Neukölln bleibt ein Phänomen. Der an Kreuzberg grenzende Norden steht in jedem Reiseführer als Top-Ausgehviertel. Das Quartier um Reuter-, Pflüger- und Weserstraße hat seine arabisch-türkische Monokultur mit deutschen Hartz-IV-Einsprengseln überwunden und wirkt heute wahrhaft international: Neben allerlei staunenden Alt-Berlinern gehen Amerikaner, Briten, Spanier und deutsche Provinzler nicht nur gerne dort aus, sie haben sich auch als Wirte und Club-Betreiber niedergelassen und damit ganze Straßenzüge umgekrempelt.

Völlig anders entwickelt haben sich die Sonnenallee und die Hermannstraße. Die traditionellen Einkaufsstraßen sind in den Augen vieler arabische Straßen voller Schawarma-Imbisse, Spielsalons, Brautkleiderboutiquen, Teestuben, Telefonläden und Billgfriseuren.

Um Ghettoisierungstendenzen etwas entgegenzusetzen, bleibt die Integration Zugezogener wichtige Aufgabe der Kommunalpolitik: Der frühere Bürgermeister und Bestsellerautor Heinz Buschkowsky („Neukölln ist überall“) hat die Einbürgerung von Neubürgern im Rathaus zu einem Festakt gemacht. Nach seiner Demission im Frühjahr vorigen Jahres hält Nachfolgerin Franziska Giffey daran fest. Auch die Initiative der migrantischen Stadtteilmütter läuft weiter.

Immer mehr ziehen weg

Die beste Integration ändert aber unmittelbar nichts an den prekären sozialen Verhältnissen, in denen in Neukölln immer noch besonders viele Menschen leben. So gibt es noch etliche Schulen, an denen bis zu 90 Prozent der Schüler lernmittelbefreit sind, das heißt, dass ihre Eltern so wenig Geld haben, dass sie nicht für die Schulbücher zahlen. Um die Schulen dennoch zu stärken, zahlt der Bezirk kräftig drauf. 80 Prozent der Mittel für bauliche Unterhaltung werden in Schulen investiert, bis ins Jahr 2020 sind weitere 250 Millionen Euro vereinbart.

Ein Ergebnis der Veränderungen ist, dass immer mehr Einheimische wegziehen – oder wie Kritiker sagen, verdrängt werden. Linke, Grüne und Piraten machen sich schon lange für Milieuschutz stark, um Hausbesitzer daran zu hindern, Miet- in Eigentumswohnungen umzuwandeln oder überhaupt den Preis für Wohnen zu erhöhen. Unter Giffey hat ihnen die SPD dieses Exklusiv-Thema weggenommen und setzt jetzt auch auf Milieuschutz.