Es gibt Bilder, vor denen würde man lieber die Augen schließen, aber sie haben sich ins Unterbewusstsein versenkt und drängen zu jeder beliebigen Zeit von dort hervor, um das unbekümmerte Lebensglück durch Angst zu zügeln. Die Berliner Künstlerin Heike Ruschmeyer, eine Schülerin von Wolfgang Petrick, malt solche Bilder. Es sind Porträts und ganzfigürliche Darstellungen von Toten.In der Ausstellung der Galerie Duden erscheint es, als sei ein Leichenschauhaus geöffnet worden. Den Besucher erwartet ein Reich der Stille. Das Geheimnis des Todes ist in Folgen von "Monologen" verschlossen. Heike Ruschmeyer, deren Bilder in großen Museen hängen, offeriert ein Malprogramm, das die Einübung des Sehens in eigener Weise erzwingt: Die Künstlerin provoziert das Aushalten eines Anblicks wider die gesamtgesellschaftliche Verdrängung. "Der Tod als letztes Tabuthema" wird von ihr schonungslos aufgegriffen als wollte sie, dass alle Hedonisten endlich erwachsen werden, ehe das fröhliche Tendeln weitergeht. Was an den Bildern erschreckt, ist natürlich das Ungesehene aber mehr noch die Obsession, nichts Anderes zu malen als das Angesicht eines gewaltsamen Todes: Kind, Frau, Paar und Mann. Es sind Bilder aus der Gerichtsmedizin, oder aus Zeitungen, transformiert in subtile Malerei. Es dominiert die Linie, eine sensibel-sichere Handschrift, mit der Körperbilder erschaffen werden. Das Licht, das aus dem Nichts hervorzuscheinen vermag und die Figuren von innen ausleuchtet, sie vage umhüllt, eine Aura bildet, macht die Motive für einen kurzen Moment erträglich. Mit Gelb-Grün und blassen Rottönen umhüllt die Malerin die Figuren sanft und wahrt so deren Würde. Auch die Sicherheit der Zeichnung vermittelt eine Gefasstheit, als könne damit die Entschlossenheit der Künstlerin, jene leblosen Körper mutig in Augenschein zu nehmen, auf den Betrachter übertragen werden. Heike Ruschmeyers Malerei gilt als einmalig, wenngleich die Auseinandersetzung mit dem Tod zum Kanon der Kunstgeschichte gehört. Intim oder monumental, immer mit individuellen Zügen und in charakteristischen Gesten setzt sie die Toten ins Bild. Modemagazine, die Schönheit, Vitalität und Sexappeal je nach Zeitgeschmack verheißen, übermalt sie zum memento mori. Es sind nicht mehr die leeren Schneckengehäuse, welken Blumen, stillstehenden Uhren, Steine, Schädel das Repertoire einer kokettierenden und brillanten Mahnung an die Vergänglichkeit des Lebens es ist weder Euphemismus noch Ironie, es ist der Tod selbst. Das Quälende dieser Malerei liegt in der Anonymität der Toten, im Banalen der Gewalttat, in einem quasi voyeuristischen Blick. Das pure Abbild ermöglicht und darin ist die Ambivalenz dieses geöffneten Hades zu sehen weder ein individuelles noch ein gemeinschaftliches Trauerritual, bietet keine kathartische Wirkung, hat kaum Stärkendes und scheint so der Weltwahrnehmung Gottfried Benns ähnlich. Es sind Großstadtbilder. Die sich kulturvoll gebende Gesellschaft ist kaum ein Jahrhundert älter wieder in der Krise und gebiert Gewalt, Mord und Selbstmord als Tagesgeschäft. Aber Heike Ruschmeyer hat nicht den Zynismus des expressiven Dichters, eher eine geplagte Ruhelosigkeit, mit der sie die Opfer zählt und uns herzeigt. Im Malprozess hat sie sich die Toten zu Eigen gemacht. Sie gehorchen ihrer Komposition, sind getragen von ihrer feinen, genauen Linie, ihrem zupackenden Pinselstrich und allein darin liegt ein erstaunliches Maß von Behutsamkeit, mit dem das Hässliche gewandelt, das Grauenvolle jedoch kaum gemildert ist. Obwohl Heike Ruschmeyer weit entfernt ist von all den Obskuritäten und den Angriffen auf den "Guten Geschmack" wie sie die jungen Briten unlängst im Hamburger Bahnhof aufboten, berühren auch ihre Werke nachhaltig die Frage nach dem Angemessenen. Von Karl Rosenkranz stammt der nachdenkenswerte Satz, dass das Pathologische der Kunst im Pathologischen der Gesellschaft wurzele.MALEREI Monologe // Die Malerin Heike Ruschmeyer, geboren 1956 in Uchte, lebt und arbeitet in Berlin. Sie studierte bis 1982 an der HdK und beschäftigt sich intensiv mit dem Menschenbild, aber im Antlitz des Todes. Mit ihren malerischen "Monologen" mit Toten, die Kriegen und anderen Verbrechen zum Opfer fielen, schrieb die Malerin sich als eigenwillige Begabung in die aktuelle Kunstgeschichte ein.Ausstellung in der Galerie Duden, Eichenalllee 25, Zehlendorf, bis 3. März, Di Fr 15 17/Sa 11 14 Uhr.

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