete ihn auf einer öffentlichen Toilette in einem vornehmen Park in Beverly Hills. Der Grund: Der Star habe sich dort "unsittlich verhalten". Die Boulevardpresse hatte ihre hämischen Schlagzeilen, der glamouröse Popstar wurde auf den gefliesten Boden der Tatsachen geholt. Dennoch steht George Michael Ende 1998 besser da als lange Zeit zuvor. Vom Comeback des Jahres zu sprechen scheint nicht übertrieben. Sein Best-of-Album mit dem Titel "Ladies and Gentlemen" verkaufte sich prima im Weihnachtsgeschäft, und die Single "Outside" wird heftig gelobt.Nicht nur weil der Song auf elegante Weise Rache für die Razzia nimmt. Der Track sei "von ausgesuchter Kalkuliertheit, schwerelos schwebt er in einem Fluidum aus höherer Vulgarität", schreibt die Zeitschrift "Spex" über den musikalischen Gehalt von "Outside". Das Video, das auch zwei sich küssende Polizisten zeigt, sei gar "eine historische Meisterleistung". Daß Michael den Skandal so bravourös überstand, verdankt er seiner publizistischen Strategie: Er holte auf CNN, MTV und in diversen Talkshows ein explizites Coming-out als Schwuler nach (wer es wissen wollte, hatte es auch vorher gewußt) und ließ dabei selbstironisch keinen Toilettenwitz aus. Nun, am Ende des Jahres, hat Michael erstmals auch der Homo-Presse ein langes Interview gegeben. Im US-Magazin "Advocate" schildert er ausführlich, was genau sich zutrug, als ihn ein Zivilpolizist auf dem Klo in Beverly Hills zu sexuellen Handlungen provozierte. "Der gutaussehende Polizeibeamte masturbierte tatsächlich vor mir", sagt Michael. Doch als auch er selbst damit begann, sei der Mann plötzlich hinausgegangen. Als Michael kurze Zeit später zu seinem Auto ging, sei er festgenommen worden. "Ich behaupte nicht, daß meine Reaktion auf ihn das adäquate Verhalten war", so der Popstar. "Doch ich habe nur getan, was ein anderer bereits getan hatte. Ich ging in die Falle bang." George Michael glaubt, daß es zwischen der Polizei und Journalisten "eine Zusammenarbeit" gegeben hat. Denn erst durch die Festnahme, so der Sänger, seien bestimmte Paparazzi-Fotos von ihm stark im Wert gestiegen. Die Bilder, die bereits im Jahr zuvor aufgenommen wurden, zeigen Michael mit nacktem Oberkörper beim Sonnenbaden in eben dem Park mit der inkriminierten Toilette. Nun, meint Michael, seien diese Bilder plötzlich enorm gut verkäuflich gewesen. "Das hat denen fast 300 000 Mark eingebracht." Drei entscheidende WorteDer Popstar spricht auch darüber, warum er zuvor in den Medien seine Homosexualität nicht direkt thematisierte. Er habe sich von der Presse "nicht kontrollieren lassen" wollen. "Mein Privatleben sollten sie nicht haben. Ich wollte meine Sexualität nicht verleugnen, ihnen aber gleichzeitig nicht die drei entscheidenden Worte sagen. Sie sollten kein spezielles Interview kriegen." Natürlich habe er sich manchmal auch gefragt, ob er wegen seiner Karriere nicht über sein Schwulsein rede. Doch seit 1987 sein Solo-Album "Faith" erschien, sei ihm klargewesen, "daß es eigentlich keinen Unterschied macht zumindest außerhalb der USA, wo es weiterhin auch negative Reaktionen gibt". Nach den Ereignissen der letzten Monate aber, so Michael, sehe er ein, daß ihn gerade dieser Kampf um den Satz "Ich bin schwul" enorm viel Energie gekostet habe. "Es war ein Spiel, doch es war all die Energie nicht wert." Heute sei er deshalb "fast glücklich über die Festnahme. Manchmal frage ich mich, ob mein Unterbewußtsein das so passieren ließ."Möglicherweise wird Michael für sein nächstes Album sogar einige Songs über all diese Erfahrungen schreiben. Das "dürfte sehr viel optimistischer ausfallen als mein Material der letzten Jahre, etwas Triumphales, eine Fuck Off!-Hitscheibe!"