Nofretete ist auch 3 300 Jahre nach ihrem Tod berühmt wie kaum eine Zweite. Trotzdem weiß man über sie nur das, was andere von ihr berichten. Aussagen von ihr selbst sind kaum überliefert. Umso aufschlussreicher erscheint eine Relieftafel im Neuen Museum in Berlin, wo auch die berühmte Nofretete-Büste ausgestellt ist. Auf dem sogenannten Berliner Hausaltar ist Nofretete neben ihrem Mann abgebildet, dem Pharao Echnaton. Das Relief zeigt eine herzlich anmutende Szene. Beide sitzen einander gegenüber, liebevoll spielt Nofretete mit zweien ihrer sechs Töchter. Eine sitzt auf ihrem Schoß und scheint mit der Mutter zu sprechen. Sie zeigt dabei auf den Vater. Eine zweite Tochter hält sich mit einem Arm am Oberkörper der Mutter. Mit der freien Hand tätschelt sie Nofretete an der Wange. Echnaton hält eine dritte Tochter und gibt ihr einen Kuss. Nie zuvor wurde eine gottgleiche Pharaonenfamilie so abgebildet – im zärtlichen Umgang miteinander.

Die Szene gibt nicht nur Aufschluss über das Familienleben Nofretetes. Sie sagt auch viel über ihre politische Stellung aus. Der ehemalige Leiter des Ägyptischen Museums in Berlin, Dietrich Wildung, weist in seinem Buch „Die vielen Gesichter der Nofretete“ (2013) darauf hin, dass die Königin rechts von Echnaton sitzt. Das sei die dominante Seite in solchen Darstellungen, außerdem throne Nofretete auf einem Sessel, der die staatstragenden Symbole des ägyptischen Reichs zeigt. Ihr Mann sitze lediglich auf einem Hocker. Wildung schreibt: „Diese ausgeprägte Rolle der Nofretete verweist aber ihren Gemahl nicht in den Hintergrund, sondern eröffnet ihm das Reich des Göttlichen.“

Tausch der Rollen

Diese Angleichung, ja dieser Tausch der Rollen machte Nofretete zum Pharao und umgekehrt den Pharao zum Bestandteil der Eltern-Kind-Beziehung. Im alten Ägypten kam das einer Revolution gleich. Nofretete lebte in einer bewegten Zeit, sie zog mit ihrem Mann von Theben aus nilabwärts nach Achet-Aton, das heutige Amarna. Das Königspaar schaffte die bisherigen Götter ab und setzte an deren Stelle den Sonnengott Aton. Der Pharao war in dieser Konstellation der Gott auf Erden. Die Priesterschaft in der bisherigen Hauptstadt Theben sowie in dem kultischen Zentrum Karnak war entsetzt und lief Sturm. Dennoch festigten Echnaton und Nofretete ihre Macht.

Das Königspaar stritt für eine neue Sicht auf die Götter und damit auf den Pharao sowie die einflussreichen Priester. Es war die Erfindung des Monotheismus. Der Heidelberger Ägyptologe Jan Assmann hat wiederholt auf die gesellschaftlichen Umwälzungen hingewiesen, die damit verbunden waren. Assmann zufolge bezieht sich der ägyptische Monotheismus jedoch anders als der biblische auf eine kosmische Kraft. Der Glaube war eher durch eine kosmologische Theorie als durch eine Religion begründet, was die Brisanz der Umwälzungen zusätzlich verschärfte.

Schon in dieser angespannten Atmosphäre entfaltete sich der Mythos Nofretetes und ihrer Anmut, der bis heute besteht. Die Übersetzung ihres Namens lautet: „Die Schöne ist gekommen!“ Manche Forscher haben daraus geschlossen, dass sie von außerhalb nach Ägypten kam. Wildung verneint das. Vielmehr habe sich durch DNS-Analysen ergeben, dass Nofretete eine Cousine Echnatons war und vermutlich 1371 vor Christus geboren wurde.

Wildung geht davon aus, dass Nofretete im 14. Regierungsjahr Echnatons an den Folgen eines Unfalls starb. Das wäre den gängigen Datierungen zufolge im Jahr 1338 v. Chr.. An ihre Stelle sei die Nebenfrau Kija getreten. Damit steht Wildung im Widerspruch zur Theorie Nicholas Reeves, der nun die Grabkammer von Nofretete im Tal der Könige gefunden haben will und dem zufolge Nofretete länger lebte als Echnaton. Reeves geht davon aus, dass sie bis zur Amtsübernahme ihres Stiefsohnes Tutanchamun 1332 v. Chr. als Übergangspharao einsprang.

In der Tat sind die Angaben nicht eindeutig. Wildung zufolge starb Echnaton in seinem 17. Regierungsjahr. Danach habe Meritaton – die älteste Tochter des Königspaares – für kurze Zeit die Regentschaft übernommen. Sie heiratete Semenchkare, Wildung zufolge war diese Person ein Bruder Nofretetes. Reeves jedoch glaubt, Nofretete und Semenschkare seien ein und dieselbe Person. Beider Gräber – wenn es denn zwei sind – sind bis heute nicht gefunden.