Alle redeten davon, jeder wollte zu Gast sein - man muss sich die Teestunden bei der Berliner Fotografin Frieda Riess wohl ein bisschen so vorstellen wie heutzutage einen Abend im Grill Royal: Ach, du bist ja auch da . In den Zwanzigerjahren drang die Kunde von ihrem kapriziös ausgestatteten, weltläufig bevölkerten Salon am Kurfürstendamm bis in Londoner Literatenkreise; Vita Sackville-West berichtete 1929 Virginia Woolf genüsslich von den "zwielichtigen Gestalten", die sie dort zwischen einigen "vorzüglichen" Porträts angetroffen hatte.Bei ihren seinerzeit so modischen Tees konnte "die Riess" - das Weglassen des Vornamens ist immer ein Zeichen wachsenden Ruhms - nicht nur die Schönen, Reichen und Neureichen, sondern auch Adel, Diplomaten und Bankiers huldvoll begrüßen, da sie mit dem französischen Botschafter in Berlin, dem 30 Jahre älteren Pierre de Margerie, liiert war. Zwischen 1919 und 1922 war sie zudem mit dem Juristen und Dichter Rudolf Leonhard verheiratet gewesen und hatte nützliche Kontakte zu Künstlern und Literaten knüpfen können.Sie fotografierte Gerhart Hauptmann, Emil Jannings, Asta Nielsen und Max Slevogt; ihre Bildnisse von Claire Goll, Margo Lion, Renée Sintenis, Gottfried Benn oder Max Hermann-Neiße prägen bis heute unsere Anschauung von diesen Persönlichkeiten. Und die meisten ließen sich gern auch von ihr daheim ins Chambre séparée locken, um die neuesten Nacktaufnahmen von Josefine Baker (nicht von ihr) und dem hinreißend modellierten Boxer Erich Brandl (von ihr) zu begutachten.Fritz von Unruh hielt sie für eine "moderne Circe", Jörn Merkert, der Direktor der Berlinischen Galerie, sieht sie als Kommunikationsgenie - sie habe es sehr geschickt verstanden, sich ein Netzwerk aufzubauen. In seinem Haus ist nun eine vom Verborgenen Museum in wahrer Detektivarbeit zusammengetragene Retrospektive dieser verloren gegangenen Gesellschaftsdokumentarin zu erleben, die Sling "ein photographisches Raubtier mit fünf Beinen und drei Augen" nannte. Und die darüber hinausgehend Benn und Hermann-Neiße "zu poetischen Schöpfungen und grundlegenden Reflexionen zum Medium Fotografie" animierte, wie die Kuratorinnen Elisabeth Moortgat und Marion Beckers im Katalog schreiben. Gottfried Benn, mit dem sie 1924 eine Affäre pflegte, widmete Frieda Riess ein mediumskritisches Gedicht, dessen erste Strophe lautet: "Auf die Platten die Iche / tuschend mit Hilfe des Lichts, / die Gestalten, die Striche / Ihres - Linsengerichts: / dort die Braue, die Wange / hier -, erblicken Sie nicht / hinter den Masken im Zwange / fliehend das eine Gesicht?" Und am Ende stehen ganz nihilistisch die "Züge des Nichts".Max Hermann-Neiße dagegen, den Riess 1922 ablichtete, mit dem für Geistesarbeiter recht phänotypisch abgestütztem Kopf, notierte weniger technikfokussiert denn geschmeichelt: "Der Wert ihres Werkes besteht für mich darin, daß sie den Ausgleich fand zwischen Gegenstandstreue und Schöpferfreiheit (.) Nicht nur meine charakteristische Körperhaltung ist haarscharf erfasst, sondern mit ihr das Belangvollste meiner Gefühlssituation. Wer dies Bild sah, wird mich erkennen."Damit verwies er zugleich auf den Stand der Diskussion, ob ein Porträt primär "ähnlich" zu sein habe oder von moderner Erfindungs- und Kompositionskraft durchdrungen sein dürfe. Allerdings hatte auch die Avantgarde jener Zeit viel für repräsentative Porträts übrig - und insofern kam es der Riess, Jahrgang 1890, zupass, dass sie vor der Ausbildung zur "Photographengehilfin" am Lette-Verein Privatunterricht beim Bildhauer Hugo Lederer genommen hatte. Er war ganz dem wilhelminischen Kunstverständnis verhaftet, vermittelte ihr aber die Regeln des naturalistischen Zeichnens und des plastischen Hervorheben einzelner Bildelemente, die in Riess' Fotografien die Tiefenschärfe weiter akzentuieren. Mit sicherem Instinkt nutzte sie zudem Auf- und Untersichten, Anschnitte, Diagonalen und Rückansichten, um eine zeitgemäße Illusion von Bewegung und Dynamik zu erzeugen.Ihr 1917 eröffnetes Atelier lag am Kurfürstendamm, zwischen Joachimsthaler Straße und Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, dicht beim Romanischen Café, gegenüber der Berliner Secession. 1925 erlebte sie ihre erste Einzelschau bei Alfred Flechtheim, dem tonangebenden Händler und Sammler moderner Kunst in Berlin, der ihre "Kunst mit Objektiv und Gummiball" gleichwertig neben die Malerei stellte - ein Ritterschlag.Rund 300 von geschätzten 20 000 Aufnahmen sind heute noch auffindbar; der restliche Nachlass ist verschollen, die späteren Lebensumstände von Frieda Riess sind unklar. Die gebürtige Jüdin ging 1932 nach Paris - wohl nicht aus politischen Gründen, sondern um ihrem Geliebten zu folgen. Der Internierung konnte sie sich entziehen, Krankheit und Armut nicht. Sie starb 1957, auch das ist nur aus einem Brief zu rekonstruieren.Bis zum 20. Oktober in der Berlinischen Galerie, Alte Jakobstr. 124-128, geöffnet täglich außer Di 10-18 Uhr.Katalog (Wasmuth Verlag) in der Ausstellung 32, im Buchhandel 39 Euro.------------------------------Foto: (2) Wie auf den Gemälden der französischen Impressionisten stellte sich die damals 32-jährige Frieda Riess 1922 für ihr Selbstbildnis in Positur: damenhaft frisiert, repräsentativ gekleidet, den Kopf einem zahmen Papagei zugewendet - dem wohl beliebtesten Salon-Tier dieser Ära.Auch den Dichter Gottfried Benn fotografierte "die Riess" mit sinnend abgewandtem Blick und elegantester Ausstattung. Als die Aufnahme 1924 entstand, verband die beiden gerade eine Affäre.