Die absoluten Anfänge der elektronischen Post liegen im Dunklen, Erfinder Ray Tomlison kann nicht mehr angeben, wann genau er die erste Mail verschickte und was drinstand. Es muss aber so um das Jahr 1971 herum gewesen sein, und es dauerte noch eine ganze Weile, bis das Medium sich verbreitete. Die erste E-Mail nach Deutschland wurde wohl erst im August 1984 versandt, ihr prosaischer Inhalt lautete: "Wilkommen bei CSNET." In dem Vierteljahrhundert seither haben wir uns an das Format gewöhnt, im Professionellen wie im Privaten hat sich E-Mail als Medium der Wahl etabliert, und man begegnet in allen Altersschichten eher noch Handyverächtern als Menschen ohne eigene E-Mail-Adresse. Nur die hinterwäldlerischsten Manager lassen sich ihre Mails noch von der Sekretärin ausgedruckt in der Schweinsledermappe vorlegen und reagieren, indem sie die Antwort zur Abschrift ins Diktafon sprechen.Damit einhergehend haben sich auch die spezifischen Umgangsformen in Bezug auf E-Mail dem menschlichen Naturell angepasst, die strenge Netiquette aus Anfangstagen ist einem entspannten Methodenpluralismus gewichen, inklusive einiger praktischer Konventionen. Entspannung zeichnet sich etwa in der Frage der Zitation ab, um die einst erbitterte Glaubenskriege ausgefochten wurden. Galt früher das eherne Gebot, nach Möglichkeit direkt an den entsprechenden Stellen, in jedem Fall aber unter dem Ursprungstext zu antworten, ist heute auch die ehedem verpönte Methode TOFU ("Text oben, Full quote unten") allgemein akzeptiert. Auch bei den Reaktionszeiten zeigt sich der veränderte Umgang: Musste früher eine Mail am besten sofort, in jedem Fall aber binnen 24 Stunden beantwortet sein, ist heute eine Antwort im Rahmen der Zeitspanne, die auch ein postalisch zugestellter Brief bräuchte, absolut statthaft. Auf der Zeitleiste nähern sich also die gute alte Schneckenpost und ihr digitaler Nachfahre fast wieder an.Die schleichende Normalisierung könnte aber auch Hinweis darauf sein, dass wir uns bereits der Post-E-Mail-Ära annähern. Socialtext, ein US-Anbieter von Gruppensoftware für die gemeinsame Arbeit an Dokumenten, hat festgestellt, dass das Mailaufkommen in Betrieben, die auf diese Arbeitsmethode umstellen, um 30 Prozent zurückgeht. Dazu passt eine Angabe der Marktforschungsfirma Gartner Group, die 30 Prozent des gesamten professionellen Mailverkehrs für "occupational spam" hält. Sprich: Der exzessive Gebrauch der CC-, BCC- und Allen-Antworten-Funktion schadet der effizienten betrieblichen Kommunikation mehr, als dass er nützt. Basex, ein anderes Forschungsinstitut, schätzt den jährlichen Schaden, der der US-Wirtschaft durch E-Mail-Überlastung entsteht, auf 650 Milliarden Dollar, also fast das Volumen des Rettungspaketes für die Finanzkrise. Während Spamfilter ungebetene Offerten für gefälschtes Viagra immer zuverlässiger herausfiltern, ist gegen den Mitarbeiter-Spam kein echtes Kraut gewachsen. Es sei denn, man löscht die überquellende Inbox, erklärt allen seinen Kontakten gegenüber den "E-Mail-Bankrott" und bittet darum, wichtige Nachrichten noch einmal zu senden. Tim Ferris rät in seinem Effizienz-Bestseller "Die 4-Stunden-Woche", das Mailprogramm überhaupt nur einmal, maximal zweimal am Tag zu öffnen, will man sich nicht den Arbeitstag ruinieren lassen. So wird die E-Mail mittelfristig von der schnellfeuernden Allzweckwaffe zu einem stumpfen und unhandlichen Schwert.Für die nachwachsende Generation in den USA ist das Mailen ohnehin das leicht angestaubte Medium der Alten, wie das Pew Internet & American Life Project in Fokusgruppen bereits 2005 herausgefunden hat. Untereinander kommunizieren US-Teenager mit Vorliebe über Instant Messaging, Chat oder Beiträge auf ihren Facebook- und Myspace-Seiten. E-Mail benutzen sie nur im Austausch mit Erwachsenen, etwa um mit einem Professor zu korrespondieren oder die Verwandtschaft auf dem Laufenden zu halten.In Deutschland sieht es ähnlich aus, nur dass SMS hier noch weiter verbreitet ist. Alle, die sich gerade erst an E-Mail gewöhnt haben, dürfen aber beruhigt sein. Briefe, Telefon und Fax sind ja auch nicht gänzlich verschwunden. Für Korrespondenz zwischen Altenheimen und für die Zuschauerreaktionen beim ZDF wird der Mail-Kanal auch in ferner Zukunft noch offen stehen.